Wir vom RefLab pflanzen einen neuen, ersten, einzigartigen Garten: mit Blumen, Sträuchern, Heilkräutern und Bäumen aus der Heimat und aus unterschiedlichen Weltgegenden. Darunter auch mythische Grünpflanzen, fantastische Erdenthusiasten und bunt blühende Wundersträucher.
Wir nehmen euch mit in unseren paradiesischen Garten – zwischen Erde und Eden!
«Kapuzinerkresse». Ich bin zwar Theologin, aber der Name, der an einen katholischen Orden erinnert, ist nicht der Grund, weshalb ich diese Pflanze so mag.
Mein Halbwissen zu den Kapuzinermönchen ist dünner als eine Oblate, um eine schöne (und thematisch zu einem Orden passende) Wortschöpfung von Sarah Kuttner zu verwenden.
Ich erinnere mich, dass es sich bei den Kapuzinern um einen Bettelorden handelt – ansonsten ist aus dem Theologiestudium dazu wenig hängen geblieben. Im Gegensatz zu den Dominikanern oder Benediktiner:innen, die historisch bedeutsamer waren (und reicher).
Der Name der Pflanze, der ein wenig klingt wie ein helles Glöckchen, ist für mich nebensächlich. Anderes fasziniert mich an der Kapuzinerkresse viel mehr.
Kleine Gehirne
Zum Beispiel: Ihre Samen sehen aus wie kleine Gehirne. Ein Detail, das ich letzten Frühling beim Säen für meinen Balkongarten bemerkt habe.
Kleine Gehirne, aus denen scharfe, grüne, wie kleine Seerosenblätter wachsen; rund, flächig, mit einem langen Stiel.
Mit der Brunnenkresse, die wir früher in der Schule in halbierten Eierschalen auf feuchte Watte gelegt haben und aus der ein paar Tage später essbare Sprossen mit winzigen Blättern wuchsen, hat diese Art optisch wenig zu tun.
Nur scharf sind beide; auch die Blätter und Blüten der Kapuzinerkresse sind essbar. Sie haben eine warme, würzige Schärfe, anders als etwa die kühle, senfige des Wiesenschaumkrauts.
Die Blätter sind eine leckere Ergänzung im Salat oder in einem Wrap, die leuchtend orangen oder gelben Blüten eine essbare Dekoration auf dem Teller.
Kleine Gehirne, die in die Erde gelegt werden und dann würzige Gedanken wachsen lassen.
Wildpflanzen sammeln verbindet mit der Natur
Essbare Pflanzen: Eine Möglichkeit, durch die ich mich mehr verbunden fühle mit der Natur und die in dieser Garten-Serie noch nicht so richtig vorkam.
Ich verleibe mir ein paar Stängel Natur ein und fühle mich eins mit ihr – nochmals viel stärker als über meine anderen Sinne und Wahrnehmungen.
So geht es nicht nur mir. «Urban foraging» boomt – geführte Stadtspaziergänge und Kurse, in denen Löwenzahnblätter, Giersch oder Labkraut gesammelt werden. Manchmal sogar in Friedhofparks, weil dort Hunde in der Regel nicht erlaubt sind, man also die Pflanzen ohne Angst vor deren Markierungen pflücken kann.
Mein kleines Repertoire habe ich mir mithilfe eines Büchleins angeeignet. Ich bin damit auf eine Wiese und habe gesucht, vergleicht, gelesen, probiert, geschmeckt.
Labkraut, Schafgarbe, Löwenzahn, Spitzwegerich, Gänseblümchen, Giersch, junge Birkenblätter, Scharbockskraut, Rotklee, Sauerklee, Wiesenschaumkraut, Frauenmantel, Schlüsselblume, Brennnessel, Sauerampfer:
Ich sehe unterwegs nicht mehr nur eine bunte Wiese, sondern viele einzelne Pflanzen, von denen ich einige essbare kenne und sammle. Im Beutel für zu Hause, oder direkt für ins Wander-Sandwich.
Schnell wird das Stoffsäckchen auf der Frühlingswanderung voll. Abends zu Hause sorgfältig abgespült, zerzupft und mit einigen Kopfsalatblättern ergänzt.
Die wilden essbaren Pflanzen, ihre Wurzeln und Blätter, sind die Vorgänger der Zuchtpflanzen, die heute unter «Gemüse» laufen. Die grösser und auch gefälliger im Geschmack sind. Die Bitterstoffe der jungen Wildpflanzen sind stärker, die Wirkstoffe dichter.
Der Salat schmeckt so schärfer, bitterer, nahrhafter – und ist voller Erinnerungen an die Zeit draussen. «Seht und schmeckt, wie gut Gott ist!» Die Worte aus der Bibel, die oft beim Abendmahl zitiert werden, passen wunderbar.
Die «grünen Seiten»
Viele der essbaren Pflanzen haben Heilkräfte: Schlüsselblume beruhigend, Frauenmantel entspannend, Spitzwegerich wundheilend, Löwenzahn entgiftend.
Dieses alte Wissen wird gerade neu entdeckt, nicht nur auf Stadtspaziergängen, sondern auch auf Social Media.
«Survival Siglinde» heisst eine der Content Creatorinnen, denen ich folge. Sie beisst in ihren Reels herzhaft in Magnolienblüten und presst Klettenlabkraut. Das Rezept für Schnittlauchblütenessig stammt hingegen von der «Kräutermacherei»; es bereichert neu meine Vinaigrette.
Die grünen Seiten von Instagram.
Kümmern, gärtnern und geniessen
Die Schnittlauchblüten im Essig kommen aber nicht von der Wiese, sondern von meinem Balkongarten. Aus einem Bündel, das mir meine Mutter beim letzten Besuch mitgegeben hat, zusammen mit vielen anderen Pflanzen und sie bewohnenden Kleintierchen. Ich habe die Pflanzen gesetzt, einige sind gut gewachsen, der Schnittlauch hat bald geblüht.
Ich spreche mit meinen Pflanzen, wie auch mit den Insekten, die sie besuchen.
Jeden Tag besuche ich sie und widme ihnen Zeit, pflege sie, schütze sie vor Vögeln, giesse sie. Und geniesse sie achtsam, sobald sie genügend gross sind und sich ein paar Blätter pflücken lassen.
Meine Kapuzinerkresse wächst munter. Die kleinen Gehirne lassen Grün spriessen und bald rechne ich mit den ersten Blüten. Daher kommt übrigens der Name: Die Blüten sollen an die Kapuzen erinnern, welche die Kutten der Kapuzinermönche auszeichneten.






