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Kann Jesus zu schön sein?

Bis Ostern ist es noch zwei Monate hin. Schon jetzt aber ist der Auferstandene grosses Thema – und zwar quer durch die Medien. Zeitungen berichten über die Figur auf dem offiziellen Poster der Karwoche 2024 in Sevilla, das jetzt vorgestellt wurde. Auf Social Media wird über das sinnliche Werbemotiv gestritten.

Erschaffen hat das Bild der spanische Künstler Salustiano García eigens für die diesjährige «Semana Santa». Der Künstler ist 1965 geboren und hat an der Universität von Sevilla Kunst studiert.

García zeigt einen schönen – manche finden zu schönen – Jesus. Aber kann Jesus überhaupt zu schön sein?

Je ne sais pas quoi!

Der Plakat-Jesus blickt mich mit sanften, leicht schräggestellten Augen an. Er trägt zur goldenen Strahlenkrone elegant gewelltes Haar und ist bis auf ein luftig drapiertes Lendentuch nackt. Das Leichentuch ist mit einem Seil lose auf seiner Hüfte befestigt, sodass Jesu Schenkel teilweise entblösst sind.

Durch den tiefroten flachen Hintergrund erscheint die Figur wie isoliert und erhält etwas Herausgehobenes, fast Dreidimensionales.

Die Darstellung aus der Flamenco-Hauptstadt hat schon ein gewisses «Je ne sais pas quoi».

So sagt man in der Kunst, wenn einen etwas anspricht, ohne dass man genau sagen könnte, weshalb. Auf jeden Fall triggert es spontan die Aufmerksamkeit.

Ganz Mensch – ganz Gott

Manche finden, es könnte sich auch um Unterwäschewerbung handeln oder einen Posterboy aus einem Homosexuellen-Magazin. Ich kann das nachvollziehen, denke aber, die Figur könnte kommerzielle Kontexte tatsächlich transzendieren. Bei allem Irdischen hat der dargestellte Jesus nämlich unübersehbar überirdische Reize, etwas Helles, Luftiges, Erhabenes.

«Ganz Mensch und ganz Gott», lautet hierfür die theologische Formel.

Die hellhäutige Jesusfigur aus Sevilla weist überdies eine feine Balance aus maskulinen und femininen Zügen auf – und kann dadurch Menschen aller Geschlechter gefallen. Auch damit bewegt sich das Bild im Rahmen der seit der Renaissance ausgeprägten Darstellungskonvention.

Wieso dann die Aufregung?

Man könnte denken, dass das Stereotyp des «White Jesus» missfällt. Laut einer Online-Umfrage in Spanien aber hat die Aufregung andere Gründe: 87 Prozent empfinden den dargestellten Jesus «zu aufreizend, zu erotisch, zu wenig männlich», ist zu lesen. Mit einer Unterschriftenaktion dringen jetzt Konservative darauf, das Plakat zu verhindern.

In der Vergangenheit wurden schon freizügigere Jesuse geschaffen. Michelangelo schuf für die Kirche Santa Maria sopra Minerva in Rom einen splitternackten Christus, zu dem Männer und Frauen pilgerten. Um die Lenden trägt Michelangelos Jesus heute einen Umhang aus Messing. Das Metall bedeckt nicht die Scham, sondern ihr Fehlen.

Ein frommer Dominikanermönch, der sich an der Nacktheit störte, hat der Christusfigur das Glied abgehauen.

Piero della Francesca hat den auferstandenen Christus 1458 mit Waschbrettbauch dargestellt. Es ist wahrscheinlich der maskulinste Jesus der Kunstgeschichte. Der Heiland steht mit einem Fuss selbstbewusst auf seinem Sarkophag.

O du brennende Sehnsucht!

In der russisch-orthodoxen Christi-Auferstehungs-Kathedrale in Berlin hängt in einer dunklen, weihrauchschwangeren Ecke eine kleine Tuschezeichnung. Sie zeigt Jesus als Vexierbild mit gleichzeitig geschlossenen und offenen Augen; als würde er sehen und nicht sehen, schlafen und wachen, tot und lebendig sein.

Durch scheinbar geschlossene Augenlider bahnt sich ein fast schmachtender Blick. Ein erstaunlicher und schwer zu ergründender Effekt.

Dieser Jesus hängt in der Ecke einer Seitenkapelle der Kathedrale, die dem Totengedenken gewidmet ist. Er lädt zu einem beinahe morbiden Flirt ein. Flackernde Kerzen und russige Luft erhöhen die mystische Wirkung.

Ich könnte mir vorstellen, dass dieser Jesus auf mich zukommt, mir tief in die Seele blickt und wirklich mich sieht, mich meint.

