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 Lesedauer: 7 Minuten

Die Krise der Männlichkeit

Die «Manosphere» als Orientierungsraum

Männlichkeit, «Manosphere», Identitätskrise und politischer Rechtsrutsch unter jungen Männern: Man muss nicht lange suchen, um bei grösseren Medienanbietern Reportagen dazu zu finden. Fragen um die Männlichkeit und das Mannsein sind aktuell und scheinen an Aktualität nur noch zuzunehmen.

Die «Manosphere» ist ein loses Online-Netzwerk von Communities und Influencern, die sich mit Männlichkeit, Geschlechterrollen und Beziehungen beschäftigen. Dabei vertreten sie oft traditionelle, antifeministische oder frauenfeindliche Positionen und das anzustrebende Ideal ist klar:

Vorbilder sind (physisch) starke Männer, die Durchhaltewillen propagieren und Schwäche als etwas sehen, das man überwinden muss. Erfolg, der um jeden Preis erkämpft wurde, wird als identitätsstiftend und -begründend vorausgesetzt.

Häufig sind die Bilder, die jungen Männern von Algorithmen zugespielt werden, materialistisch und hedonistisch: Charakterzüge wie Selbstvertrauen (Dominanz), Durchsetzungsvermögen (Aggressivität) und Disziplin (Leistungszwang) dienen dazu, den Zugang zu mehr Geld, Luxusgütern, gutem Aussehen und Frauen zu ermöglichen.

Solche Inhalte vermischen sich mit solchen, die Materialismus kritisieren und dafür traditionelle Weltanschauungen predigen, die unter jungen Männern immer häufiger Anklang finden. Etwa die Rollen des Ernährers und der Hausfrau, ein traditionelles Familienbild sowie ein von strikten Wertstrukturen geprägtes Christentum.

Die algorithmische Spirale kann dabei zu immer gravierenderen Inhalten und schlussendlich zu extremistischem Gedankengut führen.

Von radikalen Ausprägungen des Islams, rechtsextremistischen und religiösen Verschwörungstheorien bis zu Incel-Inhalten, die Gewalt an Frauen glorifizieren, ist in der «Manosphere» alles auffindbar.

Zwischen Täterschaft und Verletzlichkeit

Die schlimmsten Ausprägungen der «Manosphere» laufen darauf hinaus, dass andere auf physische oder psychische Art verletzt werden. Dabei kann aus dem Blick geraten, dass junge Männer, die sich von solchen Strömungen überzeugen lassen und sich an der ausgeübten Gewalt beteiligen, gleichzeitig Täter und Opfer sind.

Wichtig: Weder eine Verharmlosung der zugefügten Verletzungen noch eine Verantwortungsverschiebung («Victim Blaming») sind damit gerechtfertigt.

Denn natürlich sind die jungen Männer, die sich von Algorithmen verführen lassen, handlungsfähige Menschen, die eigene Entscheidungen fällen können und für die Konsequenzen ihrer Handlungen Verantwortung tragen müssen.

Dass solche Inhalte, bei denen explizit oder implizit die Frage nach dem Mannsein im Fokus steht, zunehmend die Aufmerksamkeit junger Männer gewinnen, zeigt aber auf, dass in dieser demografischen Gruppe ein grosses Bedürfnis nach Orientierung vorhanden ist. Dieses wird offenbar andernorts nicht genügend gestillt.

Warum es uns alle betrifft

Die «Krise der Männlichkeit» ist aber etwas, das nicht nur diese Gruppe betrifft, sondern uns alle und die Gesellschaft als Ganzes.

Das einerseits, weil Frauen, nicht-heteronormativ lebende Menschen, Menschen mit Migrationshintergrund oder Männer, die nicht ins Schema passen, auf verschiedenste Weise davon bedroht sein können.

Aber auch, weil die Produkte solch verkürzter Ideologien – asoziale, egoistische, infantile und impulsive Männer – bei der konstruktiven Gestaltung, Bewahrung und Entwicklung unserer Gesellschaft wenig beitragen werden.

