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 Lesedauer: 8 Minuten

Zwischen Erde und Eden – Der Baum des Lebens

Wir vom RefLab haben in den letzten paar Wochen Pflanze für Pflanze unseren eigenen digitalen Garten angelegt. Vor uns liegt er, reichhaltig, durchzogen von Gerüchen aller Art, von Farbenspielen, die die Grenzen des Lichtspektrums ausloten, Und voller Pflanzen, die man zuhause hat, oder denen man in der Natur immer mal wieder begegnet. Aber auch Pflanzen, die am Ende dieser Welt wachsen oder sogar darüber hinaus.

Anzutreffen ist der hochgeachtete, mit Sagen umschmückte Holunderstrauch. Auch die resiliente Christrose, die nicht im Frühling, sondern im Winter blüht, schwingt im Wind. Die Blaue Blume der Romantik lässt sich – so scheint es zumindest – gleich hinter der nächsten Hecke blicken, und die Kapuzinerkresse, mit ihren scharfen Blättern und geniessbaren Blüten, verstreut sich in orangen, gelben und roten Tupfern zwischen dem üppigen Grün des vielseitigen Basilikums. 

Zum baldigem Abschluss unserer Arbeit in diesem Garten kommt noch die Pflanze hinzu, die in der Lebendigkeit dieser üppigen, vielseitigen Natur schon immer gegenwärtig war. Sie befindet sich im Zentrum des Gartens und gibt allem darin, was sich regt, bewegt, wächst und lechzt, genau das, was es braucht. Es ist der Baum des Lebens.

 

Der Mensch und der Baum

Der Baum fasziniert Menschen seit eh und je. Selbst das alte Israel, das im wüstenartigen Klima vor allem Sträucher, Weinreben oder höchstens mal den knorrigen Olivenbaum zu Gesicht bekam, sprach mit Hochachtung von den majestätischen Zedern des Libanon.

Noch heute schwören viele auf die heilsame Gegenwart der Bäume. An der Universität Bern wird «Waldbaden» sogar im Unisport angeboten. Das japanische Shinrin Yoku (übers. «Eintauchen in die Atmosphäre des Waldes») soll bei Stress und Überlastung helfen. Bei geführten Achtsamkeitsübungen im Wald nehmen Teilnehmende durch Reiben der Blätter und Berühren der Rinde Kontakt mit den Bäumen auf.

Bäume machen was mit uns. Es ist fast so, als würden sie tief in den Aschehaufen der Zeit vergrabene Sehnsüchte hervorrufen.

Als würde ihre Gegenwart uns ermöglichen, Spuren einer archaischen Menschlichkeit wieder zu entdecken, die im Betondschungel moderner Städte zu ersticken droht.

Aber wieso passiert das? Liegt es daran, dass unsere evolutionäre Heimat in üppigen Wäldern und auf hohen Baumkronen liegt? Ist es so, weil Bäume eines der ersten und weiterhin grundlegendsten Materialien für unsere Werkzeuge und Behausungen lieferten und liefern? Liegt es daran, dass Bäume die am leichtesten zugänglichen und am unmittelbarsten geniessbaren Nahrungsmittel liefern?

Oder vielleicht, aber nur vielleicht, ist es ja auch so, wie es viele der ältesten Geschichten und Mythen der Menschheit berichten:

Vielleicht bewegen uns Bäume so sehr, weil die Struktur des Baumes ganz grundsätzlich mit den innersten Mechanismen dieser Welt verbunden ist?

Baumwurzeln reichen in fast alle Weltreligionen

Viele Kulturen kennen heilige Bäume. Die Wurzeln reichen in die Unterwelt, in den Humus, in den Totes sinkt und aus dem neues Leben spriesst; die Krone ragt in den Himmel. Dazwischen ist die irdische Sphäre. Über heilige Bäume, so der Volksglaube, bewegen sich Totenseelen und Geister zwischen den Sphären hin- und her.

Zwei klar greifbare Motive kommen in vielen Religionen der Welt immer wieder auf: der Weltenbaum und der Baum der Unsterblichkeit.

Der Baum als axis mundi, als Weltachse, wird verschieden gedacht und dargestellt.

