Die Doku, die einen Trend trifft
Louis Theroux, Investigativ-Journalist und Dokumentarfilmer, ist dafür bekannt, in Subkulturen einzutauchen, um Zuschauer*innen möglichst authentische und ungefilterte Einsichten zu ermöglichen.
Das hat er auch in seinem neusten, im März 2026 erschienenen Dokumentarfilm «Inside the Manosphere» auf eindrückliche Weise getan. In den 91 Minuten des Films begleitet er vier erfolgreiche Influencer, die im losen, vorwiegend antifeministischen Online-Netzwerk Inhalte produzieren.
Die eingeblendeten Schnipsel der Inhalte dieser Influencer, wie auch die Interviews, die Theroux führt, zeigen, wie abscheulich die Weltsichten und Werte sind, die in dieser Sphäre geteilt und reproduziert werden:
Frauenfeindlichkeit, Körperkult, Materialismus, Statusgier, Finanzscams, Verschwörungstheorien und Antisemitismus sind gang und gäbe.
Immer wieder taucht während des öffentlichen Filmens die Zielgruppe auf, die die Maschinerie «Manosphere» auf Hochtouren laufen lässt: die jungen Männer und Teenager, die die Inhalte konsumieren.
Von den Fans im Alter zwischen 15 und 25 Jahren sind lautstarke Begeisterung, nachgeplapperte Vulgarität und emotionserfüllte Danksagungen an die Influencer zu hören.
Das alles macht was mit uns. Noe und ich wollen uns in sich ergänzenden Blogposts dazu austauschen.
Hemdsärmgelig
Louis Theroux wirkt in fast jeder Aufnahme dieser Dokumentation fehl am Platz. Er ist zu wenig muskulös, trägt keinen massgeschneiderten Anzug, wie einer der vier Influencer, die wir begleiten.
Er wirkt nicht so, als wäre er Stammgast im Fitnessstudio. Interessiert, aufgeschlossen, fast naiv, begibt er sich in die Welt, in der Aufmerksamkeit im Internet Macht und Geld bedeutet.
Erst mit der Zeit, zumindest schildert er es selbst so zum Ende der Dokumentation, versteht er, wie viel Content durch ihn und seine Dokumentation entsteht. Was die Influencer wiederum für sich nutzen.
Hemdsärmelig ist das Adjektiv, welches mir dazu einfällt. Louis Theroux wirkt hemdsärmelig in dieser ihm fremden Welt.
Wo muskulöse Haut schweissfeucht in der Sonne glänzt, Gewichte in den blauen Himmel über Miami oder Marbella gestossen werden, Männer prahlen, wie viel tausende Dollar sie an einem Tag verdienen, ist Louis Theroux ein hemdsärmeliger Investigativ-Journalist, der Influencer nach ihrem Beziehungsstatus ausfragt.
Möglichst männlich
Das ihm zugeschriebene Adjektiv ist nur ein Hinweis auf die augenscheinlichen Unterschiede zwischen Louis Theroux und dem konstruierten Männerbild innerhalb der Manosphere.
Hemdsärmelig ist keiner der Influencer und Protagonisten. Sie alle sind stark, mächtig und erstaunlich eindeutig in ihrer Doppelmoral. Aber dazu später mehr.
Männlichkeit ist nicht mehr nur ein kulturell und gesellschaftlich geprägtes Konstrukt. Für unsere Influencer ist sie eine erstrebenswerte Eigenschaft, die mit aufgepumpten Muskeln und der zunehmenden Abwertung all dessen, was nicht männlich ist, wächst.
Reichweite ist Männlichkeit, Einfluss auf junge Männer und Macht über Frauen ist es auch. Umso mehr davon, umso männlicher.
Sie sind diejenigen, die bestimmen, wer oder was wichtig ist. Denn das gehört zum Mann sein dazu. Ein Versorger sein, ein Held, der weiss, was für andere Menschen, besonders für die Frauen in ihrem Umfeld, gut ist. Besser als die Frauen selbst.
Unsere Protagonisten in der Dokumentation glauben all dies.
Wann ist ein Mann ein Mann?
«Männer kommen ohne Wert auf die Welt».
Diese Aussage und Ähnliche fallen nicht nur einmal in der Dokumentation. Ein Mann muss sich seinen Wert hart erarbeiten. Eine Frau ist durch ihre Schönheit wertvoll. Denn «Frauen haben Brüste und eine Vagina».
Diese Influencer fühlen sich durch ihr Geschlecht zutiefst benachteiligt. Und kompensieren dies über Machtmissbrauch und Drohgebärden.
Sie zeigen ein permanentes Bedürfnis nach Selbstwertsteigerung. Es sind Männer, die sich selbst zu Objekten machen. Sie verkaufen mit ihrem Körper und Lebensstil das Produkt Männlichkeit, welches ihnen wiederum Reichweite und Einfluss gibt. Diesen nutzen sie, um Frauen und andere, nicht-männliche Menschen konsequent zu demütigen und herabzusetzen. Was wiederum ihren Selbstwert steigert.
Ein Teufelskreis inside the Manosphere.
Doppelmoral
Für einen Mann ist es erstrebenswert, sich mit schönen, also wertvollen Frauen zu umgeben. Durch sie erhöht sich die Reichweite auf Social Media. Sie sind nützliche Bauern (-opfer) im Spiel um Macht, Geld und Einfluss.
