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 Lesedauer: 6 Minuten

Bottled Joy – Durstgedanken an Hitzetagen

Der Sommer, der sich falsch anfühlt

Vielleicht liegt es gar nicht zuerst an den Zahlen. Ob 37 oder 40 Grad – das Thermometer misst einen Unterschied von wenigen Strichen. Aber für den Körper fühlt es sich eindeutig nicht mehr nach Komfortzone an. Diese Hitze fühlt sich anders an als die Sommer, die ich kannte. Sie hat etwas Fremdes. Sie dringt tiefer ein und hält länger an.

Und es ist ein anderer Körper als der Sommerkörper, auf den ich mich das ganze Jahr über gefreut hatte.

In der letzten Hitzewelle, jener vor der neuen Hitzewelle, bin ich mehrmals mit dumpfem Kopfgefühl aufgewacht. Der Mund ausgedörrt, die Schleimhäute trocken, die Augen gerötet und schwer.

Der Schlaf bringt keine Erholung mehr, weil auch die Nacht warm bleibt.

Aber wenn ich mich doch aufraffe und ein paar Schlucke Wasser trinke, kehrt sofort etwas zurück: Klarheit, Frische, Erleichterung, Lebensgeist.

Ein paar Tropfen genügen manchmal

Ich ertappe mich dabei, wie ich die Lippen befeuchte oder benetze. Ausdrücke, die ich bisher eher aus der Krankenpflege kannte. Von Menschen nach einer Operation, Sterbenden oder Schwerkranken: Man benetzt ihre Lippen, weil der Körper nicht mehr selbst für genügend Feuchtigkeit sorgen kann. Nach einer weiteren «tropischen Nacht» sitze ich morgens am Küchentisch und verstehe plötzlich, warum diese kleine Geste so fürsorglich ist.

Hitze nimmt Energie, Konzentration und Zuversicht. Hitze kann auch traurig machen. Vielleicht gehört zur Verstörung durch die neuen Hitzewellen auch die Frage, ob sie wieder verschwinden werden.

Ist dies erst der Anfang? Wird es sich weiter aufheizen, weiter entfachen und entflammen?

Ich verlasse inzwischen kaum noch das Haus ohne Wasserflasche – und sehe, dass das auch viele andere so halten. Früher war die Flasche praktisch. Heute wirkt sie fast wie ein Schutzgegenstand. Es beruhigt mich, zu wissen, dass ich jederzeit einen Schluck nehmen kann. Dass ich etwas bei mir habe gegen Durst und vielleicht mehr noch gegen das Gefühl, den Elementen ausgeliefert zu sein.

Wüstengeschichten

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum Wasser in den Kulturen der Menschheit nie einfach Wasser war. Die Bibel ist über weite Strecken eine Wüstengeschichte. Menschen ziehen durch dürres Land. Sie kennen den Durst und das Verdursten von Menschen und Tieren. Sie wissen, was es bedeutet, wenn Brunnen versiegen.

Wasser ist keine Selbstverständlichkeit und deshalb auch kein blosses Symbol. Wasser ist buchstäblich Leben.

Die Israeliten geraten in der Wüste in Angst und Panik, weil sie kein Wasser finden. Mose schlägt an einen Felsen, und – wie durch Zauberei – tritt Wasser hervor (Exodus 17,1–7); die Durstrevolte kann im letzten Moment abgewendet werden. Der Psalmist spricht von Gott als «Quelle des Lebens» (Psalm 36,10). Der Prophet Jesaja lädt die Durstigen ein: «Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser!» (Jesaja 55,1). Und mitten in der Bedrohung der Wüste erscheint immer wieder dieselbe Hoffnung: dass dort, wo alles vertrocknet, eine Quelle aufbrechen könnte.

Lebendiges Wasser

Im Hebräischen meint «lebendiges Wasser» (majim chajjim) ursprünglich etwas sehr Konkretes. Gemeint ist fliessendes Wasser, Quellwasser, Wasser, das nicht steht, sondern sich bewegt. Das war von existenzieller Bedeutung: Fliessendes Wasser erneuert sich ständig und bleibt frisch, Zisternen können austrocknen, verschmutzen, ungeniessbar werden oder sogar krankmachend.