Gerade junge Menschen sollten in diesem Bereich zunehmend mitgestalten. Wenn da eine grössere Gruppe wegfällt oder sogar in entgegengesetzte Richtungen arbeitet, ist das spürbar.

Letztlich – und dieser Punkt scheint mir ebenfalls wichtig:

Es betrifft uns, weil die meisten von uns geliebte Menschen in unserem Leben haben, die zu der betroffenen Gruppe gehören.

Brüder, Söhne, Cousins, Enkel, Freunde oder Partner, die vielleicht ebenfalls mit der Frage zu ihrem Selbst und der Rolle des Mannseins ringen.

Weil die «Krise der Männlichkeit» eine gesamtgesellschaftliche Krise ist, sind auch Antworten und Lösungsvorschläge gefragt, die nicht nur eine Personengruppe in den Blick nehmen. Sondern solche, die der Komplexität des Problems gerecht werden und die Nöte, die es verursachen, richtig angehen.

Innere Not und falsche Antworten

Denn die Situation junger Erwachsener ist anstrengend und anspruchsvoll. Die Phase des Wandels vom Kind zum Erwachsenen ist geprägt von Unsicherheiten und Orientierungslosigkeit.

Die innere Not, die da entsteht, wird durch Inhalte der «Manosphere» zwar abgeholt, aber bestimmt nicht behoben.

Ich – als junger Mann – weigere mich zu glauben, dass Chauvinismus, Materialismus, Workaholismus, rigide, von aussen vorgegebene Selbstbilder oder extremistische Überzeugungen ein gutes, glückliches und erfüllendes Leben ermöglichen können.

Ich bin überzeugt, dass selbst die «Gewinner» der «Manosphere», die Alphatiere der Alphatiere, in Wahrheit trostlose, armselige und leere Menschen sind. Denn schlechte Bäume können keine guten Früchte tragen.

Gesellschaftliche Verantwortung

Unsere Gesellschaft muss den Anspruch haben, ein Umfeld aufzubauen, das suchende und fragende junge Männer abholt und integriert. Ein Umfeld, das ihr Hadern ernst nimmt, das begleitet, berät, bestärkt und ermöglicht. Die Haltung, dass es nur ihr Problem ist und dass sie selber schuld sind, genügt nicht.

Es gibt schon Vorschläge, was diese jungen Männer anders machen sollten. An Kritik mangelt es nicht. Die Kritik ist häufig gerechtfertigt und trotzdem muss man sich grundsätzlich fragen:

Was ist das endgültige Ziel, das wir erreichen wollen?

In der Politik gibt es dazu Ansätze und Vorstösse. Das Thema der Gewalt an Frauen z. B. ist für verschiedenste Politikerinnen ein Kernanliegen ihres politischen Schaffens. Ihre Vorstösse und Methoden lösen teilweise grosse Sympathien, aber auch Kontroversen aus. Primäres Ziel dieser Vorstösse ist der Schutz vulnerabler Personen.

Das ist gut so. Da ist die Politik in der Verantwortung: Sie muss Schutz gewährleisten.

Gleichzeitig muss man sich bewusst sein, dass Schutz vor den Auswirkungen eines Problems und die Lösung desselben häufig nicht dasselbe sind. Es braucht mehr. Es braucht Ansätze, die bei der Ursache ansetzen.

Auch da gibt es schon Ideen, aber auch noch Luft nach oben.

Vom Selbstschutz zur aktiven Auseinandersetzung

Eine nachhaltige Lösung des Problems bedingt aktive Auseinandersetzung damit. Dass das nicht alle können ist okay. Selbstschutz ist wichtig. Durch die «Manosphere» und die dort vertretene Ideologie wird viel Leid erzeugt – Leid, vor dem man sich schützen dürfen soll.

Aber die von uns, die weniger betroffen sind, die den Schutz nicht brauchen oder sogar die, die trotz Betroffenheit hinter dem Schutz hervortreten wollen, müssen sich dem Problem stellen.

