Dein digitales Lagerfeuer
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Rebellisch geniessen

«Ich konsumiere, also bin ich» – so fasst die Theologin Dorothee Sölle den Leitsatz der modernen Gesellschaft zusammen. Konsum ist längst mehr als Bedürfnisbefriedigung. Er ist Selbstvergewisserung, Erlebnis, Identität. Kleidung, Technik, Reisen, Essen – alles wird zur Bühne des Ichs. Wir konsumieren, um uns zu spüren.

Konsum ist der Gottesdienst der Gegenwart – mit dem Ich als Altar und der Werbung als Liturgie.

So schön und stimulierend all das sein kann – es geschieht meist auf Kosten anderer. Konsum wird schnell zu Überkonsum. Und Überkonsum bedeutet Ausbeutung: von Ressourcen, Arbeitskräften, Mensch und Natur.

Drei Erden für ein gutes Leben?

Die grosse Frage lautet: Kann ich meinen Lebensstandard aufrechterhalten und zugleich umweltfreundlich leben? Kann ich nach dem Motto «Ich konsumiere, also bin ich» leben, ohne dass die Welt daran zerbricht? Können technische Innovationen den Überkonsum einfach ausgleichen? Ist mein Lebensstil als Westeuropäer überhaupt universalisierbar?

Die Antwort ist ernüchternd: Nein.

Würden alle Menschen leben wie ich, bräuchte es drei Erden. Doch wir haben nur diese eine.

Wir können den Überfluss nicht einfach «grün waschen». Nachhaltigkeit bedeutet nicht, mit gutem Gewissen so weiterzumachen wie bisher, sondern anders zu leben.

Genuss statt Gier

Ich glaube, es gibt eine erstaunlich einfache Möglichkeit, die Spannung zwischen Erlebnis (das Ziel des Konsums) und Nachhaltigkeit zu versöhnen. Das Heilmittel heisst: Genuss und Verzicht. Beide gehören untrennbar zusammen.

Genuss ist das Gegenteil von Masslosigkeit. Wer wirklich geniesst, übertreibt nicht – er achtet. Genuss hat mit Dankbarkeit zu tun, nicht mit Gier. Genuss ist Hingabe an das Jetzt.

Ich kann mich nicht vollstopfen und zugleich geniessen.

Ein Glas Wein am Abend. Ein Stück Schokolade, das auf der Zunge zergeht. Ein Spaziergang im Regen. Genuss ist ein geistlicher Akt: eine kleine Eucharistie des Alltags. Und damit ist Genuss das blanke Gegenteil von Überkonsum.

Verzicht als Freiheit

Und Verzicht ist kein moralischer Zeigefinger, sondern eine Schule der Freiheit. Wer verzichtet, wird nicht ärmer, sondern unabhängiger. Ich merke, dass ich das meiste gar nicht brauche. Das ist der Grundgedanke des Fastens. Von Mönchen lernte ich immer wieder:

Fasten bedeutet Freiheit.

Silbermond bringt das in einem Lied so zur Sprache: «Es lebt sich besser mit leichtem Gepäck.» Das stimmt. Ohne Auto, ohne ständigen Konsum, ohne den Druck, alles haben zu müssen, habe ich plötzlich mehr Zeit, mehr Leichtigkeit, mehr Leben. Keinen TÜV- und Werkstattstress – und keinen grösseren ökologischen Fussabdruck.

Ich beginne, mein Glück nicht länger im Aussen zu suchen. Ich entdecke, dass der wahre Reichtum nicht in Geldscheinen, Gütern oder Grillwürstchen liegt, sondern in der Gegenwart selbst – allein, mit Menschen, umgeben von meiner Mitwelt.

Achtsamkeit als Widerstand

Vielleicht besteht der radikalste Akt des Widerstands heute darin, achtsam zu geniessen. Nicht mehr alles haben zu wollen, sondern das, was da ist, wirklich zu schmecken. Nicht mehr die Welt zu verbrauchen, sondern sie zu bewohnen. Bewusstes Geniessen, von dem, was ist.

Genuss ist kein Luxus – er ist der Beginn einer nachhaltigen Spiritualität.

Die Sehnsucht hinter allem: Resonanz

Diese Gedanken finde ich in den Forschungen des Soziologen Hartmut Rosa bestätigt. Er stellt fest: Hinter all unserem Streben, Kaufen, Reisen, Erleben steckt eine tiefere Sehnsucht – die Sehnsucht nach Resonanz. Resonanz bedeutet, dass uns etwas berührt, dass wir in Beziehung treten – zur Welt, zu Menschen, zu uns selbst. Aber, so betont Rosa, Resonanz lässt sich nicht herstellen. Sie ist unverfügbar.

Ich kann alles planen – aber nicht erzwingen, dass mich etwas bewegt.

Wir können weit weg fliegen, die spektakulärsten Orte sehen – und doch innerlich leer bleiben. Und wir können auf einer einfachen Parkbank sitzen, in unserer eigenen Stadt und plötzlich spüren: Da ist Verbindung. Da ist Leben. Da bin ich.

Resonanz entsteht demnach nicht durch das Wo oder Was, sondern durch das Wie – wie ich sehe, wie ich höre, wie ich anwesend bin. Achtsamkeit ist dann nichts anderes als diese Haltung der Offenheit – eine Spiritualität der wachen Sinne, die mich das Gegenwärtige geniessen lässt. Wenn ich achtsam geniesse, dann merke ich, dass Überkonsum nie das liefern kann, wonach ich wirklich hungere. Und dass das Glück nicht nur am Mittelmeer, sondern auch auf der Parkbank vor dem Haus zu finden ist.

Martin Thoms ist ein Theologe, Autor und Dozent aus Bochum. Er bietet überdies Seelsorge, Coaching und Online-Kurse zu Gott & Glaube an, z. B. ab 13. Januar 2026 «Brennpunkte des Glaubens», ein 10-Wochen-Onlinekurs zu grossen religiössen Streitfragen. Mehr dazu auf seiner Homepage. 

Bei RefLab erschien bei ihm eine Beitragsserie zu Alltagsmystik.

«Holy Embodied» ist ein RefLab-Podcast, gehostet von Leela Sutter, der zeigt, «dass deine Zehen mehr mit Spiritualität zu tun haben» als du denkst.

Foto von Adrien King auf Unsplash

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