Zwischen Erde und Eden – wir pflanzen einen Garten mit paradiesischen Gewächsen!
Wir vom RefLab möchten einen neuen, ersten, einzigartigen Garten pflanzen: mit Blumen, Sträuchern, Heilkräutern und Bäumen aus der Heimat und aus unterschiedlichen Weltgegenden – darunter auch mythische Grünpflanzen, fantastische Erdenthusiasten und bunt blühende Wundersträucher.
Wir nehmen euch mit in unseren paradiesischen Garten – zwischen Erde und Eden!
Zarte Gegenzeitlichkeit
Wenn im Winter alles kahl und karg ist, wenn Reif und Schnee die Gräber still zugedeckt haben, dann ist ihre Zeit.
Die Christrose blüht, wenn nichts sonst mehr blüht. Ihre Gegenzeitlichkeit macht sie so faszinierend.
In elegantem Weiss formen fünf eiförmige Blätter am Ende eines Stängels einen Blütenkelch von fünf bis zehn Zentimeter Durchmesser. Im Zentrum stehen gelbgrüne Fruchtblätter die spiralförmig von leuchtend gelben Staubblättern umgeben sind. Die Christrose wird als winterhart bezeichnet, aber wie sie dasteht bei eisigen Temperaturen, das ist einfach nur zart.
Botanisch gesehen keine Rose
Die Christrose gehört nicht in die Familie der Rosen, sondern in die der Hahnenfussgewächse. Ihr botanischer Gattungsname lautet Helleborus niger, schwarze Nieswurz, wegen ihrer schwarzen Wurzelknolle. Deren Inhaltsstoffe reizen zum Niessen und wurden früher in Schnupftabak verwendet.
Weil sie an Weihnachten blüht, heisst sie Christrose, Winterrose oder Schneerose. Ihre Blühkraft hat für viele Menschen symbolische Bedeutung.
Sie ist eine Blume des Trostes und der Hoffnung und wird entsprechend in dem schönen Weihnachtslied «Es ist ein Ros entsprungen» besungen.
Persönlich gesehen meine Hoffnungsrose
Auch ich habe sie als tröstende und hoffnungsstiftende Pflanze liebgewonnen. Sie wächst natürlicherweise im östlichen Alpenraum, im Apennin und im nördlichen Balkan in Tälern und auf Höhen bis zu 2000 Metern. Für mich wächst sie auf dem Grab meiner verstorbenen Frau. Denn Simone liebte Rosen, und dass ich ihr in der Kälte und Dunkelheit des Winters eine pflegeleichte Rose blühen lassen kann, tut mir gut. Die Christrose ist mir in ihrer stillen und wortlosen Gegenzeitlichkeit ein beredtes Symbol der christlichen Hoffnung geworden:
Zu jeder noch so kalten und dunklen Unzeit kann das Leben zu blühen beginnen. Weil Gott ankommt und in der Welt anwesend ist. Gilt das auch, wenn wir sterben? Ich hoffe es.
Spielerisches Trotzen
Vergangenen Januar sah ich die Christrose nach einer frostigen Nacht verwelkt auf dem Boden liegen. Sie sah aus wie tot, war es aber nicht. Denn im Laufe des Tages richtete sie sich wieder auf. Sie trotzt dem Frost nicht mit Stärke, sondern trickreich und spielerisch: Sie senkt den Saftdruck in den über der Erde liegenden Pflanzenteilen bei Bedarf ab, indem sie das Wasser in die Wurzelknolle zurückpumpt. Ich staune über diese lebenstaugliche Regulierung der eigenen Kräfte im Spiel des Lebens.
Es gibt im Leben Phasen, in denen es nicht gut ist, Widerstände und Bedrohungen mit Gegenenergie zu bekämpfen. Da gilt es, die eigenen Kräfte zurückzunehmen, in Trotzkräfte zu verwandeln, um so lange aushalten, bis alles vorüber ist.
Ganz schön giftig
Helleborus niger heisst wörtlich übersetzt: Schwarze tödliche Speise. Die Christrose ist giftig, besonders in ihrer Wurzelknolle. Sie enthält unter anderem das Herzgift Helleborin, das zu Schwindel, Durchfall, Kreislaufzusammenbruch und sogar Atemlähmung führen kann.
In der Antike wurden Helleboruspflanzen gegen Wahnsinn verwendet, man vertrieb mit ihnen böse Geister und die Pest. Ab dem 18. Jahrhundert setzte man sie gegen Herzleiden ein. Heute wird die Christrose nur noch in homöopathischen Mitteln verwendet, etwa gegen Depression.
Von Selbstmedikation mittels Christrose ist dringend abzuraten.
Harmonie der Gegensätze
Ist das nicht eine wundersame Harmonie der Gegensätze, die durch die Christrosen im Garten der Gräber aufleuchten kann?
Gen unten, Richtung Dunkel die schwarzen Wurzeln, dort, wo die Toten in die Erde hinabgesenkt wurden. Und gen oben, himmelwärts, eine Blüte, die Hummeln und frühe Bienen anlocken kann und aus ihren krugartigen Nektarblättern trinken lässt.
Die dunklen Untiefen verbunden mit den lichten Höhen …? In meinem Leben jedenfalls spielt das bisher nicht besonders harmonisch zusammen. Ich mag mich mit der Vergänglichkeit des Lebens noch nicht anfreunden. Sie erschreckt mich und tut weh. Aber immerhin:
Ich habe einen umfriedeten Garten mit einer auffälligen Winterblüherin. Wenn ich dort bin, werde ich ruhig, getröstet und manchmal auch ein klein wenig mutig.
Unser digitaler Garten ist übrigens vernetzt mit einem realen Garten: den Klostergärten in Kappel nahe Zürich. Neben Gemüse- und Obstgärten ist auch der traditionelle Heilkräutergarten einen Besuch wert. Im Klostergarten finden sich auch seltene Pflanzensorten (Näheres dazu findet sich auch unter dem Stichwort ProSpecieRara).
Mehr über Gärten gibt es auf reflab hier:
Evelyne Baumberger: Terra Divina. In der Natur auf Gott hören. Eine Anleitung zu einer spirituellen Übung in der Natur oder im Garten.
Johann Hinrich Claussen: Im Garten ist jeder Mensch ein König/eine Königin
Andreas Loos: Der Sommer und die Gärten. Vier Blogs von den Orten des Menschlichen
1. Wetten es gibt auch für dich einen Garten?
2. Raus in den Garten! Push- und Pullkräfte für Grünsüchtige
3. Erde unter den Fingernägeln: Gärtnern macht menschlich und ist göttlich
4. Der Uhrgarten in Eden und die Zeitnot unserer Gegenwart
Andreas Loos: Im Duft des Gartens atme ich Zeit
Felix Reich, Luca Zacchei und Andreas Loos: Die Sehnsucht nach dem U(h)rgarten
Manuel Schmid: Hartl will zurück nach Eden
Fotos: matthiasboeckel auf pixabay.com; Andreas Loos eigenes Foto
Video: Illustriert von Isabelle Bühler, animiert von Pascal Tautschnig









