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 Lesedauer: 8 Minuten

Utopia Loading … Welche Social Media wollen wir (nicht)?

Zehn Sekunden und ein Schluck Kaffee

Der Computer lädt, ein kleiner Kreis dreht sich und dreht sich. Wir warten. Noch zehn Sekunden, noch einen Schluck Kaffee. Vielleicht kommt die Seite gleich, vielleicht hat sie sich aber auch aufgehängt.

Ein passendes Bild für die Gegenwart?

Wir befinden uns in einer technologischen Zwischenzeit: Künstliche Intelligenz wird in immer mehr Bereiche eingebaut, während wir noch herausfinden, was sie mit unserer Arbeit, unserem Wissen und unserer Kommunikation macht. Vieles, was vor wenigen Jahren noch nach Zukunft klang, ist inzwischen Alltag.

Besonders deutlich zeigt sich das auch bei den sogenannten sozialen Medien.

Gerade sorgt ein aufsehenerregender Rechtsstreit in den USA für Schlagzeilen: Meta muss im Rahmen eines Milliardenvergleichs den Jugendschutz verschärfen. Vorausgegangen waren Klagen, die dem Unternehmen vorwarfen, Instagram und Facebook so gestaltet zu haben, dass junge Nutzerinnen und Nutzer möglichst lange bleiben (das Prinzip «human-in-the-loop»). Suchtverhalten wird bewusst erzeugt.

Der Vergleich sieht strengere Alterskontrollen, Nutzungsbeschränkungen und weitere Schutzmassnahmen für Minderjährige vor. Am grundlegenden Geschäftsmodell ändert das jedoch nichts – auch nicht am Sammeln von Daten bei Kindern.

Und Meta räumt kein Fehlverhalten ein.

Leute treffen? In der Cloud? Bild: Axel Shuper auf Unsplash

Wer einen sozialen Raum baut, entscheidet mit darüber, welche Begegnungen dort stattfinden können.

Internet ja, Freunde treffen nein

Zwei Drittel der Schweizer Bevölkerung sind inzwischen täglich auf Social Media unterwegs. Aktuelle Zahlen aus Deutschland – vom Freizeit-Monitor 2026 – zeigen einen Anstieg binnen zehn Jahren von 48 auf 71 Prozent der Bevölkerung, die soziale Medien regelmässig nutzen.

Die klassische Geselligkeit verliert dagegen an Bedeutung.

Die Kritik richtet sich zunehmend auf die Gestaltung der Plattformen. Der endlose Feed, personalisierte Empfehlungen oder ständige Benachrichtigungen sind nicht unveränderliche Eigenschaften digitaler Medien, sie sind nicht Naturgesetze, sondern bewusste Entscheidungen der Plattformbetreiber.

Wie müsste ein soziales Medium aussehen, das nicht vor allem unsere Aufmerksamkeit bindet, sondern gute Begegnungen ermöglicht – und das gesund ist?

Genau darum geht es bei der RefLab-Tagung «Utopia Loading» am 18. September.

Plakat «Utopia Loading», RefLab-Tagung, 18. September in Zürich

Die Suche nach besseren Social Media führt erstaunlich schnell zu einer sehr alten Frage: Wie sieht eine bessere Welt aus – und können wir sie selbst schaffen?

Wie werden die sozialen Räume gebaut, die wir bewohnen, und welche Formen des Verhaltens ruft ihre Architektur hervor?

Damit sind wir bei der Utopie.

Das Wort «Utopie» geht auf Thomas Morus zurück. 1516 beschrieb er in «Utopia» eine imaginäre Gesellschaft, in der Eigentum, Arbeit, Bildung und politisches Zusammenleben anders organisiert sind als im Europa seiner Zeit. Morus formulierte einen gesellschaftlichen Gegenentwurf.

Die Utopie schafft Abstand zur Gegenwart und macht dadurch sichtbar, dass unsere gesellschaftlichen Ordnungen auch anders sein könnten.

Morus steht allerdings nicht am Anfang dieser Geschichte. Die Vorstellung einer idealen Gesellschaft ist viel älter.

Das Paradies, das wir verloren haben

Die ältesten Formen der Utopie blicken zurück: auf ein verlorenes Paradies oder ein goldenes Zeitalter, eine Welt, in der Mensch und Natur noch in ursprünglicher – paradiesischer – Einheit verbunden waren.

