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 Lesedauer: 7 Minuten

Navigationshilfen für die Gegenwart (1): Distanz und Perspektive

Von allen Seiten dringen sie auf uns ein, die Nachrichten und Meldungen über die Krisen und Katastrophen der Gegenwart. Alles scheint immer nur noch schlimmer zu werden. Aber stimmt das denn? Oder, etwas anders gefragt:

Ist das die ganze Wahrheit?

Die meisten Artikel über die «Polykrise der Gegenwart» starten erst einmal mit einer Aufzählung der Krisen. Darauf verzichte ich hier bewusst. Jede Leserin, jeder Leser weiß ja Bescheid, und ich habe oft genug selbst erfahren, wie allein schon eine solche Aufzählung die Stimmung drücken kann. Denn das, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, wird für uns größer und gewichtiger.

Stattdessen möchte ich erst einmal einen Schritt zurücktreten und eine gewisse Distanz zu den Katastrophenmeldungen aufbauen, die uns tagtäglich überfluten.

Distanz klärt den Blick für den Kontext

Allzu viel Nähe verzerrt die Wahrnehmung. Dazu schlage ich ein kleines Experiment vor. Halte dir eine Münze, etwa ein 2-Franken- oder 2-Euro-Stück nahe vors Auge, Entfernung etwa zwei bis drei Zentimeter, und kneif das andere Auge zu. Jetzt siehst du fast nichts mehr von der Welt, nur ein gigantisch erscheinendes, dunkles rundes Ding.

Je weiter du die Münze nun von deinem Auge entfernst, desto mehr siehst du wieder von der Welt. Hältst du sie etwa in Armeslänge vor dich, erkennst du ihre wahre Dimension – sie hat einen Durchmesser von nur rund zweieinhalb Zentimetern. Du kannst die Größe also besser einschätzen, vor allem durch den Vergleich mit den umgebenden Gegenständen.

Der Kontext bestimmt die Bedeutung.

Je mehr ich vom Kontext sehe, desto realistischer kann ich die Bedeutung eines Ereignisses einordnen.

Solange ich die Münze unmittelbar vor mein Auge halte, erscheint dieses winzige Ding riesig und alles beherrschend. Um mich davon zu befreien, brauche ich Distanz und Kontext.

Das heißt, konkret auf die Nachrichtenlage angewandt: Ich versuche, mehr von dem mitzubekommen, was es neben den schlimmen Ereignissen auch noch gibt auf der Welt. Ich verdränge oder verleugne die Krisen nicht, aber ich rufe mir aktiv das Schöne, Hoffnungsvolle und Zukunftsverheißende in Erinnerung. Das ist gar nicht so leicht, im Gegenteil. Es erfordert etwas Mühe und bewusste Aufmerksamkeit.

Es gibt auch «good news»

Als Erstes mache ich mir immer wieder klar, dass die Medien – nicht nur Social Media, sondern auch seröse Zeitungen, Magazine und Nachrichtensendungen – immer nur einen Ausschnitt aus der Wirklichkeit bieten. Und zwar vor allem solche Meldungen, die Sorge, Angst oder Ärger auslösen.

Denn diese «negativen» Emotionen erzeugen mehr Aufmerksamkeit. Oder, mit einem bekannten Satz aus der Welt der Medien: Only bad news is good news –

nur schlechte Nachrichten sind «gute Nachrichten».

Gut in dem Sinn, dass sie sich verkaufen oder hohe Klickzahlen erreichen.

Das hängt damit zusammen, dass die Evolution uns darauf getrimmt hat, «schlechte», also Besorgnis erregende, gefährliche Informationen fünfmal stärker zu gewichten als positive. Es ist einfach ein Überlebensvorteil, Gefahren wahrzunehmen.

Weil unser Organismus Gefahren so viel stärker gewichtet als Möglichkeiten, erfordert es eine gewisse Anstrengung, den Blick zu weiten, Distanz aufzubauen und auch Positives zu erkennen.

Bewusst auf das Positive achten

Als Zweites suche ich deshalb aktiv und bewusst nach einem anderen, weiteren Kontext, vor allem nach guten Nachrichten. Es gibt eigene Portale im Internet, die gute Nachrichten sammeln. Aber auch auf Instagram & Co. lassen sich immer wieder ermutigende und aufbauende Informationen finden.

Leider werden diese bei näherem Hinsehen häufig entwertet durch ein «Aber». Ein Beispiel: «Mehr als die Hälfte der in China erzeugten Energie stammt inzwischen aus erneuerbaren Quellen, aber gleichzeitig baut China immer noch massenhaft Kohlekraftwerke. »

Da kann es helfen, die Reihenfolge der Sätze umzudrehen.

«Zwar setzt China immer noch massiv auf Kohle, doch die Erneuerbaren machen mittlerweile mehr als die Hälfte der chinesischen Energieproduktion aus. » Die exakt gleiche Information, doch die hört sich nun ganz anders an – eher ermutigend als deprimierend.

