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 Lesedauer: 8 Minuten

Wollen wir Freunde sein?

Meine liebe Freundin, nie war ich so nah dran Teil einer coolen Girl-Clique zu sein, wie mit dir, mit 19. Gemeinsame Wochenenden in Dänemark, bei Pizza in deiner 1,5 Zimmerwohnung sitzen, Klamotten tauschen, über Jungs reden. Es gibt ein Foto von uns, am Strand, ich trage meine bunte Skijacke, weil es so kalt war, du hast kurze dunkle Locken. Abends sangen wir zu Alanis Morisette, haben uns gefilmt, nur in Unterwäsche durchs Wohnzimmer tanzend.

Der Anfang

Laura habe ich in meinem ersten Semester an der Uni kennengelernt. Wir haben zusammen ein Praktikum an einer Schule machen müssen. Als ich sie das erste Mal in dieser Schule gesehen habe, war sie mir direkt unsympathisch. Sie war viel zu cool und freundlich und nett. Das habe ich dann auch bemerkt und dann waren wir befreundet. So schnell ging das mit der Freundschaft.

In der Kindheit befreundete ich mich noch schneller. Wir sitzen nebeneinander in der Schule, okay, lass uns Freunde sein. Du wohnst im selben Dorf wie ich, ich mag dich, wollen wir spielen?

Aber nur weil sie manchmal wie durch Zufall zustande kommen, sind sie nicht weniger relevant. Freund*innen sind die Menschen, denen wir bewusst Platz in unseren Leben einräumen. Sie begleiten uns durch die Zeit, wir wachsen zusammen auf, wachsen aneinander, lernen voneinander. Freund*innen sind Mentor*innen, wie Geschwister, sie regen uns auf und fordern uns heraus. Sie sind unsere Happyplaces.

Meine liebe Freundin, wenn wir zusammen in dem kleinen Bächlein im Wald stehen und uns über das grosse Ganze unterhalten, dann werde ich ruhig. Meistens passiert nichts anderes, als das wir reden und stehen und stehen und reden. Manchmal stapft einer von uns beiden ein Stückchen weiter ins Wasser, manchmal tapst der andere zurück ins Trockene. Unsere Birkis stehen dort und warten auf die erkalteten Füsse. Das Licht fällt durch die Blätter auf unsere Hände und Gesichter. Ich kann gar nicht anders als ganz bei dir sein, wenn wir sprechen.

Die Bilder im Kopf

Es gibt diese Bilder von Freundschaften, die mir in den Kopf kommen, wenn ich über diese Beziehungen nachdenke. Frauen die gemeinsam Prosecco trinken, lachen, sich für den Ausgang aufhübschen, die Lippen nachziehen, die Wimpern tuschen. Oft sehr stereotyp, aber nicht zwingend unrealistisch.

Diese Bilder mischen sich mit meinen persönlichen Bildern. Meine Freundin, die mit mir in meine Wohnung fährt, weil ich dort nicht allein sein kann. Wir räumen das Bücherregal auf. Nach ein paar Stunden fahre ich wieder zu meinen Eltern.

Meine Freundin, die neben mir im Zelt liegt. Der erste selbstorganisiert Urlaub auf Sylt, im Zelt. Wir sind 16 und der Wind ist so stark, dass wir regelmässig die Schlafplätze wechseln. Jede darf abwechselnd eine Nacht ohne Zeltwand im Gesicht schlafen. Abends trinken wir Bier, obwohl es uns nicht schmeckt.

Meine liebe Freundin, wie neidisch ich auf dich war. Auf deine cooles Jeans, deinen Nagellack, auf deine Mutter, die so viel weniger Mutter war als meine. Auf euren Hund und dass du keine Geschwister hattest. Wie oft habe ich mir immer gewünscht mit dir tauschen zu können. In einem modernen Haus lebend, mit neuen Autos, mit deinen langen glatten Haaren. Ich, die ich immer wechselnde Frisuren hatte. Bis heute. Ich hatte dich so lieb und ich war furchtbar neidisch auf dich. Aber es war mir immer wichtiger, dass du meine Freundin bist als mein Neid. Ich wäre so gerne so cool gewesen wie du, aber ich war eben nur wie ich. Aber für eine Zeitlang hat es genügt, dass ich ich bin und du du.

Die Realität

Freundschaften sind nicht nur Liebe und Vertrauen und Wärme und Licht. Sie sind auch Neid und Scham und Schuldgefühle.

Freundschaftsideale sind mile-high. Teilweise um einiges höher als unsere Erwartungen an unsere*n Partner*in. Zumindest erlebe ich es unter Frauenfreundschaften oftmals so. Schliesslich müssen es doch die Freund*innen sein, die auffangen, was in der romantischen Beziehung unbefriedigt bleibt. Oder, was die Familie nicht leistet. So die oft anzutreffende Annahme.

Sind nicht häufig die Freundschaften die stärkenden und beständigeren Beziehungen im Leben? Auch wenn der romantischen Paarbeziehung oft der grössere Raum zugesprochen wird.

Tiffany Watt Smith schreibt in ihrem Buch „Gute Freundin, schlechte Freundin“: «Freundschaft ist kein dauerhafter Zustand, den man irgendwann erlangt hat. Freundschaft bedeutet handeln. Es ist ein Prozess, in dem wir mit unserem ständig sich wandelnden Selbst zurechtkommen müssen, ein steter Prozess der Unsicherheit und des Lernens.»

Die Expertin für menschliche Kommunikation Emily Langan (Illinois, Wheaton College) hat herausgefunden, dass beständige, nahe Verbindungen auf drei Dinge zurückzuführen sind: Rituale, Bestätigung und Offenheit. Wenn wir uns diese drei Dinge zumindest versuchen zu erhalten, haben wir gute Chancen auf langfristige und beständige Freundschaften. Meistens leichter geschrieben als getan.

