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 Lesedauer: 7 Minuten

Dialog zu «Inside the Manosphere» – Noe

Die Doku, die einen Trend trifft

Louis Theroux, Investigativ-Journalist und Dokumentarfilmer, ist dafür bekannt, in Subkulturen einzutauchen, um Zuschauer:innen möglichst authentische und ungefilterte Einsichten zu ermöglichen.

Das hat er auch in seinem neusten, im März 2026 erschienenen Dokumentarfilm «Inside the Manosphere» auf eindrückliche Weise getan. In den 91 Minuten des Films begleitet er vier erfolgreiche Influencer, die im losen, vorwiegend antifeministischen Online-Netzwerk Inhalte produzieren.

Die eingeblendeten Schnipsel der Inhalte dieser Influencer, wie auch die Interviews, die Theroux führt, zeigen, wie abscheulich die Weltsichten und Werte sind, die in dieser Sphäre geteilt und reproduziert werden:

Frauenfeindlichkeit, Körperkult, Materialismus, Statusgier, Finanzscams, Verschwörungstheorien und Antisemitismus sind gang und gäbe.

Immer wieder taucht während des öffentlichen Filmens die andere Gruppe auf, die die Maschinerie «Manosphere» auf Hochtouren laufen lässt: die jungen Männer und Teenager, die die Inhalte konsumieren.

Von den Fans im Alter zwischen 15 und 25 Jahren sind lautstarke Begeisterung, nachgeplapperte Vulgarität und emotionserfüllte Danksagungen an die Influencer zu hören.

Das alles macht was mit uns. Janna und ich wollen uns in sich ergänzenden Blogposts dazu austauschen.

Das gespaltene Frauenbild der Manosphere

Dass Frauen in der Manosphere abschätzig behandelt und beschrieben werden ist den meisten Personen klar, die auch nur am Rande etwas von dieser «Bubble» des Internets mitbekommen haben.

Frauenfeindlichkeit ist das auszeichnende Element dieser Szene.

Aber wie tief die Beziehung dieser Männer zu Frauen tatsächlich gestört ist, wird in «Inside the Manosphere» durch das Aufdecken eines grundsätzlichen Widerspruchs eindrücklich offengelegt.

Einerseits: Radikale Objektifizierung und Verzweckung der Frau

Im Weltbild dieser Influencer herrscht vorerst mal eine radikale Objektifizierung der Frau. Immer wieder wird unmissverständlich klar gemacht:

Die Frau ist nur für Sex zu gebrauchen.

Kontextualisiert wird diese Aussage mehrmals mit einer anderen: «Männer werden wertlos geboren. Wir müssen uns unseren Wert erarbeiten.» Bei der Frau sei das nicht so:

«Frauen sind wertvoll, weil sie Brüste und eine Vagina haben.»

Indem sie diesen «inhärenten Wert» – als begehrtes Sexobjekt – vermarkten, wird die Frau auch im finanziellen Sinne ein Mittel zum Zweck. Die Influencer umgeben sich mit Pornodarstellerinnen und Instagram-Models, bewerben die Inhalte dieser Frauen unter ihren männlichen Zuschauern und streichen dafür einen Teil der Einnahmen ein.

Gleichzeitig finden sie Frauen, die solche Inhalte produzieren – oder sexuell freizügige Frauen generell – verwerflich. Dass das im Widerspruch zu ihrem Handeln und ihren anderen Haltungen steht, scheint nicht weiter zu stören.

Andererseits: Die Mutter und die Freundin

Die tatsächliche radikalen Objektifizierung scheint allerdings zu bröckeln, sobald die Frauen ins Bild treten, mit denen eine tiefere Beziehung besteht:

die Mutter oder die Freundin.

Einer der erfolgreichen (23-jährigen!) Macho-Männer wird während einer Interaktion mit seiner Mutter gefilmt. Ihre Dynamik ist klar: Wenn sie etwas sagt, gehorcht er ihr. Er scheint sie zu respektieren, vielleicht auch ein wenig zu fürchten.

In anderen Kontexten wird sie ebenfalls erwähnt. Er gibt zu, dass sie seine Aussagen gegenüber Frauen und Homosexuellen nicht gut finden würde.

Er beschreibt sie als starke, aufrichtige Frau, die ihren Sohn allein erzogen und viel in ihn investiert hat.

Die Spannung zwischen seinem Frauenbild und dem Bild seiner Mutter bringt er selbst auf den Punkt, indem er sagt:

«Die meisten Frauen auf der Welt sind nicht wie meine Mutter. Die meisten Frauen sind dumm.»

Ein anderer Influencer, der zuvor selbstsicher von Polygamie und seiner einseitig offenen Beziehung sprach, schlägt im gemeinsamen Interview mit seiner Freundin andere Töne an.

