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Hartmut Rosa: «Situation und Konstellation» – eine Gegenwartsdiagnose und ihre blinden Flecken

Mit dieser Folge bekommt «mindmaps» einen Relaunch: Der Podcast bleibt philosophisch, richtet den Blick aber stärker auf aktuelle Bücher, die Debatten prägen, unsere Gegenwart deuten und auch für Theologie und Kirche relevant sind. Manuel Schmid und Peter Hempelmann befragen solche Texte kritisch und erkunden ihren Ertrag für Theologie und Kirche.

Zum Auftakt dieses neuen Formats sprechen Manuel und Peter über Hartmut Rosas Essay «Situation und Konstellation. Vom Verschwinden der Spielräume». Im Zentrum steht Rosas These, dass Menschen in der spätmodernen Gesellschaft immer häufiger nicht mehr als urteilsfähige Handelnde gefragt sind, sondern nur noch als Vollziehende: Sie kreuzen Kästchen an, folgen digitalen Menüs, reagieren auf vorgegebene Optionen und verlieren dabei ein Stück Handlungsmacht.

Manuel zeichnet nach, wie Rosa zwischen offenen «Situationen» und festgelegten «Konstellationen» unterscheidet. An vielen Beispielen wirkt diese Diagnose unmittelbar einleuchtend: bei Telefon-Hotlines, Versicherungen, Formularen, Verwaltungsabläufen oder dem Video Assistant Referee im Fussball. Gerade darin sieht Manuel die Stärke des Buches: Rosa beschreibt Erfahrungen, die viele kennen, und gibt einem diffusen Frust einen klaren Begriff. Zugleich beobachtet er, dass das Buch einen populistischen Unterton hat oder zumindest solche Folgerungen begünstigt, weil es das Gefühl verstärken kann, man sei anonymen Systemen ausgeliefert, die «von oben» über das eigene Leben verfügen.

Peter widerspricht an entscheidenden Punkten. Er hält die Gegenüberstellung von Situation und Konstellation für zu scharf, methodisch zu grob und stellenweise suggestiv. Viele der von Rosa kritisierten Regeln schaffen nicht nur Enge, sondern schützen auch vor Willkür, Ungleichbehandlung und Machtmissbrauch. Konstellationen sind für Peter deshalb nicht einfach das Gegenstück zur Freiheit, sondern oft selbst Bedingungen für Gerechtigkeit. Das Gespräch fragt deshalb, ob Rosa die Komplexität moderner Ordnungen zu schnell in ein eingängiges Schwarz-Weiss-Schema presst.

Dazu kommt eine philosophische Vertiefung: Wie tragfähig ist ein phänomenologischer Ansatz, der mit lebensnahen Beispielen arbeitet und daraus weitreichende Gesellschaftsdiagnosen ableitet? Manuel und Peter sprechen über die heuristische Kraft von Rosas Denken, aber auch über die Gefahr, aus eindrücklichen Einzelbeobachtungen vorschnell eine grosse Theorie zu machen.

Im letzten Teil öffnet sich die Diskussion in Richtung Theologie. Peter liest die Evangelien als Schule der Freiheit: Jesus lasse sich immer wieder nicht in vorgegebene Alternativen drängen, sondern durchkreuze starre Logiken, öffne neue Spielräume und verwandle festgelegte Konstellationen in lebendige Situationen. So wird aus der Buchbesprechung auch eine programmatische Folge für den neuen «mindmaps»-Kurs: ein Gesprächsraum zwischen Philosophie, Theologie und Gegenwartsdeutung.

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