Eher im Bunde mit der Zeit
Schon länger beschäftige ich mich mit den heilsamen Wirkungen von Gärten. Ich würde nämlich gerne tiefer verstehen, warum ich die Zeit dort anders erlebe als anderswo. Präzise beschreiben kann ich das nicht so recht. Und vor einer kitschigen Romantisierung des Gartens oder einer ästhetischen Harmonisierung der Gartenzeit, will ich mich hüten. Denn Garten macht Arbeit, ist mühsam, bisweilen stressig und kann einem buchstäblich über den Kopf wachsen. Und doch:
Im Garten fühle ich mich eher im Bunde mit der Zeit.
Sie zu managen ist hier nicht so wichtig. Totschlagen muss ich sie auch nicht. Ich fühle mich nicht so verheddert im Kampf gegen die Uhr. Ich leide weniger an der Not von zu wenig Zeit, die mir zwischen den Fingern zerrinnt.
Die Zeit – der Duft – das Atmen
Die Zeit ist nicht meine Feindin, die ich in den Griff kriegen muss. Im Garten und beim Gärtnern erlebe ich sie als Verbündete, als Freundin. Hier hört sie auf zu schwirren, wie Byung-Chul Han es nennt.
Dass Gärten unser gebrochenes Verhältnis zur Zeit heilen können, ging mir vergangenen Sommer in den Hügeln der Ardéche auf. Zwei Wochen lebte und arbeitete ich dort in einem grossen Garten und schrieb währenddessen vier Blog-Beiträge: Der Sommer und die Gärten. Eine kleine Spiritualität des Gärtnerns. Dabei stiess ich auf ein Gedicht von Rose Ausländer, dass mich seitdem nicht loslässt. Die Worte deuten ein nahezu zärtliches Verhältnis zwischen der Zeit und mir an:
Im Garten
atmet die Zeit
freier
Ich atme ein
Ihren Duft
Er atmet
mich aus
Im Duft atmet die Zeit
Was für eine überraschende Verbindung von Zeit, Atem und Duft! Poesie erschliesst Wirklichkeit, der mit theologischen Begriffen nicht ganz beizukommen ist. Und doch lohnt sich weiteres Nachdenken:
In den wohlriechenden Düften eines Gartens steckt tatsächlich viel Zeit.
Lange haben Nadeln und Blätter den Waldboden kultiviert, bis er uns bei verdunstendem Regen in die Nase steigt. Der Frühling liegt erst dann in der Luft, wenn die Blüten Duftstoffe bilden und als flüchtige Moleküle davonziehen lassen. Vom schlichten Heu über die intensiven Kräuter bis hin zu frischem Obst und hängenden Früchten – überall gilt: Ohne zeitintensives Wachsen, Ruhen und Reifen duftet es nicht. Ich finde es nicht nur schön, sondern auch plausibel zu denken:
Wenn mir im Garten ein Duft um die Nase weht, dann hat die Zeit geatmet und mich angehaucht.
Im Duft spielt die Zeit für mich
Bei einem Dufterlebnis spielen viele Faktoren auf zarte Weise zusammen, und zwar in einem passenden Moment.
«Kairos» nennt die Theologie dieses glückende, zeitliche Zusammenspiel.
Eine Duftwolke entsteht nicht schon dadurch, dass eine Blume in den Zellen ihrer Blüte Duftstoffe bildet und versprüht. Die Luft muss stimmen, ihre Temperatur, ihre Feuchtigkeit und ihr Strömen. Dazu braucht es die passende Tages- oder Nachtzeit mit den notwendigen Lichtverhältnissen. Und schliesslich eine atmende, schnuppernde Nase, die frei ist, damit die Duftmoleküle in den olfaktorischen, oberen Bereich steigen, wo die Riechzellen ihre Signale an das Gehirn weitergeben.
Im Duft mag ich verweilen
Feinabgestimmt, unverfügbar und flüchtig sind die Düfte im Garten. Aber gerade darin liegt ihre Kraft, unser Zeiterleben zu verwandeln. Wenn uns ein Wohlgeruch umwölkt, kann er uns betören. Wir wollen ihn nicht so schnell wieder verlieren, beginnen zu schnüffeln, zu schnuppern, wo er herkommt, was er genau ist.
Kontemplativ verweilen wir, halten an und inne. Denn wer durch die Duftwolke rauscht, macht alles kaputt.
Im Duft atme ich Zeit
Schnuppern geht weder keuchend noch hastig. Wer Duft erfahren will, verweilt darin und beginnt frei und entspannt zu atmen. Achtsam ein- und ausatmend halten wir die Aufmerksamkeit auf das gegenwärtige Dufterlebnis. Wir machen eine Präsenzerfahrung. Wir, die wir so oft das beklemmende Gefühl haben, nicht wirklich im Jetzt zu leben und der Zeit hinterher zu hecheln.
«Beglückend ist diese Rückkehr-zu-sich. Wo es duftet, sammelt es sich.» Byung-Chul Han: Duft der Zeit, S. 50
Im selben Duft, in dem die Zeit atmet, atmen wir Zeit. Unser freundliches Bündnis mit der Zeit drückt sich aus in einem zarten, gemeinsamen Hauchen.
