Dein digitales Lagerfeuer
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 Lesedauer: 8 Minuten

Als Gott am Ende war, kam der Anfang

Wer hat Lust, die Geschichten von Jesu Kreuz und Auferstehung noch mal anders zu lesen? Nicht vom triumphalen Osterende, sondern vom Anfang her. Als dramatische, ja tragische Ereignisse, in denen Gott erst mal scheitert. Nur so holt uns das fassungslose und erschrockene Staunen der Jünger:innen damals ein: Auf nicht erwartbare Weise gab Gott am Ostermorgen dem sinnlosen Kreuz einen heilvollen Sinn. Ostern heisst: Neuanfänge sind möglich und dürfen erhofft werden.

Keine Osterüberraschung

Wenn das Happy End gesetzt ist, verliert jedes Drama seinen Reiz. Vor allem, wenn wir es zigmal gelesen oder angeschaut haben. Aber auch, wenn ich nach den ersten Filmminuten schon ahne: Na klar, das ist der Superheld der Geschichte, und am Ende wird er auch irgendwie als solcher dastehen.
Ein wenig geht es mir so mit den Ostergeschichten.

Die Auferstehung Jesu bringt mich – wenn ich das mal ganz ungeschönt zugeben darf – nur noch schwer zum Staunen, Jubeln und begeisterten Singen. Nicht unbeteiligt daran ist die Theologie.

Und damit meine ich nicht jene Theologie, für die Ostern kein objektives Ereignis, sondern eine subjektive Erfahrung der Jünger:innen war. Ich meine jene Theologie, für die immer schon feststeht: Jesus ist Gott, und wenn er Mensch wird und stirbt, dann ist es die logische Konsequenz, dass er wieder aufersteht und zurück gen Himmel fährt.

Erst mit Ostern wurde Jesus glaubhaft

Ostern war das Urereignis des christlichen Glaubens. Wäre der Auferstandene den Jünger:innen und anderen nicht erschienen, so hätte kein Mensch sich daran gemacht, den gekreuzigten Jesus, sein Leben und seine Person theologisch zu deuten.

Ostern wirkte wie ein Scheinwerfer, der alles, was vorher war, in ein neues Licht tauchte.

Sogar der Kreuzestod Jesu, dieses fürchterliche Unheilsereignis, erschloss sich der jungen Christenheit nachösterlich als Heilsereignis, in dem Gott zugunsten der Menschen gehandelt hat.

Wie theologische Deutung das österliche Staunen verdrängen kann

So entstand eine herrliche Fülle an Antworten, wenn es darum ging zu verstehen: Warum wurde Gott Mensch, warum hat Christus wie genau gelebt, wozu ist er gestorben? Was dabei aber leicht passieren kann: Je plausibler die Deutungen werden, desto mehr stellen sich die Ereignisse im Leben Jesu als göttlich und sinnvoll geplant dar.

Die Auferstehung ist nur noch der erhellende Scheinwerfer. Als echtes Ereignis, in dem Gott schöpferisch handelt und authentisch auf den Tod seines Sohnes reagiert, wird sie verdrängt.

Sie folgt (theo)logisch und notwendig aus dem, was vorher passiert ist. Vom fröhlichen Schock und dem ungläubigen Staunen der Osterereignisse damals bleibt nicht viel übrig. Geht das auch anders?

Ein Kunstwerk: Der trauernde Vater hält seinen toten Sohn im Arm

Einst frische theologische Ostereier können faul werden. Aber sie lassen sich aussortieren. Ich schlage vor, die (theo)logische Verbindung von Jesu Tod und Auferstehung zu lockern, um das Osterwunder neu bestaunen zu können. Die Kunst kann uns dabei helfen:

Der Würzburger Bildhauer Tilman Riemenschneider (1460-1531) hat in der Stadtpfarrkirche St. Maria Magdalena in Münnerstadt eine bemerkenswerte Darstellung der Trinität geschnitzt. Darauf zu sehen ist ein gramgebeugter, trauernder Vater, der seinen gebrochenen, toten Sohn im Arm hält. Ein berührendes Bild von einem Gott, der am Ende ist. Es lohnt sich, dieses Schnitzwerk einmal zu betrachten und sich zu einer Relektüre der Ostergeschichten animieren zu lassen.

