
Der Sog der Bilder
Es sind Bilder, die einen hineinziehen, noch bevor das bewusste Denken einsetzt. Ein Licht, das weich durch ein Küchenfenster fällt. Hände, die Teig kneten, ruhig und rhythmisch, als gäbe es keine Eile. Ein Kind im Hintergrund, das nicht schreit.
Ich merke, ich bleibe eine Spur länger im Feed hängen, als ich eigentlich will.
Sogenannte Tradwives – Abkürzung für «traditional wives», traditionelle Ehefrauen – haben in sozialen Medien zum Teil Millionen Followerinnen. Sie inszenieren das Hausfrauendasein als ästhetisches Alltagsspektakel.
Mehr als nur Lifestyle
Was als Tradwives-Content zirkuliert, ist aber nicht bloss ein ästhetischer Lebensstil. Es wird damit ein bestimmtes Narrativ transportiert: die Rückkehr zur «guten alten Zeit» mit klarer Rollenverteilung zwischen Mann und Frau.
Er verdient Geld, sie backt Plätzchen.
Zahlreiche Medien haben das Phänomen in letzter Zeit kritisch aufgegriffen.
Das Tradwives-Narrativ ist insbesondere dort nicht harmlos, wo es politisch und konservativ-theologisch aufgeladen wird. Dann erscheint die Unterordnung der Frau nicht mehr nur als eine individuelle Entscheidung, sondern als höhere, göttliche Ordnung.
Nicht: Ich mache das so, sondern: Man macht das so.
Wife Submission Content
Traditional womanhood wird so zu einem Marker für ein Christentum, das sich explizit gegen liberale Auslegungen des Glaubens stemmt. Und anschlussfähig für rechte Ideologie wird.
Einige Tradwives riefen offen dazu auf, Donald Trump zu wählen.
Verschiedene Tradwaves kämpfen explizit gegen Feminismus und Wokismus als die angeblichen Grundübel. Sich selbst sehen sie als «based», der Gegenbegriff zu «woke».
Die ursprüngliche Bedeutung von «based» ist: authentisch, mutig, der Wahrheit verpflichtet.
Die Bedeutung veränderte sich aber zuehmend in: bewusst gegen Political Correctness verstossen und dadurch Mut beweisen und Aufmerksamkeit erzielen.
Ein widersprüchliches Feld
Den Fokus allein auf Ideologie zu legen, greift allerdings zu kurz. Es übersieht, dass das Phänomen breiter und bunter ist. Die Accounts sind unterschiedlich wie die Frauen, die sie betreiben. Es gibt auch augenzwinkernde, selbstironische, postmoderne Spielarten.
Und es gibt Frauen, die wirklich leidenschaftlich gern kochen und Kinder haben – und das auch zeigen.
Zu den bekanntesten Influencerinnen zählen Hannah Neeleman (10 Mio Follower auf Instagram), eine frühere Ballerina und Mormonin mit zahlreichen Kindern und einem Mann mit Cowboyhut. Nara Smith (4,8 Mio) unterhält ihr Publikum mit «from scratch»-Kochvideos und Designeroutfits. Estee Williams lehnt ihren Look an die Ästhetik der Hollywood-Grösse Esther Williams aus den 1940er- und 1950er-Jahren an.
Kritik am liberalen Rollenmodell
Selbst jemand wie Savanna Faith Stone, die mit Wife-Submission-Content und religiös kodiertem Rollenbild gezielt evangelikale Milieus anspricht, spielt mit strategischer Mehrdeutigkeit.
Und doch teilen viele dieser Accounts eine implizite Kritik: am liberalen Rollenmodell, das Menschen mit XX-Chromosomen Multiples abverlangt: Erwerbsarbeit, Care-Arbeit, Selbstverwirklichung und dabei auch noch gut aussehen.
Manche Tradwives formulieren es offen: Wir wollen Kinder – nicht Karriere plus Kinder plus Selbstoptimierung.
Die ungelöste Care-Krise
Die bekannte Politologin, Theologin und feministische Denkerin Antje Schrupp gestand kürzlich im «Himmel & Erdung»-Podcast zu meiner Verblüffung ihre Faszination. Sie scrolle gern durch Tradwive-Accounts, das sei ihr «Guilty Pleasure».
In ihrem neuen Buch «Postpatriarchales Chaos» widmet die Differenzfeministin dem Phänomen ein Kapitel. Im Gespräch sagte sie:
«Nicht alles, was die Frauen in ihren Accounts machen, ist dumm.»
Und in einem Punkt stimmt sie ihnen zu: der Kritik daran, wie Care-Arbeit in liberalen Gesellschaften gehandhabt wird.
Unsere Gesellschaft ist auf Fürsorge angewiesen, hat diese aber systematisch entwertet und ausgelagert.
Das Paradox privater Öffentlichkeit
Tradwives reagieren durchaus auf eine reale Krisenerfahrung. Sie tun das aber nicht progressiv, sondern regressiv.
Eine einfache Rückkehr ins Patriarchat aber ist das keineswegs.
Das klassische Patriarchat hat Frauen ins Private verwiesen und eingehegt. Tradwives dagegen machen das Private radikal öffentlich – und monetarisierbar. Antje Schrupp sagt:
«Was weniger Privates kann es kaum geben, als das eigene Leben vor einem Millionenpublikum live zu streamen.»
Deswegen sind Tradwives auch keine klassischen Hausfrauen.