«O du brennender Gott in deiner Sehnsucht! O du schmelzender Gott in der Einung mit deinem Lieb! O du ruhender Gott an meinen Brüsten! Ohne dich kann ich nicht sein», umriss die Mystikerin Mechthild von Magdeburg orgiastisch-mystische Empfindungen.

Mit Sprachbildern lässt sich Sinnlichkeit weitaus stärker ausreizen als in Bildform, ohne dass es in Pornografie kippt.

Würde man der Mystik die sinnliche Sprache verbieten, würde man sie wahrscheinlich verstummen lassen.

Entschuldigung, das ist zu sensibel

In Fussgängerzonen halten Leute Schilder mit der Aufschrift «Jesus liebt dich» in die Höhe. Unzählige Lieder und Gebete beschwören Jesus als liebendes Gegenüber. ChatGPT aber gibt mir einen Korb, wenn ich prompte: «Zitate Mystikerinnen Erotik».

Dann kommt nur: «Entschuldigung, aber ich kann keine Inhalte erstellen, die explizit erotisch oder sensibel sind. Wenn Sie nach inspirierenden oder spirituellen Zitaten suchen, die von Mystikerinnen stammen, stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.»

Wie soll ich mich Jesus nähern, wie ihn mir vorstellen? Und wenn ich es nicht vermag, kann ich mich dann überhaupt Christin nennen?

Der hässliche Jesus

Die reformierte Tradition, die das Bilderverbot ernst nimmt wie kaum eine andere Glaubensrichtung, beeindruckt durch ihre Rigorosität. Von Zwingli ist bekannt, dass er ein streng moralischer Mensch war und gegen sinnliche Darstellungen in Kirchen wetterte.

Lenkt ein reizendes göttliches Gegenüber vom Wesentlichen ab? Stachelt es etwas an, was der Religiosität abträglich ist?

Die frühen Kirchenväter sahen in Christus den Gottesknecht, geschunden und hässlich. Die Vorstellung des schönen ebenmässigen Gottessohns kam erst später auf.

Heute dominiert das Bild des geschönten Jesus. Das Plakat der «Semana Santa» bedient perfekt diese Erwartungshaltung.

Weisser Posterboy

Der Posterboy aus dem katholischen Sevilla kann Denkanstösse geben. Über den Umgang mit Sinnlichkeit in der Kirche; dass prickelnde Gefühle da sein dürfen, ohne Übergriffigkeit, Grenzverletzungen und Missbrauch Tür und Tor zu öffnen.

Das Bild lässt auch nachdenken über eine Darstellungskonvention, die den orientalischen und jüdischen Menschen Jesus wie selbstverständlich hellhäutig und europäisiert zeichnet. Palästinensische Gesichter kommen der historischen Figur näher als der Typus des dunkelblonden Mitteleuropäers.

Auch ich stelle mir Jesus unwillkürlich als hellhäutigen bärtigen Mann vor, wenn ich mir ein geistiges Bild von ihm mache. Zugleich misstraue ich diesem Bild.

Bei einem Afrika-Aufenthalt empfand ich es als befremdlich, auf der Fassade einer Missionskirche eine hellhäutige Jesus-Statue zu sehen. Nebenan spielten einheimische Kinder Fussball. Dass ihnen ein hellhäutiger Jesus als Vorbild ins Herz gepflanzt wird, stimmte mich traurig.

Das Bild hinter den Bildern

Wie soll ich mir Jesus vorstellen? Mir als Christin erscheint das als eine anspruchsvolle Herausforderung. Noch anspruchsvoller ist es, hinter die Bilder zu blicken und zu einem tieferen Verständnis zu gelangen. Und aus diesem heraus christlich zu leben und zu handeln.

Hinter den Bildern liegen vielleicht Empfindungen, liegen der Eindruck und die Zuversicht, dass etwas trägt, selbst noch im Bodenlosen. Und dass etwas zutiefst Schönes und Transformierendes anwesend ist.

Die Jesus-Figur der «Semana Santa» steht für einen Moment medial kalkulierter Aufregung im Scheinwerferlicht. Sie kann daran erinnern, dass da was ist. Dass nicht nur in der Osterzeit Ostern ist.

Bilder wie dieses zeigen etwas und verdecken gleichzeitig etwas, schiessen am Ziel vorbei, lenken ab. Eine schwer aufzulösende Spannung.

Was denkst du über das Motiv? Wie stellst du dir Jesus vor? Stellst du dir ihn vor?

 

Foto: © Semana Santa Sevilla 2024/Salustiano García

1 Kommentar zu „Kann Jesus zu schön sein?“

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