Das Paradies ist von Flüssen durchzogen.

Auch andere Kulturen des Alten Orients kennen das Motiv. In Mesopotamien erzählte man vom Süsswasser-Ozean Apsu, aus dem Leben hervorgeht. In Ägypten entstand die Welt aus den Urwassern des Nun. Die europäische Volkskultur kennt Wassernymphen und Quellgeister.

Immer wieder erscheinen Quellen, Flüsse und Brunnen als Orte des Segens, der Schöpfung und Lebendigkeit.

Wer in trockenen Landschaften lebt, lernt früh, dass Wasser nicht bloss ein Stoff ist. Es ist die Bedingung dafür, dass überhaupt etwas lebt und wachsen kann.

Die Stimme meiner Mutter

Früher lächelte ich über Bemerkungen meiner Mutter, wie «dringend» Regen nötig wäre, weil die Natur leide. Sie ist auf einem Bauernhof aufgewachsen. Inzwischen kann ich es besser nachfühlen. Mein Blick bleibt bei verdorrten Feldern hängen und vertrockneten Waldabschnitten, an denen ganze Existenzen hängen.

«Wasser ist Leben» ist keine Metapher, die sich Poeten ausgedacht haben. In Zeiten grosser Hitze wird das wieder existenziell spürbar.

In meiner Kindheit entsprang auf unserem Grund eine kleine Quelle, sie war sorgsam gehütet. Es grenzt ans Wunderbare wenn, aus Erde und Stein ein so klarer Wasserstrahl hervorkommt.

Durstige Dichter

Die Literatur durchzieht Wasser als Sehnsuchtsmotiv. Bei Hesse erscheinen Quellen und fliessendes Wasser als Bilder der Erneuerung, besonders im «Siddhartha». Der Fluss wird zum Lehrer. Er zeigt, dass alles fliesst und zusammengehört.

In Antoine de Saint-Exupérys «Wind, Sand und Sterne» heisst es über einen Schluck Wasser in der Wüste sinngemäss, er sei nicht nur notwendig zum Leben, sondern das Leben selbst. Der Schriftsteller war in der libyschen Wüste abgestürzt und er wäre wohl verdurstet, hätten ihn nicht Beduinen gerettet.

In der Gegenwart, die von Klimawandel, Dürre und ökologischer Krise geprägt ist, wird die Sehnsucht nach Wasser und Rettung vor der Hitze übergross; auch bei uns in bisher verschonten Breitengraden.

Hahnewasser

Lange habe ich Wasser kaum wahrgenommen. Es floss aus dem Hahn. «Hahnewasser», wie man in der Schweiz sagt. Es war da wie die Luft. Heute nehme ich Wasser bewusster zu mir: das kühle Glas Wasser am Morgen, das Benetzen der Lippen, das Auffüllen der Flasche vor dem Verlassen des Hauses. Die kleine Erleichterung, wenn nach Stunden in der Wärme endlich kaltes Wasser über die Arme und Hände läuft.

Es sind einfache, aber tiefgehende Erfahrungen.

Füreinander zur Quelle werden

Menschen haben immer in Gemeinschaften überlebt. Niemand übersteht eine Wüste allein. Vielleicht gilt das auch für die Hitzewellen unserer Zeit.

Langsamer werden, Schatten suchen, Wasser mitnehmen, kühle Orte kennen und weiterempfehlen.

Als Gemeinschaft können wir andere Formen von Fürsorge entwickeln: öffentliche Trinkwasserstellen einrichten, kühle Räume für ältere Menschen, bei Nachbarn nachfragen, die allein leben. Mehr Bäume, mehr Schatten und mehr Aufmerksamkeit füreinander – um füreinander zu Quellen zu werden.

Foto von Brandon Atchison auf Unsplash

Ein weiterer Beitrag zu den heissen Tagen von Janna Horstmann: Wüste/n Gedanken

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