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Lesedauer: 6 Minuten

Wie das Einhorn in der Bibel auftauchte und wieder verschwand

Bei einer der jüngsten «Ausgeglaubt»-Folgen mit der deutschen Theologin und Poetin Christina Brudereck zum Thema Bibel und Poesie tauchte bei Minute 50 unerwartet ein Einhorn auf. «Weisst du, dass das Einhorn in der Bibel vorkommt?», fragte Brudereck. Und der reformierte Theologe Stephan Jütte: «WAAAS?, das muss ich jetzt unbedingt wissen. Ich erzähle meinem Patenkind dauernd, dass es Einhörner gibt und wenn ich das jetzt biblisch belegen könnte, weil ihre Mama ist Pfarrerin, dann wäre das grossartig! WO!»

«WAAAS?» war auch meine Reaktion und ich fiel beim Podcast-Hören fast vom Stuhl. Einhorn und Bibel, kaum etwas erscheint unstimmiger, unwahrscheinlicher, unmöglicher, fantastischer.

Einhörner und Elfen gehören in die Fabelwelt, die Bibel berichtet dagegen vom historischen Auf und Ab des Volkes mit seinem Gott. Fabelwesen haben in der Bibel traditionell keinen Platz, oder etwa doch?

Was ist beispielsweise mit den Ezechiel-Engeln mit dem ringförmigen Aussehen und den unzähligen Augen? Oder dem sprechenden Busch? Aber Einhörner? …

Regenbogenfarbener Schwanz

Ich kann von mir sagen, dass ich den Grundkurs in Magie absolviert habe. Zumindest den Theorieteil. Dank Harry-Potter-Lektüre. Einhörner sind nicht bloss knuffige Stofftiere mit regenbogenfarbenem Schweif und spiralförmigem Plüschhorn, sondern edle magische Kreaturen. Sie stehen sogar im Ruf, Wesen von allerhöchster Kraft, Schönheit, Sanftheit und Reinheit zu sein. Einhörner gelten zudem als wandelnde Apotheken: Haut, Horn, Haar und Blut werden ausgesprochen heilende und aphrodisierende Wirkungen zugeschrieben.

Nachts im Zauberwald leuchten Einhörner weiss wie der Mond. Aber man bekommt die Fabelwesen leider selten zu Gesicht. Sie gelten als ausgesprochen scheu, sanft und zugleich aber auch als wild.

Das wissen sogar Muggels aus ihren Märchen und Sagen. Nur Jungfrauen können die schönen Tiere zähmen 😉. Dazu passt auch: Ein paar erlesene Einhornschwanzhaare verleihen Zauberstäben erst ihre Potenz. Ein Sakrileg ist, die schönen Tiere zu erlegen. Wie aber verirrte sich das erotomagische Fabelwesen ausgerechnet in die Heiligen Schriften?

Wie so häufig sind Übersetzer schuld!

Ein kleiner Ritt quer durch das Google-Land und Aussagen ausgewiesener Unicornologen unter den Altertums- und Mittelalterforscher:innen bringen Aufklärung: Als in Alexandria im dritten Jahrhundert vor Christus die hebräisch-aramäische Bibel in die altgriechische Alltagssprache übertragen wurde, übersetzten die Gelehrten das Wort «re’em», das im Hebräischen für nicht-domestizierte Tiere steht, mit dem Wort «monókerōs» aus der aristotelischen Tierkunde.

Acht Jahrhunderte später machte kein geringerer als Martin Luther daraus, völlig korrekt, «Einhorn». Und so hoppelte das Fabelwesen, das ganz ähnlich auch die Inder und Chinesen kennen, tatsächlich ein paar Jahrhunderte durch Bibeln. Noch in der Luther-Bibel von 1912 hiess es:

«Meinst du das Einhorn werde dir dienen und werde bleiben an deiner Krippe?»

(Hiob 39,9)

An einer anderen Stelle steht:

«Gott hat sie aus Ägypten geführt; seine Freudigkeit ist wie eines Einhorns.»

(4. Mose / Numeri 23,22 / 24,8)

Und irgendwie zweideutig:

«Aber mein Horn wird erhöht werden wie eines Einhorns, und ich werde gesalbt mit frischem Öl.»

(Psalm 92,11)

Eine Warnung vor dem fürchterlichen Einhorn findet sich hier:

«Hilf mir aus dem Rachen des Löwen und errette mich von den Einhörnern!»

(Psalm 22,22)

Ich habe grundsätzlich Nachsicht mit Übersetzern, zumal wenn es um Tierbezeichnungen geht. Kaum etwas ist diffiziler und fehleranfälliger. Nicht nur ist die Vielfalt der Bezeichnungen enorm, sondern ein und derselbe Name bezeichnet mitunter verschiedene Geschöpfe.

