Das Unvorstellbare war eingetreten. In den Nachrichten die Meldung des atomaren Super-GAU im Norden der Ukraine, an der Grenze zu Belarus. Und die Strahlenwolke ziehe über Europa.
Der Unglücksort lag damals hinter dem Eisernen Vorhang. Die meisten hatten keine Vorstellung, wo genau.
Was macht eine solche Nachricht mit einem?
Bevor man es mental zu begreifen beginnt, setzt eine Erstarrung ein, als Ausdruck einer überforderten Psyche. Eine tiefe Verunsicherung oder sogar ein regelrechter Bruch des Weltvertrauens bei einigen. Während andere besser zurechtkommen oder sogar immun erscheinen.
Mich, damals 17-jährig und in Österreich zu Hause, erfasste unmittelbar nach der Radionachricht eine Art Betäubung.
Fahrt durch den Strahlenregen
Im ersten Schock setzte ich mich auf mein Fahrrad, blassrosa gestrichen, und fuhr ans andere Ende der Stadt, zu meiner Freundin.
Die Nachricht war zu gewaltig, um allein damit zu sein.
Es setzte ein leichter Regen ein. Mir war klar: Das war ungünstig, wenn gerade eine atomare Strahlenwolke über dem Land hing. Der Regen wurde stärker und durchnässte mich auf der langen Fahrt, eine Fahrt durch den Strahlenregen.
An Details erinnere ich mich nicht mehr, nur dass es mir trotzdem richtig schien, zur Freundin zu fahren. Irgendwie war da auch das Gefühl:
Ist eh schon egal.
Die unsichtbare Beschädigung
Äusserlich war keine Veränderung zu bemerken, aber etwas Unsichtbares hatte sich über alles gelegt.
Die Welt war auf unsichtbare Weise beschädigt, verstrahlt. Auch bei uns, 1000 Kilometer entfernt.
Ein imaginärer Geigerzähler lief immer mit, tick, tick, tick – und registrierte es beharrlich über allem, auch über uns selbst. Es fühlte sich gespenstisch an.
Mit meiner Freundin rauchte ich zu starke Zigaretten und blickte auf einen «strahlenden» Frühlingstag.
Das Grün wirkte grau, als wäre die Farbe aus der Welt und unseren Seelen gespült worden – auf unabsehbare Zeit, mit Halbwertszeiten in astronomischen Dimensionen.
Was uns umgab, war nicht mehr einfach nur da, sondern potenziell gefährlich.
Alltag im Modus der Unsicherheit
Zurück zu Hause hörte ich fast stündlich Nachrichten. Behörden riefen auf, möglichst zu Hause zu bleiben. Kinder sollten nicht draussen spielen, vor allem nicht in Sandkästen – diese seien stark verstrahlt.
Wenn ich über die Balustrade blickte, lag unten ein verwaister Sandkasten.
Die Radfahrt durch den Strahlenregen am Tag des Reaktorunfalls ist mir bis heute präsent. Nach dem Regen kam wieder die Sonne. Doch der Alltag blieb durchzogen von Empfehlungen, Verboten, Messwerten und sich widersprechenden Expertenmeinungen.
Etwas, das sich, wenn auch in anderer Form, bei der Corona-Pandemie wiederholte.
Offener Reaktorkern
Morgen jährt sich der Reaktorunfall von Tschernobyl vom 26. April 1986 zum 40. Mal – und rüttelt alte Empfindungen wach.
Bis heute gilt der Zwischenfall als folgenschwerste Katastrophe in der friedlichen Nutzung der Kernenergie.
Der brennende Reaktorkern lag tagelang offen, mit ausser Kontrolle geratenen Feuern. Dadurch stiegen enorme Mengen radioaktiver Partikel in die Atmosphäre. Winde und der Jetstream verteilten sie global.
Das unterscheidet Tschernobyl von der Fukushima-Katastrophe (2011), bei der Strahlung vor allem ins Meer austrat.
Fehler und Desinformation
Währen im Westen die Nachrichtendrähte heiss liefen, herrschte in der Sowjet-Presse gespenstisches Schweigen, mit verheerenden Folgen für Menschen.
Feuerwehrleute fuhren ohne Schutzkleidung ins Katastrophengebiet, in der Annahme zu einem üblichen Feuerwehransatz abkommandiert worden zu sein.
Neben einigen Tausend Toten vor Ort und im näheren Umfeld, forderte das Atomunglück eine nicht genau bezifferte – und wohl auch nicht bezifferbare – Zahl an Folgeopfern.
Vor allem bestimmte Krebsfälle (Schilddrüse, Leukämie) treten verstärkt auf, unter den Opfern viele Kinder.

40 Jahre danach
Rückblickend stellt sich die Frage: Wie begründet war die Angst im restlichen Europa? Individuelle Überreaktionen gab es sicherlich dort, wo statistische Wahrscheinlichkeiten als persönliche Gewissheiten aufgefasst wurden.
Die Kontaminierung aber war nicht eingebildet.
Die Strahlung war auch in Mitteleuropa messbar, insbesondere durch langlebige Isotope wie Cäsium-137. Einschränkungen bei Milch, Pilzen oder Wildfleisch waren sachlich begründet.
