US-Vizepräsident JD Vance ist einer der einflussreichsten Politiker der Welt. Trotzdem hat er sich die Zeit genommen, in seinem Buch «Communion. Finding My Way Back to Faith» (2026) ausführlich seine persönliche Glaubensgeschichte zu erzählen.
Man erfährt, wie und warum sich Vance vom evangelikalen Glauben seiner Jugend abgewandt hat, ebenso, warum er viele Jahre später erneut zum christlichen Glauben, nun in der Katholischen Kirche findet.
Erstaunlich ist, wie ausgleichend und versöhnlich Vance in diesem Buch auf die Welt blickt. Ist das glaubwürdig? Oder Selbstverharmlosung? Welche Bedeutung hat sein Christentum für seine politische Vision für die USA?
1. Ein Lautsprecher mit leisen Tönen?
US-Vize-Präsident J.D. Vance gehört zu den bekanntesten Politikern unserer Zeit. Als der Mann hinter Trump gestaltet er die Politik des mächtigsten Landes der Welt mit. Und mehr: Als Stellvertreter des 80-jährigen Präsidenten ist er der Ersatzmann für das einflussreichste politische Amt der Erde. Auch für die Präsidentschafts-Kandidatur 2028 der Republikanischen Partei gehört er bislang neben Marco Rubio zu den Favoriten.
Mit seinem Buch «Hillbilly Elegy: A Memoir of a Family and Culture in Crisis» (2016) hat Vance für weltweites Aufsehen gesorgt. Die autobiographische Erzählung seines Lebens wurde von vielen (bis hin zu Barack Obama) gelobt für ihren präzisen Einblick in das Leben der Menschen am sozialen Rand der USA.
Dieser literarische Erfolg dürfte neben seinen sonstigen Qualifikationen dazu beigetragen haben, dass Vance in den Augen einflussreicher Politiker (und von Mäzenen wie Peter Thiel), für höhere politische Aufgaben in Betracht gezogen wurde.
Als er sich vom Trump-Kritiker zum Bewunderer wandelte, ja selbst dessen Wahldiebstahlsbehauptung übernahm, war der Weg für höchste Ämter; zunächst in der Wahl als Senator für Ohio (2022), dann als Vizepräsidentschaftskandidat an Trumps Seite (2024).
Sein neues Buch «Communion – Finding My Way Back to Faith» (2026) knüpft eng an sein erstes Buch an. Stand in «Hillbilly Elegy» die soziale Seite im Vordergrund, so beschäftigt er sich nun überwiegend mit religiösen Fragen.
Zentrale Bedeutung haben zwei Themen: Seine Abwendung vom evangelikalen Christentum und seine Rekonversion (Wiederbekehrung) und Hinwendung zur katholischen Kirche.
Muss man sich dafür interessieren? Ist es wichtig für die Politik, wie dieser Mann seinen Glauben verloren hat? Und wie er ihn wiederfand, nur in einer anderen Konfession?
Diese Fragen mögen zunächst privat erscheinen. Aber was ist im Leben eines möglichen Präsidentschaftskandidaten schon privat?
Für Vance sind diese Fragen alles andere als das. Für ihn persönlich sind sie entscheidend, auch in politischer Hinsicht. Schon darum sollte man sich gründlich damit auseinandersetzen, wenn man US-Politik verstehen will.
2. Dekonstruktion – Die Abkehr vom Evangelikalismus
Wenn man weiss, welche starke Bedeutung evangelikale Gruppen für den Erfolg der MAGA-Bewegung und von Trump haben, ist es mindestens ein Wagnis, ausführlich den eigenen Ausstieg aus dieser Bewegung zu erzählen. Das gilt umso mehr, als Vance eine typische «Dekonstruktion» schildert, die in vielen Aspekten dem entspricht, was etliche Evangelikale sonst als gefährliche Verirrung kritisieren.
Wie zur Beruhigung, heisst es sofort in der Einleitung: «For me—and for all of us Christians—it’s about Jesus. If you believe Jesus is the son of God and rose from the dead on the third day, you’re on the right track.» (S. 8 – Übersetzung aller Zitate am Ende des Artikels)
Was dann folgt an kritischer Auseinandersetzung mit dem Evangelikalismus, hat es in sich.
Es gab vier Hauptgründe für Vance’ Abkehr von dieser Glaubensrichtung.
a) Intellektuelle Zweifel
Vance lernt in seiner Jugend ein breites evangelikales Spektrum kennen, schon aufgrund der instabilen Verhältnisse in seiner Familie. Er erlebt Pfingstgemeinden und Southern Baptists, mit seiner Grossmutter auch das Spektrum der erfolgreichen Fernsehprediger.
Seine Grossmutter ist keineswegs unkritisch: Wohlstandsevangelisten wie Benny Hinn kommentiert sie sehr kritisch. Aber wie alle Evangelikalen liebt sie den Evangelisten Billy Graham, die Identifikationsfigur der Bewegung schlechthin.
Vance’ Familie besteht nicht im bürgerlichen Sinne aus regelmässigen Gottesdienstbesuchenden. Dennoch wird er mit dem evangelikalen Christentum vielfältig vertraut. Der junge Vance ist auch Teil evangelikaler Gemeinden und Jugendgruppen.
Als er das Umfeld verlässt, stellen sich Fragen und intellektuelle Zweifel ein.