Bei einem Besuch im Europäischen Parlament in Brüssel wurde ich vor ein paar Jahren zufällig Zeugin einer heftigen Debatte. Ein bestimmter von Überfischung bedrohter Fisch sollte geschützt werden. Portugiesische, spanische, französische, niederländische, deutsche und andere Abgeordnete riefen Namen in den Raum, was die Verwirrung aber nur noch vergrösserte. Nach zehn Minuten war immer noch unklar, welcher Fisch unter Schutz gestellt werden sollte.

Ökoreservate der Bibel

Was für ein Tier war das «re’em»? Ein wilder Stier, ein Nashorn, die Profilansicht eines Auerochsen in einem steinzeitlichen Höhlenbild, was einen einhörnigen Eindruck vermittelt haben könnte? Konkurrierende Thesen stehen im Raum. Der Wildesel, mein biblisches Lieblingstier, war wahrscheinlich nicht gemeint, denn er kommt gleichzeitig mit Einhörnern in der Bibel vor. So heisst es bei Hiob (39,5-8), kurz bevor sich das Einhorn dazugesellt:

«Wer hat den Wildesel so frei lassen gehen, wer hat die Bande des Flüchtigen gelöst, dem ich die Einöde zum Hause gegeben habe und die Wüste zur Wohnung? Er verlacht das Getümmel der Stadt; das Pochen des Treibers hört er nicht. Er schaut nach den Bergen, da seine Weide ist, und sucht, wo es grün ist.»

Der Wildesel steht für die unberührte Natur, zuszusagen für biblische Ökoreservate, und von der Zivilisation unberührte Räume sind gottgewollt: So habe ich es aus dem Theologiestudium in Erinnerung behalten.

Riesen, Zwerge und Drachen

Dass aus dem nicht-domestizierbaren wilden Tier «re’em» der hebräischen Fauna ein Einhorn wurde, erscheint bei näherer Betrachtung vielleicht gar nicht als Übersetzungsfehler, sondern eher als interessante Vereindeutigung. Ein Einhorn ist konkreter als ein nicht näher charakterisiertes wildes Tier. Andererseits: Weder die Übersetzer der Septuaginta noch Luther oder Aristoteles dürften Einhörner konkret und persönlich gekannt haben. Aber sie konnten sich auf Schriften und Augenzeugenberichte stützen.

In alten Schriften wimmelt es vor Zeugenaussagen, die neben Riesen und Drachen auch Einhörner gesichtet haben wollen. Das frühe Lesepublikum hielt auch die Existenz von Zwergen und Sirenen im Bereich des Möglichen, ja erwartete derlei in Reisebeschreibungen regelrecht.

Man muss gar nicht in die Ferne schweifen. Bis ins 18. Jahrhundert hinein berichtet Reiseliteratur von Feuer speienden Drachen in den Schweizer Bergen («L’État et les Délices de la Suisse»).

Fake-Einhörner

Im Mittelalter existierte ein schwungvoller Handel mit Einhornhörnern. Als Prestigeobjekte in fürstlichen Wunderkammern der Renaissance waren die schraubenförmigen Objekte unverzichtbar und in pulverisierter Form in Apotheken begehrte Wundermittel. Quacksalber und Pillenverkäufer verschrieben Einhornpulver gegen Gift, Pest oder Krämpfe. Bis heute tragen auffallend viele Apotheken das Einhorn im Namen und Logo.

Ich habe mit eigenen Augen mannshohe, weiss schimmernde Einhornhörner gesehen: im erlesenen Sortiment des Münchner Kunst- und Wunderkammerhändlers Jörg Laue.

Wir wissen heute, dass die sagenhaften Einhornhörner in Wahrheit von Narwalen stammen, den sogenannten «Einhörnern der Meere».

Skandinavische Händler hängten seinerzeit nicht an die grosse Glocke, dass die «Hörner» eigentlich Zähne von wenig graziösen Meerestieren waren. Ihre Ware wurde im Mittelalter mit einem zig-fachen ihres Gewichts an Gold aufgewogen. Es wird vermutet, dass im Hochmittelalter der enorm lukrative Einhornhandel – die Preise sind mit Summen vergleichbar, die heute für Kunst gezahlt werden –, über die Diözese Trondheim abgewickelt worden sein könnte. Belege gibt es aber nicht.

Im Schoss der Jungfrau

Auf einem Gemälde von Raffael, das einige Jahre vor Luthers Bibelübersetzung entstanden ist, die «Dame mit dem Einhorn», hält eine anmutige blonde Dame ein Einhorn oder vielmehr ein Einhörnchen wie einen Schosshund. Kunsthistoriker deuten es als Allegorie: Christus als Einhorn im Schoss der jungfräulichen Gottesmutter.

