Dein digitales Lagerfeuer
Dein digitales Lagerfeuer
 Lesedauer: 4 Minuten

44 Seiten Zeit

44 ausgedruckte Papierbögen liegen vor mir. Ich habe sie sogar seitlich zusammengetackert, sodass sie ein kleines Heftchen ergeben. So fällt es mir bestimmt leichter, sie zu füllen. Habe ich mir zumindest so gedacht. 3 Monate später habe ich immer noch nur 5 der 44 Seiten ausgefüllt. Nun denn. Was zwischendurch passiert ist:

Ich habe mir Zeit genommen, um heil zu werden, zum Basteln und Malen und Ukulele spielen. Ich habe mir Zeit genommen für Freunde und Liebeleien und die Arbeit und für die Ausbildung – für die habe ich mir ganz besonders viel Zeit genommen.

Für Umwege habe ich mir Zeit genommen, denn die habe ich besonders gern. Vom Weg abkommen erfordert immer Zeit und schenkt meistens eine neue Parkbank. Die so schön rot angestrichen ist und direkt gegenüber von der kleinen Birke am Bach steht. Im Hintergrund sehe ich drei Wolkenkratzer.

Erwartungshaltungen

Ich habe mir Zeit genommen für Nachrichten. Lange und kurze, liebevolle und passiv aggressive. Manchmal schreibe ich, «es ist alles gut» und «mach dir keine Sorgen». Das ist dann meistens falsch. Manchmal schreibe ich, dass ich gerade ganz gut davor bin. Das ist dann meistens eine Hoffnung und weniger ein Zustand.

Manchmal erzähle ich dir, wenn gerade nicht alles gut ist. Aber dann tue ich so, als würde es schon wieder werden, dabei will ich, dass du mir sagst, dass es schon wieder werden wird. Ich habe die Mitteilungen ausgestellt. Dadurch muss ich immer bewusst WhatsApp öffnen, nur um zu sehen, dass du mir nicht geschrieben hast. Das kostet mich dann noch mehr Zeit. Wartezeit fühlt sich meistens nicht so gut an.

Jedes Jahr aufs Neue kaufe ich mir zum Ende des Jahres die 44 Reflexionsbögen von meinem Kalenderhersteller. Ich lade mir die Seiten auf deren Internetseite herunter und drucke sie mir aus. Dann beginne ich irgendwann Anfang Dezember, mein Jahr zu reflektieren, und stelle Ende Februar fest, dass das mittlerweile zerfledderte Heftchen immer noch auf der Ablage liegt, in der Erwartung, dass es noch aufgefüllt werden möge. Aber das braucht wohl auch Zeit.

Eine Liegephase

Liegen braucht Zeit. Ich liege ganz hervorragend gerne. Vorzugsweise auf meinem Bett. Dann lege ich mich auf die beiden rosafarbenen Tagesdecken, die ganz flauschig sind, aber leider einen Blutfleck an der Ecke haben, und decke mich mit der grauen Decke mit den Fransen zu. Die Kissen knautsche ich so zusammen, dass der Kopf gut unterstützt ist, so wie es Kissen-Werbungen formulieren würden. Der obere Rücken liegt etwas erhoben.

Dann platziere ich das Handy auf meinem Bauch und mache griechische Mythologie auf zweitleisester Stufe an und dann schaue ich auf diesen Punkt, der zwischen den Augen liegt. Der mich dazu bringt, nach innen zu blicken und dann meistens einzuschlafen. Das ist das Ziel.

Manchmal wache ich dann von meinen eigenen Zuckungen auf. Irgendwas ist feucht auf meinen Lippen. Ich wische mit meiner Hand an meinem Mund entlang. Bisschen gesabbert nur. Ich drehe mich auf die linke Seite.

Das Kissen drückt mir ins Gesicht. So kann ich nicht gut atmen. Ich drücke zurück. Der rechte Arme legt sich über ein weiteres Kissen. Schwangere haben diese Seitenschläferkissen, sowas wünsche ich mir auch manchmal, wenn ich um 5 Uhr wieder versuche, einzuschlafen.

Bedeutungsverschiebungen

Ich habe mir Zeit genommen zum Schlafen. Und zum Schreiben. Und für das Schreiben übers Schlafen. Unter anderem auch für dieses Buch. Dafür habe ich mir auch Zeit genommen. Ich habe mir Zeit genommen für kleine Ideen, die in meinem Kopf gewachsen sind, bis ich dann irgendetwas mit ihnen anfange und sie dann nicht mehr nur kleine, sondern große Ideen sind.

Sich Zeit nehmen, um etwas zu durchdenken. Um etwas zu prüfen, um etwas zu reflektieren. Um vorauszuschauen, um nichts zu tun. Für die Familie. Für die Freizeit. Für das Hobby. Der November ist keine Zeit, in der nichts getan wird – eher eine Zeit, in der eine Bedeutungsverschiebung stattfindet. Weil ich auf einmal auf mich selbst zurückgeworfen bin.

Dann verschiebt sich etwas. Die Bedeutungsverschiebung, wenn wir uns aktiv mit unserem Zeitmanagement auseinandersetzen. Wenn wir uns für etwas Zeit nehmen, wird diese Zeit und das, was wir tun, bedeutsamer. Wir wollen, dass es bedeutsamer wird, wir gestehen der Zeit, die wir verbringen, Relevanz zu.

Sicherlich werde ich mir nächstes Jahr wieder die Reflexionsbögen kaufen. Sicherlich werde ich ebenso wieder anderen Dingen die Zeit geben.

 

Buch: “Ein gefühltes Jahr

Das Buch widmet sich dem Jahreszyklus und versucht diesen mithilfe von Journaling neu aufzubereiten und zu Reflexion anzuregen. Das Buch ist überall im Handel erhältlich.

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