Tragisch

Es gibt einen Haufen dramatischer und auch tragischer Momente, die uns aus den letzten Tagen des Lebens Jesu erzählt werden. Einerseits begibt sich Jesus bewusst in die gefährliche und aufgeladene Situation in Jerusalem. Andererseits scheint es, als würde er von den Ereignissen überrollt.

Eine üble Mischung aus politischen und religiösen Machtinteressen. So viele Einzelpersonen und -faktoren, die passgenau zu Jesu Ungunsten zusammenspielen. Jesus ist zur falschen Zeit mit den falschen Leuten am falschen Ort.

Auch diejenigen, die ihm seit Jahren besonders nahestanden, werden in die Eskalationsspirale der letzten Tage hineingezogen. Judas verrät ihn, Petrus verleugnet ihn, fast alle lassen ihn allein. Es ist nicht nur so, dass die Mächtigen der Stadt und ihre Bevölkerung gegen die Art seines Lebens und seine Botschaft aufbegehren. Jesus scheitert mit seiner Botschaft von der liebevollen und heilsamen Gegenwart Gottes auch bei seinen Jünger:innen. Die einen verurteilen ihn als einen weiteren Messiasvortäuscher, die anderen wenden sich messianisch enttäuscht von ihm ab.

Ausserordentlich tragisch finde ich, wie Jesus den beissenden Spott der Leute am Ende selbst übernimmt:

Als von Gott Verlassenen verhöhnen sie ihn, und er ruft es schliesslich voll Verzweiflung heraus: «Mein Gott, mein Gott warum hast Du mich verlassen?»

Ausgerechnet er, der die Nähe zum himmlischen Vater so gelebt hat und sich ihrer bewusst war!

Ein Gott, der am Ende ist

Das tragische Scheitern Jesu ist auch ein Scheitern Gottes. Ich kann der Trinitätsdarstellung von Tilman Riemenschneider viel abgewinnen. Der Vater, der den Sohn voll Liebe in die Welt gesandt hatte, bekommt ihn von einer lieblosen Welt missbraucht, gefoltert und getötet wieder zurückgesendet.

Der Tod schiebt sich hinein in das Leben Gottes und wütet dort.

Das erinnert mich an die Parabel von den bösen Winzern, die Jesus erzählt hat und die in der frühen Christenheit als Schlüssel verwendet wurde, seine Passion zu verstehen. Männer versuchen, einen gepachteten Weinberg an sich zu reissen. Alle Boten, die der rechtmässige Besitzer des Weinbergs sendet, um sich mit den gierigen Winzern zu verständigen, werden geschändet und getötet. Als er den wahren Erben des Weinbergs, seinen Sohn, sendet, geht er davon aus, dass damit eine Lösung des Konfliktes erreicht wird.

Er sollte sich täuschen – sie töteten sogar seinen Sohn!

Die Bibel ist übrigens voll von Geschichten, in denen Gott mit seinen Möglichkeiten erst einmal ans Ende kommt. Die erste und gleich die schrecklichste davon ist die Sintfluterzählung.

Wenn aber Gott selbst die Erfahrung des Todes macht, dann wird aus dem Drama seiner Menschenliebe vorerst eine Tragödie.

Und jetzt?

Was, wenn wir den Schrecken und die Tragik des Kreuzestodes Jesu einmal zu spüren wagen, ohne vorher theologische Betäubungsmittel zu nehmen … Was, wenn wir einfach mal die Luft anhalten und den Karsamstag aushalten, um zu fragen:

Gott ist – wie auch immer genau – am Ende, fertig, tot! Was jetzt?

Vielleicht fällt die Auferweckung Jesu Christi dann wieder neu in Herz und Hirn. Als nicht zu glaubendes Handeln eines Gottes, der reagiert, heilvolle Antworten und Lösungen findet und bereit ist, das Potenzial seiner schöpferischen Möglichkeiten vollends auszuschöpfen.