Ein klassisches Thema ist das wortwörtliche Verständnis der biblischen Urgeschichte. In seinem Umfeld war klar gewesen, dass die Evolutionslehre nicht glaubwürdig ist und die biblische Schöpfungsgeschichte den Weltanfang auch historisch richtig beschreibt.
Vance macht es sich mit dieser Frage nicht leicht: Er liest evangelikale Apologeten, vor allem die Bücher von C.S. Lewis. Als er merkt, dass es auch Evangelikale gibt, die ihren Glauben mit der modernen Wissenschaft positiv verbinden, ist er enttäuscht: Warum hatte er in so vielen Jahren und unterschiedlichen Gruppen nie davon gehört, dass das auch möglich ist?
Je stärker er die Bildungsmöglichkeiten seines Erwachsenenlebens nutzt, desto fraglicher wird ihm das enge Weltbild seiner frommen Jugend.
b) Moralische Entrüstung
Intellektuelle Zweifel spielen eine Rolle, aber bei weitem nicht die wichtigste. Gewichtiger ist eine moralische Entrüstung über die Schwerpunkte evangelikaler Ethik. Bei Vance geht es allerdings nicht um evangelikale Sexualethik, dieses Thema spielt im ganzen Buch keine Rolle. Es ist die soziale Frage.
Wie seine ganze Umgebung wächst Vance in sozialen Krisen auf.
Drogensucht, Armut, Überschuldung, fehlende Krankenversicherung und unbezahlbare Bildung sind ständige Begleiter. In dieser Lebensphase wird das als Normalität empfunden, in der der Glaube hilft. Im Rückblick werden die Fragen immer grösser. Vance spitzt zu: «They worried about the unborn, but ignored the abuse, neglect, and struggles in homes like mine.» (S. 24)
In seiner Abkehr vom Evangelikalismus ist das ein zentrales Thema.
In der rückblickenden Reflexion versucht er, es genauer zu erfassen. Im Grunde gab es kein Desinteresse am Leiden der Armen: Überall, wo er war, wurde Nächstenliebe gross geschrieben, kümmerte man sich um soziale Nöte, wo man sie vorfand.
Evangelikale waren nicht herzlos. Aber einseitig.
Er erinnert sich, wie stark sich die Evangelikalen mit dem Schicksal von Terri Schiavo (1963-2005) beschäftigen. Nachdem Schiavo 1990 einen Gehirnschlag erlitt, lag sie 15 Jahre in einem Wachkoma, bis ihr Ehemann gerichtlich die Abschaltung lebenserhaltender Massnahmen durchsetzte. Viele Evangelikale protestierten entschieden.
Die Frage des Lebensschutzes beschäftigt die Evangelikalen extrem. Vance stellt klar, dass er selbstverständlich auch für Lebensschutz vom Lebensbeginn bis Lebensende sei.
Und doch: Wie kann man an diesem einen Schicksal so ungeheuren Anteil nehmen – und so viel anderes Leid ignorieren?
c) Emotionale Enttäuschung
Vance gibt sich an dieser Stelle grosse Mühe, die Evangelikalen fair zu behandeln. Mehrfach nimmt er sie im Schutz. Ihr Problem sei nicht Herzlosigkeit, sie kümmerten sich durchaus um andere. Das Problem sei eher die starke Fixierung auf die Erfahrung göttlichen Eingreifens.
«Jesus kann Menschen retten, aus jeder Not.» So habe er es in Predigten gehört, solche Zeugnisse immer wieder im Gottesdienst erlebt. Es schien zu funktionieren. Bei etlichen – aber nicht bei allen und sehr oft auch nicht nachhaltig.
«I’ve seen a lot of people who were convinced that God’s grace could fix this or that issue, and things still fell apart. I’ve seen a lot of people ask Jesus into their heart and then go back to the bottle or the needle. I’ve seen a lot of marriages seemingly centered around faith and the Church before they fell apart.» (162)
Vance verdeutlicht seine Enttäuschung am Beispiel des «Übergabegebets», des «saving prayer», wie es in der evangelikalen Bewegung weltweit typisch ist:
In wenigen Worten bekennt man vor Gott, Sünder zu sein. Man bittet ihn um Vergebung. Man dankt für das erlösende Handeln Jesu Christi und bekennt sich dazu. Dann lädt man Jesus in sein Herz ein, als Herr des Lebens. Wer das tut, ist gerettet und mehr: Wer sich so zu Christus bekennt, darf auch Gottes Hilfe in vielen Lebenskrisen erhoffen.
Für Vance war das ein zentrales Thema seiner Jugend. «It was a prayer I’d said hundreds of times in my life.» (50)
Aber so funktioniere es nicht. Natürlich sei er Gott dankbar, dass er die Kurve bekommen habe. Aber ausschlaggebend war nicht eine einzelne Verwandlungserfahrung.
Entscheidend war der beharrliche Einsatz seiner Grossmutter, seinem Leben endlich Stabilität zu geben; und sehr viel Fleiss und Einsatz seinerseits in Schule und Studium, um aus seinem Leben etwas zu machen.
d) Praktische Entfremdung
Die Abkehr von einem Glauben ist nie nur eine intellektuelle Sache. Vance reflektiert das sehr differenziert: Er beschreibt, wie er zunehmend den Kontakt verliert zu evangelikalen Gemeinschaften. Praktiken wie das Gebet, Bibellesen, gemeinsame Gottesdienste verlieren sich zunehmend. Glaube wird irreal.
