Wir vom RefLab möchten einen neuen, ersten, einzigartigen Garten pflanzen, mit paradiesischen Gewächsen: Blumen, Sträucher, Heilkräuter, Bäume aus der Heimat und aus fernen Weltgegenden – darunter auch mythische Grünpflanzen, fantastische Erdenthusiasten und buntblühende Wundersträucher.
Es riecht nach saftig grünem Neuanfang, den Geschmack von Milch und Honig auf der Zunge, als hätte es den Apfel nie gegeben, nur seine Blüte, die uns gen Himmel blicken lässt. Der Romantiker Otto Philipp Runge sah es genauso: Blüten waren für den Künstler wundersame Überbleibsel und zugleich Vorboten des Paradieses.
Im ersten Teil unserer Blogserie pflanzen wir eine Holunderstrauch. In zwei Wochen folgt die Christrose. Vielleicht spriesst im Garten sogar die «Blaue Blume» romantischer Mystik – oder der Pfirsichbaum aus dem daoistischen Garten von Xi Wangmu, dessen Früchte Unsterblichkeit schenken …
Wir nehmen euch mit in unseren paradiesischen Garten, zwischen Erde und Eden.
Illustriert von Isabelle Bühler, animiert von Pascal Tautschnig
Holunder – Hüter des Gartens
Als erstes pflanzen wir einen Holunderstrauch. Holunder darf in keinem Garten fehlen. Meine Grosseltern wussten das noch. Der Schwarze Holunder (Sambucus nigra) ist Strauch und Baum zugleich. Vielleicht genauer: ein Strauch, der sich manchmal zu einem kleinen Baum aufrichtet.
Der Holunder lässt sich nicht eindeutig festlegen – wie vieles, was in einem Garten geschieht.
Wenn der Holunder im Frühsommer blüht, ereignet sich beinahe etwas Feierliches. Dann öffnen sich die weissen, schirmartigen Blütenstände. Aus der Ferne sehen sie aus wie kleine Wolken.
Oder wie ein Rest von Schnee, der sich noch einmal auf die Zweige gelegt hat.

Ein heller Duft
Wenn die Luft bereits sommerlich warm ist und die Blüten in ihr schweben, trägt der Wind diesen Duft durch den Garten wie eine unsichtbare Einladung, näherzutreten. Ein Geruch, so eigen, dass man ihn sofort erkennt. Wir nehmen ihn wahr und zugleich die Erinnerung an ihn: frisch, hell, leicht zitronig, aber auch pudrig-warm, süss mit einer Spur von etwas Fermentiertem.
Wunderfein als Sirup oder frischer Holundersaft genossen – wir trinken es gern zu Hause und auf Wanderungen.
Immer anders
Der Holunder zeigt sich immer neu, je nach Jahreszeit. Im Frühling die hellen, duftenden, sternförmigen Blüten, im Herbst die violett-schwarzen Beeren. Auch farblich lässt sich der Holunder also nicht festlegen: vom fast durchscheinenden Weiss bis zu den tief dunklen Beeren.
Und wie andere Heilpflanzen auch, hat er eine geheimnisvolle Verbindung zu uns Menschen, unserem Wohlbefinden, unserer Seele und unserer Gesundheit. Die Blüten wirken entzündungshemmend. Die Beeren stärken – genau rechtzeitig zu Beginn der Erkältungssaison – unser Immunsystem.