Wenn eine Frau ihre Schönheit jedoch einsetzt, um damit Geld zu verdienen, gibt sie diesen ihr zugefallenen Wert auf. Das macht sie wertlos. So zumindest die absurde Logik einer der Influencer.
Er managt mehrere OnlyFans Influencerinnen und verdient mit ihnen Geld. Was sie auf Social Media tun, findet er jedoch widerwertig. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Männlichkeit zeigt sich im Kontext der Manosphere also darin, festzulegen, welchen Wert eine Frau in der Welt hat.
Was macht die Doku mit mir als Frau?
Die Doku macht mich wütend. Dabei war ich schon lange nicht mehr wütend.
Manchmal bin ich in Veranstaltungen, in denen ich denke, hier sind zu viele Männer im Raum, die zu viel Redezeit für sich beanspruchen. Aber meistens muss ich nicht dafür kämpfen, respektiert, gehört und gesehen zu werden. Meistens bin ich mehr als schmückendes Beiwerk.
Allein daran, dass ich meistens schreibe, wird deutlich, es ist längst nicht überall so. Und ich, die ich sehr privilegiert lebe und arbeite, bin trotzdem immer wieder Opfer von internalisierter Misogynie.
Dagegen nicht immer etwas sagen oder tun zu können, macht mich wütend. Auch die Doku von Louis Theroux macht mich wütend. Ich entwickle Gewaltfantasien, den Protagonisten gegenüber.
Ein Kopf als Boxbirne
In einer Szene schlagen die Hauptakteure nacheinander auf eine Boxbirne an einem Jahrmarkt Automaten ein. Der Automat misst die Stärke des Schlags.
Ich stelle mir vor, es wäre keine Boxbirne, sondern der Kopf einer der Männer, die in der Dokumentation ihre Frauen und Freundinnen und Mütter nicht respektieren, über Frauen herziehen und ihnen keine eigene Meinung zugestehen.
Wenn Frauen wütend sind, sind sie nicht mehr lieblich, genügsam, freundlich, umsorgend. Wenn Frauen wütend sind, sind sie gefährlich, weil unberechenbar. Weil sie dann Feuer speien, wie Vulkane explodieren, überfliessen, voll von den ertragenen Ungerechtigkeiten des weiblichen Lebens.
Frauen können wilde Tiere sein, wenn sie es zulassen. Wenn sie es sich selbst gestatten, aufzubegehren, gegen die nach wie vor verteufelt ungerechte Welt. Das tun sie leider nur viel zu selten.
Freundlich und wütend
Die Frauen in der Dokumentation sind nicht wütend. Sie sind nett und freundlich. Sie sind unterstützende Freundinnen, Mütter von kleinen oder erwachsenen Kindern, haben Menschen auf die Welt gebracht und erzogen. Diesbezüglich haben sie mir zumindest einiges voraus.
Wenn die Frau einer der Protagonisten in die Kamera sagt, sie glaube, dass viele Frauen es toll fänden, wenn ihr Mann auch von anderen Frauen begehrt würde, kann ich ihr das kaum glauben. Dient es doch offensichtlich nur zur Begründung der sexuellen Freigiebigkeit ihres Ehemannes.
Ich kenne das Leben dieser Frauen nicht, kenne nicht ihre Motive und Hintergründe. Weiss nicht, warum sie nicht wütend sind. Wobei, vielleicht sind sie es ja doch, nur die Dokumentation zeigt es mir nicht.
Im Abspann der Doku erfahren wir, dass sich eine der Frauen von ihrem Influencer-Partner getrennt hat. Ich freue mich für sie.
Und jetzt?
Ich frage mich, wie sich ihr und mein Leben in 5, in 10 oder in 20 Jahren anfühlen wird. Ob wir dann als Frauen weniger frei sind. Ob wir irgendwann wieder weniger Rechte haben.
Gleichzeitig will ich keine Angst haben. Ich will weiter wütend sein. Denn meine Wut treibt mich an und motiviert mich, nicht hinzunehmen, was sich bereits jetzt ungerecht und ungleichberechtigt anfühlt.
Im Geiste des Dialogs haben Noe und ich uns Fragen ausgedacht, die wir uns gegenseitig stellen wollen. Diese reichen vom Kontext der Doku bis hin zum übergeordneten Thema toxischer Männlichkeit und der Geschlechterdynamik unserer Zeit. Neben einem Video, in dem wir auf Schlüsselszenen der Doku «Inside the Manosphere» reagieren, haben wir auch eines gedreht, in dem wir unseren Dialog anhand dieser Fragen mündlich fortführen. Gerne könnt auch ihr in den Kommentaren auf unsere Fragen reagieren!
Fragen an Noe
Noe, was denkst du, wie können wir mit unserer Geschlechtlichkeit umgehen, ohne immer wieder versucht zu sein uns überinander zu behaupten?
Was macht die Doku mit dir? Wirst du nicht auch wütend, oder eher traurig?
Brauchen wir überhaupt noch die kulturellen Konstrukte von Weiblichkeit und Männlichkeit?
Dieser Blogartikel und der von Noe Ziegler wurden als sich ergänzende Beiträge veröffentlicht.
Sonstige Artikel des RefLab aus demselben Themenfeld:
Zu «Tradwives» von Johanna di Blasi: Tradwives: gefährliche Hausfrauen
Zu Manosphere und jungen Männern von Noe Ziegler: Die Krise der Männlichkeit
Das Beitragsbild wurde mit KI und anhand einer Vorlage von Justicon aus Envato generiert.