Das geschieht nicht leichtfertig: Bald schon habe er gespürt, was er verloren habe.
Er erinnert an den Abschied von seiner Grossmutter. Gemeinsam habe man gesungen und gebetet. Der Glaube hätte ein ungeheuer dichtes Band der Verbundenheit gestiftet, mit Gott und untereinander. Ein solcher Glaube ist ein Segen. Und nicht mehr Teil eines solchen Gemeinschaftsbandes zu sein, ein schwerer Verlust.
Vance Umgang mit dem Evangelikalismus seiner Jugend ist voller Wohlwollen und zuletzt doch sehr kritisch. Natürlich kann man evangelikalerseits einwenden, dass es doch stabilere Formen des Evangelikalismus gibt als die, von denen er sich abwandte. Das ist so. Und trotzdem wäre es wünschenswert, wenn Evangelikale in seinem Buch wenigstens etwas Anlass zu selbstkritischer Besinnung fänden.
3. Die säkulare Welt und ihre Enttäuschungen
Jahrelang lebt Vance sein Leben ohne jeglichen religiösen Glauben. Er betet nicht, er besucht keine religiösen Versammlungen. Er arbeitet extrem hart in seinem Studium und später im Beruf, u. a. in Firmen, in denen Peter Thiel massgeblicher Investor ist.
In seiner Studienzeit faszinieren ihn die Schriften von Ayn Rand, die in Europa kaum bekannt, in den USA aber eine der einflussreichsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts ist.
Bei Rand lernt er die Grundzüge dessen kennen und schätzen, was man «libertär» nennt:
Menschen sind für sich selbst verantwortlich. Der Staat soll einen Rahmen an Sicherheit und Infrastruktur zur Verfügung stellen, und ansonsten die Wirtschaft und das private Leben der Menschen in Ruhe lassen. Sozialpolitik ist schädlich. Wenn Menschen vom Staat abhängig werden, verlieren sie die Verantwortung für ihr Leben.
Für die US-Rechte sind diese Überzeugungen selbstverständlich.
Auch Vance lässt sich davon prägen. Er beschreibt, welche Ziele ihn bestimmten: Nie wieder Armut und Angewiesenheit auf andere – das vor allem. Mit Fleiss und äusserster Anstrengung will er sich so viel Vermögen und soziale Anerkennung verschaffen wie irgend möglich.
Aus seiner Sicht sind das die Werte vieler Menschen in seiner Umgebung.
Das Leben wird als ständiger Wettbewerb empfunden. Karriere und Geld stehen über allem. Auch über Beziehungen, Familie und Kindern. Auch Beziehungen und sexuelle Erfahrungen gelten als Wettbewerb und Feld von Statuserfolgen. Jahrelang habe er selbst so gedacht.
Zunehmend stösst ihn das ab.
Wieder sind es seine eigene Erfahrungen, die ihn bestimmen. Er selbst hat erlebt, welche Not eine zerrüttete Familie für Kinder mit sich bringe. Und schliesslich waren es die letzten halbwegs intakten Seiten seiner Familie in Gestalt seiner Grosseltern, die ihn durch Fürsorge und ruppige Stabilisierung so sehr gerettet haben, wie das zwischen Menschen möglich ist.
Vance wird skeptisch gegenüber dem absoluten Streben nach Macht und Wohlstand; bei den anderen, bei sich selbst.
4. Wege nach Rom
a) Angst vor dem Scheitern
Die Beziehung zu einer Frau, seiner späteren Ehefrau Usha, ist nach der Hilfe seiner Grossmutter der zweite grosse Segen seines Lebens. Mehr als alles andere wünscht er sich eine Ehe und eine Familie, die Bestand haben. Zugleich ist ihm klar: Seine zerrüttete Jugend wirkt nach.
Vance hat im Studium genügend gelernt, um zu wissen: Menschen mit seiner Biografie haben eine viel höhere Wahrscheinlichkeit, ebenfalls zu scheitern.
Anders als seine Frau Usha kommt er nicht aus intakten und behüteten Verhältnissen. Was bei anderen selbstverständlich ist an Umgangsformen, auch an Sprachfähigkeit und Umgang mit schwierigen Emotionen, ist es bei ihm nicht.
Dankbar für seine Ehe und die Aussicht, eine Familie zu gründen, will er das auf keinen Fall riskieren. Aber was kann einem wie ihm helfen? Vielleicht doch das Christentum, mit dem er eigentlich abgeschlossen hat?
b) Respektabler Glaube
Von Anfang an erzählte man in der politischen Berichterstattung über Vance, welchen Einfluss seine Förderung durch Peter Thiel für seine Karriere hatte. Davon erfährt man im Buch so gut wie nichts.
Doch ausgerechnet in religiöser Hinsicht wird Thiel zu einer Schlüsselfigur.
Mitten in seiner noch atheistischen, aber zunehmend für Glaubensfragen wieder offenen Zeit habe sich Thiel ihm als gläubiger Christ zu erkennen gegeben. Dass einer der klügsten Menschen, denen er je begegnet war, Christ sei und das auch intellektuell verantworten konnte, habe ihn sehr beeindruckt.
