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Der weisse Jesus

Manuel Andreas Dürr, Via Crucis 2026 © Manuel A. Dürr

Ein protestantischer Künstler im Zentrum der römisch-katholischen Weltkirche, beauftragt mit einer der klassischsten Bildformen katholischer Frömmigkeit, einem Kreuzweg. Was lange Zeit eine Unmöglichkeit gewesen wäre, erscheint heute fast schon selbstverständlich. Gelebte Ökumene im Bildraum.

Das ist erhebend: Wir sind nicht verurteilt, traditionelle Entzweiung ständig zu reproduzieren.

Konfliktpotenzial birgt hingegen etwas anderes: die Hautfarbe Jesu.

Der Christus dieses Kreuzwegs ist sehr hell, fast leuchtend weiss. Das ist uns vertraut, wir kennen das aus kunstgeschichtlichen Jesus-Darstellungen so gut, dass alles andere auffälliger gewesen wäre.

Und doch ist diese Wahl heute nicht mehr selbstverständlich. Manche stossen sich daran, diese Entscheidung wird hinterfragt.

Im Radio erklärte der Künstler, er habe ikonografisch an die bestehenden Jesus-Darstellungen im Petersdom anschliessen wollen. Aus Respekt habe er eine jahrhundertealte Bildtradition nicht «korrigieren» wollen, als Manuel A. Dürr. Er hätte das «anmassend» gefunden.

Ein neuer Jesus hätte sich wie ein Kommentar über die vorhandenen gelegt – und genau das wollte er vermeiden.

Kein neutraler Raum

Das Argument hat Gewicht. Der Petersdom ist kein neutraler Ausstellungsraum, sondern ein dicht besetztes visuelles Gedächtnis. Wer hier malt, tritt unweigerlich in ein Gespräch mit den Bildern der Vergangenheit.

Kontinuität kann in einem solchen Kontext als Respekt gelesen werden, nicht notwendigerweise als Einfallslosigkeit.

Und doch bleibt etwas daran unbefriedigend. Denn auch der «weisse Jesus» ist nicht neutral, sondern selbst ein historisches Produkt: hervorgegangen aus einer europäischen Bildgeschichte. Diese band Christus über Jahrhunderte hinweg an westliche Körperideale.

Helle Haut, aristokratischer Ausdruck

Helle Haut, ein zivilisierter, oft fast aristokratischer Ausdruck: ein Jesus, der mit flämischer oder italienischer Malerei enger verwandt scheint als mit dem historischen Nahen Osten. Diese Bildform trägt Spuren kolonialer und zivilisatorischer Selbstbilder, selbst dort, wo sie rein ästhetisch gemeint ist.

Gerade deshalb überzeugt das reine Traditionsargument nicht. Tradition ist kein unschuldiger Ort. Wer sich auf sie beruft, übernimmt ihre Spannungen.

Vor allem aber bedeutet Überlieferung nicht ängstliche Anpassung an Vergangenheit, sondern immer den Prozess der Aneignung und Erneuerung. Ohne eine solche Erneuerung hätte die Wahl eines reformierten Künstlers gar nicht erfolgen können.

Verklärung?

Der Künstler nennt noch ein zweites Motiv. Sein Kreuzweg solle weder in die drastische Gewaltästhetik moderner Passionsdarstellungen kippen – keine Blutorgie, keine Gibson-Exzesse –, noch in eine entkörperlichte, fast gnostische Vergeistigung.

Stattdessen sollte von Beginn an ein Auferstehungslicht mitschwingen: ein Leib, in dem trotz Schmerz und Wunden die letzte Station bereits anwesend ist. Ein Körper, aus dem Verklärung schimmert.

Weiss als Farbe eines durchscheinenden, verwandelten Körpers.

Das ist ein anspruchsvoller Ansatz, und er verweist auf eine theologisch feine Intuition: dass Passion und Auferstehung nicht zwei strikt getrennte Ereignisse sind, sondern ineinandergreifen.

