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Himmlisches Zeugs: Stellvertreterkerzen

Anfangen konnte ich mit ihr erst mal kaum was, als ich sie vor 27 Jahren geschenkt bekam. Für lange Zeit habe ich sie dann auch nicht angefacht. Diese aufwendig gefertigte Kerze mit dem „Unser Vater“ drauf wirkte auf mich zu erhaben, als dass ich sie brennen lassen würde. Und doch ging sie mit nach Vancouver, ins schottische St. Andrews, nach Basel in mein Theologenbüro: immer wieder aufgestellt, angeschaut und abgestaubt – wie bewahrt vor dem Schmelzen. Ich hätte nie gedacht, wie fein mich dieses Wachsstück einmal bei mir selbst, den anderen und auch Gott halten würde. Bis mein Glaube flüssig wurde.

Wachsweich glauben

Wenn ich sie (brennen) lasse, erzählt sie mir öfters meine Geschichte. Sie klingt dabei wie eine vertraute Freundin. Ich begann sie erst zu entzünden, als mein robuster Glaube empfindlich abgeschmolzen war. Das starre Verrechnungsmodell zwischen dem, was ich von und wie ich an Gott glaubte, und dem Segen eines gelingenden Lebens war aufgeweicht. Schleichend ging das, wohl auch als Nebenwirkung der heimtückischen Krankheit meiner Frau. Was für eine mürbemachende, fünfzehnjährige Endlosschleife von Hiobsbotschaft – nackter Angst – Überlebenszeichen – neuer Hoffnung – anderem Glück! Und nach wenigen Jahren wieder von vorn … mit immer kürzeren Abständen.

Es gibt im Glauben und Beten eine „Schmerzgrenze der Unanschaulichkeit“ (Karin Scheiber). Entlang dieser Grenze zerfliessen Inhalt und Form, gerinnen wieder neu, um abermals zu schmelzen.

Gott selbst verflüchtigt sich und zieht an mir vorüber. Ich habe dann einfach keine Kraft mehr, mir eine Hoffnung zusammenzukratzen. Kann man seinen Glauben an eine Kerze delegieren? Damit mich in diesem erbärmlichen Zustand niemand sieht, muss es dunkel sein. Ich habe diese einhüllende und bergende Dimension der Finsternis arg liebgewonnen. Ob es das ist, was Jochen Klepper texten liess „Gott will im Dunkel wohnen, und hat es doch erhellt“? Und dann steck ich meine Kerze an und wünsche mir, sie möge mich Gott gegenwärtig halten, ihn daran erinnern, dass ich ihm unter der Hand zerfliessen könnte. So hat sie sich mit den Jahren verzehrt und verformt, steht angerusst und leicht geneigt vor mir. Ich finde sie heute eigentlich viel schöner als sie ursprünglich war. Und wenn ich hier von ihr schreibe, ahne ich: Aus meinem beschämend wächsernen Glauben könnte noch was Schönes werden, auch wenn ich es nie ins Wachsfigurenkabinett der Glaubenshelden schaffe.

„Es betet“

Diese Worte haben in den letzten Jahren öfters mein Büro verlassen. Meist zusammen mit einem Bild meiner Kerze, wie sie mitten im Alltag brennt. Mehr nicht. Dieses Ritual entstand, weil ich es irgendwann leid war, anderen Menschen meine Fürbitte zu versprechen. Ich bin nun halt mal kein grossartiger Beter und beneide diejenigen, die es diszipliniert schaffen, sich mitten im Tagesgeschäft rauszunehmen.

Stattdessen lasse ich meine Kerze für mich beten. Es ist so eine Art pfiffige Selbstüberlistung. Zunächst bete nicht ich, sondern es – das Wachs. Es symbolisiert für mich die stille, anonyme Anwesenheit des Heiligen Geistes, in der wir beten und sie in uns, in der wir umbetet und ins Gebet genommen sind. Das macht mein Beten alltagsleichter. Kerzenwachs beflügelt.

Das hat auch schon Dädalus herausgefunden, als er die Federn mit Wachs am Flügelgestänge für sich und seinen Sohn Ikarus festklebte. Der erstaunliche Gebetseffekt: Eine mühelose Verbundenheit mit den anderen. Denn man darf eine brennende Kerze nicht vergessen. Daher hefte ich mir ein Zeichen an die Tür. Wenn ich kurz weggehe, ruft sich das Beten in Erinnerung. Komme ich wieder rein, riecht es nach Gebet. Und am Ende der Arbeit puste ich die Kerze aus. Noch einmal geht mein Geist rüber zu denen, die mir nah am Herzen sind. Sie waren mir stundenlang gegenwärtig und erzählen mir später oft, wie gut es ihnen tut zu wissen, dass es in meinem Büro für sie betet. Eben nicht hochfliegend wie Ikarus, dem die Flügel schmelzen.

Die vermessenen Sätze, in denen ich zu wissen meine, was für einen anderen Menschen zu erbeten sei, zerfliessen mir genauso wie manche der Worte auf meiner Kerze.

So hält mich dieses Kerzending in einer tiefen und lebendigen Verbundenheit mit Gott und den Menschen, gerade wenn ich sie nicht aufrechtzuhalten vermag. Darin liegt wohl seine Mystik verborgen.

Photo by cottonbro from Pexels

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1 Kommentar zu „Himmlisches Zeugs: Stellvertreterkerzen“

  1. ‚Gott will im Dunkeln wohnen, und hat es doch erhellt.‘

    Deep, deep und nochmal deep. Wenn man von Gott nur soviel ,verstehen‘ dürfte im eigenen Leben, es wäre gewissermassen genug. Es summiert so viel. Für mich schon ein Glaubenswort, dass sich immer wieder beweisen muss und möge. Ich möchte an dem schon hoffend festhalten. Kerzen haben für mich die Ausstrahlung dieses Geheimnisses. Ein schönes Zeichen. Danke für den Trigger Andi.

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