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Lesedauer: 6 Minuten

Ich spüre Gott nicht

Die dünne, weinende Frau zieht ihre Knie an den Körper. Sie sitzt auf der Fläche einer Hand, die doppelt so gross ist wie sie selber. Blaue Tinte auf weissem Papier, eine einfache Zeichnung. Doch die Verzweiflung, die ich als knapp Zwanzigjährige darin ausdrückte, berührt mich auch heute wieder, wenn ich diese weinende Figur betrachte.

Die Hand Gottes, die mich hält, während ich am Ende meiner Kräfte bin: In dieser schwierigsten, dunkelsten Zeit meines Lebens war sie eine Sehnsucht, keine Gewissheit. Als mein Glaube mit knapp 20 zerbrach und ich mich zutiefst einsam fühlte, habe ich Gottes Anwesenheit nicht gespürt. Und dass es überhaupt soweit kam, dass ich nicht mehr glauben konnte, hatte wiederum stark damit zu tun, dass ich die spürbare Wahrnehmbarkeit Gottes für einen zentralen Bestandteil dieses Glaubens gehalten hatte.

In meinem kirchlichen Umfeld als junge Erwachsene hatte diese Art von Gottesbegegnung jedenfalls einen hohen Stellenwert. Menschen erzählten, wie sie nach einem Gebet plötzlich Geborgenheit empfanden. Oder nach einem Bekehrungserlebnis emotional “wie in einer Waschmaschine” durchgewirbelt wurden. In Jugendgottesdiensten wurde Musik auch gezielt eingesetzt, um Gefühle zu erzeugen oder zu verstärken. Einige meiner Bekannten erzählten, die Umarmung Gottes physisch wahrgenommen zu haben, andere spürten aus dem Nichts Trost in einer schwierigen Situation.

Ich hingegen hatte das Gefühl, dass meine Gebete nicht weiter gingen als zur Zimmerdecke. Dass es Gott nicht interessierte, wie sehr ich mir Mühe gab, ihm nahe zu sein. Ein Bekehrungserlebnis, das mein Leben umkrempelte, hatte ich so nie gehabt, und von der berührenden Musik im Jugendgottesdienst fühlte ich mich manipuliert. Die Distanz zu Gott schien unendlich gross.

“Spuren im Sand” – ein Hohn

Lange nahm ich mir biblische Personen wie Jakob oder Hiob als Vorbilder, die am Glauben festhielten, obwohl sie das Leben beutelte. Irgendwann hatte ich aber nicht mehr die Kraft und Geduld dazu. Ich fühlte mich hoffnungslos alleine. Gott war nicht da. Jedenfalls nicht in einer Form, in der ich seine Anwesenheit bemerkt hätte. Lag es an mir? Habe ich etwas falsch gemacht? Diese Hilflosigkeit stärkte meine ohnehin bestehende Unsicherheit und Orientierungslosigkeit, die das Erwachsenwerden wohl bei vielen begleitet. Ich fühlte mich unverstanden, zurückgelassen von denen, die glauben konnten und Gott erlebten.

Es gibt die beliebte Kurzgeschichte “Spuren im Sand”. Da träumt jemand, er spaziere an einem Strand entlang und blicke dabei auf sein Leben zurück. Er sieht zwei Paar Fussspuren im Sand: seine eigene und die von Gott. In den schwierigsten Lebensphasen ist jedoch nur eine zu sehen. Der Mensch fragt Gott, warum er ihn ausgerechnet da im Stich gelassen habe. Gott antwortet, er habe ihn nicht im Stich gelassen: Vielmehr habe er ihn getragen. Mir erschien diese Geschichte als Hohn. Von diesem Getragensein merkte ich wenig.

Lässt sich im Glauben Trost gewinnen?

Die Erfahrung von Einsamkeit und Gottferne macht mich heute noch ein Stück weit ratlos – und zurückhaltend in Gesprächen mit Menschen in schwierigen Lebenssituationen. So überzeugt ich bin, dass Gott immer da ist, so bewusst ist mir, dass diese Anwesenheit nicht immer spürbar ist. Jedenfalls nicht so, wie man sich das vorstellen könnte, in Form einer Wärme und Geborgenheit. Muss man Gott denn “spüren”, um zu glauben? Und wie lässt sich im Glauben sonst Trost gewinnen? Wie zeigt sich Gottes Nähe?

Dazu gibt es verschiedene Ansätze. Immer wieder höre ich Leute zum Beispiel sagen, Gott gebe einem nicht mehr, als man tragen könne. Das mag einigen Trost geben, ich halte es für Bullshit. Ich glaube nicht, dass Schicksalsschläge von Gott kommen. Wenn überhaupt, gibt einem Gott die Kraft, damit umzugehen. Aber auch das stimmt nicht immer. Manchmal zerbrechen Menschen auch an dem, was ihnen im Leben zustösst – auch gläubige Menschen.