Nur gerät diese ästhetische Idee in ein unauflösbares Dilemma. Ein «verklärter» Körper bleibt ein Körper – und kann in einer globalen Kirche, deren Gläubige mehrheitlich nicht weiss sind, unweigerlich auch ethnisch gelesen werden.

Was als metaphysisches Leuchten gemeint ist, erscheint als physiognomische Festlegung.

Christus weiss zeichnen?

So mündet die Kunstbetrachtung fast zwangsläufig in Repräsentationsfragen.

Darf Christus heute noch weiss dargestellt werden? Muss er historisch «korrekter» aussehen? Sollte ein universaler Christus nicht auch globaler gedacht werden?

Dieser Einwand ist legitim, aber er verengt auch den Blick. Ein komplexer Kreuzweg wird auf eine einzige Dimension reduziert: die Pigmentfrage.

Gleichzeitig zeigt sich ein neuer Puri(tani)smus. Wo früher kirchliche Bilderverbote galten, treten heute säkulare Normen an ihre Stelle: Dieser Körper geht noch, jener nicht mehr … Die Begründungen sind andere, die regulatorische Energie bleibt dieselbe.

Dabei wäre eine andere Frage interessanter: Was gewinnt die Bildtradition durch diesen Kreuzweg?

Leiden und beten

Die Via Crucis ist eine spätmittelalterliche Erfindung. Sie ist stark von franziskanischer Frömmigkeit geprägt: eine Abfolge von Bildern, die Betende durch das Leiden Christi führt. Vierzehn Stationen für die geistliche Andacht in den vierzig Fastentagen bis Ostern.

Der Anspruch des Künstlers, der einer «landeskirchlichen Gemeinschaft» (Jahu Biel) innerhalb der evangelisch-reformierten Landeskirchen Bern-Jura-Solothurn angehört, ist entsprechend hoch: Bilder zu schaffen, die im Anschluss an diese Tradition wieder Gebetsräume eröffnen – atmosphärisch dicht, ruhig und von einem Schimmer des Heiligen durchzogen.

Die bewusste Entscheidung für figürliche Malerei steht in der Tradition volksnaher Darstellungen.

Nach den Abstraktionen und Dekonstruktionen des 20. Jahrhunderts wirkt eine solche Rückkehr künstlerisch fast störrisch. Ein frommer Realismus für eine visuell überreizte Gegenwart, die zwar von Bildern überschwemmt ist, aber kaum noch Bilder kennt, die zum Verweilen einladen.

Bilder über Bilder

Gerade an einem Ort wie dem Petersdom ist darüber hinaus eine zweite Ebene zu erwarten: Bilder nicht nur in der Tradition, sondern auch über sie. Eine sichtbare Reflexion des Mediums, ein bewusstes Spiel mit den Voraussetzungen religiöser Bildlichkeit. Moderne Kunst misst sich an dieser Fähigkeit zur Selbstbefragung.

Ein Bild über Bilder aus der religiösen Bildtradition ist das Abbild Christi auf dem Schweisstuch der Veronika. Das Motiv wird in der Kunstgeschichte als Beispiel für ein «Vera Ikon» gelesen, ein «wahres» Bild. Es ist aber auch eine Einladung zur Reflexion über Bilder. Und genauso inszeniert es Dürr in seinem Zyklus, der bei allem Respekt vor Traditionen durchaus überraschende Perspektiven eröffnet.

Die Christusdarstellung aber bleibt im altbekannten Rahmen.

Dürr zeigt den vertrauten Christus, in ruhigen Variationen. Die Malerei ist sorgfältig, die Atmosphäre getragen. Aber welcher neue Bedeutungsraum öffnet sich? Welche Verschiebung im Blick auf Passion und Auferstehung wird sichtbar?

Es bleibt eine stille Irritation

Der Künstler hat einen ehrenvollen Auftrag mit seinem technisch souveränen, ernsthaften Bildzyklus ausgefüllt: würdig, reflektiert, geistreich. Mit der Entscheidung, Dürr das «katholische» Motiv anzuvertrauen, haben seine Auftraggeber ein lichtvolles ökumenisches Zeichen gesetzt.