Man merkt, dass sie seine Meinungen nicht ganz teilt und dass er Mühe hat vor ihr auf vorher Gesagtes zu bestehen. Es wirkt so, als würde ihm ihre Meinung wichtig sein. Als läge ihm mehr an ihr als bloss ihr Körper.

Vom selben Influencer kam vorher die Aussage: «Frauen sind wertvoll, weil sie Brüste und eine Vagina haben.»

Es scheint fast so, als könnten diese Männer die Menschlichkeit von Frauen nur dann erkennen, wenn sie in einem emotionalen Bezug zu ihnen stehen. Dass die sonstige Objektifizierung aber auch ihren intimen Beziehungen schadet, zeigt der Film deutlich auf.

Bei der Beziehung zwischen dem jungen Influencer und seiner Mutter scheint vieles mitzuschwingen, und der andere und seine Freundin haben sich gemäss Abspann nach den Dreharbeiten getrennt.

Was macht die Doku mit mir als Mann?

Der Film löst eine Vielfalt von Emotionen in mir aus. Bei den Inhalten, die gepostet werden: Schock, Übelkeit. Bei den Aussagen und Ausführungen der Influencer: Bedrücktheit, Trauer. Bei den kurzen Szenen, in denen sich die jungen Fans verletzlich zeigen: Trauer vermischt mit Empathie.

Wut empfinde ich keine. Wäre die aber nicht angebracht?

Die unglaublich abwertenden Aussagen dieser Männer sollten mich doch wütend machen?! Ich könnte sagen, in der Bedrücktheit sei nicht genug Kraft für Wut. Ich erahne aber, dass Scham dahintersteckt.

Sie sprechen von Männlichkeit. Sie beanspruchen sie sogar ausschliesslich für sich und für die, die dasselbe vertreten wie sie.

Schäme ich mich, weil ich nicht «Mann» genug bin, um dem Bild des starken, ambitionierten und konfrontativen Mannes zu entsprechen? Also weil ich diesen Typen überhaupt nicht ähnlich bin?

Oder ist es vielleicht das Gegenteil?

Schäme ich mich, weil ich ahne, dass diese Influencer nur die lauteste, vom Algorithmus ins Absurde verstärkte Version eines Verhaltens darstellen, von dem auch ich Spuren in mir trage? Also, weil ich diesen Typen nicht so vollkommen unähnlich bin, wie ich es gerne wäre?

Dieser Gedanke macht mir Angst, aber er drängt mich auch zum Handeln.

Übelkeit, weil die Posts noch abscheulicher sind als ich erahnte. Trauer und Bedrücktheit, weil die Ausführungen zeigen, wie maximal moralisch desorientiert viele heute sind und ein Tröpfchen Empathie für die jungen Männer, die sich in innerer Not als Blinde von Blinden führen lassen: Das genügt nicht.

Ich will Veränderung. Für mich, für die anderen und für uns alle. Es wird Zeit, etwas zu tun.

Im Geiste des Dialogs haben Janna und ich uns Fragen ausgedacht, die wir uns gegenseitig stellen wollen. Diese reichen vom Kontext der Doku bis hin zum übergeordneten Thema toxischer Männlichkeit und der Geschlechterdynamik unserer Zeit. Neben einem Video, in dem wir auf Schlüsselszenen der Doku «Inside the Manosphere» reagieren, haben wir auch eines gedreht, in dem wir unseren Dialog anhand dieser Fragen mündlich fortführen. Gerne könnt auch ihr in den Kommentaren auf unsere Fragen reagieren!

Fragen an Janna

Was denkst du, Janna: Was können wir gegen das Gedankengut der Manosphere und die wachsende Reichweite ihrer Inhalte tun – du als Frau, ich als Mann oder wir alle gemeinsam?

Findest du in der Doku auch ein verlockendes Lebensideal für junge Frauen, das bei genauerem Hinsehen jedoch irreführend oder gefährlich ist?

Was lösen die weiblichen Figuren die in der Doku vorkommen – Die Mutter, die Ehefrau, die Freundin oder die Instagram-Models – in dir aus?

Was macht es mit dir, wenn diese Doku mich zwar bedrückt, aber nicht wütend macht? Denkst du die Wut von Männern würden beim Angehen des Problems helfen?

Wie können wir, denkst du, jungen Männern, die sich an solchen Inhalten orientieren, eine andere Sicht auf die Welt anbieten – eine, die sie wirklich überzeugt?

 

Dieser Blogartikel und der von Janna Horstmann wurden als sich ergänzende Beiträge veröffentlicht.

Sonstige Artikel des RefLab aus demselben Themenfeld:

Zu «Tradwives» von Johanna di Blasi: Tradwives: gefährliche Hausfrauen

Zu Manosphere und jungen Männern von Noe Ziegler: Die Krise der Männlichkeit

 

Das Beitragsbild wurde mit KI und anhand einer Vorlage von Justicon aus Envato generiert.

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