Die deutschen Fernsehnachrichten brachten die Papst-Enzyklika gestern als Hauptmeldung des Abends. Ich erinnere mich nicht, dass das schon einmal der Fall war – und falls ja, dann vielleicht zum Missbrauchsskandal. Diesmal ist der Vatikan nicht Teil des Problems, sondern versucht Teil der Lösung zu sein: mit einem Schreiben, das nicht eine Konfession, nicht eine Generation betrifft, sondern die ganze Menschheit.
Magnifica Humanitas heisst das Dokument, das Papst Leo XIV. zu Pfingsten vorgelegt hat. Thema: «Die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz».
Knapp sechzig Seiten, signiert mit «Heiliger Stuhl» und als Logo der goldene Petrusschlüssel. Das wirkt altmodisch – und ist zugleich höchst gegenwärtig. Denn auch im KI-Zeitalter ist die entscheidende Frage jene nach dem Schlüssel: Wer hat den Zugang? Wer kontrolliert die Schnittstellen? Wer bestimmt, was sichtbar wird und was verschwindet?
Beim Lesen kam bei mir etwas auf, das ich in den vergangenen Monaten vermisst hatte: das Gefühl, es bei Künstlicher Intelligenz durchaus nicht mit einer Urgewalt zu tun zu haben. KI ist kein Tsunami, sondern etwas, das gestaltbar ist – und dessen Auswüchse wir begrenzen können.
«Wir» meint in diesem Fall die grosse, bislang passive Mehrheit der Menschen.
Ausgeliefert oder befreit?
Die vergangenen Monate haben sich wohl für viele von uns angefühlt wie ein Beifahrersitz in einem selbstfahrenden Fahrzeug, dessen Steuerung man nicht durchschaut. Am selben Tag, an dem die Enzyklika erschien – Pfingstmontag, der Tag der Ausgiessung des Geistes –, kollidierte in Schweden ein selbstfahrender Bus an seinem ersten Einsatztag mit einer Strassenbahn. Das Bild ist fast zu deutlich:
Wir sitzen blind auf Rücksitzen, anstatt ins Fahrerhaus zu steigen.
Die bekanntesten Taktgeber der Entwicklung heissen Musk und Thiel – zwei Tech-Milliardäre. Ihre libertäre Ideologie verteufelt jede Regulierung als Fortschrittsbremse. Dabei zeigt sich das Gegenteil: Wir werden nicht freier, wenn wir KI-Kräfte dem freien Spiel überlassen. Die Enzyklika warnt – drastisch – vor neuen Formen der Selbstversklavung.
«Wenn eine Technologie Emanzipation verspricht, aber weltweit neue Formen der Unterordnung hervorbringt, dann widerspricht sie dem Grundprinzip der Menschenwürde.»
Jedes CAPTCHA (Bilder von Fahrrädern oder Ampeln anklicken), das wir lösen, trainiert kostenlos ein KI-System. Statt Zeitgewinn bringt die rasant schnelle Technik eine noch engere Taktung. Studierende berichten, sie würden ungeduldiger. Wer ständig sofortige Antworten bekommt, verlernt das Warten – und damit das Denken (siehe dazu die neue Episode von «Himmel & Erdung».)
Statt einer eigenen Handschrift trainieren wir Maschinenschrift.
Babel oder Jerusalem
Seine Kernaussage fasst Leo XIV. in ein biblisches Bild: den Vergleich mit dem babylonischen Turmbau. In der Bibel steht der Turm zu Babel sinnbildlich für menschliche Hybris.
KI als Turm von Babel, als megalomane Architektur, die sich verselbständigt.

Der Papst nimmt hier eine Verknüpfung vor, die auch in viralen Social-Media-Memes begegnet.

Technik ist laut der KI-Enzyklika «nicht neutral, weil sie die Züge derer annimmt, die sie konzipieren, finanzieren, regulieren und nutzen. Daher ist die erste Entscheidung nicht die zwischen einem ‹Ja› oder einem ‹Nein› zur Technologie, sondern die zwischen der Konstruktion von Babel oder dem Wiederaufbau Jerusalems.»
Babel: eine Macht, die Individuen unfrei macht und Undurchsichtigkeit und Verwirrung produziert. Jerusalem: das gemeinsame Bauen, Technologien im Dienst von Würde und Gemeinwohl, eine gemeinsame Sprache des Herzens.
Vergötterung des Profits
Der Papst warnt: «Vermeiden wir das ‹Babel-Syndrom›: die Vergötterung des Profits, die die Schwachen opfert; die Einförmigkeit, die Unterschiede nivelliert; den Anspruch einer einzigen – auch digitalen – Sprache, die in der Lage ist, alles, sogar das Geheimnis der Person, in Daten und Leistung zu übersetzen.»
Götzendienst droht nicht nur in Tempeln oder Kirchen, sondern überall dort, wo Mittel zu Zwecken werden – und der eigentliche Zweck in Vergessenheit gerät. Die Frage muss daher lauten:
Dient diese Technik dem Menschen – oder beginnt der Mensch, ihr zu dienen?