Und doch lässt sich diese eine Frage nicht ganz zum Schweigen bringen: Warum heute dieser weisse Jesus?

Der Zyklus schwebt nicht im luftleeren Raum; seine Entstehungszeit schreibt sich unweigerlich in die Wahrnehmung der Bilderfolge ein. Gerade heute erleben wir, wie überwunden geglaubte weisse Identitätsvorstellungen im Christentum erneut an Boden gewinnen – besonders dort, wo sich, etwa in Teilen des US-amerikanischen Christentums, Hautfarbe und nationale Selbstbehauptung eng miteinander verschränken.

Vor einem solchen Hintergrund ist die Gefahr real, von der falschen Seite gefeiert zu werden. Die Entscheidung für einen weissen Christus erscheint zumindest nicht als die bestmögliche.

Manuel Andreas Dürr skizziert den Kreuzweg, Via Crucis 2026 © Manuel A. Dürr

Podcast «Stammtisch» mit Felix Reich und Veronika Jehle «Die Welt auf dem Kreuzweg»

Bericht von der Vernissage im Petersdom und theologischer Kommentar: EKS-Blog, Stephan Jütte: «Der Kreuzweg im Petersdom – und wir mittendrin»

Johann Hinrich Claussen, Kulturvorsitzender der EKD, in seinem RefLab-Podcast «Draussen mit Claussen»: Mit Sarah Vecera, Autorin von «Wie ist Jesus weiss geworden» – und wie geht das wieder weg?

«Kann Jesus zu schön sein?», Johanna Di Blasi. Blogbeitrag über eine umstrittene Jesusdarstellung des Künstlers Salustiano García für die «Semana Santa» 2024 in Sevilla.

16 Gedanken zu „Der weisse Jesus“

  1. Was wiegt wichtiger: die Hautfarbe oder die Europäisierung des Evangeliums als solches? Das Christentum, gerade in seiner katholischen Ausprägung, scheitert nicht nur am weissen Jesus, sondern auch am platonischen, lateinisch-griechischen und europäischen Christus.

    Sicher ist es unsensibel, Jesus heute weiss zu malen. Und doch erscheint es mir als Verkürzung der Probleme, denen wir uns als Christentum heute gegenübersehen, nur über diese Dimension zu sprechen.

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    • Ich möchte das oben Geschriebene noch etwas ausführen. Vielleicht spricht hier meine autistische Offenheit etwas jenseits der Grenzen, aber es brennt mir auf der Zunge.

      Wir sehen den Rückzug der Kirche in Europa. Gleichzeitig sehen wir die Radikalisierung des Christentums in den USA in verschiedenen Dimensionen: Polarisierung, Patriotismus, Politisierung, Fundamentalismus und interner Betrug.

      Und wir sprechen über die Hautfarbe Jesu auf ein paar Bildern, die im Hauptsitz einer Organisation jeweils für ein paar Wochen im Jahr aufgestellt werden, einer Organisation, die nicht für ihre Modernität und Progressivität, ja leider nicht einmal mehr unbedingt für ihren christlichen Glauben bekannt ist. Diese Organisation hat das Christentum von Beginn an mit dem jeweiligen Machtzentrum verquickt und entsprechend angepasst.

      Das zeigt mir eines: Wir haben ein echtes Problem mit unseren Schwerpunkten, mit unserem Fokus.

