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 Lesedauer: 4 Minuten

Gott atmen

Man muss nicht an Gott glauben, um ihn zu atmen. Was, wenn der erste und der letzte Atem unseres Lebens bereits Gebet sind? Und wenn in unserem Atmen eine tiefe Verbindung zu Gott, zur Erde und zu allen Lebewesen liegt?

Der Name, den man nicht sagt

In der jüdischen Tradition wird der Gottesname nicht ausgesprochen. Am brennenden Dornbusch offenbart sich Gott Mose als JHWH – das sogenannte Tetragramm. Vier Konsonanten. Kein aussprechbares Wort.

In mystischen Strömungen des Judentums findet sich jedoch eine faszinierende Deutung: Der Gottesname kann nicht gesprochen werden – aber er kann geatmet werden.

Das Geräusch des Ein- und Ausatmens sei der eigentliche Klang des Namens Gottes.

Wer atmet, sagt Gott.

Wenn das stimmt, dann ist jeder erste Atemzug eines Neugeborenen ein unbewusster Anruf Gottes. Und jeder letzte Atemzug ein Rückgeben dieses Namens.

«Und er hauchte ihm den Atem ein.»

Genesis 2 – das zweite Kapitel der Bibel – erzählt die Erschaffung des Menschen: Gott formt den Menschen aus Erde. Das hebräische Wort «yatsar» (formen) bedeutet: töpfern. Gott kniet gewissermassen im Staub, seine Hände berühren die Erde.

Der Mensch ist kein Massenprodukt. Er ist ein Kunstwerk. Gott hat mich nicht hergestellt – er hat mich geformt.

Ein Kunstwerk ist einzigartig. Wenn ich mich ständig mit anderen vergleiche, habe ich vielleicht vergessen, dass ich als Unikat gedacht bin.

Doch dann geschieht noch etwas Zärtlicheres: Gott haucht dem Menschen den Atem des Lebens in die Nase. Erst dadurch wird er ein lebendiges Wesen.

Man könnte sagen: Gott hat mich ins Leben geküsst.

Würde für alle

In anderen altorientalischen Kulturen war das Einhauchen göttlichen Atems ein königliches Privileg. Pharaonen wurden als von den Göttern geküsst dargestellt, als Empfänger des göttlichen Lebenszeichens.

Genesis 2 radikalisiert diese Vorstellung. Nicht nur der König. Nicht nur der Mächtige. Sondern der Mensch schlechthin – Adam – bekommt göttlichen Atem.

Was einst Herrschern vorbehalten war, wird hier zur Würde aller.

Der göttliche Atem adelt jeden Menschen. Ohne Rang. Ohne Status. Ohne Hierarchie.

Erdling und Himmelshauch

Das hebräische Wort für Mensch – «adam» – hängt mit «adamah», der Erde, zusammen.

Der Mensch ist ein Erdling. Er kommt aus Staub. Und er trägt Gottes Atem in sich. Diese doppelte Herkunft ist kein Widerspruch, sondern eine Spannung: Erde und Himmel. Staub und Geist. Materie und Atem.

Vergisst er seine Erdverbundenheit, wird er überheblich.
Vergisst er seinen göttlichen Atem, wird er innerlich leer.

Beides widerspricht seinem Wesen.

Ein Atem für alle

Wenn der Gottesname im Atem klingt, dann gibt es keine nationale Art zu atmen. Keine religiöse. Keine kulturelle. Wir alle leben vom gleichen Vorgang: Luft strömt ein. Luft strömt aus. In jedem Atemzug sind wir abhängig. Verletzlich. Verbunden.

Der Atem kennt keine Grenzen – er verbindet alles Lebendige.

Er verbindet Menschen über politische Konflikte hinweg. Er verbindet Generationen. Er verbindet uns mit Tieren, mit Bäumen, mit allem, was lebt.

Kann es dann eine absolute Trennung geben, wenn wir denselben Lebenshauch teilen?

Spiritualität ohne Flucht

Eine Spiritualität des Atems ist keine Weltflucht. Sie führt nicht weg von der Erde, sondern tiefer in sie hinein.

Denn wer weiß, dass er «Erdling» ist, wird achtsam mit der Erde umgehen.
Und wer weiß, dass er vom Atem Gottes lebt, wird sich selbst und andere nicht geringschätzen.

Vielleicht beginnt Glaube nicht mit dem richtigen Bekenntnis, sondern mit dem Atmen.

Einatmen. Ausatmen. Und im leisen Rauschen unseres Atems spricht Gott seinen Namen.

Martin Thoms ist ein Theologe, Autor und Dozent aus Bochum. In seinem neuen Buch «Urgeschichte – Spiegel der Menschheit» schreibt er über die ersten Kapitel der Bibel. Dieser Blogbeitrag ist an das Buch thematisch angelehnt. Überdies bietet Martin Coaching und Online-Kurse zu Gott & Glaube an, z. B. ab 28. April 2026 zur Urgeschichte und Themen dieser Blogserie. Mehr dazu auf seiner Homepage.