Thiel habe ihm damals die Werke von Rene Girard empfohlen. Insbesondere Girards Theorie des mimetischen Begehrens öffnet ihm die Augen – die Dynamik, dass wir das Begehren anderer nachahmen; dass für uns begehrenswert werde, was viele wollen.
So viel Karrierestreben, so viel Konkurrenz und Neid habe tiefe anthropologische Antriebe.
Eine solche christliche Sicht des Menschen leuchtet ihm sehr viel mehr ein als die atheistisch-libertäre Philosophie von Rand. Sie setzt das Streben nach Vermögen und Besitz einfach als natürlich voraus, ohne die problematischen Folgen einer solchen Orientierung reflektieren zu können.
Seit dieser Begegnung mit Thiel passierte etwas Entscheidendes. Vance weiss nun: Glaube kann intellektuell überzeugend sein. Vielleicht war er das nicht in der Form, die er kennengelernt hatte, aber in anderer Gestalt ging es offenbar doch.
Katholizismus ist intellektuell respektabel, findet er.
Er ist keine Flucht aus der Welt wie die Frömmigkeit, die er in seiner Jugend erlebte. Katholizismus lebt aus einer langen Auseinandersetzung mit dem Denken der jeweiligen Zeit, auch mit den politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen.
c) Gibt es eine wirksame Therapie?
Er beginnt eine Therapie, auf die Vance’ Rückblick kritisch ist: Angeblich sei ihm darin erklärt worden, dass er das Opfer sozialer Umstände war, für die er nichts könne. Gegen eine solche Deutung habe er sich gewehrt. Er wisse selbst, was er erlebt habe.
Aber er habe nicht einfach Opfer der Verhältnisse sein wollen, sondern Verantwortung für sein Leben übernehmen und aktiv an sich arbeiten wollen.
Es dürfte keine Therapieform geben, in der das nicht selbstverständlich wäre. Aber Vance hat hier, vermittelt durch Rand und seine konservative Lebenswelt, ein klares Bild: Nicht Opfer sein. Selbst kämpfen.
In dieser Situation fragt er sich, was denn helfen könne. Wo kann er Halt finden, aber auch den Ansporn, Verantwortung zu übernehmen, Schuld bekennen und an sich arbeiten? Das ist die Haltung, die er mit dem Christentum verbindet.
Der Atheist Vance möchte wieder glauben.
Nicht mehr im evangelikalen Sinne. Dass Glaube nicht einfach die Erfahrung wunderbarer Verwandlung beschert, weiss er. Seine Lebenserfahrung habe ihm gezeigt, dass es so einfach nicht funktioniert.
Natürlich sei er Gott dankbar für seine Gnade und Hilfe. Aber sein Weg heraus aus dem Elend seiner Herkunft habe auch mit ungeheuer viel Anstrengung und Arbeit zu tun gehabt.
Ausgerechnet seine Frau sei es gewesen, die ihn zur Hinwendung zum Christentum ermutigt habe.
Usha selbst stammt aus einer intakten indischen Familie. Der Hinduismus ihrer Herkunftsprägung sei für sie von kultureller Bedeutung, ohne dass sie in einem religiösen Sinn praktiziert. Aber bei ihrem Mann leuchtete ihr die Religion ein.
Ermutigt von seiner Frau, fängt Vance wieder an, Gottesdienste zu besuchen, vor allem katholische Messen. Er sucht immer öfter das Gespräch mit christlichen Intellektuellen und katholischen Seelsorgern.
d) Gnade und Verantwortung
Kein Buch wird in «Communion» so häufig erwähnt wie «Rerum Novarum» von Papst Leo XIII. Für Vance ist diese Vision eine Offenbarung. Ein Christentum, dass sich einlässt auf die Herausforderung der Gegenwart; und darin Orientierung gibt, eindeutige Leitplanken. Diese Vision überzeugt ihn intellektuell. Sie ist realistisch, anders als die Religion seiner Jugend.
Das katholische Angebot war ganzheitlicher als das evangelikale: Ja, Gottes Gnade hilft. Aber sie ersetzt nicht unsere Werke, sie ermöglicht sie. Die Gnade wirkt mit uns zusammen.
Das ergibt für Vance Sinn. Ein Gottvertrauen, in dem der Glaube nicht einfach die Lösung für alle möglichen Probleme ist.
Ein Gottvertrauen, das nicht aus der Welt herausführt in eine religiöse Sonderwelt, sondern mitten in sie hinein.
Vance beschreibt, dass er mit seiner Jugendgruppe immer wieder unterwegs war auf der Suche nach «Erlösungsbedürftigen». So oft hatten sie Menschen mit Problemen, Alkohol, Schulden oder Krankheit gefunden, ihnen das Evangelium erklärt, das «Saving Prayer» gebetet, Tränen der Freude und auch Heilungen erlebt. Aber ohne nachhaltige Lebensveränderung. «I’d seen enough to know that the transformation never lasted.» (52)
Die persönliche Gottesbeziehung seiner Jugend war gefühlsintensiv. Aber in der Regel waren es Aufwallungen ohne verändernde Kraft. So etwas genügte dem Erwachsenen nicht mehr.
