Frankreich verbietet Social Media für unter 15-Jährige, Österreich hat kürzlich ein ähnliches Verbot erlassen. Social-Media-Verbote werden sich in vielen Ländern durchsetzen.
Auch hierzulande ist ein Social-Media-Verbot Thema, unter Fachpersonen ist es allerdings durchaus umstritten.
Was dafür spricht, den Zugang einzuschränken: Die Hirnforschung belegt negative Auswirkungen von hoher Bildschirmzeit auf die Gehirnentwicklung von Kindern und Jugendlichen. Selbstregulierung und Impulskontrolle sind aber in diesem Alter schwierig.
Kritiker:innen führen ins Feld, dass mit einem Verbot Probleme, die Social Media zugeschrieben werden, nicht gelöst würden: Vereinsamung, Mobbing, Fake News und hetzerische Positionen.
Auch die Wechselwirkungen zwischen Social Media und psychischer Gesundheit sind komplex – ein Kausalzusammenhang zwischen Krankheiten wie Angststörungen und der Nutzung sozialer Plattformen konnte bisher nicht nachgewiesen werden. Gegner:innen eines Verbots argumentieren auch, dass der Vergleich mit Suchtmitteln wir Alkohol oder Nikotin hinkt (lesenswerter Artikel von Philippe Wampfler).
Eine erste Studie aus Australien, wo ein solches Verbot seit Ende 2025 in Kraft ist, ist tatsächlich ernüchternd: Jugendliche können die Sperre problemlos umgehen, sodass die gewünschten Wirkungen ausbleiben.
Wer hat hier ein Problem?
Schaut man sich im Alltag um, sind es nicht nur die Jugendlichen, die ständig am Smartphone sind. Im Zug und Tram, im Fitness-Center, unterwegs auf der Strasse, zu Hause: Das Smartphone ist omnipräsent.
Nun ist Abhängigkeit per se noch nichts Negatives. Sich in Abhängigkeiten zu befinden, gehört zum Menschsein dazu: Wir sind abhängig von Menschen, die Nahrungsmittel herstellen und abhängig von sauberem Trinkwasser. Kinder sind abhängig von erwachsenen Bezugspersonen und wenn wir krank oder gebrechlich sind, brauchen wir andere, die sich um uns kümmern. Aus christlicher Sicht geht all dem auch eine existenzielle Abhängigkeit von Gott, dem Schöpfer, voraus.
Abhängigkeit ist also nicht zwingend zu vermeiden. Der Knackpunkt besteht darin, zu unterscheiden, wovon man sich abhängig macht, und ob dies zum Menschsein im besten Sinne beiträgt oder nicht.
Regeln, Verbote und Tugenden
Auch in Bezug auf Smartphones und Social Media ist eine differenzierte Betrachtung angezeigt: Die digitalen Technologien erlauben zwischenmenschliche Verbindungen und vereinfachen in mancherlei Hinsicht den Alltag. Diabetiker:innen verfolgen ihren Blutzucker über eine App, Verwandte bleiben über Kontinente hinweg in Kontakt.
Die Kehrseite ist jedoch offensichtlich. Was als Verbesserung angelegt war, rührt oft an Sucht. Auch Erwachsene landen nach Feierabend oft im Rabbit Hole und haben hohe Bildschirmzeiten.
Dabei trifft auf viele von ihnen zu, was mit dem Verbot angestrebt wird: Sie hatten bis ins Teenageralter noch keine digitalen Geräte.
Den Zugang zu Social Media einfach einzuschränken, fördert also nicht automatisch einen klugen Umgang damit.
Auch wenn Regeln dazugehören und auch bei diesem Thema in der Erziehung angezeigt sind, reicht es – wie in vielen Lebensbereichen – nicht, wenn Eltern, Schulen oder die Gesellschaft bloss ein Verbot aussprechen.
Ein besonnener Umgang mit der eigenen Zeit, mit Nachrichtenquellen, ist eine Tugend, und wie jede Tugend muss er gelernt werden. Dazu braucht es Vorbilder, Bildung und Übung.
Die Tugend der besonnenen Online-Nutzung
Der Begriff der Tugend klingt altmodisch, erlebte jedoch in der Philosophie Ende des 20. Jahrhunderts mit Alasdair MacIntyre oder Martha Nussbaum eine Renaissance. Auch für den Umgang mit Social Media scheint er sich zu eignen.
Er geht zurück auf Aristoteles, der fragte, wie ein Mensch glücklich wird. Der Philosoph stellte fest:
Aus Lust tun Menschen das Schlechte, aus Angst vor Schmerz vermeiden sie das Gute. Beides erfolgt gegen die eigene Vernunft.
Tugenden nun sind rational begründbare Charaktereigenschaften, welche sich antrainieren lassen und zu einem vernünftigen Umgang mit Herausforderungen führen. Zu den Tugenden zählt Aristoteles beispielsweise Grosszügigkeit, Besonnenheit und Tapferkeit.