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    • Wenn ich Sie richtig verstehe, verorten Sie das tiefere Problem in dem, was Harnack unter dem Ausdruck “Hellenisierung des Christentums” populär gemacht hat. Wichtige protestantische Stimmen (Harnack selbst, Barth) haben den hellenistischen Anteil am Christentum marginalisiert. Ebenso wie Vertreter der “New Perspective on Paul”, die gegen einen protestantischen Antijudaismus die jüdische Einbettung des Paulus hervorgehoben haben.
      Mir scheint das aber einseitig. Christliche Theologie entstand nicht in einem rein jüdischen, isolierten Raum. Schon das antike Judentum war transkulturell. Die Übersetzung der hebräischen Bibel (Septuaginta) hat theologische Bedeutungsverschiebungen erzeugt; jüdische Denker wie Philon waren von Platon beeinflusst; christliche Basiskategorien (logos, nomos, pneuma, sarx, syneidēsis) sind griechisch, Paulus war Diasporajude. Die Abtrennung der christlichen Überlieferung von “platonischen, lateinisch-griechischen und europäischen” Begriffen scheint mir daher nicht möglich und auch nicht wünschenswert – denn genau diese Spannung zwischen “Athen” und “Jerusalem” hat des europäische Denken enorm angeregt.

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      • Ich bin damit einverstanden, dass die Spannung zwischen “Athen” und “Jerusalem” sehr fruchtbar war. Ist das aber der Sinn des Evangeliums? Wenn ja, dann liegt in der Lokalisierung, in der Einbettung in die lokale Kultur, ein wichtiger Bestandteil des Nachdenkens über die Beziehung des Menschen zu Gott und Gottes Beziehung zum Menschen. Das wiederum hat einen direkten Einfluss auf die hier gestellte Frage nach der Korrektheit eines weissen Jesus, liegt doch das Zentrum des katholischen Glaubens in der europäischen Kultur.

        Natürlich ergibt sich daraus eine tiefere Diskussion. Ist es richtig, ein kulturell angepasstes und eingebettetes Evangelium als “die absolute Wahrheit” weltweit zu verbreiten? Das Problem, dass die katholische Kirche andere Denominationen, sei es der Protestantismus oder die Orthodoxen, als “etwas wie Christen” betrachtet, weil sie anders kulturell eingebettet sind, wiegt ungleich schwerer.

        Eine relativ fundamentalistische Auslegung des Evangeliums in seiner hellenistisch und romanisch geprägten Version lässt uns auch viele mehr jüdische Aussagen in der Bibel nicht mehr sehen, weil die hellenistische lineare Logik, der moderne Historizitätsanspruch und ein anderer Wahrheitsbegriff angewendet werden.

        Ich sehe die Bedeutung der Symbolik, also eines historisch korrekt dargestellten Jesus mit nahöstlichem Hautton. Viel wichtiger ist mir die Lebendigkeit des Evangeliums. Und so erlaube ich mir, die Debatte über politische Korrektheit als Ablenkung von tieferen Problemen wie der Bedeutungslosigkeit der Kirche und der Versteinerung oder Beliebigkeit (je nach Quelle) des Evangeliums.

        Eine wichtige Frage ist auch, ob Paulus der Stifter des Christentums ist. Sein Hellenisieren, die Begriffe Logos, nomos, pneuma, …, sind für mich eher Basiskategorien der Theologie, nicht des Christentums. Das Christentum geht für mich auf den jüdischen Wanderprediger zurück, mit seiner Blocklogik und seiner einfachen Sprache. Vor allem aber mit seinem Beispiel, wie ein Mensch leben und sein kann und welche Beziehung wir zu Gott haben können.

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        • Sie stellen wichtige Fragen. Ich möchte mich aber auf das konzentrieren, wo ich anderer Meinung bin: So wie ich aus den genannten Gründen daran zweifle, dass man das Christentum von einer späteren Hellenisierung unterscheiden kann, so zweifle ich auch daran, dass man Christentum und Theologie irgendwie sauber unterscheiden kann. “Christentum” verstehe ich ohnehin als eine gewachse Formation, und die ist ohne Selbstreflexion und Selbstexplikation, d.h. ohne Theologie, m.E. überhaupt nicht denkbar.
          Aber selbst die Unterscheidung Theologie und “jüdischer Wanderprediger” ist nicht so leicht. Vom ihm wissen wir fast ausschliesslich über theologisch bereits vorstrukturierte Texte. Die Evangelien sind keine Protokolle, sie wählen aus, strukturieren, interpretieren Ereignisse durch Schriftbezüge und vor dem Hintergrund späterer Ereignisse (jüdischer Krieg, Zerstörung des Tempels). Schon das ist “narrative Theologie”. Und sie ist abgefasst im Koine-Griechisch, also mit den damit verbundenen “hellenistischen” Einflüssen, auf die ich zuvor hingewiesen hatte. Und was viele häufig vergessen: Von Paulus haben wir überhaupt die ältesten “christlichen” Zeugnisse.

