Der Sturm und der Mönch
Ich fuhr in den Wald hinein. Es stürmte und regnete. Die Äste bogen sich im Wind, als würden sie tanzen. Mir war nicht nach Tanzen zumute. Hoffentlich fällt kein Ast auf mich, dachte ich, während ich mich durch das Unwetter kämpfte. Schließlich tauchte mein Ziel auf: eine kleine Ansammlung von Häusern, in der Mitte eine winzige – wirklich winzige – Kapelle.
Ich war in einem katholischen Kloster angekommen. Vielleicht war es das kleinste Kloster auf der ganzen Welt. Dort waren nur vier Mönche. Und ich – eine Woche lang.
Und da stand er: Bruder Jeremias, mein Begleiter – und wie sich zeigen sollte: mein Baumlehrer. Ein schlanker Mann mit runder Brille, etwas verpeilt vielleicht, zutiefst menschlich. Vielleicht war es genau diese Menschlichkeit, die ihn für mich zum Heiligen machte. Ich lernte:
Je heiliger ein Mensch wird, desto natürlicher wird er.
Geh und umarme einen Baum
Ich betete mit den Mönchen, meditierte, ging im Wald spazieren. Jeden Tag sprach ich eine Stunde mit Bruder Jeremias – über alles, über Gott und das Leben. Dann gab er mir eine Aufgabe: «Geh in den Wald und umarme einen Baum.»
«Wie bitte? Einen Baum umarmen?» Ich lachte. «Was soll das bringen? Und was, wenn mich jemand sieht?» Doch Bruder Jeremias lächelte nur und sagte:
«Bäume sind stehende Menschen, und Menschen sind wandelnde Bäume.»
Dieser Satz klang für mich skurril. Aber irgendetwas in mir wusste: Das ist wahr, auch wenn ich es noch nicht erklären kann.
Die Suche nach dem richtigen Baum
Die nächsten drei Tage verbrachte ich nun damit, im Wald einen geeigneten Baum zu finden, den ich umarmen kann. Nicht, weil ich nichts Besseres zu tun hatte, sondern weil ich spürte: Eine Baumumarmung ist etwas Intimes. Ich wollte den richtigen finden. Einen, mit dem es stimmt. Ich kann doch nicht einfach irgendeinen Baum umarmen.
Ich suchte keinen Baum, ich suchte Beziehung.
Wenn ich das Ganze für sinnlos gehalten hätte, wäre mir jeder Baum recht gewesen. Aber ich suchte – und das hiess: Ich glaubte, auch wenn ich es nicht wusste, dass das hier Sinn machte.
Die irische Spur
Schon die frühen Mönche Irlands lebten mit einer tiefen Ehrfurcht vor den Bäumen. Für sie war jeder Baum eine Wohnstatt des göttlichen Lebens. Sie sahen in der Natur nicht das Profane, sondern das Göttliche durchscheinen. Der Wald war ihr Kloster, die Erde ihr Altar, der Atem der Schöpfung ihr Gebet.
Bäume sind keine Dinge, sie sind Zeichen – für das göttliche Leben, das alles durchzieht.
Diese Spiritualität der Verbundenheit ist uralt. Vielleicht haben wir sie verlernt – und müssen sie gerade deshalb wieder umarmen.
Drei Tage im Wald
Schließlich fand ich ihn, meinen Baum. In meinem Tagebuch schrieb ich:
Tag 1: «Ich umarmte einen grossen, dicken Baum. Ich umarmte mich selbst. Ich hab ihn lieb. Ich ging weiter, umgeben von Freunden.»
Tag 2: «Ich sah einen Baum. Ähnlich wie gestern: dicke, raue Rinde, dicker Stamm. Berühren. Umarmen, Küssen. Er gibt mir Sicherheit. Er freute sich, über meine liebende Aufmerksamkeit.»
Tag 3: «Ich traf ihn wieder, meinen geliebten Baum. Ich küsste ihn. Die Sonne schien durch die Äste der Bäume und warf meinen Schatten auf seinen Stamm. Ich sah mich wieder in ihm, meinem Freund.»
Ich möchte das nicht weiter erklären. Worte würden es nur zerstören. Es ist der Versuch, eine Erfahrung in Worte zu kleiden, die sich kaum beschreiben lässt. Worte können nur Metaphern, Symbole sein, für das, was gemeint ist.
Manche Erfahrungen kann man nur umarmen – nicht aussprechen.
Bäume als Sakramente
Als ich später dem grossen reformierten Theologen Jürgen Moltmann meine Zeilen vorlas, strahlte er übers ganze Gesicht. Er war damals 97 – und hatte sich am Ende seines Lebens für eine Spiritualität eingesetzt, die die Erde als lebendiges Subjekt, als göttliches Sakrament versteht. In meinen Erlebnissen, sagte er, sei genau das aufgeleuchtet: Bäume als lebendige, gott-durchdrungene Wesen.
Oder, wie Bruder Jeremias sagte:
«Bäume sind stehende Menschen, und Menschen sind wandelnde Bäume.»
Vielleicht ist das Umarmen eines Baumes nichts anderes als das Umarmen der Welt – und damit auch Gottes?
Martin Thoms ist ein Theologe, Autor und Dozent aus Bochum. Er bietet überdies Seelsorge, Coaching und Online-Kurse zu Gott & Glaube an, z. B. ab 13. Januar 2026 «Brennpunkte des Glaubens», ein 10-Wochen-Onlinekurs zu grossen religiössen Streitfragen. Mehr dazu auf seiner Homepage.
Bei RefLab erschien bei ihm eine Beitragsserie zu Alltagsmystik.
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