Ein schönes Beispiel aus dem China des 5. Jahrhunderts n. Chr. ist das Pfirsichblütental des Dichters Tao Yuanming. Ein Fischer entdeckt flussaufwärts zufällig ein verborgenes Tal, in dem Menschen abgeschieden von den politischen Unruhen der Aussenwelt friedlich leben, in vollkommener Harmonie mit der Natur.

Als er später versucht, den Ort wiederzufinden, gelingt ihm das nicht. Das Pfirsichblütental bleibt unerreichbar.

Für heute ist diese Geschichte interessant, weil eine Rückkehr in eine ursprüngliche Harmonie mit der Natur – schon allein angesichts der Bevölkerungszahlen und unserer Lebensweise – keine reale Perspektive sein kann. Aber das Pfirsichblütental erinnert an etwas, das Fortschrittserzählungen gerne überdecken:

Nicht jede Veränderung ist automatisch eine Verbesserung.

Jede neue technische Möglichkeit verändert auch unsere Lebensweise und kann etwas verdrängen, das vorher selbstverständlich war.

Das verlorene Paradies ist weniger ein Ort, zu dem wir zurückkehren können, als ein Bild, mit dem wir die Gegenwart befragen können.

Wenn wir nicht zurückkönnen, welche Möglichkeit bleibt dann? Wir könnten versuchen, die bessere Welt selbst zu bauen. Das ist die neuzeitliche Option.

Das gebaute Paradies

In der frühen Neuzeit, im Übergang vom 16. zum 17. Jahrhundert, als die modernen Naturwissenschaften ihre Grundlage erhalten, verändert sich die Richtung des utopischen Denkens. Die bessere Welt liegt nun vor uns.

Es entsteht die Idee, dass Menschen sie durch Wissen, Wissenschaft und Technik selbst hervorbringen können.

Beim Dominikanermönch Tommaso Campanella zeigt sich das im «Sonnenstaat», bei den Rosenkreuzern – ihre Autorschaft wird in lutherischen Kreisen in Tübingen vermutet – in der Verbindung von geistiger Erneuerung und Naturerkenntnis.

Noch deutlicher wird die Idee bei Francis Bacon. In seiner utopischen Schrift «New Atlantis» steht mit dem «Haus Salomon» (angelehnt an die biblische Figur) eine Forschungsinstitution im Zentrum einer idealen Gesellschaft. Natur wird systematisch erforscht und technisch nutzbar gemacht, um Krankheiten zu bekämpfen und das menschliche Leben zu optimieren.

Den frühneuzeitlichen Utopien ist eines gemeinsam: Sie denken die bessere Zukunft zunächst noch stark von der christlichen Eschatologie her – vom Blick auf das kommende Reich Gottes.

Aus der Verbindung von Zukunftshoffnung, Wissenschaft und Technik entsteht später die moderne Fortschrittserzählung.

Heilsversprechen von Hightech

Heute kommen die grössten Erlösungsversprechen von Hightech: von künstlicher Intelligenz und grenzenloser Vernetzung bis hin zur Vision, das menschliche Leben mithilfe von Technologie zu verlängern.

Und der Blick fällt dabei auch wieder auf Utopien.

Eine eigenwillige zeitgenössische Deutung von Bacons «New Atlantis» kommt von Peter Thiel («Voyages to the end of the world»). Der evangelikal sozialisierte Venture Capitalist aus dem Silicon Valley, der Vorträge über den Antichrist hält, sieht das technisierte «New Atlantis» allerdings kritisch: die Insel Bensalem erscheine zwar christlich, aber sei letztlich «the establishment of a technocratic empire ruled by the Antichrist» – also ein technokratisches Imperium, regiert vom Antichrist.

Aber befördern nicht genau Akteure wie Thiel, die jegliche Regulierung ablehnen – ob aus humanen oder aus Umweltgründen –, Technokratie? Wer also ist antichristlich?

Schöne neue Welt

Das Silicon Valley hat die Techno-Utopie nicht erfunden, sondern führt eine lange Geschichte fort – nur sind die technischen Möglichkeiten heute sehr viel grösser.

Auch Social Media waren Teil einer grossartigen Zukunftserzählung.