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          • Da bin ich absolut mit Ihnen einig. Umso mehr finde ich, dass wir uns in letzter Zeit zu sehr auf Nebenschauplätze konzentrieren.

            Natürlich wissen wir sehr wenig über den historischen Jesus. Offensichtlich nicht einmal über seine Hautfarbe, und das war wohl so gewollt: Jeder soll sich Jesus als Gegenüber so selbst vorstellen können. Sein Aussehen ist nicht wichtig, und offensichtlich sind auch sein genaues Leben und seine wörtlichen Aussagen nicht wichtig. Konsequent zu Ende gedacht, sind es vielleicht nicht einmal die zum Teil archetypischen Geschichten, ist es nicht einmal das Buch.

            Vielleicht sind es die johannitischen Aussagen dazu, dass wir mit dem Vater und mit Jesus eins sind, oder die paulinischen, wonach wir zusammen mit ihm der Körper sind.

            Und schon liefere ich selbst ein Beispiel dafür, wie wenig Theologie vom gelebten Christentum unterschieden werden kann. Aber wir bewegen uns hier weit weg von der Tatsache, dass in einem kleinen Kreis hauptsächlich weisser Menschen eine Diskussion über die Unsensibilität bei der Darstellung Jesu stattfindet. Ich beende hiermit den Diskurs und danke für den kleinen Austausch.

          • Tatsache ist: Jesus war Jude. Sein Name Jesus bedeutet nichts, während Jeschu’a das zugrundeliegende Jehoschu’a genauso anklingen lässt wie Hans den Johannes. Jesus trug Zitzit (Schaufäden) und predigte in Wort und Tat über Passagen aus der Torah und den Psalmen, d.h. sowohl seine Lehrreden als auch seine Zeichenhandlungen sind Midraschim. Ich habe da vieles von Prof. Klaus Wengst gelernt. Das Christentum hätte sich sicher nicht in der hellenistischen und römischen Welt ausgebreitet, wäre es nicht “übersetzt” worden. Paulus hat in hellenistischen Bildern zu erklären versucht, warum der Gekreuzigte ein innig mit Gott verbundener und wirkungsmächtiger Mensch war. (Genauso wie es der Autor des Hebräerbriefes im Rahmen der klassischen Opfertheologie des Tempels für jüdische Menschen versuchte.) Das darf uns m.E. aber nicht den Blick dafür verstellen, dass aus Jesus dabei ein griechischer Heros wurde. Gottmenschen mit besonderen Kräften waren in der griechischen Mythologie bekannt und tauchen auch in Mysterienkulten auf. Unsere Theologie ist davon geprägt, auch Harnack konnte oder wollte sich dem nicht entziehen. Doch verlieren wir dabei auch. Z.B. den Blick auf das, was geschieht – wir schauen mit Athen auf das, was ist. Das resultierte in grossartigen Diskussionen über die Frage, wer Jesus ist – anstatt zu sehen, was durch ihn geschieht. Die Diskussion um die Realpräsenz im Abendmahl ist nur ein Beispiel davon. Da wird z.B. um die wahre Essenz von Brot und Wein gestritten anstatt wahrzunehmen, dass es im mindestens auch um die Handlung geht, das Teilen. Das durch die theologischen Definitionen geradezu widersinnig zu einer ausgrenzenden Handlung wird. Natürlich gab es hellenisiertes Judentum mit Anleihen aus der griechischen Philosophie. Aber Jesus sprach nicht gelehrt griechisch, sondern volksnah Aramäisch (was Sprachkenntnisse nicht ausschliesst). Und knüpfte nicht an griechischen Konzepten an, sondern an die Nähe Gottes in der Wüstenzeit. Sein Name ist nicht umsonst der Name des Nachfolgers von Moses. Und er enthält – wie auch der Gottesname (der nicht “der HERR” ist) ein Programm: Gott geht mit dir und hilft dir, macht dich heil.