Arbeit, die nicht wie Arbeit aussieht
Und noch etwas fällt auf: Tradwives verweigern sich nicht nur einer positivien Lesart der weiblichen Emanzipation, sie verschieben auch ein älteres bürgerliches Ideal: dass nämlich die Frau, die auf sich hält, gerade nicht arbeitet.
Auch nicht im Haushalt.
Die Tradwives dagegen kneten unentwegt Teig, pflanzen Gemüse und füttern Lämmchen aus der Milchflasche (Hannah Nehlemann in dreckiger Koppel mit strahlend weisser Bluse).
Tradwives verrichten also Tätigkeiten, die traditionell an Mägde und Dienstboten ausgelagert wurden.
Bereits der Ökonom und Soziologe Thorstein Veblen hat in seiner Analyse der «Leisure Class» präzise herausgearbeitet: Der Statusgewinn in der bürgerlichen Familie lag darin, dass die Frau nicht arbeiten muss.
Genau dies war sichtbares Zeichen männlichen Wohlstands.
Archaische Botschaft, moderne Akteurinnen
Tradwives sind harte Arbeiterinnen, aber Arbeit soll wie Nicht-Arbeit aussehen oder sogar wie Luxus.
Die Härte der Arbeit – Haushalt, Kinder, Contentproduktion – wird ausgeblendet; sie verschwindet hinter einer Märchentapete des erfüllten Hausfrauendaseins.
Als Influencerinnen verkaufen Tradwives archaische Bilder, aber dies mit modernsten medialen Mitteln. Sie sind gerade keine Relikte einer vergangenen Ordnung, sondern hochmoderne Akteurinnen.
Die Einflussreichsten unter ihnen verdienen mehr Geld als ihre Männer, denen sie sich angeblich unterordnen.
Symbolische Selbstausbeutung
Tradwives übersetzen ihr Leben, ihren Körper, ihre Kinder, ihre Partner fortwährend in Content – die Grenze zur symbolischen Selbstausbeutung ist fliessend.
Doch, und darin beseht vielleicht die tiefere Irriatation: Auch das liberale Modell ist anstrengend und oft nicht so befreiend, wie es vorgibt.
Auch das liberale Modell kennt Abhängigkeiten: vom Markt, vom Arbeitgeber, von der Logik permanenter Selbstoptimierung. Deshalb ist es wohl nicht übertrieben zu behaupten:
Broterwerb oder Brot backen – was sich verändert, ist die Art der Abhängigkeit, aber nicht die Struktur.
Reale Sehnsucht, illusorische Bilder
Tradwives berühren mit ihren Bildern etwas, das sich nicht einfach ideologisch widerlegen lässt.
Tradwives-Content geht auf TikTok & Co. wohl auch deswegen viral, weil er eine reale Sehnsucht bedient: nach Entlastung, nach Eindeutigkeit, nach einem Leben, das nicht permanent verhandelt werden muss.
Das Problem ist nicht, dass Frauen hinter den Herd zurückkehren. Das Problem ist, dass eine komplexe gesellschaftliche Krise in einfache, widerspruchsfreie, weichgespülte Bilder übersetzt wird.
In die Illusion einer von Überlastungen und Widersprüchen befreiten Gegenwart: in der das Licht stets weich durchs Küchenfenster fällt, Hände ruhig und rhythmisch den Teig kneten, als gäbe es keine Eile. Und ein Kind im Hintergrund nicht schreit.
Ertappst du dich manchmal bei dem Gedanken, einfach auszusteigen und zu Hause zu bleiben?
- Zum Thema «Treadwives – ein biblisches Frauenideal« gibt es auch eine 5-minütige Audiofolge (Minisode) von «Himmel & Erdung», eingebettet in diesen Blogbeitrag oder bei Spotify & Co.
- Das Thema Tradwives klang auch kurz in einer Langfolge von «Himmel & Erdung» mit der Politikwissenschaftlerin, Theologin und feministischen Denkerin Antje Schrupp an (ab Minute 36). In der Episode geht es um Bro-Culture und die Vereinnahmung der Religion von Rechts: «Bro-Culture: Über Brüder, die Gott spielen»








1 Kommentar zu „Tradwives: Gefährliche Hausfrauen“
Ich liebe Frauen die einen anderen Weg gehen. Es fordert Mut, Hingabe, Verantwortungsbewusstsein, Vertrauen…
Ich bin bei dir, dass wir die unterschiedlichen Menschen und daraus entstehenden „Social Media” Phänomene nicht immer direkt schubladisieren sollten.
Die Frage ist: warum macht man das, was man macht?
Worauf beruft man sich?
Aus welcher Überzeugung macht man es?
Weil es einem gesagt wurde?
Ist es aus einem Mangel heraus entstanden?
Einem inneren Wunsch? Kompensation?
Oder weil man natürlich sich dahin entwickelt hat?
Wenn man diesen Lifestyle dann nach aussen präsentiert/zeigt als sogenannte „Tradwife” dann prägt das, was man als „Rolemodel” vorlebt, und schnell kann es in radikale Richtungen gehen.
Es gibt nicht die eine Wahrheit hinter dem Phänomen „Tradwives”
Die „Tradwives”, die ich kenne, leben selbstständig, oder mit einem eigenständig aufgebauten passiven Einkommen, im Einklang mit Mutter Natur und Familie oder auch poly.
Leben und leben lassen.