Ein Stich, der den Weltenbaum Yggdrasil zeigt. Es gibt zwei Ebenen im Bild. Auf der mittleren ist die Erde mit Eismeer und Midgardschlange abgebildet. Unter der «Platte» der Welt geht der Baum aber weiter. An den Wurzeln knabbern Schlangen, und es führen verschiedene Höhlengänge zu den Wurzeln. Die obere und die untere Ebene werden durch Bifröst, die Regenbogenbrücke, verbunden.
Eine Darstellung der Yggdrasil aus einer englischen Übersetzung der Prosa-Edda

Yggdrasil, die Weltenesche, verbindet zwischen ihren Zweigen und Wurzeln die Welten der nordischen Mythologie.

Die ältesten Texte des Hinduismus berichten vom Aśvattha-Feigenbaum (lat. Ficus religiosa), der auf dem Kopf steht – Wurzeln im Äther, Zweige in der Welt.

Er symbolisiert den himmlischen Ursprung – und Ziel – alles Irdischen.

Bei den Lakota, einem indigenen Volk Nordamerikas, wird das zentrale Ritual ihrer Religion, Wiwáŋyaŋg Wachípi – der Sonnentanz – um eine heilige Pappel (lat. Populus deltoides) vollzogen.

Sie stellt als Zentrum eines Kreises die Achse der Welt dar.

Doch auch der lebensspendende Baum – ähnlich wie der, der im Zentrum unseres Gartens steht – ist in verschiedenen Mythen zu finden.

Das Gemälde zeigt die Hesperiden, die tanzend den Baum mit den goldenen Äpfeln der Unsterblichkeit umkreisen. Eine blaue Schlange umschlingt den Baum zwischen den Tänzerinnen.
Gemälde der Hesperiden, die tanzend den Baum mit den goldenen Äpfeln der Unsterblichkeit umkreisen.

In der griechischen Mythologie hüten die Hesperiden einen Baum am westlichen Ende der Welt, dessen goldene Äpfel Unsterblichkeit verleihen.

Ähnliches findet man im Daoismus, wo die höchste Göttin Xīwángmǔ in ihrem Garten Haine von goldenen Pfirsichen hütet, die vermeintlich ebenfalls dem Tod seine Kraft entziehen können.

Im Zoroastrismus, einer der am längsten ununterbrochen praktizierten Religionen der Welt, pflanzt legendarisch der Schöpfer- und Lichtgott Ahūrā Mazdā den Baum Gaokərəna im mythologisch-heiligen Meer Vouru.kaša.

Der Saft dieses Heilbaumes soll nach dem Ende der Zeit den Gerechten zur Auferstehung und zum Ewigen Leben verhelfen.

Auch wenn Mythen über Bäume religionsübergreifend sind, behält jede Geschichte einzigartige Deutungsfacetten, denen wir in diesem kurzen Text nicht allen nachgehen können. Nur für den, der auch in unserem Garten steht, wollen wir es versuchen:

Der in unseren Spähern bekannteste Baum des Lebens ist jener aus Genesis 2, der im Paradies aufzufinden ist.

Der Baum des Lebens – êṣ haChajim

Es sind sogar zwei mysteriöse Bäume, von denen ganz am Anfang der Bibel berichtet wird (Gen 2,9):

Und Gott, der HERR, liess aus dem Erdboden allerlei Bäume wachsen, begehrenswert anzusehen und gut zur Nahrung, und den Baum des Lebens in der Mitte des Gartens, und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.

Der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse spielt sehr bald eine zentrale Rolle. Der Genuss seiner Frucht führt zum Ausschluss der Menschheit aus dem Paradies.

Beide Bäume erscheinen aber – trotz ihrer angeblich zentralen Rolle in der Paradieserzählung – nicht häufig im Alten Testament.

Bereits ein Kapitel nach deren Einführung findet der Baum des Lebens (nebst dem metaphorischen Gebrauch im Buch der Sprüche) seine letzte Erwähnung in der hebräischen Bibel (Gen 3,22.24):

22«Siehe, der Mensch ist geworden wie einer von uns, zu erkennen Gutes und Böses. Und nun, dass er nicht etwa seine Hand ausstrecke und auch [noch] von dem Baum des Lebens nehme und esse und ewig lebe! 24Und er trieb den Menschen aus und liess östlich vom Garten Eden die Cherubim sich lagern und die Flamme des zuckenden Schwertes, den Weg zum Baum des Lebens zu bewachen.»