Hüter der Schwelle
Holunder stand häufig beim Haus, am Rand eines Hofes oder an der Grenze von Bauerngärten. Dies nicht zufällig. Der «Holder», wie man in Teilen der Schweiz, aber auch Österreichs sagt, galt als Hüter der Schwelle: zwischen Innen und Aussen, Garten und Welt, Menschen und Geistern, Leben und Tod.
Im europäischen Volksglauben stand der Holunder in Zusammenhang mit den Ahnen. Er galt als Wohnort von Geistern.
Hier fliessen archaische Vorstellungen ein, dass Bäume mit ihren Wurzeln Verbindungen zur Unterwelt und mit ihren Kronen zum Himmel bilden – und Seelen hier auf- und absteiegen können.
Frau Holle
Manche hören im Wort «Holunder» den Namen «Holle» heraus, Frau Holle. Die alte Gestalt aus den Märchen, die ihre Betten ausschüttelt, sodass es auf der Erde schneit. Auch hier zeigt sich der Unterwelt-Bezug; Frau Holle gehört der Unterwelt an.
Etymologisch lässt sich eine Verbindung zum Wort Holunder nicht klar belegen. Wenn die sternförmigen Blüten wie ein feiner Sommer-Schnee zu Boden fallen, kann man die Assoziation zum Ausschütteln der Betten aber nachvollziehen.
Heilige Scheu
Durch die alte Verbindung zur Unterwelt hat der Holunder eine ambivalente Aura. Er ist kein Todesbaum, aber gehörte im Volksglauben zu den Pflanzen, die mit Leben und mit Tod in Zusammenhang gesehen wurden. In manchen Alpengegenden hielt sich bis ins 20. Jahrhundert hinein eine fast heilige Scheu. Man schnitt den Holunder nicht leichtfertig.
Sogar noch meine Grosseltern lebten diese Scheu – ohne dafür eine Erklärung zu suchen.
Manchen Legenden nach hat sich Judas Iskariot an einem Holunderbaum erhängt. Ein fleischiger Baumpilz, häufig auf Holunderstämmen zu finden, heisst entsprechend «Judasohr». In einigen lokalen Überlieferungen heisst es auch: Das Kreuz Christi sei aus Holunderholz geschnitzt gewesen.
In der christlichen Symbolsprache spielt der Holunder aber eine eher untergeordnete Rolle. Ich habe mich gefragt, wieso das so ist.
Vielleicht liegt es am «spiritistisch» anmutenden Erbe? Dann wäre es Zeit, den Holunder nicht nur neu zu betrachten, sondern wieder eine Beziehung zu ihm aufzubauen.
Zwischen Erde und Eden
Der Holunder braucht nicht viel. Etwas Licht, etwas Erde und Zeit. Dann wächst er. Fast in ganz Europa kommt er wild vor. Wenn man wieder unter seinen Blüten steht, den Kopf hebt und diesen Duft einatmet, der die Seele leicht macht, ist der Sommer da.
Vielleicht ist das sein wunderbarstes Geschenk.
Ein Strauch, der an Grossmüttergärten, alte Geschichten, Heilung und Sommer erinnert. Und daran, dass sich auch im kleinsten Garten Reste des Paradieses finden.
Liebe Pflanzenfreunde- und kenner! Wenn ihr unsere Pflanzenportraits ergänzen möchtet, nutzt bitte die Kommentarspalte oder mailt uns an contact@reflab.ch. Auch Fotos, Zeichnungen, Malereien und Rezepte sind willkommen.
Mein Lieblingsrezept: Gebackene Holunderblüten. Aufpassen, dass keine Blattläuse über die Blüten spazieren. 😊
Verwurzelt im Klostergarten Kappel
Der digitale RefLab-Garten ist übrigens vernetzt mit dem Klostergarten in Kappel. Das RefLab-Team kommt regelmässig ins ehemalige Zisterzienserkloster nahe Zürich. Im Medizinalgarten kann man eine Vielzahl von Heil- und Duftpflanzen entdecken, während im Nutzgarten alte, vom Aussterben bedrohte Kulturpflanzen wachsen (ProSpecieRara).
Öffentliche Führungen durch den Klostergarten, jeweils 13.30-14.30 Uhr; Anmeldung ist erforderlich, die Führung kostenlos. Nächste Termine: 26. Mai, 23. Juni, 18. August, 29. September, 20. Oktober.

Veranstaltungshinweis
«Botanical Memories»; eine Veranstaltungsreihe von Mai bis September 2026 im Botanischen Garten der Universität Zürich. Der Garten als Archiv für Erinnerungen und Inspirationsquelle für neue Geschichten: mit künstlerischen Performances, Workshops und Storytelling zur Erforschung der Beziehung von Menschen und Pflanzen sowie deren Heilwirkung.
Buntblühende Gartenbeiträge aus dem RefLab-Archiv (Auswahl)
- Blogserie von Andreas Loos: «Der Sommer und die Gärten: Von den Orten des Menschlichen»
- Podcast «Unter freiem Himmel», Evelyne Baumberger: «Terra divina – in der Natur auf Gott hören» – eine Übung
- Podcast «Draussen mit Claussen»: «Im Garten ist jeder Mensch ein König/eine Königin»
- Podcast «Ausgeglaubt» zu Johannes Hartls Buch «Eden Culture»
Foto von Julia Ly sowie Tadeusz Zachwieja auf Unsplash







