Zwischen Erde und Eden – wir pflanzen einen Garten mit paradiesischen Gewächsen!
Wir vom RefLab möchten einen neuen, ersten, einzigartigen Garten pflanzen: mit Blumen, Sträuchern, Heilkräutern und Bäumen aus der Heimat und aus unterschiedlichen Weltgegenden – darunter auch mythische Grünpflanzen, fantastische Erdenthusiasten und bunt blühende Wundersträucher.
Wir nehmen euch mit in unseren paradiesischen Garten – zwischen Erde und Eden!
Die blaue Blume – wo ist sie?
Holunder und Christrosen lassen sich in unserem Garten bereits bestaunen. In dieser Folge kommt die mysteriöse blaue Blume hinzu. Wo findet man ihre Samen? Wo soll man sie suchen?

So viel vorweg: Die blaue Blume lässt sich nicht pflanzen. Jedenfalls nicht im botanischen Sinn. Kein Saatgutkatalog führt sie, kein Gartenzentrum kennt ihre Ansprüche an Boden und Licht. Und doch wäre es voreilig, sie aus einem digitalen Garten auszuschliessen.
Vielleicht erscheint sie gerade dort, wo Planung endet. In einer Ecke, die man nicht bewusst bepflanzt hat: als Selbstwuchs des Unverfügbaren.
Oder sie zeigt sich, wenn man auf der Gartenbank einschläft, an einem heissen Sommernachmittag, halb in der Welt, halb im Traum.
So beginnt ihre Geschichte
Die «blaue Blume» tritt in die Literatur nicht als reale Pflanze ein, sondern als Vision. In Novalis’ unvollendetem Roman «Heinrich von Ofterdingen» (posthum 1802 erschienen) träumt der junge Heinrich von einer «lichtblauen Blume», die ihn mit eigentümlicher Intensität anzieht.
Die Blume im Traum hat breite, glänzende Blätter. Der Dichter betrachtet sie mit «unnennbarer Zärtlichkeit». Die Blume neigt sich ihm zu, und er glaubt, in ihr ein zartes Gesicht zu erkennen.
Ich habe das Romanfragment als Studentin gelesen – und befinde mich seither selbst auf der Suche nach der blauen Blume.
Die blaue Blume des jung verstorbenen Novalis wurde zum Signum der Romantik: nicht als Objekt des Besitzes, sondern Gegenstand der Sehnsucht.
Warum blau?
Auffällig ist schon ihre Farbe. Warum blau?
Wer in eine Landschaft blickt, kennt ein mögliches Sehnsuchtsblau: jenes der Ferne. Landschaftsmaler sprechen von Luft- oder Farbperspektive. Entferntes wird bläulicher, weniger greifbar. Blau markiert Distanz.
Die blaue Blume wäre dann kein Gewächs vor unseren Füssen, sondern eine Erscheinung des Fernen, die sich entzieht.
Das romantische Blau aber ist vermutlich noch tiefgründiger und dichter. Kein fernes Horizontblau und kein Himmelblau an Sonntagen, sondern leicht und schwer zugleich, wie von innen leuchtend und gleichzeitig dunkel.
Vielleicht das Blau eines seltenen Edelsteins tief im Gebirge? Novalis’ Beruf war Bergbauingenieur.

Farbe der Transzendenz
Wer die Kunstgeschichte betrachtet, stösst auf ein seltenes mineralisches Blau, das als überaus kostbar galt: Ultramarin, gewonnen aus Lapislazuli, importiert aus Afghanistan und reserviert für das Heilige. Dieses Blau stand in der religiösen Kunst für Transzendenz – das heisst für eine Wahrnehmung, die über das Gewöhnliche und Erfahrbare hinausgeht.
Blau ist im europäischen Bildgedächtnis eine Farbe des Entrückten, des Geistigen, des kostbaren Anderswo.
Vielleicht liegt hier die eigentümliche Spannung der blauen Blume: Sie ist sinnlich und geistig zugleich.
Philosophisch betrachtet bezeichnet die blaue Blume der Romantik kein Ziel, das sich sauber definieren liesse. Wer sagen könnte, was genau gesucht wird, hätte die Romantik bereits verlassen.
Der Philosoph Immanuel Kant hatte wenige Jahre davor das ästhetische Urteil als eine eigentümliche Form des Weltbezugs beschrieben: Schönheit lässt sich nicht in Begriffe auflösen wie eine mathematische Aufgabe. Das ästhetische Spiel der Erkenntniskräfte bleibt offen. Es erzeugt gerade deswegen eine schier endlose Bewegung.
Gerade die Nichterfüllung hält die Sehnsucht am Leben.
Die blaue Blume ist vielleicht die literarische Gestalt eben dieser Erfahrung.
Mystische Unterströmung
Die blaue Blume hält das Begehren in Bewegung, weil sie sich begrifflich nicht stillstellen lässt. Genau hierin wird eine tieferliegende Herkunft sichtbar:
Die mystische Tradition kennt ähnliche Strukturen.
In der Mystik ist Gott nicht primär Gegenstand eines Begriffs, sondern eines Begehrens, das durch Annäherung eher wächst als verschwindet. Negative Theologie lebt genau davon: Das Höchste entzieht sich jeder endgültigen Benennung. Man erkennt, indem man die Unzulänglichkeit des Erkennens erfährt.
Die ästhetische Erfahrung übernahm eine Bewegung, die religiös bereits eingeübt war. Die Romantik säkularisierte dieses Muster nicht einfach, sondern verschob den Ort hin zu Welt, Liebe, Natur und Kunst.
Aus der Gottessehnsucht wird Weltsehnsucht und Natursehnsucht.
Und genau davon lebt auch heute ein Gutteil dessen, was mit Ökospiritualität, Naturspiritualität, Tiefenökologie oder ähnlichen Begriffen bezeichnet wird. Hierin schreibt sich in unserer Gegenwart der Geist der Romantik fort, vielfach unbewusst.
Die blaue Blume heute
Übertragen auf unseren digitalen Garten lässt sich die blaue Blume vielleicht als dasjenige beschreiben, was sich effizienter Auffindbarkeit entzieht. Sie ist über keinen Link oder Shortcut aufrufbar. Sie lässt sich nicht als Content «einpflegen» und nicht algorithmisch steuern.
Im Digitalen stellt sie vielleicht eher eine Art Störung dar.
Durch digitale Räume intensiviert sich gleichzeitig die alte Sehnsucht sogar noch: nach tiefer Erfahrung, echter Liebe und Verbundensein.
Die blaue Blume unserer Zeit erscheint vielleicht dort, wo etwas in der digital vernetzten Gegenwart unauffindbar bleibt: in einer entlegenen Ecke – oder im Halbschlaf auf einer Gartenbank im Sommer.
Unser digitaler Garten ist übrigens vernetzt mit einem physischen Garten: dem Klostergärten in Kappel nahe Zürich. Neben Gemüse- und Obstgärten ist auch der traditionelle Heilkräutergarten einen Besuch wert. Im Klostergarten finden sich auch seltene Pflanzensorten (Näheres dazu findet sich auch unter dem Stichwort ProSpecieRara).
Foto: Erda Estremera auf Unsplash; Video: Illustriert von Isabelle Bühler, animiert von Pascal Tautschnig








