Seniorfeministin
Helen-Schluengel Straumann ist eine Frau, die sich nicht damit zufriedengab, dass man ihr sagte:
Das darfst du nicht. Das kannst du nicht. Das steht dir nicht zu!
Als sie Theologie studieren wollte, lachten sie viele Männer aus. Und doch hat sie es getan. Sie promovierte trotzdem – als eine der ersten Frauen im deutschsprachigen Raum und die erste im Fach Katholische Theologie an der Universität Bonn.
Jenseits der Machtspiele
Helen Schuengel-Straumann wurde 1940 in der Schweiz geboren, in einer Zeit, in der Frauen weder Ministrantinnen noch Theologinnen sein durften. Doch sie wollte verstehen, wie Gott wirklich ist – jenseits männlicher Bilder und patriarchaler Machtspiele.
Damit wurde sie zur Mitbegründerin der feministischen Theologie im deutschsprachigen Raum.
Was mich an ihr bewegt, ist nicht nur ihr Mut, sondern ihre Haltung: Sie hat sich nie einfach gegen die Kirche gestellt, sondern ist für das Evangelium aufgestanden, das sie in der Kirche nicht mehr erkannte. Für das, was bleibt, wenn Macht und Dogma fallen: die Würde jedes Menschen als Ebenbild Gottes.
Nicht der Glaube an Institutionen hat sie getragen, sondern die Liebe, die allen gilt und befreit.
Leiblicher Geist
In einem Lexikoneintrag zum Geist Gottes im Alten Testament macht Schluengel-Straumann deutlich: das hebräische Wort «rûaḥ» – Geist – meint nicht den «normalen Atem», sondern den erregten, den hörbaren, den ausser sich geratenen. Den Windstoss, der Leben in Bewegung bringt, den Schrei, der Raum schafft, den Atem, der befreit. «Rûaḥ» ist der schnelle, erregte Atem, der hörbar sein muss.
Geist ist im hebräischen also keine philosophische Kategorie, sondern eine leibliche Erfahrung.
Das verändert alles. Geist ist dann nicht etwas Abstraktes, Geistliches im Gegensatz zum Körperlichen, sondern das Bewegte, das Pulsierende, das, was Raum schafft. Geist atmet, Geist keucht, Geist gebiert. Und plötzlich wird spürbar, dass in diesem Wort eine Erfahrung steckt, die zutiefst körperlich ist – und zutiefst göttlich zugleich.
Rûaḥ – die Weite nach der Enge
Schluengel-Straumann weist darauf hin, dass «rûaḥ» verwandt ist mit «ræwaḥ», dem hebräischen Wort für Weite. Beide bestehen aus denselben drei Konsonanten. Das ist kein Zufall. Geist ist demnach nicht etwas, das trennt, sondern etwas, das Raum schafft. Es ist der Moment, in dem wir nach einer bedrängenden Situation wieder atmen können.
Geist ist das, was Enge sprengt – was Atem schenkt und Raum schafft.
Je länger ich mich mit diesem Gedanken beschäftige, desto klarer wird mir: Religiöse Enge ist das Ungeistigste, was es gibt. Wenn Geist im hebräischen Sinn bedeutet, dass das Leben aufatmet und sich weitet, dann ist jeder Versuch, Glauben zu kontrollieren oder zu verengen, das Gegenteil von Geist.
Ich kenne diesen Unterschied aus eigener Erfahrung: Wenn Angst oder Schuld mich eng machen, verliere ich den Atem. Wenn Liebe, Vertrauen oder auch nur ein tiefer Atemzug mich öffnen, spüre ich: Das ist Geist.
Es ist, als würde sich in mir ein innerer Raum auftun – weit, still und lebendig.
Orgiastische Geisterfahrung
Jahrhundertelang hat die Kirche Sexualität verdächtigt – als sündig, gefährlich, zu irdisch. Doch Schluengel-Straumann erinnert daran: Dieselbe Erfahrung, die aus der Enge in die Weite führt und damit Geist beschreibt, ist in ihrer Vollendung in der Sexualität zu finden – im hörbaren Atem, in der Bewegung, im Wechsel von Spannung und Entladung. Wenn das stimmt, dann ist die sexuelle Ekstase nicht das Gegenteil von Spiritualität (lat. «spiritus», dt. Geist) – sie ist buchstäblich das Spirituellste überhaupt.
Der Orgasmus ist eine Geisterfahrung. Er nicht das Gegenteil des Heiligen, sondern seine reinste Form.
In ihm verdichtet sich das, was der biblische Geist tut – Raum schaffen, Leben erwecken, Enge sprengen. In diesem Moment fliesst etwas durch mich hindurch, das nicht nur mein Eigenes ist. Eine göttliche Energie. Eine Welle, die mich übersteigt und zugleich ganz in mir geschieht.
Atem der Lust
Ich glaube: Wenn wir den Atem der Lust, das Beben des Lebens, das Zittern des Körpers nicht mehr vom Geist Gottes trennen – dann wird der Dualismus von Körper und Geist, von heilig und profan, von Schöpfung und Schöpfer durchbrochen.
Dann begreifen wir: Der Geist ist nicht jenseits des Fleisches – er atmet in ihm.
Wo Geist ist, da ist Weite. Wo Angst herrscht, zieht sich alles zusammen. Vielleicht ist das, was wir «Sünde» nennen, letztlich genau das Gegenteil von «rûaḥ»: das Ersticken des Lebens.
Martin Thoms ist ein Theologe, Autor und Dozent aus Bochum. Er bietet überdies Seelsorge, Coaching und Online-Kurse zu Gott & Glaube an. Mehr dazu auf seiner Homepage.
Bei RefLab erschien bei ihm eine Beitragsserie zu Alltagsmystik.
Foto: Andrej Lisakov auf Unsplash






2 Gedanken zu „Orgasmus ist Geist“
Martin Thoms schreibt, dass Schlüngel-Straumann dran erinnert: “Dieselbe Erfahrung, die aus der Enge in die Weite führt und damit Geist beschreibt, ist in ihrer Vollendung in der Sexualität zu finden – im hörbaren Atem, in der Bewegung, im Wechsel von Spannung und Entladung.” Er fährt fort: “Wenn das stimmt…”
Und ab da fährt er fort, als würde es stimmen. Kein Beleg dafür, dass es stimmt.
Ich sehe zunehmend, dass Leute Behauptungen aufstellen und ohne Beleg für die Richtigkeit davon ausgehen, dass das die Wahrheit ist.
Ich wünsche mir mehr Vorsicht bei Leuten, die genau zu wissen meinen, wie Gott denkt und wie das Leben funktionieren muss.
Herzlichen Dank für die klare und wichtige Beobachtung, Herr Willnat.