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 Lesedauer: 5 Minuten

Berlin steht zusammen!

Ein wütender junger Mann rast in Berlin mit einem Auto in die Menge am Rand der CSD-Parade, tötet eine Frau, verletzt fast dreissig Menschen, einige davon schwer. Die Öffentlichkeit bleibt geschockt zurück. Die Folgen sind anhaltende Trauer, Angst und ohnmächtige Wut.

Blick auf das Brandenburger Tor nach dem Terroranschlag auf den CSD am 25. Juli 2026, Wikimedia Commons

Muster wiederholen sich

Der Anschlag in Berlin ist nur das jüngste Beispiel für Einbrüche in die Normalität von Menschen – in diesem Fall in eine Parade der Offenheit und Liebe. Solche Einschläge passieren immer wieder, in immer neuen Konstellationen, und immer wieder stellen sich dieselben Fragen:

Wie konnte das passieren? Hätte man es verhindern können? Wer trägt Schuld?

Die Muster wiederholen sich. Die Emotionen der Betroffenen tun das nicht. Für sie ist jedes Ereignis neu und beispiellos, jedes Mal bricht für Einzelne eine ganze Welt zusammen, manche bleiben gezeichnet bis an ihr Lebensende.

Wenn selbst Säkulare zur Kirche gehen

Auffallend ist: Selbst säkulare Gesellschaften greifen in solchen Momenten wie selbstverständlich auf Religion und religiöse Formen zurück. So war es nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo in Paris, so war es nach dem Bar-Brand in Crans-Montana in der Schweiz. Und so war es auch in Berlin: Unmittelbar nach der Attacke auf die CSD-Parade kamen Hunderte Menschen in der evangelischen Marienkirche zu einer Trauerandacht zusammen, unter ihnen auch Deutschlands Bundeskanzler Friedrich Merz.

Dem kirchlichen Raum wird zugetraut, im Ausnahmezustand, angesichts des Unbegreiflichen, einen Rahmen zu bieten – und dort, wo alles zusammenzubrechen scheint, einen Halt.

Ob Attentat, Naturkatastrophe oder verheerender Unfall: Religionen, darunter die christliche, haben jahrhundertelange Erfahrung darin, in Ausnahmesituationen Worte zu finden und Gesten zu vollziehen, die den Seelen helfen – und aufkommenden Gefühlen sowohl Raum geben als diese auch kanalisieren.

Kriegsrhetorik

Dass ein solcher Wutanschlag wie jetzt auf Unschuldige in Berlin selbst Wut hochkochen lässt, ist eine verständliche, wenn auch eine radikale Reaktion. Dass stattdessen Liebe stark gemacht wird, geschieht selten, erst recht im Zeitalter der sozialen Medien. Was dort stattdessen geradezu reflexhaft passiert: Auf Wut schichtet sich Wut, sie breitet sich aus wie Flammen.

Die Situation nähert sich einer Kriegsrhetorik an.

Seit dem Anschlag in Berlin zirkulieren unzählige Wutnachrichten und Wutkommentare durch die elektronische Welt. Bezeichnend dabei: Nicht die Trauer um die Opfer oder das Mitgefühl mit Hinterbliebenen gehen viral, nicht der Zusammenhalt einer Community und die Solidarität, sondern die unbedachte Aussage einer Teilnehmerin an einer Trauerfeier.

Vom Attentat zum Shitstorm

Die Berliner Sängerin Nyya sagte bei der Trauerfeier für die Opfer des Anschlags, ihr erster Gedanke sei gewesen:

«Hoffentlich ist es kein Kanake, hoffentlich ist es eine christliche, weisse Person.»

Als sich das als Irrtum herausstellte – der Täter war ein 21-jähriger Deutscher mit libanesischen Wurzeln, der der Islamisten-Szene nahestand –, war sie enttäuscht. Genau das ging viral.

«Kanake» ist ein umgangssprachlicher Begriff, der heute meist als abwertendes, teils rassistisches Schimpfwort verstanden wird, gelegentlich aber auch als selbstbewusste Eigenbezeichnung verwendet wird. Man hätte bei der Sängerin, bürgerlich Yannicka Riebensahm, eine eigene migrantische Herkunft vermuten können – das scheint jedoch nicht der Fall zu sein.

Mit ihrer unbedachten Aussage lieferte die Sängerin in der emotional angespannten Lage den perfekten Rage Bait.

Ein Rage Bait ist ein Wutköder, an dem massenhaft angebissen wird, wie an den Wurm am Angelhaken. Emotionen werden verstärkt, Kommentare eskalieren – und schnell wird aus einem Attentat ein digitaler Schlagabtausch.

Eine Gesellschaft, die immer wütender wird

Zahlreiche wissenschaftliche Studien zeigen inzwischen, dass die Wut in unseren Gesellschaften zunimmt. Diese Entwicklung gilt als mindestens ebenso beunruhigend wie andere grosse gesellschaftliche Risiken, weil sie das soziale Gefüge zunehmend belastet.