Im Katholizismus bewundert er die Fähigkeit, traditionsbewusst und lernfähig zugleich zu sein. Zweierlei verbindet sich hier:
Erstens Fürsorge für Menschen, vor allem in Familien. Menschen werden nicht als Individuen gesehen, wie es bei Ayn Rand der Fall ist und letztlich auch im Evangelikalismus seiner Jugend. Vance nimmt mit: Familie prägen, Gesellschaft gestalten.
Neben dieser sozialen Seite ist es, zweitens, die Stabilität der Ordnung, der Liturgie und der Lehre, die ihn anzieht.
«One of the things I admire about my own church is that fundamental questions of doctrine change very rarely, and then only after a long and arduous process involving many ecclesiastical authorities. This makes Catholicism feel more stable, which appeals to a number of young converts I’ve spoken to who are overwhelmed by the chaos of modern life and who crave a deeper sense of communion with others—but also with the traditions of their faith.» (7)
e) Wie finde ich zu einem persönlichen Glauben?
Seine eigentliche Bekehrung zum Katholizismus braucht Zeit. Er klärt viele intellektuelle Fragen. Er sucht das Gespräch mit Seelsorgern und Theologen. Schliesslich ist ihm klar, dass er das katholische Christentum für überlegen hält, ja sich eine Taufe vorstellen könne.
Zugleich sieht er auch selbst, dass diese Hinneigung überwiegend intellektuell sei.
Es fehlt noch etwas: Die persönliche Erfahrung, die Wiedergewinnung eines persönlichen Gottesverhältnisses. Das sei die Stärke seiner evangelikalen Frömmigkeit gewesen, diese Betonung der persönlichen Beziehung zu Jesus Christus.
In seiner Jugend drehte sich alles um die persönliche Beziehung zu Jesus. Rituale oder Dinge wie Heiligenverehrung wurde ihm verächtlich gemacht.
Es ist nicht leicht, sich nach einer solchen Prägung einzulassen auf einen Glauben, der immer wieder befremdlich und unpersönlich wirkt.
Doch Vance tut, was ihm geraten wird: Er lässt sich Zeit, ist geduldig mit sich. Er besucht die Messe. Er lässt sich ein auf den Glauben, an dem ihm intellektuell vieles einleuchtet, ohne dass er schon das innere Erleben hat, wirklich mit Gott verbunden zu sein.
Dann stellt sich auch dieses Erleben ein, auf dem Weg.
Vance beschreibt Europareisen, wo er mit seiner Frau uralte Kirchen besucht – sie aus kulturellem Interesse, er mit religiöser Offenheit. Da sei es passiert, dass das Gefühl der Gegenwart Gott ihn einholte, verbunden mit der Gewissheit, dazuzugehören und mit diesem Glauben leben zu wollen. In Gemeinschaft.
«Communion», so lautet der Buchtitel, Gemeinschaft. Mit der Kirche, der eigenen Familie und mit Gott. Eine solche von der Kirche verbürgten und verkörperte Gemeinschaft ist mehr als persönliche Gottesbeziehung.
5. Die Funktion des Religiösen in der Politik
a) Ein Mann für die Mitte?
Dafür, dass die MAGA-Bewegung den Kulturkampf der letzten Jahrzehnte auf die Spitze getrieben haben, ist das Buch von JD Vance verblüffend irenisch.
Die sozialen Töne seines Glaubens sind für die Republikanische Partei keineswegs selbstverständlich. «The point is not that the Church is a left-wing institution, but instead that it doesn’t fit neatly into twenty-first-century political debates.» (204)
In Vance Buch herrscht eine Art Kulturkampfpause. Nur am Rande spielt Vance auf die Polarisierung der amerikanischen Welt an. «Dad’s church taught me that American culture was waging a war against our faith.» (20) Zur Zeit um 2007 sagt Vance, das sei nach der Zeit der Political Correctness gewesen, aber noch vor der «woke era» (61). Später ordnet er ein: «In the early 2010s, we had not yet reached the peak wokeness of 2020.» (96)
Vance erwähnt das nur am Rande, ohne sich in die Auseinandersetzung mit vermeintlich ultra-linken, woken Bewegungen zu stürzen, wie es in seinem Umfeld sonst üblich ist. Wörter wie queer, Feminismus oder Feministinnen, ja auch trans, homosexuell – kommen nicht vor, auch nicht beiläufig.
Auch Gegner werden weitgehend respektvoll behandelt.
Obamas Namen fällt dreimal, nie negativ. Auch Biden und die Clintons kommen nicht allzu oft und kaum kritisch vor.
Selbst Trump ist eine Randfigur dieses Buches. Vizepräsidentschaftskandidat wird Vance wie nebenbei.
Das Thema, das in diesem Zusammenhang ausführlich besprochen wird, ist: Wie wird es ihm gelingen, seiner Rolle als Familienvater gerecht zu werden? Sein Sohn hat Angst, ihn weniger zu sehen. Charlie Kirk, den Vance als seinen besten Freund in dieser Zeit bezeichnet, berät ihn.
Diese Zurückhaltung ist erstaunlich. Man könnte sie als hoffnungsvoll empfinden. Geht es am Ende um Wohlstand für alle, um stabile Ehen und Familie? Gibt es keinen christlichen Nationalismus, der die Demokratie bedroht?