Wer nach dem Positiven sucht, dem empfehle ich ausdrücklich die Bücher Factfulness von Hans Rosling, Hoffnung für Verzweifelte von Hannah Ritchie und Im Grunde gut von Rutger Bergman. Hier wird auf wissenschaftliche, datenbasierte Weise gezeigt, dass die Welt viel besser ist, als wir oft glauben.

Nachrichtenhygiene

Solche Bücher nehmen dem Katastrophismus unserer Tage die Wucht. Im Alltag hilft dazu vor allem auch eine gute Nachrichtenhygiene. Wer sich ständig, zu jeder Tages- und Nachtzeit von News überfluten lässt, erliegt viel eher dem Sog der Negativität, als wer Nachrichten nur zu bestimmten Zeiten zur Kenntnis nimmt (Tipps das Handy konsequent weglegen zu können, liefert auch Evelyne in ihren Beiträgen zum Handyfasten).

Konkret helfen kann es, alle Push-Nachrichten auszuschalten oder abzubestellen. Die reißen uns immer wieder aus dem, womit wir gerade beschäftigt sind.

Hilfreich ist es auch, nicht gleich nach dem Aufstehen zum Smartphone zu greifen.

Das funktioniert am besten, wenn du eine Routine entwickelst – etwa: erst mal ein Glas Wasser trinken, am offenen Fenster zehn tiefe Atemzüge nehmen, vielleicht sogar ein paar Gymnastik- oder Yoga-Übungen machen, Kaffee brühen – und dann erst die Nachrichten-App öffnen. Und, vor allem: Nimm dein Handy nicht mit ins Bett, nicht mal auf den Nachttisch gehört es.

Generell wäre es eine gute Idee, die Nutzung von Social Media einzuschränken. Das bedeutet vor allem den weitestmöglichen Verzicht auf «Doomscrolling», also das geradezu suchtartige Festhängen an den Krisen- und Katastrophenmeldungen, die die Timeline füllen.

Aber auch Kommentare, die mich in meiner Meinung bestärken, sind nicht immer hilfreich – weil sie, der Dynamik von Social Media folgend, oft herausstellen, wie doof «die anderen» sind. Auch das polarisiert und lässt uns die Welt schlechter erscheinen, als sie ist.

Früher war es auch nicht besser

So neigen wir leicht zu der Ansicht, dass es noch nie so schlecht um die Welt stand wie heute. Doch das haben Menschen zu anderen Zeiten – um nicht zu sagen: immer – auch geglaubt. Angst vor immer schlimmer werdenden Zeiten war auch in früheren Generationen weit verbreitet. Selbst in den aus heutiger Sicht so glücklich erscheinenden 1990er-Jahren, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem vermeintlichen Ende der Ost-West-Konfrontation, blickten Europäerinnen und US-Amerikaner eher pessimistisch in die Zukunft.

Die Politikwissenschaftlerin Florence Gaub sieht in diesem Blick auf die Zukunftsängste der Vergangenheit eine Chance.

Die Schwarzseher:innen, sagt sie, hätten in der Regel nicht Recht behalten – ihre Ängste führten nämlich oft dazu, dass Gegenmaßnahmen gefunden und ergriffen wurden.

Beispiel Waldsterben: In den 1980er-Jahren befürchteten viele, die Wälder in Europa oder auch weltweit würden durch den sauren Regen unwiederbringlich zerstört werden, der durch das Schwefeldioxid in den Autoabgasen entstand. Diese Angst führte dazu, dass die Autos mit Katalysatoren ausgerüstet wurden, die das Schwefeldioxid unschädlich machen.

So können wir selbst den Katastrophenmeldungen unserer Tage etwas Positives abgewinnen. Wir sehen etwa, dass die Blockade der Straße von Hormus zwar die Weltwirtschaft schwächt, dafür aber weltweit zu einem neuen Boom bei erneuerbaren Energien führt.

Die Perspektive ist entscheidend

Welche Perspektive wir einnehmen, das können wir bis zu einem gewissen Grad selbst entscheiden. Vor allem dadurch, dass wir einen Schritt zurücktreten und so den größeren Kontext erkennen. Wem das gelingt, hat einen großen Schritt auf dem Weg zu einer zuversichtlicheren Haltung getan.

Tilmann Haberer ist ein Theologe, Autor und Lebensberater aus München. In seinem neuen Buch: «Die Kraft des Trotzdem – Wie man weitermacht, auch wenn’s schwierig wird» schreibt er darüber, wie inmitten von Krisen, Zweifeln und Herausforderungen echte Zuversicht wachsen kann. Diese Blogserie nimmt wertvolle Einsichten aus dem Buch auf.

Wir im RefLab haben schon viel zu den passenden Themen «Resilienz» und «Hoffnung» produziert. Hier ein paar ausgewählte Leckerbissen:

 

Illustration: Isabelle Bühler

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