An der jüngsten Konferenz der European Academy of Religion in Rom stand dieses Thema im Zentrum einer Keynote des Ökonomen Yann Algan zu Demokratie, Emotionen und gesellschaftlicher Fragmentierung. Algan ist Director des HEC Institute und Professor für Volkswirtschaftslehre an der HEC Paris. Er forscht zur Rolle von Emotionen, Vertrauen und Wohlbefinden in Organisationen und Gesellschaften. Sein Befund:

Wenn Institutionen verschwinden, füllt die Wut den Raum.

Wut ist der Sieger unter den Emotionen

Algan beschreibt einen tiefgreifenden Wandel des emotionalen Klimas: Institutionen, die früher soziale Beziehungen stabilisierten und Emotionen einordneten – Parteien, die Presse, traditionelle Gemeinschaften, Kirchen –, verlieren an Einfluss.

An ihre Stelle treten direktere, ungefilterte emotionale Beziehungen, stärker geprägt von spontanen Gefühlen.

Über Jahrzehnte war Hoffnung eine prägende politische Kraft, von Winston Churchill bis Martin Luther King. Heute ist Wut zur dominierenden Emotion geworden.

Verlust von Gemeinschaft

Als Ursachen der anschwellenden Wut führt der Forscher soziale Isolation, Einsamkeit und den Verlust gemeinsamer gesellschaftlicher Erzählungen an.

Soziale Medien verstärken diese Entwicklung erheblich.

Plattformen wie X belohnen Zuspitzung und emotionale Reaktion. Politiker:innen und Politiker passen ihre Kommunikation entsprechend an – und mobilisieren zunehmend mit Wut und Angst, weil diese Emotionen mehr Aufmerksamkeit erzeugen als Zuversicht.

Die aufpeitschende Sprache bleibt aber längst nicht mehr auf soziale Medien beschränkt. Sie setzt sich immer mehr als Stil durch – und prägt inzwischen auch politische Debatten ausserhalb digitaler Plattformen, darunter Parlamente.

Positive Emotionen dringen dagegen deutlich schwerer durch.

Was jetzt zu tun wäre

Die Herausforderung für Politik, Religion und Zivilgesellschaft besteht darin, neue Wege zu finden, um Vertrauen, Zusammenhalt und Hoffnung zu stärken – und Spaltung und Wut entgegenzuwirken. Und selbstverständlich auch: Anschläge wie die CSD-Attacke zu verhindern.

In der Marienkirche haben an jenem Abend Hunderte Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen schweigend der Opfer gedacht und gemeinsam den Schmerz ausgehalten. Nur wenige haben das gefilmt. Vielleicht ist genau das der Massstab, an dem sich eine Gesellschaft künftig messen lassen muss: nicht daran, wie laut die Wut wird, sondern daran, wie viel Stille wir noch ertragen.

Wie geht es dir mit wachsender Wut auf Socialmedia? Hinterlass’ gern Kommentare.

7 Kommentare zu „Berlin steht zusammen!“

  1. Ein spannender Beitrag, der emotional sehr gemäßigt ist, und mit der Beschreibung des Attentäters als ein wütender junger Mann beginnt und mit dem Thema Wut endet.
    Gut, dass das Wort ,,Kanacke” eingeordnet wird und auch das Phänomen des Rage Baits, schade, dass zu der christlichen, weißen Person und der Reaktion der Sängerin nichts weiter gesagt wird, als, dass es viral geht und nur noch das Thema Wut behandelt wird. Auch da wäre eine Einordnung sinnvoll und notwendig gewesen. Es ist nicht nur ein wütender Bürger, sondern ein Täter, dessen Weltanschauung unvereinbar war mit dem CSD, soweit unvereinbar, dass es zu einem Anschlag geführt hat. Das ist nicht bloße Wut. Das ist Hass ausgeführt in einer seiner Höchstformen. Das Christentum darf an anderer Stelle kritisiert werden, wenn das die Absicht der Sängerin war, sie hat Reichweite und die Mittel, auch gehört zu werden. Und Islamismus ist nicht Islam, es ist keine Religion. Es ist eine Ideologie, die selbst unsere muslimischen Mitbürger im Visier hat. Das Christentum gegenüberzustellen zu einem islamistischen Terrorakt ist kritikwürdig. Nicht zuletzt, weil der Artikel das Potenzial und die Bedeutung einer Religion in Krisenzeiten aufzeigt. Die Sängerin stellt die Kategorien der Herkunft (,,Kanacke”; weiß) auf und die der Religion (christlich). Ich gehe davon aus, dass sie dem Christentum Gewalt in jeglicher Form unterstellt und dem weißen Bürger, der Christ ist und dem ,,Kanacken” ebenfalls Gewalt? Die Einordnung der Aussage der Sängerin für die respektvolle Streitkultur, erscheint mir hier viel zu kurz, ja, gar fehlend. Nehmen wir an, es war ein weißer Christ, männlich, hätte dann die Sängerin gesagt (ironischer Weise),, Gott sei dank, war es ein weißer Christ”? Ich kann versuchen ihre Aussage einzuordnen aus einer postkolonialen, postmigrantischen Perspektive, und doch fällt es mir deutlich schwer, weil es in dem Kontext nicht darum geht. Eine Frau ist gestorben, mehrere verletzt und viele mit einem Schock oder gar Trauma zurückgeblieben. Und der Tod und all das Trauma drum herum, wäre erträglicher, wenn es kein Islamist gewesen wäre?? Ich kann nicht die Thematik der Intersektionalität öffnen und ausblenden, dass von dem von islamistischer Ideologie eingenommenem Mitbürger anderer Herkunft Gefahr ausgeht. Es geht um die Ablehnung von Gewalt, die vom Islamismus ausgeht und Anteilnahme an dem Leid der Schadensträger. Steht der gesamte CSD für die Aussage dieser Person? Gab es vom CSD keine Stellungnahme zu der Aussage? Danke für den Beitrag und das sind meine Gedanken und Fragen dazu. Freundliche und friedliche Grüße