Ostern geschieht weder zwingend noch planmässig.

Die Kreuzigung Jesu war das unausweichlich böse Ende eines öffentlichen Spektakels, seine Auferstehung ein Wunder in der verborgenen Stille eines Grabes.

Heil trotz Unheil – Sinn trotz Sinnlosem

Gott kann unheilvolle und tragische Ereignisse auf Erden weder ungeschehen noch sinnvoll machen. Aber er kann kreativ darauf reagieren, überbietend etwas Neues anfangen und so Heilvolles und Sinnvolles stiften. So jedenfalls haben es auch die Schreiber der Evangelien gesehen, wenn sie – recht überraschend – der Parabel von den bösen Winzern den Schlusssatz hinzufügen:

«Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden, durch den Herrn ist er das geworden, und wunderbar ist er in unseren Augen.»

Damals ein grosser Anfang – heute zu gross?

Schon die frühe Christenheit hat Ostern in den höchsten Tönen gefeiert: Gott hat in der Auferweckung seines Sohnes von den Toten eine neue Art des Menschseins und menschlicher Weltverhältnisse geschaffen. In biblischer Sprache klingt das so:

Gott hat Jesus als «Sohn Gottes in Kraft» eingesetzt. Er repräsentiert Gottes neue Welt. Er ist der «Erstgeborene unter vielen Brüdern» bzw. der «Erstgeborene von den Toten», der «Erstling der Entschlafenen» und damit der «Anfänger des Lebens».

Seitdem haben viele Gläubige gedacht, dass die neue Schöpfung gleich um die Ecke liegt und demnächst Raum greifen wird. Derartige Hoffnungen auf totale Neuanfänge sind immer wieder enttäuscht worden.

Das Sterben vieler kleiner und grosser Hoffnungen verbindet uns heute mit den Menschen aller Zeiten.

Für vollmundig posaunte Hoffnungsparolen ist gerade nicht die Zeit. Die Zeichen stehen auf nahendes Ende und Untergang, nicht auf Anfang und Aufgang.

Nicht-triumphale Osterhoffnung

Ostern steht für den Gott, der sich nicht damit abfindet, dass die Welt das ist und bleibt, was wir aus ihr machen. Es ist vielleicht der liebes- und kraftvollste Protest Gottes gegen alles, was Menschen (zynisch) als normal und unausweichlich rechtfertigen, obwohl es Leben zerstört.

Es ist die göttliche Weigerung, Menschen auf ihre Wunden, ihr Schicksal oder ihr Scheitern festzulegen

Sich davon leiten zu lassen, heisst für mich zu verhoffen. Dieses alte Wort aus der Jägersprache trägt noch den ursprünglichen Sinn von hoffen: stehen bleiben, um zu horchen, zu lauschen, Witterung zu nehmen und Richtung zu gewinnen – so fand ich es bei Byung-Chul Han, Der Geist der Hoffnung, S. 14.

Das ist kein triumphalistisches Hoffen, für das seit Ostern souverän klar ist, dass der Gott des Lebens über alles siegen und das letzte Wort haben wird.

Es soll ein Hoffen sein, bei dem die tragischen und sinnlosen Ereignisse des Lebens als solche angeschaut, akzeptiert, ausgehalten und durchquert werden.

Aber immer mit dem zarten Bewusstsein: Gott hat das Leben Jesu auf unerwartete Weise neu angefangen. Er könnte das wohlmöglich auch heute noch tun, im Kleinen wie im Grossen, individuell und kollektiv.

 

Das hier könnte interessant sein:

Mehr zu Jesu Tod und Auferstehung gibt es im Jesus Dossier von Fokus Theologie.

Passend könnte auch dieser Blog-Post zu Karsamstag sein.

