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Lesedauer: 6 Minuten

Umzugstipps für die Seele

“New Beginnings” steht auf dem dunklen Apothekerglas mit der Duftkerze drin. Ich hebe den Deckel und rieche daran. In meinem letzten Blogpost schrieb ich, dass manchmal etwas genau zur richtigen Zeit passiert, oder dass Menschen füreinander Engel sein können. “Das ist jetzt so ein Moment”, denke ich, während sich ein Kloss in meinem Hals bildet.

Am Morgen des selben Tages hatte ich darüber nachgedacht, mir einen Duft-Diffusor für mein neues Zuhause zu kaufen. Zu teuer, befand ich nach einer kurzen Onlinesuche und beschloss stattdessen als Kompromisslösung, eine Duftkerze zu kaufen. Keine von IKEA für 2,50, sondern eine hochwertige, feine, aus einem hübschen Laden in der Altstadt meines neuen Wohnorts. Und jetzt steht da diese Kerze – geschenkt, überraschend. Dazu eine Abschiedskarte von ehemaligen Nachbarn, die ich eigentlich nur flüchtig kenne. Sie wünschen mir für den Einzug im neuen Zuhause alles Gute. Ich bin sehr berührt! Ein kleiner Gruss nicht nur von den Ex-Nachbarn, sondern auch von oben, denke ich. 

Learnings aus dem Umzug

Während ich diesen Blogpost schreibe, liegt neben mir eine leere IKEA-Tasche, und meine Bücher hole ich momentan aus Papiertaschen und noch nicht aus dem Regal. Seit zwei Wochen bin ich am neuen Ort. Bin ich hier schon zu Hause? Jein. Es fühlt sich immer noch ein bisschen wie eine Ferienwohnung an.

Ich bin keine, die mal so eben umzieht. Grosse Veränderungen fallen mir schwer. So bin ich herausgefordert, lerne aber auch viel – und bin neugierig, wieviel davon sich auch auf das Leben als solches und auch auf den Glauben überträgen lässt. Schliesslich gibt es auch hier immer wieder Zeiten, in denen sich viel ändert oder man “umziehen” muss (siehe Artikel “Der Lieblingspullover mit Flecken und Löchern”).

Meine Learnings – für Umzüge und andere Veränderungen.

1. Umziehen dauert

Das letzte Mal, als ich umgezogen bin, brauchte meine Seele mehrere Monate, um nachzukommen. Umziehen will Weile haben und nicht nur die eigentlichen Umzugsarbeiten wie packen und putzen brauchen Zeit. Vorher: Um zu planen, zu sortieren, was mit soll und was man zurücklässt, was man noch braucht und worauf man verzichten kann. Und nacher: Um anzukommen, die neue Umgebung zu entdecken und Routinen zu finden.

Es ist Ok, manchmal noch Heimweh zu haben oder sich einsam zu fühlen. Beim Abschied lässt man vieles zurück, insbesondere, wenn die Veränderung nicht freiwillig war. Um das Zurückgelassene darf man auch traurig sein.

2. “It’s about the small things”

Die Duftkerze – eigentlich eine Kleinigkeit. Welche aber viel bedeutet. Das neue Café um die Ecke, das man zufällig in der neuen Stadt entdeckt. Die Einladung zum Gospelchor, wenn man nach einer Trennung plötzlich zu viel Freizeit hat. Das Zitat auf einer Postkarte, das genau die Situation in Worte fasst, in der man sich gerade befindet.

Dankbarkeit freut sich an den kleinen Dingen, denn sie verändern das Heute. Und somit auch den Blick auf morgen.

3. Beziehungen tragen…

Vernetzung ist alles! Wenn das Leben plötzlich auf den Kopf gestellt wird, sind es Beziehungen, die tragen. In Glaubenskrisen, in Umzügen, bei Trennungen. Es ist wichtig, die bestehenden Freundschaften zu pflegen, mitzuteilen, wie es einem geht, aber auch bei der anderen Person nachzufragen. Und wenn man zu zweit umzieht, braucht es viel Austausch und Kommunikation.

Dasselbe gilt für “kirchliche” Umzüge und Veränderungen im Glauben. In einem Podcast schildert der US-Pastor und Autor Brian Zahnd, wie er seine gesamte Gemeinde mit auf einen spirituellen Prozess nahm, weg von einem “Pop-Christentum” hin zu tieferem, echterem Glauben.

Bei einem Neuanfang, den man alleine antritt, hilft Vernetzung am neuen Ort, sich bald zuhause zu fühlen. Ein Jogging-Grüppli suchen. Sich in der Nachbarschaftshilfe engagieren.