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    • Danke fürs Weiterdenken. Ich persönlich würde der Aussage der Sängerin nicht zu viel Gewicht geben. Sie hat vermutlich spontan und unbedacht gesprochen und dabei unterschätzt, welche Wirkung solche Worte in einer ohnehin angespannten Situation haben. Dass sie die Opfer nicht erwähnt, ist zusätzlich problematisch.

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  2. Aber warum ist Wut ein Gefühl auf das wir zurückgreifen, wenn die Institutionen an Bedeutung verlieren? Und auf was sind wir eigentlich wütend?

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  3. Und: „ein wütender junger Mann…“ tötet eine Person und verletzt 30 weitere Personen.
    Also ich bin auch oft wütend, aber meine Wut verleitet mich nicht zu solchen Taten. Ist das wirklich die passende Bezeichnung / das passende Adjektiv für einen Menschen, der eine solche Tat ausübt?

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    • Danke für den Einwand. Was Menschen dazu bringt, sich dem IS anzuschliessen, ist komplex und lässt sich kaum auf eine einzelne Emotion reduzieren. Hass kann eine Rolle spielen, aber ebenso Ideologie, Identitätssuche, Kränkung oder Radikalisierungsprozesse.

      Zu ihrer ersten Frage: Wenn institutionelle Orientierung und gemeinsame Deutungsrahmen an Bedeutung verlieren, greifen viele Menschen stärker auf Emotionen als Kompass zurück – laut der Studie, die ich in dem Beitrag erwähne. Dass gerade Wut in Social-Media-Postings so dominant ist, dürfte auch damit zusammenhängen, dass Algorithmen emotional aufgeladene Inhalte besonders stark belohnen und verbreiten.

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  4. Ich kann als Berliner der Überschrift “Berlin steht zusammen” nicht zustimmen. Es sind leere Worte, es ist eine politische Parole als Ausdruck einer großen Realitätsverleugnung.
    Mit “zusammen” sind dabei stets nur die eigenen, angeblich progressiven, Zusammenhänge gemeint, nicht aber die viel zahlreicheren anderen Opfer von Gewalt bis hin zu religiös angeschobenem Messereinsatz auf den Straßen, in den Schulen, in den Schwimmbädern. Mit “zusammen” sind nicht die Opfer der sexuellen Übergriffe bestimmter kultureller Gruppen auf Mädchen und Frauen gemeint (2025: 118 Gruppenvergewaltigungen in Berlin). Mit “zusammen” werden nicht die Opfer der Terroranschläge wieder lebendig oder gesund, die die neue Realität alleine in Berlin mehrfach gefordert hat (LKW-Angriff auf den Weihnachtsmarkt Breitscheidplatz, Messerangriff am Holocaust-Mahnmal, gewalttätige Bedrohungen und Angriffe auf jüdische Berliner bis hin zum geplanten Bombenanschlag auf die israelische Botschaft 2025).
    Von diesen leisen, verzweifelten, stummen Opfern ist praktisch überhaupt nicht die Rede, geschweige denn von allgemeiner aktiver Hilfe oder von dem Willen, die Ursachen zu thematisieren und abzustellen.

    Berlin steht nicht zusammen. Berlin wendet sich von religiös motivierter Gewaltkriminalität ab und lässt die Opfer alleine.

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    • Danke für den Kommentar. Dass alle Opfer von Gewalt gesehen und ernst genommen werden müssen, würde ich sofort unterschreiben. Der Satz „Berlin steht zusammen“ beschreibt für mich kein bereits erreichtes Faktum, sondern einen Anspruch – gerade angesichts von Gewalt und Spaltung.

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