
Kurzzeitig postete Donald Trump auf Truth Social ein offenbar KI-generiertes Bild.
Nach einem Shitstorm zog er es eilig zurück.
Das Bild zeigt ihn als zentrale Figur, die einem Kranken die Hand auflegt – umgeben von Licht, von Blicken. Eine Szene, die unverkennbar an klassische Darstellungen von Christus als Heiler angelehnt ist. Veröffentlicht wurde das Bild, kurz nachdem Trump Papst Leo XIV. scharf angegriffen hatte. Dieser hatte das militärische Vorgehen der USA gegen den Iran, das schon viele Menschenleben gekostet hat, mit deutlichen Worten kritisiert.
Christus weiss und rot gewandet, dies ist offenbar eine im amerikanisch-evangelikalen Kontext verbreitete Darstellung; weiss für Unschuld, rot für Märtyrertum.
Das gleissende Licht nahe dem Herzen dagegen lässt auch an fromm-katholische Herz-Jesu-Darstellungen denken. Im Hintergrund: Kampfjets.
Bestückt mit welcher Art von Bomben?
Herr der Atombombe
Nicht nur das Bild selbst ist aufschlussreich, sondern erst recht die nachgeschobene Begründung. Die Darstellung arbeitet überdeutlich mit christologischen Formen: Heilung durch Berührung, Licht als Zeichen übernatürlicher Kraft, die zentrale Figur als Mittler zwischen Erde und Himmel. Das ist keine zufällige Ähnlichkeit, sondern gezielte Bildrhetorik. Sie ruft religiöse Bedeutungen auf, ohne sie auszusprechen – und hält sich damit die Möglichkeit offen, sie jederzeit zu relativieren.
Genau das geschah im nächsten Schritt. Als die Kritik zu heftig wurde, verschwand das Bild wieder.
«Ich dachte, es handle sich um mich als Arzt und das Bild habe mit dem Roten Kreuz zu tun, das wir unterstützen», erklärte Trump gegenüber Reportern im Weissen Haus.
Und er wies Behauptungen zurück, er habe sich als Jesus darstellen wollen. «Nur die ‹Fake News› konnten sich so etwas ausdenken», fügte Trump hinzu.
Eine vielfach praktizierte Operation: Eine Inszenierung, die maximal aufgeladen ist, wird im Moment der Kritik auf eine harmlose, fast banale Lesart zurückgenommen.
Heil(er) Trump
Trump als Arzt – das könnte, ebenfalls mit Hilfe von KI, vielleicht so aussehen:

Schon weit weniger triefend vor Selbstheroisierung und Sakralkitsch. Aber dennoch schräg, dass sich einer, der unzählige unschuldige Tote auf sein Gewissen lädt, sich ausgerechnet als «Heiler» empfiehlt.
Für die verharmlosende Umdeutung gezielter Provokationen und Tabubrüche gibt es einen Fachbegriff: Motte-and-Bailey-Strategie. Laut Wikipedia-Definition handelt es sich um einen argumentativen Fehlschluss, «bei dem ein Vertreter einer Theorie versucht, eine Position gegen Kritik aufrechtzuerhalten, indem er diese Position mit einer abgeschwächten oder möglicherweise nur bedeutungsähnlichen Version davon gleichsetzt, was dann in aller Regel als Richtig- oder Klarstellung deklariert wird.»
Übertragen auf Bilder: ein grenzwertiges, riskantes Bild wird in eine Richtung umgedeutet, die kaum mehr angreifbar ist.
Der Reiz des Regelverstosses
Trumps Bemerkung, dass nur die «Fake News» in dieser Darstellung eine Jesusfigur erblicken, grenzt an Gaslighting: Das Offensichtliche (messianische Inszenierung) wird nachträglich als „Einbildung“ Böswilliger gerahmt.
Tatsächlich wird kaum jemand ernsthaft glauben, Trump habe das Bild tatsächlich nur als Darstellung eines Arztes verstanden. Selbst seine Anhänger nicht. Das gehört zur stillschweigenden Übereinkunft dieser Kommunikation.
Der Reiz liegt gerade darin, Grenzen zu überschreiten – und gleichzeitig die Verantwortung abzuwehren.
Dieses Verfahren hat Trump lange erfolgreich eingesetzt, etwa im Umgang mit sogenannten «woken» Sprachregeln. Er erschien dabei nicht nur als Held für offen Ressentimentgeladene; er gewann auch klammheimliche Sympathien bei jenen, denen moralische oder sprachliche Regulierungen zu weit gingen.
Doch beim jüngsten Tabubruch verschiebt sich die Zielrichtung. Die vielfach durchgespielte Strategie richtet sich nun gegen das Christentum.
Offen antichristlich
Denn wer soll sich an dieser Form der blasphemischen Überhöhung und anschliessenden Verharmlosung erfreuen, wenn nicht ein Milieu, dem das Christentum längst als weich, unpatriotisch oder gar hinderlich erscheint? Obwohl Trumps Politik von Beginn an nicht nur zentrale ethische Tugenden, sondern auch spezifisch christliche Werte – Demut, Schutz der Schwachen, Zurückhaltung gegenüber Gewalt – systematisch unterläuft, konnte er sich lange einer christlichen Bildsprache bedienen und einer gläubigen Anhängerschaft erfreuen, ohne auf ernsthaften Widerspruch zu stossen.
Infamien gegen die iranische Kultur und ein heuchlerisches «Praise be to Allah» ausgerechnet am Ostersonntag – das verstörte Christ:innen und Muslim:innen gleichermassen. Selbst MAGA-Leute wenden sich angewidert ab und nennen das Ganze «insane» (explizit der konservative Influencer Tucker Carlson).
Die Infamien, die den Krieg gegen den Iran begleiteten, kulminierten in der offenen Drohung einer vollkommenen Vernichtung der iranischen Kultur durch Trump.
Das jüngste Spiel mit blasphemischen Grenzverletzungen sollte den Letzten darüber die Augen geöffnet haben, mit wem wir es hier zu tun haben: mit jemanden, der im Gewand der Christlichkeit christliche Grundwerte verächtlich macht. Mit einer antichristlichen Figur im wahren Sinn des Wortes.
Es ist Zeit, dass alle christlichen Kirchen ihre Stimme dagegen erheben.