Die spärliche Beschreibung des Baums des Lebens lässt offen, was er alles bewirkt. Man weiss lediglich aus Gen 3,24, dass der Genuss seiner Frucht Ewiges Leben spenden würde.

Die Gottesattribute der beiden Bäume

Wenn man aber zwischen den Zeilen liest, kann man Grundsätzlicheres daraus schliessen.

Beide Bäume stehen im Zentrum des Gartens Eden, der die sehr gute, paradiesische Schöpfung darstellt. Das heisst: Die Bäume sind zentral.

Der Baum, der die Versuchungserzählung prägt, verleiht den Menschen – wie die Schlange es in Gen 3,5 verspricht – eine Fähigkeit, die bisher nur Gott zustand: die Erkenntnis von Gut und Böse.

Dass nicht nur einer, sondern beide zentral gelegenen Zwillingsbäume ein Attribut Gottes repräsentieren, drängt sich geradezu auf.

Der von Leben strotzende Garten Eden hat zum Zentrum also das, was ihm seine Lebenskraft und Üppigkeit verleiht: die unendliche, unerschöpfliche, überfliessende Lebendigkeit Gottes.

Der Baum des Lebens ist Inbegriff der Vitalität, Fülle und blühender Lebendigkeit, weil er die Lebendigkeit Gottes an sich repräsentiert, ohne die kein Mensch – aber auch kein Garten – dieser Welt gedeihen kann.

Die Reichweite seiner schattenwerfenden Äste ist im theologischen Sinne unbegrenzt: Alles, was lebt hat gemeinsam Anteil an ihm. Seine Lebendigkeit schafft Verbundenheit unter allen Lebewesen und bringt auch unseren Garten zum knistern.

Ein ähnliches Bild malt eine jüdische Legende, die auf farbenfrohe Weise die fantasieanregende Leerstelle um den Baum des Lebens füllt:

«…der Baum des Lebens steht in der Mitte und beschattet das gesamte Paradies. Er hat fünfzehntausend Aromen, alle voneinander unterschieden, und Parfums daraus unterscheiden sich ebenso. Über ihm hängen sieben Wolken der Herrlichkeit, und Winde wehen von allen vier Seiten über ihn, sodass sein Duft von einem Ende der Welt zum anderen getragen wird.»

Und auch wenn dies vorerst der letzte Beitrag unserer Serie ist, sind wir uns sicher, dass dieser wunderschöne, vom Baum des Lebens genährte Garten auch ohne unser Zutun immer reicher, voller und blühender zwischen Erde und Eden weitergedeihen wird. 

——

Unser digitaler Garten ist übrigens vernetzt mit einem physischen Garten: dem Klostergärten in Kappel nahe Zürich. Neben Gemüse- und Obstgärten ist auch der traditionelle Heilkräutergarten einen Besuch wert. Im Klostergarten finden sich auch seltene Pflanzensorten (Näheres dazu unter dem Stichwort ProSpecieRara)

Bibelzitate stammen aus der Elberfelder Bibel (1991)

Das Zitat der jüdischen legende stammt aus: Ginzberg, Louis: Die Legenden der Juden, Herausgegeben von Andreas Kilcher und Joanna Nowotny, Suhrkamp Verlag 2022, s. 98f.

Video: Illustriert von Isabelle Bühler, animiert von Pascal Tautschnig

Erstes Bild: Illustration «Yggdrasil, The Mundane Tree», Stich von Oluf Olufsen Bagge aus der englischen Übersetzung der Prosa-Edda (Northern Antiquities), 1847. Quelle: PICRYL

Zweites Bild: Gemälde «Der Garten der Hesperiden» von Edward Burne-Jones, entstanden 1869 bis 1873 (Wasserfarbe auf Papier auf Leinwand). Quelle: Hamburger Kunsthalle via Wikimedia Commons

Beitragsbild: Seidenwandteppich mit Motiv des Baums des Lebens, gewoben in Grossbritannien im 17. Jhdt. Quelle: Metropolitan Museum London

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