Zugleich blieb die individuelle Gefährdung für die meisten vergleichsweise gering.
Wahrnehmung, Kontext, Besinnung
Die eigentliche Belastung lag, im Rückblick besehen, wohl in einer Verschränkung von Faktoren: Der Unsichtbarkeit der Gefahr, den stückweise an die Öffentlichkeit gelangenden Informationen, dem Kontrollverlust.
Die Angst traf damals auf einen bereits aufgeladenen Kontext aus Kaltem Krieg, Technikskepsis und latenter Krisenerwartung.
Zwei Jahre vor dem Atomunfall war «The Day After» in den Kinos gelaufen: Nach einem atomarem Weltkrieg, kehrt die überlebende Restmenschheit in Höhlen zurück.
Tschernobyl machte sichtbar, was der Soziologe Ulrich Beck später als Struktur der «Risikogesellschaft» beschrieb: Gefahren entstehen aus hochkomplexen technischen Systemen, sind global verteilt, schwer kalkulierbar und institutionell nur begrenzt kontrollierbar.
Die Angst mündete in einen Riss im Weltvertrauen und zugleich in den Beginn einer kritischeren Öffentlichkeit gegenüber technologischen Grossrisiken.
In Mitteleuropa gewann die Anti-Atom-Bewegung damals an Breite und politischem Gewicht und energiepolitische Grundsatzfragen wurden neu verhandelt.
Schweiz: konkrete Folgen
Die radioaktive Wolke aus Tschernobyl war auch in der Schweiz messbar. Auch hierzulande wurde die Bevölkerung aufgerufen, bestimmte Lebensmittel zu meiden, Kinder von Erde und Gras fernzuhalten und nicht im Regen spielen zu lassen.
Das Jahr des Atomunfalls war zugleich das Gründungsjahr des ökumenischen Vereins oeku – Kirchen für die Umwelt. Getragen wird der Verein von verschiedenen Landeskirchen und kirchlichen Organisationen.
Fragen von Schöpfungsverantwortung, Risiko und Lebensschutz wurden dauerhaft in kirchliche Praxis, Bildungsarbeit und politische Positionierung integriert.
Theologische Zäsur
In reformierten wie katholischen Kirchen wurde die Katastrophe zunehmend als theologisch relevante Zäsur gelesen: nicht nur als technisches Versagen, sondern als Ausdruck eines problematischen Naturverhältnisses.
Eines Verhältnisses, das auf die Beherrschung von etwas zielt, das sich unserer Verfügung entzieht.
Es ist eine Binsenwahrheit:
Sogenannte «friedlich» genutzte Atomenergie ist nicht nur die technische Vorstufe für den Atombombenbau, sondern im Kriegsfeld als Angriffsziel selbst potenzielle Atombombe.
Gerade in der Kluft zwischen dem Versprechen kontrollierter Kernenergie und ihrer realen Entgrenzung – bis hin zum wiederholten Beschuss in jüngerer Zeit (Atomkraftwerk Saporischschja) – liegt heute ein deutlicher Appell:
Innezuhalten, die eigenen Fortschrittsgewissheiten kritisch zu prüfen und sich auf ein Weltverhältnis zu besinnen, das von Verantwortung getragen ist.
Heute wiederholt sich durch atomare Drohgebärden («We nuke them!») die kollektive Unsicherheit der Menschen. Gleichzeitig – und anders als vor vierzig Jahren – wird friedliche Kernenergienutzung verharmlost und trivialisiert:
im verniedlichenden Ausdruck «Mini-AKWs». Oder gar als «nachhaltige», «grüne» Energie in EU-Anträgen.
Deswegen – und um historischer Amnesie entgegenzuwirken – lohnt es sich, an den verstrahlten Frühling von vor 40 Jahren zu erinnern.
Ausstellungstipp – Archiv der unsichtbaren Katastrophe
Ausstellung im Strauhof Zürich, «Swetlana Alexijewitsch: Tschernobyl», 40 Jahre nach dem atomaren Super-GAU zeigt der Strauhof eine Ausstellung über die literarische Verarbeitung der Reaktor-Katastrophe durch die spätere Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch. Die Ausstellung zeigt auch erstmals Materialien aus dem umfassenden Video-Archiv zur unsichtbaren Katastrophe. Sie lauft bis 25. Mai 2026.
oeku-Jubiläum – Die Zukunft der ökologischen Spiritualität
40 Jahre oeku – Kirchen für die Umwelt: Anlässlich des 40-jährigen Jubiläums von oeku lädt der ökumenische Verein am 6. Juni 2026 zu einer Tagung in Bern ein: «Wild glauben. Über die Zukunft der ökologischen Spiritualität», Bern, Unitobler (9.30–13.30 Uhr, Hörsaal F 021.
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Volle Angst voraus!, Blogbeitrag, Johanna Di Blasi, 2022, über die Wiederkehr der Atomkriegsdrohungen.
Heute vor 80 Jahren fiel die erste Atombombe, Blogbeitrag, Johanna Di Blasi, 2025