Mit seinem Buch tut Vance alles, um sich als möglichen Mann der Mitte zu empfehlen, inklusive Selbstkritik. Zur christlichen Haltung gehöre es auch, Fehler zugeben zu können. «One of the dumbest things I ever said came when I argued that ‘childless cat ladies’ across the Democrat Party were running our country into the ground.» (213)
b) Sozialer Nationalismus auf christlicher Grundlage
Ist es am Ende ein unpolitisches Buch? Nein, wahrlich nicht.
Zurückhaltend, aber deutlich wird die Agenda markiert.
Die soziale Krise der USA zeige sich im Zerbruch der Familien und in der zunehmenden Kinderlosigkeit der Eliten. Vor allem in Europa sei diese Entwicklung längst katastrophal. Die Gründe mögen komplex sein, wesentlich seien es auch religiös-kulturelle Gründe. Wo der Glaube zurückgeht, da schwinde auch der Wille zum Leben in einer Kultur.
Das Christentum ist die Grundlage der USA. Die USA sind eine christliche Nation. Dieser Prägung verdanken sie ihre Grösse. Darum geht es.
Sein Buch ist ein Statement: Ihm ist es mit dem christlichen Glaube ernst. Er muss nicht dazu schreiben: anders als beim 45. bzw. 47. Präsidenten.
Vance macht der Öffentlichkeit ein klares Angebot. Es ist ein amerikanisches Angebot: Amerika soll sich um seine eigenen Leute kümmern. Auf Grundlage des Christentums müsse dieses Land wieder seine Familien und den sozialen Zusammenhalt stärken. Die eigenen Interessen haben Vorrang.
Das ist ein ganz anderes Profil, als das von Trump.
Vance versucht nicht, Trump einfach zu kopieren. Wie sollte es auch anders funktionieren? Einer, der sich so oft vor seinem Präsidenten bücken musste, wird schon von daher nie die Aura des starken Anführers haben können wie dieser.
Vance setzt eher auf einen Stil, den wir von einigen europäischen Rechten wie Melloni und Le Pen kennen, der manchmal despektierlich «Entteufelung» genannt wird, also die konsequente Weichzeichnung der eigenen Programmatik, die vielleicht auch eine Mässigung und Wiederannäherung an die Mitte ist.
Sind die USA nach Trump schon bereit für einen solchen Kandidaten? Für einen Christlichen Nationalismus mit sozialem Gewissen? Für einen Kandidaten, der nicht nur einer starken christlichen Wählerschaft verpflichtet ist, sondern sich sehr explizit als christlichen Kandidaten positioniert?
Trump war für die meisten vergleichbar mit dem persischen König Kyros, der in der Bibel genannt wird: nicht wirklich gläubig, aber nützlich für die eigenen Anliegen. Vance wäre mehr David als Kyros. Ein glaubwürdig gläubiger Anführer.
6. An ihren Früchten
Wie ein Refrain zieht sich ein Bibelvers durch das Buch: «An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.» (Mt 7,16) Immer wieder wird dieses Wort zitiert, ausführlich oder auch beiläufig. Es bestimmt die Einleitung und den Epilog (mit dem Titel «By their fruits»).
Es empfiehlt sich sehr, so auch mit diesem Buch umzugehen.
Vance ist ein guter Autor. Er möchte als christlicher Politiker wahrgenommen werden. Er betont: «Christianity is not merely a private faith. It imposes individual obligations on us to attend church, tithe, pray, and follow certain moral dictates—don’t lie…» (201)
Ist das Buch reine Propaganda? Oder vielleicht doch auch mehr, eine christliche wie konservative Haltung, die Polarisierung hinter sich lassen möchte?
Man kann es drehen und wenden, wie man will: Vance tut nicht, was er sagt.
Seine persönliche Orientierung an christlicher Moral, an Wahrheit und Demut sind in der seiner bisherigen Regierungspolitik nicht wirklich sichtbar geworden. Im Christlichen Nationalismus ist das öffentliche Zurschaustellen der eigenen Frömmigkeit weitgehend zu einem identitären Abzeichen geworden. Christliche Sozialethik, auch die Grundlagen früherer Politik wie Ausrichtung an der Wahrheit, an Vertrags- und Bündnistreue, an Berechenbarkeit, werden nicht sichtbar.
Vance gelingt es, seine Faszination für den Katholizismus nachvollziehbar zu machen. Wer sich allerdings die erste Enzyklika von Leo XIV anschaut, merkt schnell, wie einseitig das Bild ist.
Der Papst steht wie selbstverständlich in der sozialethischen Tradition seines Namensvorgängers. Er rezipiert auch seine konservativen Vorgänger wie Pius XII, Johannes Paul II und Benedikt XVI, die die konservative Ordnungsidee der Kirche in einer Weise vermittelten, wie es Vance nahesteht. Zugleich ist Leo ein Papst des zweiten Vatikanischen Konzils, der die dialogische Zuwendung zur Welt ernst nimmt.
Globale Zivilisation der Liebe, internationale Solidarität, regelbasierte Weltordnung – all das, wovon sich die Trump-Regierung entschieden abwendet – sind nach Leo XIV. wichtige Bestandteile einer zeitgenössischen kirchlichen Soziallehre. Zu diesen Themen schweigt das Buch von Vance.
Wie wird sich Vance entwickeln?
Wird Vance seine eigene Reise in das katholische Christentum in einer Weise fortführen, die ihn das Lehramt seiner Kirche umfassender ernst nehmen lassen wird? Oder wird er wie bisher, nur rhetorisch massvoller, ihre tatsächlichen Leitlinien ignorieren?