Und wer die Erfahrung des Tragischen weiter erkunden und verstehen möchte, wird im neusten Buch von Reinhold Bernhardt fündig, das es als open access gibt: Die Erfahrung des Tragischen. Tragödien, Philosophie, Theologie, TVZ-Verlag

Das Bild des Gnadenstuhls von Tilman Riemenschneider by Edelmauswaldgeist – Own work, auf wikimedia.

Beitragsbild by alleksana auf pexels.com

9 Gedanken zu „Als Gott am Ende war, kam der Anfang“

  1. Mit sind die Gedanken von Andi Loos sehr nahe gekommen. “Ein Gott der am Ende ist!” Das darf man doch nicht schreiben…schon gar nicht als Theologe…und doch führt es mich dahin, das ich mich ernst genommen fühle und Ostern wieder etwas hoffnungsvolles abgewinnen kann. “Die göttliche Weigerung..” in der ich mich aufgehoben fühle. Vielen Dank! Das tut mir gut und nimmt mich mit.

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    • Das freut mich sehr, danke für diese Rückmeldung. Und ich fühle mich auch verstanden, denn die Frage, ob man das denken, schreiben darf, bewegt mich auch.

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  2. Unabhängig von der theologischen Deutung der Auferstehungsgeschichten – ist es auch von Interesse, dass das lebensechte ´Erleben´ von Verstorbenen nach deren Tod ein sehr häufiges Erinnerungsphänomen ist.
    Wenn man einem KI-Programm – z.B. perplexity.ai – die Frage stellt “Wieviele Leute haben einen Nachtodkontakt zu Verstorbenen”, erhält man innerhalb weniger Sekunden eine Antwort.
    Demnach haben 9% bis 75% von Hinterbliebenen ein solches Erlebnis (Die Häufigkeit hängt stark von der betroffenen Gruppe ab).

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    • Danke für den Hinweis auf diese Erfahrungen, die ich aus meiner eigenen Trauer kenne. Und noch mehr: Hansueli Hauenstein ist diesen Erfahrungen in seinem tollen Buch “Verlorene Seelen. Über die Gegenwart der Toten” nachgegangen. Im anglo-amerikanischen Bereich besteht hier schon länger eine ernsthafte Forschung, während sie sich bei uns erst noch durchsetzen muss. Für mich persönlich war das Lesen des Buches und das Kennenlernen des Autors ein grosser Gewinn.

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      • Wir haben ein Gedächtnis und können uns deshalb sehr gut an andere Menschen und was wir mit ihnen erlebt haben erinnern.
        Dabei spielt es keine Rolle ob wir uns an Erlebnisse mit lebendigen oder mit bereits verstorbenen Menschen erinnern – beides kommt aus dem Gedächtnis.

        Intensive schöne Erinnerungen an verstorbene Menschen können daher eine große Hilfe sein, ein Trost, um über den Verlust hinweg zu kommen.

        Leider ist es aber so, dass man mit anderen Menschen auch schlechte Erfahrungen gemacht haben kann – wenn man sich an solche schlimmen Erlebnisse erinnert, dann werden auch diese wie lebensecht *) wieder erlebt. Solche schlimmen Erinnerungen sind die Grundlage für Geschichten um ´Wiedergänger´, ´Untote´ – welche wir aus Überlieferungen kennen.

        ( *) Alle unsere Erfahrungen werden in der zeitlichen Gegenwartform erlebt, so im Gedächtnis abgespeichert und genau so wieder erinnert/reaktivert: d.h. Erinnern ist ein Wieder-Erleben.)

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  3. Danke!!!!!
    Danke für diesen Beitrag zum Sterben und Auferstehen Jesu!
    Danke für diese Sichtweise, die ich immer schon in meinem Hinterkopf hatte aber nicht recht zu glauben wagte.
    Danke, dass damit der ganze Kitsch der um Tod und Auferstehen Jesu getrieben wird, hinweggefegt wird!
    Sein Tod war blutiger Ernst! Und sein Auferstehen nicht die notwendige Folge!
    Danke, dass du das so geschrieben hast – und ja, ich denke man darf das nicht nur so schreiben, man muss es so schreiben. Es rückt die Sichtweie darauf zurecht.

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