Für protestantische Ohren klingt das vertraut. Vom Reformator Calvin stammt die berühmte Formulierung, dass das menschliche Herz eine unaufhörliche «Götzenfabrik» (officina idolorum) sei. Das reformierte Erbe kennt die Warnung vor Idolatrie, Götzendienst.
Der unsichtbare Preis
KI erscheint immateriell, fast magisch. Doch hinter glatten Oberflächen liegen materielle Infrastrukturen: Energie, seltene Rohstoffe – und unsichtbare menschliche Arbeit. Ganze Heere prekärer Klickarbeiter im Globalen Süden, die sich der psychisch aufreibenden Tätigkeit des Datenlabeling widmen, also der Kategorisierung von Rohdaten.
Die Enzyklika spricht offen von Kolonialismus in neuem Gewand.
Die Analyse betrifft die Klickarbeiter in Lagos ebenso wie Schüler:innen, die lernen, Anfragen zu formulieren, statt Gedanken zu entwickeln. Was macht es mit einem Kind, das nie eine Handschrift entwickelt, weil die Maschine schneller zur Hand ist? Der digitale Kolonialismus beherrsche nicht mehr nur Körper, «sondern eignet sich Daten an und verwandelt das persönliche Leben in verwertbare Informationen».
Noch sei es möglich, dem digitalen Zeitalter eine postkoloniale statt eine koloniale Form zu geben.
Ein im Zusammenhang mit der KI-Enzyklika überraschender Schritt: Der Papst bittet im Namen der Kirche ausdrücklich um Vergebung für das grosse Leid, das durch die historische Sklaverei angerichtet wurde – und das von der Kirche lange toleriert und erst spät klar verurteilt worden sei.
«KI entwaffnen»
Eine der schwersten Sorgen der Enzyklika betrifft den Krieg. KI ist längst nicht mehr nur ein ziviles Werkzeug: Sie steuert Drohnen, optimiert Waffensysteme, ermöglicht autonome Tötungsentscheidungen ohne menschliches Zutun. Eine Rüstungs- und Kriegslobby, die bereit ist, die Welt für Profit in tiefere Konflikte zu lenken, findet in KI ihr schärfstes Instrument.
Der Papst antwortet darauf mit einem ungewöhnlichen Begriff: Er fordert, «KI zu entwaffnen». Gemeint ist kein genereller Verzicht auf die Technologie, sondern das Aufbrechen einer gefährlichen Gleichung: dass technische Überlegenheit das Recht zu herrschen begründe.
Was tun? Wo anfangen?
Die Enzyklika bleibt nicht bei Appellen stehen. Sie fordert konkrete Regulierungen, benennt Tech-Konzerne und ihre Verantwortung, verlangt die Stärkung lokaler Entscheidungsräume gegenüber zentralisierten Plattformmächten.
Freiheit im digitalen Zeitalter, hält das Schreiben fest, sei keine private Angelegenheit mehr. Freiheit «erfordert klare Regeln, Transparenz, Rechtsbehelfsmöglichkeiten und angemessene Grenzen für den Einsatz invasiver Technologien, damit die Technik im Dienste des Menschen bleibt und nicht zu einer Form der Herrschaft über das Bewusstsein wird.»
Die Enzyklika berührt grosse politische Felder – und erlaubt zugleich persönliche Fragen:
Welche Anfrage muss ich wirklich eintippen? Was dient dem Leben, was unterwirft es?
Zutiefst menschlich bleiben
Das Schreiben schliesst mit einem Appell, den ich einprägsam finde: «In der Zeit der Künstlichen Intelligenz haben wir die dringende Pflicht, zutiefst menschlich zu bleiben und liebevoll jenes grossartige Menschsein zu bewahren, das uns geschenkt ist und das in Christus in seiner ganzen Fülle offenbar wurde, und das keine Maschine in seiner Pracht jemals ersetzen kann.»
Menschlich bleiben, das klingt einfach – und ist doch schwer. Es bedeutet neben vielem anderen auch, urteilsfähig zu bleiben. Die Frage nach dem «Wozu» nicht an die Maschine zu delegieren. Und das Gewissen als letzte Instanz zu schützen, auch gegen effiziente Systeme, die es gerne ersetzen würden.
«Wahrer Fortschritt entspringt stets einem Herzen, das für andere offen ist; einer Intelligenz, die bereit ist zuzuhören; einem Willen, der mehr das sucht, was verbindet, als das, was trennt.»
Dieser Satz beschreibt eine Haltung, die keine KI ersetzen kann – und die wir uns nicht nehmen lassen sollten.
Quellen und weiterführende Podcasts
- Den Text der Enzyklika «Magnifica Humanitas» findet ihr hier.
- Die Evolutionsidee und transhumanistische Visionen
- Künstliche Intelligenz und die Sehnsucht nach dem Paradies
- Künstliche Intelligenz und was den Menschen zum Menschen macht
- Ein Dosier zu «Künstliche Intelligenz» findet ihr unter diesem Schlagwort bei RefLab.
Im Podcast «Ausgeglaubt» diskutieren auch Manuel und Stephan über die neue Papst-Enzyklika – ihr findet die Folge unter dem Titel «Papst Leo, die KI und wir».







