Ich stehe in der Bahnhofstraße in Zürich und blicke auf die eindrückliche Weihnachtsbeleuchtung, die wie tausend kleine Sterne über der Straße schwebt. Der ganze Himmel scheint zu glitzern. Ich stehe dort und frage mich, ob dieser Glitzerhimmel wohl notwendig ist für Weihnachten, und beginne zu sinnieren.
Ein paar Zahlen
Was es braucht, damit Weihnachten werden kann: 1,7 Tonnen Tannenzweige – nicht Bäume, nein, Zweige. Für all die Bastler und Dekorateure, Grababdecker und Fensterverzierer. Wie viele Bäume noch dazukommen, will ich gar nicht wissen.
Fünf Tonnen Lebkuchengebäck, produziert bereits im Frühling, das erste ist also das frischeste. Wenn man möglichst frische Lebkuchen haben will, empfehle ich, die ersten bereits im September zu kaufen und zu verzehren.
Dazu kommen circa 500.000 Weihnachtsmänner, die in roten Mänteln durch zum Teil fremde Wohnzimmer stapfen, um Spielzeug und selbstgemachte Wollsocken zu verteilen. Von den Schoko-Weihnachtsmännern fangen wir gar nicht erst an.
Ein bisschen zu viel von Allem
Globaler Überfluss wird im Dezember gepaart mit persönlichen Ausuferungen. Ich kaufe unzählige Glaskugeln und Strohsterne, Geschenkpapierrollen, Schleifen und verklebe dann klebrige Klebestreifen.
Das Geschenke-Kaufen wird zelebriert. Ich wundere mich jedes Jahr wieder über die ganzen Dinge, die ich nicht brauche, aber in dieser Zeit dann doch kaufen will, weil sie so schön bunt beleuchtet sind.
Apropos Lichter: Der berühmteste Weihnachtsbaum in New York ist 25 Meter hoch, wird mit 50.000 LED-Lampen beleuchtet und täglich von 500.000 Menschen besucht. Die Vorweihnachtszeit ist eine Ansammlung absurder Statistiken. Nicht nur in New York.
Die Weihnachtsbeleuchtung in der Bahnhofstraße, auf die ich gerade blicke, hat sogar einen eigenen Namen. Sie heißt Lucy. Auf der Website heißt es: Lucy hüllt die bedeutendste Straße der Schweiz in ein magisches Licht und schafft eine stimmungsvolle, festliche Atmosphäre. Benannt ist Lucy nach einem Song der Beatles: Lucy in the Sky with Diamonds. In der Beleuchtung sind immerhin 11.500 Kristalle verarbeitet.
Eine Zeit des Unglücklichseins
Zu dem Überfluss und den persönlichen Ausuferungen gesellen sich auch die privaten Tragödien. Neben den unzähligen Lichtern gibt es in dieser Zeit auch unzählige Eltern mit Schuldgefühlen ihren Kindern gegenüber. Und Kinder mit Scham, weil sie weniger Geschenke bekommen als die Klassenkamerad*innen.
Es braucht viel schlechtes Gewissen für die Geschenke, die dann zu groß geraten. Um irgendetwas wiedergutzumachen. Und Zeitnot sorgt für Präsente, die nicht so richtig passen wollen. Wie im Film Tatsächlich Liebe, wenn die Frau die zwanzigste CD bekommt und sich eigentlich über eine Halskette gefreut hätte.
Jedes Jahr haben viel zu viele Menschen zu wenig Zeit, die dann Gutscheine für mehr Zeit bekommen. Dadurch haben sie dann zwar nicht mehr Zeit, aber sie quetschen noch zwei Stunden Wellness in eine Sieben-Tage-Woche.
Und dann gibt es noch die alleinstehenden Tanten, die keine Familie haben und deshalb ihre Nichten und Neffen mit allerlei Unnützem beschenken. Da zähle ich mich persönlich dazu.
Eine gute Frage
Was es also braucht, damit Weihnachten werden kann: Globalen Überfluss, persönliche Ausuferungen und private Tragödien. Nein, natürlich nicht. Nichts davon ist notwendig oder wünschenswert. Aber das alles passiert. Das alles passiert jedes Jahr wieder, zieht an uns vorbei und wiederholt sich. Das alles ist ein Teil von Weihnachten.
Ich stehe also in der Bahnhofstraße, schaue mir Lucy an und frage mich: Wozu das ganze Brimborium? Ob den Menschen wohl etwas fehlen würde? Es wäre doch besser, wenn es das alles nicht gäbe, oder?
Aus dem Buch: Ein gefühltes Jahr von RefLab Autorin Janna Horstman
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