Foto von Elina Sazonova auf Unsplash

5 Kommentare zu „Gott atmen“

  1. Danke, lieber Martin, für mich als gläubigen Menschen ist es äusserst tröstlich und macht mich gelassen, dass die Kanäle zwischen Gott und mir so vielfältig sind, so geerdet. Dass mein Beten oft nicht mehr sein muss als ein tiefes Ein- und Ausatmen, ein Jauchzen, ein Seufzen. Ich fühle mich ständig vom Geist Gottes umspielt.
    Aber was ist mit denen, die religiös unmusikalisch sind, eben weder gottesgläubig noch spirituell. Denen, die auch aufgrund von schlimmen Erfahrungen nur ohne Gott frei atmen können? Ist es nicht eine Vereinnahmung, wenn wir da einfach behaupten: Ihr seid Euch der Tatsache lediglich nicht bewusst, aber mit jedem Atmen betet ihr irgendwie, seid im Austausch mit Gott.
    Ich finde es ganz wichtig, dass wir nicht nur mit der augustinischen Tradition betonen, dass der Geist Gottes das einigende Band der Liebe ist, ein Medium, durch das wir alle miteiander und mit Gott verbunden sind. Der Geist Gottes will und stiftet auch Andersheit und Unterschiedlichkeit. Er infiltriert mich nicht einfach unbewusst. Er vereinnahmt nicht.
    Meine Frage wäre also an mich selbst und Dich, die wir beide solche Gedanken mögen: Wo beginnt eine ungeistliche Vereinnahmung?

    Antworten
    • Danke @Andreas Loos für die Frage nach Vereinnahmung, und danke @Martin Thoms für den vorausgehenden Beitrag. Schwingt hier im christlichen Kontext nicht die grundsätzliche Frage mit, ob es so etwas wie „echte Freiheit ohne Christus“ geben kann? Zugespitzt ließe sich das vielleicht zwischen zwei Polen aufspannen, einer exklusiv christologisch bestimmten Freiheitslehre, nach der wahre Freiheit einzig im Befreiungsgeschehen Christi erschlossen wird, etwa in vielen protestantischen Lesarten, wie bei Barth und Jüngel, und einer schöpfungstheologisch grundgelegten Freiheitsanthropologie, die menschliche Freiheit als von Gott bedingungslos bejahte und zugleich restlos eingeforderte Autonomie versteht, etwa in vielen katholischen Lesarten, wie bei Pröpper, Striet und Goertz. Die Frage „Wo beginnt eine ungeistliche Vereinnahmung?“ berührt in meinen Augen eine eigentümliche Spannung innerhalb christlicher Theologien: jene zwischen einer christozentrischen Soteriologie und einer schöpfungstheologisch grundgelegten Freiheitsanthropologie. Wie diese Spannung im Einzelfall ausverhandelt wird, bleibt wohl eine Frage individueller Gewichtung und vor allem der eigenen Biografie.

      Antworten
      • Danke @Tom Sojer für das Einspielen dieser beiden Pole von Schöpfung und Erlösung, Freiheitsanthropologie und Freiheitssoteriologie. Tatsächlich geht es mir darum, dass wir die grundlegende Bezogenheit aller Kreaturen und vor allem des Menschen auf den Schöpfer immer als Grund geschöpflicher Andersheit von Gott und damit als Freiheit des Menschen zu sich selbst verstehen. Pannenberg und andere verbinden den Odem des Lebens in exegetisch überzeugender Weise mit dem Geist des Lebens und dem Geist Gottes. Die Verbundenheit des lebendigen und atmenden Menschen mit Gott geht immer einher mit ihrer Andersartigkeit und der Gabe der Freiheit. Gottes Geist ist sozusagen das Medium von Verbundenheit und gleichzeitig Unterschiedlichkeit. Letztere zeigt sich unter anderem darin, dass der Geist des Lebens im Rahmen einer biblischen Anthropologie niemals Teil oder Besitz des Menschen wird. Gott kann ihn wieder zu sich nehmen, so dass der Mensch stirbt. So passend es sein und so schön es klingen mag zu sagen: Ich atme Gott: Ich bin mir da nicht ganz sicher. Sollten wir nicht etwas vorsichtiger sagen: Ich atme in ihm, in seiner Kraft, in seiner Lebendigkeit, die ich ihm verdanke? Wenn aus der kreatürlichen Gottesbezogenheit in der Kraft des Geistes eine personale Gottesbeziehung wird (das wäre dann soteriologisch gesprochen die Befreiung der Freiheit), dann finde ich es wunderbar zu sagen oder zu hören: Ich atme Gott. Und ist es nicht schön, dass kein dogmatischer Skalpell der Welt die Grenze zwischen Gott trennscharf ziehen kann? Wo ist mein Atem meiner, wo ist es der Atem Gottes? Wo haucht Gottes Geist in mir “Abba”, und wo hauche ich im Geist “Abba”?

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  2. Im Atem manifestiert sich die Allgegenwart Gottes, seine/ihre Lebendigkeit. Der Sanskrit-Ausdruck dafür ist “Prana”. Der individuelle Atem jedes Menschen ist einzigartig und einmalig, so wie jede einzelne Welle im Meer einzigartig und einmalig ist. Das Welle-Da-und-Sosein-an-sich jeder Welle ist allen Wellen gemeinsam, ist universell. So ist der Atem gleichzeitig Ausdruck von Einheit und Vielfalt, von Verbundenheit und Individualität. Erscheint Prana, Atem, Hauch im Alten Testament nicht auch als “Ruach”, ein hebräisches weibliches Wort?

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    • Wunderbar inspirierende Beitrag und Kommentare. Ich habe bei der Auseinandersetzung mit dem Begriff ruach im Alten Testament verstanden, dass Gott nicht einfach mit Atem, Wind oder Geist identisch gedacht wird, sondern vielmehr als die bewegende und wirksam gegenwärtige Kraft in diesen Erscheinungsformen. Darin könnte auch ein Unterschied zu neshama liegen, das stärker den eingehauchten Lebensatem bezeichnet.

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