  2. Den schwarzen Piet darf es nicht mehr geben, den “nicht Weissen” Jesus soll es geben. Kulturelle Aneignung soll es nicht geben, historische Genauigkeit muss es geben. Das Problem haben, glaube ich, nur Menschen, die es zu sehr mit den Verstand lösen wollen. Wer sich mit Christus identifizieren will, tut das wohl am wenigsten über die Hautfarbe. In diesem Zusammenhang auch noch mal über den Sinn des Bilderverbots nachzudenken wäre vielleicht weiterführend.

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    • Mit der kulturellen Aneignung benennen Sie ein weiteres Dilemma. 2017 hatten wir die Kontroverse um das Kunstwerk «Open Cascet» von Dana Schutz: eine weisse Künstlerin, die einen ermordeten Afroamerikaner darstellte – und dafür harsch krisiert wurde. Sich aus «White Guilt» mit Opfern rassistischer Gewalt solidarisieren, ist also auch keine Lösung (versuchte schon Sartre in seinem Fanon-Vorwort in Hinblick auf Opfer kolonialer Gewalt). Ich müsste selbst noch genauer nachdenken, was das Problem der Appropriation für die Jesusdarstellung durch einen weissen Künstler bedeutet… Wenn er ihn weiss malt, ist es ebenso schwierig wie wenn er oder sie ihn braun malt, will mir fast scheinen… die klassisch-reformierte Lösung für Bildprobleme: Bildabstinenz! Wär halt schade, weil gute Kunst viel zu reden und denken gibt …

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      • Gleich zu Beginn schreiben sie: “Wir sind nicht verurteilt, traditionelle Entzweiung ständig zu reproduzieren.” Aber irgendwie sie wir es wohl doch. Bei vielen Themen kann ich es verstehen dass das Trennende genannt und besprochen werden muss. Nur, dass es uns ausgerechnet bei der größten Geschichte von Schuld und Vergebung nicht gelingt, den Blick auf dem Kern der Botschaft zu behalten und uns nicht zur Einigkeit provozieren lassen sondern auch da wieder das Trennende suchen und finden macht mir wenig Hoffnung.

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  3. Vielen Dank für diesen sehr interessanten, vor allem differenzierten und fairen Text! Einseitiges, polemisches Pro oder Contra gibt es schon genug. Beim Lesen bin ich selbst mehrfach hin- und hergewechselt – zwischen Anerkennung und Kritik dieser Bilder. Und bin am Ende zu keinem eindeutigen Urteil gekommen. Vielleicht hilft es weiter, mehrere außer-europäische Reaktionen zu lesen. Auch dies könnten unterschiedlich ausfallen.

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    • Lieber Johann, danke! Und ja, was denken Menschen mit afrikanischen, asiatischen oder indigenen Wurzeln, wenn sie unsere Diskussionen verfolgen. Dass wir respektvoll reden und unsere Lektionen gelernt haben? Oder dass wir uns in White Guilt suhlen … und es uns letztlich um uns geht, nicht um die «Anderen»… Du hast ja vor einer Weile eine sehr hörenswerte Podcastepisode mit der Theologin und Autorin Sarah Vecera gemacht, die ich jetzt noch unten in meinem Beitrag verlinkt habe: «Wie ist Jesus weiß geworden?» – und wie geht das wieder weg? https://www.reflab.ch/wie-ist-jesus-weiss-geworden-und-wie-geht-das-wieder-weg/

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  4. LIEBE ist doch seine Botschaft!

    Wenn wir uns um sein Aussehen „streiten“ – scheinbar sehr wichtig in unserer vergänglichen Welt – verlieren wir den Zugang zu unserem Herzen und vergessen seine Botschaft, die doch heute wichtiger ist denn je, oder?

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