Von Einhörnern in der Bibel haben uns Theologieprofessor:innen merkwürdigerweise nichts erzählt. Das Verschweigen oder Nichtwissen unserer theologischen Lehrer liess Einhörner, nachdem sie als «Übersetzungsfehler» aus Bibeln ausgemerzt worden waren, aussterben. Als ausgestorbene Fabelwesen gehören biblische Einhörner einer besonders paradoxen Kategorie von Geschöpfen an.

Was mich an der Idee biblischer Einhörner elektrisiert, ist, dass sie als Wesen zwischen Traum und Wirklichkeit, Einbildung und Erfindung, Vergeistigung und Sinnlichkeit Räume der Fantasie öffnen.

Einhörner schlagen Brücken zwischen Kinderzimmern und akademischen Hörsälen, zwischen Fabelwelt und kanonisiertem Glaubensschatz. Und vielleicht können sie sogar zwischen den getrennt gedachten Sphären der Engel und der Feen vermitteln und mit federnder Leichtigkeit alte Gräben überspringen.

Photo by Daniel Torobekov from Pexels

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4 Kommentare zu „Wie das Einhorn in der Bibel auftauchte und wieder verschwand“

  1. Jürgen Friedrich

    Übersetzungsfehler in der Bibel gab und gibt es massenhaft. Die können korrigiert werden. Ganz anders ist es mit nicht richtigen Inhalten. Da behaupten Berufs-Theologen und Erwerbs-Beter schlicht: „das sei (aber) Gottes Wort.“

    Beispiele:
    1. Das Christliche Hauptgebet (das Vaterunser) „verbannt“ Gott in den Himmel. Der „Gott Israels“ hat sich aber quer durch die ganze Bibel hinreichend oft als Gott auf der Erde präsentiert.
    Das hebräische Wort für ‚Vater im Himmel‘ lautet „avinu she’bashamayim“ — wurde also richtig übersetzt.

    2. Ein anderes Beispiel für richtige Übersetzung, aber falscher Inhalt, liegt vor bei der Überschrift der sogenannten ZEHN Gebote.

    Die von mir angesprochenen studierten Theologen lehnen es ab, den Inhalt der sogenannten Zehn Gebote selber zu zählen.

    3. Ähnlich von vorgestern bleibt die Berufs-Theologie am Wort ‚Auferstehung‘ kleben zur Beschreibung vom Osterwunder. Dabei war es eindeutig eine Wiederauferstehung. Denn „auferstanden aus toten Atomen“ sind alle Lebewesen während ihrer normalen Lebenszeit. Im zufolge war Jesus bereits auferstanden vor seiner Kreuzigung . Eigentlich ist das als Wunder genauso bewundernswert wie die Wiederauferstehung, oder ?

    Im Kielwasser dieser Ansichten schrieb ich mir ein Gebet auf:

    AWINU SHE’BASHAMAJIM, lieber himmlischer Vater, angekommen hier auf Erden, ja, du bist da, teilst dich mit im Menschenwort, teilst dich aus durch die Hand von Menschen, verteilst dich in unsere Hände und Herzen.

    Du bist zwischen uns, in uns. Du verbindest uns miteinander über alle Verschiedenheiten hinweg, verbindest zu Schwestern und Brüdern, ungeachtet aller Nationalität, Hautfarbe, Glaube oder Sprache. Ungeachtet jeden Alters und jeglicher Stellung. Du bist unser gemeinsames lebendiges Leben, trotz und gerade in aller Andersartigkeit oder sogar Angst voreinander, wie z.B. Hund und Katze oder Mann und Frau.

    Du spiegelst dich, gebrochen wie das Brot, das du selbst bist, in jedem Menschen. Du bist unsere Mitte, über alle Grenzen hinweg. Du bist wir und wir sind du.

    Ich staune und danke.

    Öffne mich mehr und mehr für die Vielfalt deiner Einheit, mach weit meinen Blick und warm und mutig mein Herz, damit ich dich im Hie&Jetzt der Gegenwart treffe, dich erkenne und anerkenne, wie mein Sinn im SEIN durch PRIMA KLIMA zu realisieren ist, nicht nur meteorologisch, sondern auch zwischenmenschlich.

    So wird Freude zur Krönung von Hoffnung, Glaube und Liebe, wenn aus dem DU SOLLST…der Weisungen bei 2. Mose 20 ein ICH WILL… geworden ist. AMEN

  2. Luther: schön und gut. Aber was machte denn die Zürcher Übersetzung? Würde mich eigentlich mehr interessieren … 🙂

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