Vance hat in seinem Leben bewiesen, dass er sich flexibel an die Anforderungen der jeweiligen Zeit anpassen kann, wenn es sich für ihn als notwendig erweist.
Vance fand auf seinem Lebensweg zu einem katholischem Glauben, der seine persönliche Sehnsucht nach Haltung und Orientierung stillen sollte. Offensichtlich hat er das im Katholizismus auch gefunden.
Vance wurde katholisch in einer Zeit, in der die politische Instrumentalisierung des Glaubens als identitäres Merkmal der Abgrenzung und Überlegenheit floriert. Offensichtlich, auch das zeigt dieses Buch, ist sein Christentum für ihn eine Quelle der Abgrenzung und des Durchsetzungswillens.
Letzteres halte ich für ein tragisches Missverständnis des Christentums, egal welcher Konfession. Vance verbinden christlichen Glauben und politische Praxis in einer Weise, die bislang unstimmig, vielfach verstörend ist. Traue ich dem Politiker Vance eine positive Entwicklung zu? Noch nicht wirklich. Aber dem katholischen Glauben, der in seiner persönlichen Entwicklung einen positiven Unterschied gemacht hat; dem schon.
Thorsten Dietz hat zuletzt zusammen mit Maria Hinsenkamp das Buch «Christlicher Nationalismus in den USA» veröffentlicht. Er arbeitet bei «Fokus Theologie» und verantwortet zusammen mit Andreas Loos den RefLab-Podcast «Geist.Zeit».
Foto: Wikimedia Commons, by Gage Skidmore from Surprise, AZ, United States of America – J. D. Vance, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=149633340
Zitate (Übersetzung deepl.com):
7: «Eines der Dinge, die ich an meiner eigenen Kirche bewundere, ist, dass sich grundlegende Fragen der Lehre nur sehr selten ändern, und wenn, dann erst nach einem langen und mühsamen Prozess, an dem viele kirchliche Autoritäten beteiligt sind. Das lässt den Katholizismus stabiler erscheinen, was viele junge Konvertiten anspricht, mit denen ich gesprochen habe – Menschen, die vom Chaos des modernen Lebens überwältigt sind und sich nach einem tieferen Gefühl der Gemeinschaft mit anderen sehnen – aber auch mit den Traditionen ihres Glaubens.»
8: «Für mich – und für uns alle Christen – dreht sich alles um Jesus. Wenn man glaubt, dass Jesus der Sohn Gottes ist und am dritten Tag von den Toten auferstanden ist, ist man auf dem richtigen Weg.»
20: «Die Kirche meines Vaters lehrte mich, dass die amerikanische Kultur einen Krieg gegen unseren Glauben führte.»
24: «Sie machten sich Sorgen um die Ungeborenen, ignorierten aber den Missbrauch, die Vernachlässigung und die Nöte in Familien wie meiner.»
50: «Es war ein Gebet, das ich in meinem Leben schon hunderte Male gesprochen hatte.»
52: «Ich hatte genug gesehen, um zu wissen, dass die Veränderung nie von Dauer war.»
96: «Anfang der 2010er Jahre hatten wir den Höhepunkt der ‚Wokeness‘ von 2020 noch nicht erreicht.»
162: «Ich habe viele Menschen gesehen, die davon überzeugt waren, dass Gottes Gnade dieses oder jenes Problem lösen könnte, und dennoch ging alles den Bach runter. Ich habe viele Menschen gesehen, die Jesus in ihr Herz aufgenommen haben und dann wieder zur Flasche oder zur Spritze gegriffen haben. Ich habe viele Ehen gesehen, die scheinbar ganz im Zeichen des Glaubens und der Kirche standen, bevor sie auseinanderbrachen.»
201: «Das Christentum ist nicht nur ein privater Glaube. Es erlegt uns individuelle Pflichten auf, zur Kirche zu gehen, den Zehnten zu zahlen, zu beten und bestimmte moralische Gebote zu befolgen – zum Beispiel nicht zu lügen …»
204: «Der Punkt ist nicht, dass die Kirche eine linke Institution ist, sondern vielmehr, dass sie nicht nahtlos in die politischen Debatten des 21. Jahrhunderts passt.»
213: «Eine der dümmsten Äußerungen, die ich je gemacht habe, war, als ich behauptete, dass ‚kinderlose Frauen mit Katzen‘ in der gesamten Demokratischen Partei unser Land zugrunde richten würden.»








10 Kommentare zu „J.D. Vance: Christlicher Nationalismus mit sozialem Gewissen?“
Spannender Beitrag, besten Dank!
Sehr gerne!
Interessante Zusammenfassung. Habe wieder was neues gelernt.
Vielen Dank!
André Ay
Immer wieder gerne! Liebe Grüsse, Thorsten
Spannender Artikel: er zeigt die Hinwendung vom Evangelikalismus zum Katholizismus gut und nachvollziehbar auf. In der Tat sind die letzten Enzykliken theologische Abhandlungen auf höchstem Niveau: davon würde ich mir mehr im protestantischen Umfeld auch mehr wünschen- nicht das es das vereinzelt nicht gäbe, aber natürlich nicht in dieser Flächenwirkung.