Digitale Medien sollten Menschen verbinden, Wissen zugänglich machen und neue Gemeinschaften ermöglichen. Vieles davon ist tatsächlich eingetreten. Gleichzeitig aber bestimmen die Plattformen heute, wie diese Begegnungen stattfinden: Sie sortieren, empfehlen, messen und belohnen Aufmerksamkeit.

Den Profit erzielen einige wenige – und sie kooperieren immer enger mit Staaten, insbesondere im Militär- und Überwachungssektor.

Fälle wie Cambridge Analytica oder die gezielte Verbreitung von Desinformation haben gezeigt, dass private  Plattformen politische Meinungen und Prozesse erheblich beeinflussen können.

Damit ist die Frage, wie die Plattformen gestaltet und reguliert werden, zu einer brisanten gesellschaftlichen Frage geworden.

Wem gehört der soziale Raum?

Ein System, das maximale Verweildauer belohnt und Marktlogiken folgt, erzeugt andere Verhaltensweisen als eines, das auf überschaubare Gemeinschaften und persönliche Kommunikation ausgerichtet ist.

Algorithmen entscheiden inzwischen darüber, welche Formen des sozialen Lebens wahrscheinlicher werden.

Mit KI verschärft sich diese Problematik zusätzlich. Wenn künstliche Intelligenz immer stärker in Suche, Arbeit, Bildung und Kommunikation eingebaut wird, entscheidet sich an ihrer Gestaltung ebenfalls, wie wir künftig Wissen erwerben, Entscheidungen treffen und miteinander kommunizieren.

Die Zivilgesellschaft beginnt, Gestaltungsmacht zurückzufordern. Ein erstes Indiz dafür ist der Milliardenvergleich zwischen Meta und mehreren US-Bundesstaaten.

Wie könnte ein gutes Social Media aussehen?

Die Frage ist also nicht nur, wie die bestehenden Plattformen weniger schädlich werden könnten, sondern:

Wie können wir soziale Medien bauen, in und mit denen es sich gut leben lässt?

Es muss nicht zwingend einen endlosen Feed geben. Empfehlungen könnten nachvollziehbar und korrigierbar sein. Nutzerinnen und Nutzer könnten stärker mitbestimmen, nach welchen Kriterien ihnen Inhalte gezeigt werden. Kleine Gemeinschaften könnten wichtiger sein als maximale Reichweite. Und ein gutes Netzwerk müsste nicht daran gemessen werden, wie lange Menschen darin hängen bleiben.

Das wäre keine Rückkehr zum Pfirsichblütental und auch nicht die Verwirklichung von Bacons Zukunftstraum. Es wäre der Versuch, technische Möglichkeiten an einer Vorstellung vom guten Leben auszurichten.

Erst kürzlich hielt die Cyberaktivistin und ehemalige taiwanesische Digitalminister:in Audrey Tang in Zürich eine Rede, in der sie ein konkretes Beispiel erwähnte: «Pol.is», eine in Taiwan erprobte Plattform, die nicht auf Streit und Reichweite ausgerichtet ist, sondern auf Gemeinsamkeiten. Das System macht sichtbar, welche Aussagen über unterschiedliche Gruppen hinweg Zustimmung finden und wird u.a. erfolgreich in politsichen Meinungsbildungsprozessen eingesetzt.

Pol.is verstärkt nicht die extremsten Meinungen, sondern die Punkte, bei denen Menschen trotz ihrer Unterschiede übereinstimmen.

Der Ladebalken läuft noch… Vielleicht ist das gar nicht so schlecht. Wir wissen noch nicht genau, was kommt. Aber wir können darüber nachdenken, was wir eigentlich laden wollen.

 

Die RefLab-Tagung im Überblick

«Utopia Loading»: Wie machen wir Social Media menschlicher? 18. September 2026, 13:30–17:30 Uhr Evang.-ref. Landeskirche Zürich, Hirschengraben 50, 8001 Zürich.

An der Tagung stellen wir konkrete Beispiele vor: Der Fotograf Boris Baldinger erzählt von seinem Projekt «radikal ehrlich», und Sevgi Isaak, Beraterin für Social Media und digitale Kommunikation, stellt das Beratungsangebot der Zürcher Landeskirche für Kirchgemeinden vor. Weitere Beispiele zeigen, wie Kommunikation auf Social Media menschlich gestaltet werden kann. Hier geht’s zur Anmeldung.

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