Meine liebe Freundin, manchmal würde ich dir gerne zeigen können wie wertvoll du bist. Wie klug und schön und freundlich und klar. Und dass ich dich für so viel bewundere, was du bist und was du tust. Zum Beispiel, dass du mich abends heimfährst, damit ich nicht zu Fuss nach Hause gehen muss, ganz selbstverständlich. Meistens denke ich, du scheinst es kaum selbst sehen zu können, hoffst darauf, dass es jemand, ein Mann, in dir sieht und erkennt. Irgendwie findet sich keiner. Wenn ich es dir sage, hörst du es kaum. Aber du sollst wissen, wie toll ich dich finde, wie dankbar ich bin, dass du in meinem Leben bist.

Die Herausforderungen

Vor ein paar Monaten habe ich einen Artikel über ein Treffen mit einer Freundin geschrieben. Über Catch-up Culture in Freundschaften: Sich gegenseitig in regelmässigen Abständen beim Kaffee auf den neuesten Stand bringen. Sehen so die Freundschaften mit Mitte 30 aus, frage ich mich?

Immerhin ist es wie ein Ritual, was gemeinsam praktiziert wird und dadurch Verbundenheit schafft. Was ist daran denn so schlimm? Immer hin passiert es noch und man hat sich noch nicht aufgegeben.

Was aber, wenn es auch das nicht mehr gibt? Wenn die kleinen Rituale wegrutschen, die Offenheit füreinander einem bestimmten Bild weicht, dass du von mir hast?

Ich bin nicht gut im Loslassen, ich möchte an den Dingen festhalten, die mir Sicherheit geben. Ich will Menschen festhalten. Aber so funktionieren Beziehungen nicht. Erst recht nicht Freundschaften. Ich muss etwas investieren, mich investieren. Mit der Gefahr Fehler zu machen.

Was ebenso wahr ist: Nicht immer gehen wir miteinander weiter. Wenn einer stehenbleibt und der andere weitergeht, entsteht eine Lücke zwischen zwei Menschen. Und je mehr Schritte einer geht, desto grösser ist die Lücke, die zwischen beiden entsteht.

Das Ende

Meine liebe Freundin, ich vermisse Dich. Ich vermisse, wer ich bin, wenn ich mit dir zusammen war. Wer wir zusammen waren. Ich weiss gar nicht, ob du dir auch gefallen hast mit mir. Aber ich mochte mich. Ich war gelöster, unbedarfter, freier. Mit dir habe ich mich gefühlt, als wäre ich so ganz ich selbst, oder dürfte es sein. Du warst meine Atempause vom Erwachsenenleben, die ich so dringend brauche, nach wie vor. Vermutlich werde ich uns noch lange vermissen. Obwohl ich nicht mehr ich bin und du nicht mehr du.

Niemand schreibt über Liebeskummer nach zerbrochenen Freundschaften. Niemand schreibt über die Trauer einen Menschen nicht mehr im Leben zu haben, aus der eigenen Wahlverwandtschaft. Oder darüber welche Selbstzweifel damit einhergehen, egal wie oft ich mir sage, dass es nicht allein meine Schuld ist. Ich fühle mich trotzdem schuldig. Und ich schäme mich, weil ich keine Antworten habe.

«Es gibt keine Vorgaben für Freundschaft oder dafür, wie sie beginnen, sich entwickeln, oder enden sollte.» schreibt Smith auch in ihrem Buch. Gerade deshalb bleibt dort manchmal eine Unsicherheit, die sich in meine Gedanken einnistet.

Bin ich eine gute Freundin, wenn ich immer direkt antworte, wenn ich viel Zeit investiere, meine Beziehungsmenschen immer supporte und mich um sie kümmere, wenn sie es vermeintlich nötig haben? Oder ist es vielmehr gut ein Korrektiv für das Gegenüber zu sein, auch mal zu widersprechen? Welche Form von Freundin brauchst du gerade? Und kann ich diese Freundin gerade sein? Oder will ich diese Freundin gerade sein?

Was bleibt

Meistens denke ich zu viel darüber nach, ob ich als Freundin gut bin. Ich hoffe darauf, dass meine Freund*innnen es mir mitteilen, wenn ich sie verletzte oder sie etwas anderes von mir brauchen. Freundschaften sind komplex. Und sie verändern sich, immer wieder. Das ist herausfordernd, aber auch gut.

Smith schreibt: «Freundschaft […] ist anders. Es gibt keine klaren Verpflichtungen, keine klar definierte Verantwortlichkeit. Weder ist es selbstverständlich, dass unsere Freund*innen in der Nähe wohnen, noch, dass sie uns in Krisenzeiten brauchen oder dass sie in unseren eigenen Krisen für uns da sind.»

Meine liebe Freundin, ich danke dir. Dafür, dass wir es hinbekommen haben, irgendwie, über weite Entfernung. Das wir unsere Traditionen gefunden haben, die uns zusammenhalten. Das wir uns sagen können, was uns bewegt. Zumindest hoffe ich das. Manchmal denke ich, ich sage ein bisschen zu wenig, was mich stört, aber dann wiederum bin ich einfach froh, dass es dich gibt und du immer noch mit mir Cocktails trinkst, und ich weiss, dass ich bei dir immer auf der Couch rumlümmeln darf. Danke dafür.

 

Die Zeitschrift Psychologie Heute hat sich ebenfalls intensiv mit dem Thema Freundschaft auseinandergesetzt.

Über Freundschaft schreibe ich in dem erwähnten Artikel über Catch-up Culture. Um Vertrauen geht es in dem Beitrag von Anna Näf.

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