Das ist einfacher, wenn man den jungen Männern aufrichtig helfen will. Wenn ihr Wohlergehen ein echtes Anliegen ist und deshalb ihre Bedürfnisse und Ängste ernst genommen werden können.

Nachfragen statt vorschnell korrigieren

Um diese Bedürfnisse und Ängste zu verstehen, dürfen die ersten Schritte nicht Kritik, gefolgt von Korrekturvorschlägen sein.

Am Anfang steht etwas anderes: zuhören und nachfragen.

Eine Haltung, die verstehen will, geprägt von Mitgefühl und dem Wunsch, es für jene besser zu machen, für die wir als unsere Nächsten Verantwortung tragen und deren Entwicklung uns als Teil der nachfolgenden Generation am Herzen liegt: die jungen Männer unserer Gesellschaft.

Dabei sollten wir uns nicht scheuen, dem Monster ins Auge zu schauen und zu fragen:

«Was ist es genau, was die Manosphere jungen Männern bietet?» «Welche Fragen, Bedürfnisse und Ängste stecken dahinter?», «Wo gehen die Antworten falsch, die geliefert werden?», aber auch – meist ausserhalb dessen, was man als «Manosphere» bezeichnet – «Welche sonst bestehende Deutungsangebote haben Richtiges?» und «Wie kann man(n) Spreu vom Weizen trennen?»

Es gibt Alternativen zur «Manosphere»

Die «Manosphere» ist nicht alternativlos. Es gibt interessante, innovative Angebote für junge Männer und es gibt Bewegungen, die ganz andere Männlichkeitsbilder übermitteln.

Gerade erst war ich an einem Männerwochenende in einem Kloster.

Der Rahmen der persönlichen und gemeinschaftlichen Glaubenspraxis schien Räume zu öffnen. In diesen konnten Männer offen vor Berührung weinen. Im geteilten Gebet und im gegenseitigen Segnen wurden gemeinsame Heilung und Wachstum gefördert.

Die Räume, die bei den Diskussionen und in den Kleingruppen immer wieder entstanden, zeigten mir, dass es unter Männern ein Bedürfnis nach Echtheit gibt. Nach Verletzlichkeit, Reflexion und dem gemeinsamen Teilen.

Was Angebote für junge Männer brauchen, insofern sie das nicht schon haben, ist eine Orientierung an den Bedürfnissen, Wünschen, Fragen und Ängste der Zielgruppe.

Die Interaktion, das «Zugehen» auf die jungen Männer, darf nicht primär von den Überzeugungen derer geprägt sein, die das Angebot machen.

Es muss vorerst mit dem gerungen werden, was da ist und nicht zuerst ein Anspruch gestellt werden, was da sein sollte.

Es gibt zahlreiche Bewegungen und Institutionen, die ähnliche Angebote entwickeln könnten. Schulen wären ein naheliegender Ort, um mit Jungen und jungen Männern offen und ehrlich über Fragen des Mannseins ins Gespräch zu kommen. Auch die Kirche hat in diesem Bereich viel unausgeschöpftes Potenzial einzubringen. Nebst den politisch aktiven Vereinen in diesem Gebiet, gibt es gesamtgesellschaftliche Institutionen, die hier viel beisteuern könnten.

Ein anderer Zugang als nötiges Wagnis

Auch wenn es schwieriger ist, offen auf dieses Problem zuzugehen, organische Entwicklung zuzulassen und Antworten nicht schon im Voraus ausformuliert zu haben, ist das meines Erachtens langfristig das Einzige, was authentische Begleitung und Begegnung ermöglicht.

Das ist ein Wagnis. Aber es ist ein Wagnis, dem wir uns in der Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, gegenüber den besonders vulnerablen Personen und gegenüber den jungen Männern, die uns ein Anliegen sind, stellen müssen.

Beitragsbild von wirestock auf Envato

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