Aristoteles skizziert dabei eine «Lehre von der Mitte»: Das tugendhafte Verhalten in Bezug auf ein Thema sei, sich bei den Möglichkeiten im Umgang damit nicht an den Enden, sondern in der Mitte des Spektrums zu bewegen. In Bezug auf den Umgang mit Geld etwa bedeutet das, weder geizig noch verschwenderisch zu leben, sondern freigebig mit Geld umzugehen.
Um eine Tugend zu erlangen und sich der Mitte anzunähern, gilt es, so Aristoteles, jeweils denjenigen Pol anzusteuern, zu dem man von Natur aus eher weniger geneigt ist.
Zwischen Abstinenz und Rabbit Hole
Das Modell lässt sich gut auf den Umgang mit Social Media und digitalen Medien anwenden.
Völlige Abstinenz versperrt den Zugang zu vielen heute gängigen Informations- und Alltagsmöglichkeiten. Hingegen verschliesst ein Übermass an Digitalkonsum den Blick für Aspekte der Welt und des Lebens, die sich im zwischenmenschlichen Gegenüber und im physischen Kontakt mit der Realität abspielen.
Vermutlich stellt für die meisten eher zweiteres die Versuchung dar.
Die eigene Bildschirmzeit einzuschränken, das Handy mehr wegzulegen, sich körperlich zu bewegen und soziale Kontakte zu suchen, ist also ein erstrebenswerter Weg.
Sind wir also einfach faul und bräuchten nur etwas mehr Disziplin?
Aufgrund der Funktionsweise von Apps und Algorithmen, die an einer möglichst hohen Nutzungsdauer interessiert sind, ist eine solche Selbstregulierung zwar nicht unmöglich, aber auch nicht einfach. Gerade für Kinder und Jugendliche, deren Gehirn sich noch in der Entwicklung befindet.
Das soziale und gesellschaftliche Setting ist entscheidend
Spricht das nun wieder für ein Verbot?
Nein. Erstens gilt es für alle Bereiche, in denen Tugenden gefragt sind, dass das vernünftige Handeln der schwierigere Weg ist, aber durchaus eingeübt werden kann.
Und zweitens betont schon Aristoteles die Wichtigkeit des sozialen Settings. Da Kinder noch keine voll entwickelte rationale Einsicht haben, seien sie auf das soziale Gefüge angewiesen.
Jugendliche orientieren sich an Vorbildern (Nachahmung, «Mimesis»). Wenn die Erwachsenen in ihrem Umfeld Tugenden vorleben, ist es einfacher, sie zu erlernen. Anstatt Jugendlichen ein Verbot aufzuerlegen, gilt es, den eigenen Umgang mit den Smartphone kritisch zu hinterfragen. Sich selber an der Nase und öfter mal ein Buch in die Hand zu nehmen.
Zudem sei es aber auch wichtig, so der antike Philosoph, dass die Umgebung so gestaltet werde, dass tugendhaftes Handeln überhaupt möglich und attraktiv sei.
In diese Richtung gehen Bestrebungen, die Plattformen stärker in die Pflicht zu ziehen: Sodass sie etwa Algorithmen programmieren, die nicht suchtgefährdend wirken (dies versucht die EU aktuell bei TikTok einzufordern).
Denn wenn die Verantwortung allein den Konsument:innen auferlegt wird, wird gesellschaftlicher Wandel durch kapitalistische Systeme verhindert.
Dort, wo gewichtige gesellschaftliche Interessen oder das Wohl von Personen geschützt werden müssen, seien auch gesetzliche Regulierungen legitim, argumentierte jüngst Philosophin Barbara Bleisch in einem anderen Zusammenhang. Jedoch ist es viel sinnvoller, an der Quelle anzusetzen und die Gesetze bei den Social-Media-Plattformen anzusetzen, als zu versuchen, über ein Verbot die Nutzer:innen zu erziehen. Schliesslich sind es auch die Konzerne, die finanziell massiv von den Apps profitieren.
Welche Rolle spielen wir?
Auch das RefLab nutzt Social Media. Und immer wieder reflektieren wir unsere Nutzung der Plattformen und analysieren ihre Funktionsweise kritisch.
Gleichzeitig kommt ein Rückzug davon nicht infrage, denn von den 15- bis 75-Jährigen in der Schweiz sind zwei Drittel regelmässig auf Instagram (Quelle: IGEM Digimonitor). Viele von ihnen sind spirituell interessiert, und christliche Inhalte einfach fundamentalistischen Accounts zu überlassen, die auf Social Media eine ungleich grössere Reichweite haben als theologisch fundierter Content, ist die falsche Alternative.
An der Tagung «Utopia Loading: Wie machen wir Social Media menschlich?» zeigen wir inspirierende Beispiele einer positiven Nutzung von Social Media. Hier geht’s zu den Infos und zur Anmeldung.
Grafik von Rizki Kurniawan auf Unsplash