Fremde sind nur so lange fremd, als man sich noch nicht mit ihnen unterhalten hat!

Trägt auch die Beziehung mit Gott? Jesus schleppt nun mal am Zügeltag keine Kisten… In den schwachen Momenten, in denen ich mich frage, ob die Entscheidung zum Umzug wirklich richtig war, hilft es mir, zu vertrauen. Zu vertrauen, dass ich jeden Tag annehmen kann, wie er kommt. “Es wurde Abend und wieder Morgen, ein neuer Tag”, heisst es in der biblischen Schöpfungsgeschichte. Und “Dänk dra: Es geit vrby!”, ermutigte mich jemand vor meinem Umzug (der notabene dann auch anbot, Kisten zu schleppen). Das Vertrauen in die Zukunft, in der ich nicht allein sein werde, hilft.

4. …auch online!

Als ich diese Woche einen Tapetenwechsel brauchte und auf Twitter nach Cafés oder Coworking-Plätzen in der Stadt fragte, wurde ich mit Tipps überschüttet. Jemand bot mir sogar spontan einen Platz als Gast in seinem Büro an. Mehrere luden mich via Social Media bereits zum Kaffee ein, geben mir Insider-Tipps fürs Stadtleben, und schon zweimal traf ich auf der Strasse jemanden, den ich vorher nur online kannte. Und schon habe ich das Gefühl, ein bisschen angekommen zu sein!

Heute können auch die Sozialen Netzwerke das Einleben in einer neuen Umgebung (auch im übertragenen Sinn) erleichtern. Online findet man Communities mit Menschen, die das gleiche schon durchgemacht haben, oder die das neue Umfeld kennen. Podcasts, Blogposts, Online-Gruppen, Ankündigungen für Events.

5. Perfekt gibt’s nicht

In meiner neuen Wohnung hat es keinen Lift und das Badezimmer ist kleiner. Darüber kann ich mich nun fertigmachen – oder mich mit der Gratis-Fitness abfinden und mir all das vor Augen halten, was mir hier gefällt. Ähnlich bei Kirchen und sogar Beziehungen:

100% passend gibt es nirgends.

6. Neu einrichten – weg mit alten Zöpfen

Wo ist der Sparschäler? Und in welcher Schachtel war noch mal die Winterjacke? Es dauert eine Weile, bis man sich räumlich zu Hause fühlt. Meine Devise: klein anfangen. Wenn nur schon im Schlafzimmer keine Kiste mehr rumsteht, dafür ein Bild an die Wand gelehnt ist und die Nachttischlampe funktioniert: Dann hat man schon einen Rückzugsort. Kleine Orte im Alltag geben Raum und Sicherheit.

Ich sehe den Wechsel auch als Chance, mir zu überlegen, was wirklich zu mir passt. An neuen Möbeln, an Einrichtungsstil, aber auch an Hobbies und Freundeskreisen. Ein Stück weit kann man sich neu erfinden, oder es fällt zumindest leichter, nochmals einen Versuch zu wagen, alte Zöpfe endlich abzuschneiden.

7. Kein Ballast

Gefühlt habe ich während meines Umzugs ein Drittel meines Hab und Guts weggegeben, verkauft oder entsorgt. Auch im übertragenen Sinn tut es gut, regelmässig zu entrümpeln. Wer sich für “minimalistische Spiritualität” interessiert, dem sei das Buch “Leben mit leichtem Gepäck” (Echter Verlag, 2018) empfohlen. Geschrieben hat es der reformierte Pfarrer Uwe Habenicht (selten war ein Name passender), der in St. Gallen tätig ist; hier ein Interview zum Buch.

So geht man leichter in die Zukunft – aber nicht ärmer.

Man nimmt nur mit, was wirklich wichtig ist. Besinnt sich auf das Wesentliche und lebt dafür umso bewusster damit. Reflektiert, was hinter einem liegt: In meinen Zügelkisten liegen auch einige Dinge, die ich zwar nicht “brauche”, die mich aber an wertvolle Momente in der Vergangenheit erinnern.

Bild: Chuttersnap/Unsplash

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1 Kommentar zu „Umzugstipps für die Seele“

  1. Insgesamt habe ich 5 mal in ganz neuen Umgebungen angefangen. Das lernt man einiges. Was mal mit vier Banenschachteln und zwei Koffern begann, füllt heute einen LKW und einen Kleinlaster, obwohl viel Liebgewordenes nun anderen Menschen Freude (hoffentlich) bereitet. Ich kann nur bestätigen, was Evelyne in ihrem Blog schreibt: “Dankbarkeit freut sich an den kleinen Dingen, denn sie verändern das Heute. Und somit auch den Blick auf morgen.”

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