Als Mann der Aufklärung und liberaler Theologie gefällt mir an dem Artikel und auch an Vances Position in aller Kritik gegenüber seiner Politik einiges:
Mangelndes “Wissen” in evangelikalen Kreisen, ja das sogar “Sich verschliessen” gegenüber Kritik und gegenüber der modernen Wissenschaft und das penetrante nicht Anwenden der hist.- kritischen Methode und deren Erkenntnisse: daran leidet auch die protestantische Welt mit evangelikaler, pietistischer oder- schön geredet- “hochreligiöser” Prägung in unseren Breitengraden (als liberaler Theologe und Pfarrer empfinde ich diesen Ausdruck hochreligiös als Beleidigung: ich bin auch fromm, hochreligiös und gläubig- einfach nicht im evangelikalen Sinne). Auch an unseren Unis macht sich dieser “Ungeist” breit: dem ist nur mit radikaler Aufklärung und radikalem, kritischen Hinterfragen beizukommen und dem Einfordern kritischen, aufklärerischen Denkens auch in der kirchlichen Praxis. Das “Binnenverhalten” in der sozialen Frage in evangelikalen Kreisen halte ich als liberaler Theologe sozial- religiöser Prägung ebenfalls für richtig beschrieben. Bei alle dem ist die Hinwendung zum Katholizismus keine schlechte Lösung: als ehemaliger Katholike, der in einem streng katholischen Elternhaus aufgewachsen ist, kann ich dem nur beipflichten!
Lieber Roland, vielen Dank für Deinen Kommentar, den ich gut nachvollziehen kann. Hier nur eine Sache: Wenn Du schreibst “ich bin auch fromm, hochreligiös und gläubig- einfach nicht im evangelikalen Sinne” – dann ist das genau der Sinn der Bezeichnung hochreligiös. In der empirischen Religionsforschung ist das ein klar definierter Terminus, der sehr genau messbar ist in Umfragen. Es geht nicht um pietistisch/evangelikal, sondern um Intensität, Zentralität des Glaubens für die Personen, Beteiligung. Das gibt es in liberaler und evangelikaler Ausprägung, genau wie in sozial-religiöser oder traditioneller.
Man kann in allen theologischen Richtungen unterscheiden: wie ist die inhaltliche Einstellung? Und wie die Zentralität/Aktivität?
Bei der Bewertung geht es auseinander. Im liberalen Spektrum ist kein Wertunterschied. Viele Liberale/Soziale etc. leben Glauben praktisch im Alltag, ohne das religiöse Vollzüge eine sehr grosse Rolle spielen. Aber es gibt natürlich auch etliche, für die Beten, religiöse Literatur, Godi etc. wichtig ist.
Im Evangelikalismus wird klar gewertet, intensiv gut, weniger innig schlecht. Darum gibt es da höhere Werte für hochreligiös – die manchmal mehr mit sozialer Anpassung als Überzeugung zu tun haben.
Für die Kirche ist “hochreligiös” eine wichtige Kategorie: es sind halt Beteiligte und gut Ansprechbare für Mitarbeit und Ehrenamt… Aber es geht nicht um die theologische Richtung. Liebe Grüsse, Thorsten
Positive Wahrnehmung zumindest des jüngeren Lehramts Vatikan kann ich auch gut nachvollziehen. Es ist ja eine Art 2/3-Modernisierung, die sich da zeigt, nicht die halbierte Moderne vom manchem Golfstaatenislam, der technisch/wirtschaftlich modern, ansonsten ethisch und gesellschaftlich reaktionär tickt; vielmehr wird katholisch die Soziallehre durchaus realistisch immer weiter entwickelt. Nur in Fragen der Individualethik, vor allem Leben, Sex und Gender – macht man immer noch dicht gegen Differenzierungen aller Art. Aber gut, wir sind ja geduldig und warten mal ab…
@reflab
Ich glaube ihm noch nicht.
Für staatliche Karriere sollte/muss er Christ sein.
Zu Katholizismus gehört auch das Schweigen während des 3.Reichs und die Rattenlinien.
Zudem das Annähern an die LGPTQ Gruppe. Dürfte ihm weitere Wählerstimmen bringen.
Ich messe ihn an seinen Taten. Und da hat er bis jetzt nicht geglänzt
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@reflab
P.S: Bei den ersten Krankenmorden im 3.Reich hat die Kirche nicht geschwiegen, aber als es mit der #BrandtAkte grad so weiterging nur vor Ort mit Krematorien, da war nichts mehr zu hören
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Skepsis ist mehr als angebracht ja. Zugleich finde ich es wichtig, sich die Kunst differenzierter Wahrnehmung zu bewahren. Die Menschen in der MAGA-Bewegung sind nicht alle gleich, sie haben offenbar auch ihre eigenen inneren Widersprüche. MAGA arbeitet ja mit einer permanenten Dualisierung, dem Beschwören der grauenhaften linken, woken, progressiven Zerstörung Amerikas, vor denen das Land gerettet werden müsse. Man sollte dem Sog der Polarisierung widerstehen, meine ich. Es sollte nicht von anderer Seite genauso als Kampf von Licht gegen Finsternis beschrieben werden. Insofern ist meine Vance-Deutung der Versuch, eine sehr problematische Figur unserer Zeit zu verstehen, ohne immer schon alles an ihr total schwarz zu zeichnen. Liebe Grüsse, Thorsten