Ein alternativer Ansatz zu Gott als Weltenlenker ist das Bild von Jesus am Kreuz. Auch das gibt manchen Kraft, denn “geteiltes Leid ist halbes Leid”: Christus als Inkarnation Gottes, der Schmerz und Tod und Verlassenheit daher am eigenen Leib kennt. Gott nicht als abwesender Allmächtiger, sondern als Anwesender im Leiden. Damit rückt zumindest die quälende Frage in den Hintergrund, warum Gott nicht eingreift.

Menschliche Botinnen Gottes

Für mich ist ein dritter Ansatz hilfreicher: Dieses “Spüren” von Gottes Präsenz weiter zu denken. Nämlich nicht unmittelbar emotional oder sinnlich wahrnehmbar. Sondern als Gottesbegegnung, die verschiedenste Formen annehmen kann.

Es war ein ganz normaler Mensch, der mich als Zwanzigjährige davon überzeugte, dass ich liebenswert bin. Menschen sind einem nun mal am nächsten, deshalb wurde auch Gott selbst Mensch. Beim Beten schweifen meine Gedanken nicht zufällig immer wieder zu Leuten, die mir wichtig sind. Oder andere fallen mir im Alltag auf, wenn ich offen dafür bin, und es ergibt sich eine Begegnung. Dann ist das vielleicht ein Zeichen dafür, dass Gott mir innerlich einen Schubs gibt, nicht nur für sie zu beten, sondern ihnen zu schreiben, nachzufragen, Hilfe anzubieten.

“Thoughts and prayers” sind das eine – jemanden in den Arm zu nehmen, ihm eine Rechnung zu bezahlen oder die Kinder einen Tag lang zu hüten, das andere. Menschen werden zu Engeln füreinander. In der Bibel ist “Engel” (hebr. “mal’ach”, griech. “angelos”) gleichbedeutend mit “Bote”. Damit ist manchmal Gott selbst gemeint, manchmal auch eine übermenschliche göttliche Botin. Doch es spricht nichts dagegen, dass auch Menschen selber füreinander zu Vermittler*innen göttlicher Anwesenheit und Hilfe werden. Wenn mein Glaube zerbricht, können auch andere eine Zeitlang für mich daran festhalten, dass es wahr ist. So kann ich sogar mit der mir früher verhassten Geschichte der “Spuren im Sand” etwas anfangen.

Der leise Funken Hoffnung

Zum anderen kann “Gott fühlen” meines Erachtens durchaus auch auf einer kognitiven Ebene stattfinden. Dass mich etwas anspricht – ein Gedanke, eine Idee, ein Text –, das genau in meine Situation passt. Oder dass mir etwas klar wird, womit ich gerungen habe.

Und manchmal, ganz leise, meine ich trotz aller Skepsis zu merken, dass Gott Kraft gibt, die ich mir selber nicht mehr zugetraut hätte. Dass die Energie ein bisschen weiter reicht oder ein Funke Hoffnung aus dem Nichts kommt. Manchmal gibt es kleine Wunder im Alltag, ergibt sich etwas, das mehr als ein Zufall ist. Dafür bin ich dankbar. Aber ob Gott anwesend ist oder nicht, hat nichts damit zu tun, ob ich dies so wahrnehme, wie ich es erwarte.

 

Photo by Atharva Tulsi on Unsplash

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7 Kommentare zu „Ich spüre Gott nicht“

  1. Meistens sind es Pfeile, die mich trotz meiner natürlichen Abgrenzung durchbohren, schmerzen und enttäuschen. Mit Deinem Text ist ein Schmetterling über mein “Unverstanden sein” hinweggeflogen. Er zeigte mir, dass ich doch nicht so ungläubig und gottlos bin. Ich habe (m)einen Glauben und den muss ich mir nicht absprechen lassen obschon ich Gott nicht als Mensch und Gegenüber erlebe. Danke

  2. Andreas Schweizer

    Oh Evelyne
    Du bist einfach wundervoll. Dieses so sachlich Verwurzelte, das Entfernen des süsslich Frömmeligen, das ist so wohltuend..
    Mehr Evelyns braucht die Welt – und von Floskeln und Spielchen befreiter, bodenständiger Glaube!
    Danke herzlich
    Andreas

  3. Adrian Hartmann

    Finde ich super, diese Kombination von Video und Text. Das Video hat mich neugierig auf den Text gemacht, ihn zu lesen, hat sich gelohnt.

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