Der enge Zusammenhang von Atmen und Zeiterleben ist nicht aus der Luft gegriffen. Forschungen zu unserem Zeitempfinden haben gezeigt, dass wir alles, was wir erleben, zu zeitlichen Gestalten von drei Sekunden verknüpfen. So lange dauert ein gefühlter und bewusst erlebter Moment. Marc Wittmann verbindet das mit unserem Atmen so (Gefühlte Zeit, S. 69):
«Atmen bedeutet gefühlte Gegenwart des beseelten Körpers. Denn der Rhythmus der Atembewegungen der Lunge vollzieht sich im Fortgang der Momente. Es ist nicht von ungefähr, dass eine Periode des entspannten Atmens etwa drei Sekunden beträgt. Eine Atemperiode hat exakt die Dauer des erlebten Moments.»
Im Duft atme ich Gott
Kürzlich hat Martin Thoms unter dem Titel «Gott atmen» vorgeschlagen, unser Atmen als innige Verbindung mit allem, was lebt, und mit Gott selbst zu verstehen und zu vollziehen.
Ich würde es gerne «die grosse Kon-Spiration» nennen. Das gemeinsame Atmen und Hauchen, dass wir im Duft unserer Gärten erleben, ist die Urerfahrung des lebendig machenden Gottes im Garten Eden.
In einer zärtlichen und intimen Geste haucht er dem Menschen «Atem des Lebens» in die Nase, so dass der Mensch eine «lebendige Seele», eine näfäsch (hebr.) wird. Und das heisst: Eine Kehle, die ein und ausatmet. Sie ist bedürftig, verletzlich, steckt voller Sehnsucht und praller Vitalität.
Der Atem, Odem oder Hauch des Lebens wird im Alten Testament mit der ruach (hebr.), der weiblich konnotierten Geistkraft Gottes identifiziert. Und nicht nur die Menschen, alle Lebewesen partizipieren an diesem göttlichen Geist.
Ein Gott, der atmet. Ein Gott, der die Zeit, den Sabbat, heiligspricht, damit er mit allen Kreaturen in seinem Garten verweilen, zur Ruhe kommen und Atem schöpfen kann, so heisst es in 2Mo 31,17.
Der Geist Gottes ist der Atem, in dem wir miteinander lebendig und verbunden sind. So nah, dass wir einander hauchen und atmen spüren. Frisch und wohlriechend, erlesenste Düfte – alles andere würde uns auf Abstand gehen lassen.
Augustinus hat eine feine theologische Spürnase, wenn er im 10 Buch seiner Bekenntnisse, 27 unter der Überschrift «Von der hinreissenden Schönheit Gottes» so betet:
«Du hast mir süßen Duft zugeweht; ich habe ihn eingesogen, und nun seufze ich nach dir. Ich habe dich geschmeckt, und nun hungere und dürste ich nach dir. Du hast mich berührt, und ich bin entbrannt in deinem Frieden.»
Komm mit in den Garten
Duften kann es überall.
Aber mir scheint, dass die Gärten bis heute besonders günstige und bevorzugte Orte sind, an denen sich der Geist Gottes als Duft des Lebens versprühen kann.
Wer darin verweilt, kann erleben, dass mitten im knechtenden Zeitregime unseres hochtourigen Lebens ein anderes, freies Zeiterleben möglich ist.
Folge unserer Einladung in den RefLab-Garten. Lass Dich von den Blumen- und Pflanzenporträts animieren, die Düfte eines echten Gartens aufzusuchen. Teile Deine Erfahrungen mit uns, vielleicht wird ja ein gemeinsames und göttliches Schnuppern und Atmen draus.
Anregendes zum Lesen, Hören und Erleben
Das Kloster Kappel bietet die Möglichkeit, den Klostergarten zu erleben. Hier geht es zu den Gartenführungen
Evelyne Baumberger: Terra Divina. In der Natur auf Gott hören. Eine Anleitung zu einer spirituellen Übung in der Natur oder im Garten.
Johann Hinrich Claussen: Im Garten ist jeder Mensch ein König/eine Königin
Margit Eckholt: Was ist ein Garten? Gedanken einer Theologin, in: Erbe und Auftrag. Benediktinische Monatsschrift EuA 85 (2009), S. 258-269.
Byung-Chul Han: Duft der Zeit. Ein philosophischer Essay zur Kunst des Verweilens, Bielefeld (12. Auflage) 2015.
Andreas Loos: Der Sommer und die Gärten. Vier Blogs von den Orten des Menschlichen
1. Wetten es gibt auch für dich einen Garten?
2. Raus in den Garten! Push- und Pullkräfte für Grünsüchtige
3. Erde unter den Fingernägeln: Gärtnern macht menschlich und ist göttlich
4. Der Uhrgarten in Eden und die Zeitnot unserer Gegenwart
Felix Reich, Luca Zacchei und Andreas Loos: Die Sehnsucht nach dem U(h)rgarten
Brigitte Schäfer (Hrsg.): Gestaltete Lebensräume. Gärten als Orte der Verwandlung, WerkstattBibel 8, Stuttgart 2005.
Manuel Schmid: Hartl will zurück nach Eden
Marc Wittmann: Gefühlte Zeit. Kleine Psychologie des Zeitempfindens, München (3. Auflage) 2014.
Foto von Alex Moschopoulos







