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Giftgrüne Atomkraft

Prägung, erinnert der Philosoph Jean-Luc Nancy in seinem Essay «Mein Gott!», impliziert einen Schlag oder auch eine Erschütterung. Erst durch den Schlag erfährt eine Münze ihre Prägung. Der Schlag ist es, der «die Gleichgültigkeit erschüttert». Ich erlebte eine solch prägende Erschütterung Mitte der 1980er-Jahre, als der Reaktor in Tschernobyl in die Luft flog und das von Experten als hypothetisch beschriebene Schreckensszenario eines Super Gau tatsächlich eingetreten war.

The Day After

Ich lebte damals 1000 Kilometer von der Katastrophenstelle entfernt, war noch Schülerin und fuhr in einer ersten Panikreaktion durch den strömenden radioaktiven Regen zu meiner Freundin am anderen Ende der Stadt, um den Schock nicht allein bewältigen zu müssen. Noch im Ohr habe ich Nachrichtendurchsagen der folgenden Tage und Wochen mit Anweisungen, die Häuser nicht zu verlassen. Auf keinen Fall, so hiess es, sollten Kinder auf Sandspielplätzen spielen.

Es war April. Von unserem Wohnzimmer aus konnte ich auf einen verwaisten Spielplatz blicken.

Das tiefe seelische Entsetzen, das Gefühl des Ungeborgenseins in einer unwirtlich gewordenen Welt, die Grau-in-Grau-Färbung der Tage, die Angst vor einer allgegenwärtigen, unsichtbaren, kanzerogenen Gefahr – all dies ist mir von der Tschernobylkatastrophe noch lebhaft in Erinnerung.

Die politische Prägung vieler Prätschnernobylisten, auch meine eigene, datiert in diese Zeit.

Wahrscheinlich deswegen schaffte es eine der ersten politischen Nachrichten im noch jungen Jahr 2022, mich trotz der sich gerade auftürmenden «Omikronwand» zu stressen: Die EU will Atomkraft als grüne Energiequelle und Atommeiler als CO₂-freundlich anerkennen. Grüne Atomkraft, das klingt in meinen Ohren wie Donald Trumps neues Netzwerk «Truth Social»: wie blanker Hohn.

Ich nahm also die aktuell aufgeflammte Diskussion um Atomkraft als vermeintlich grüner Brücken- und Zukunftstechnologie zum Anlass einer Recherche zur Sachlage und zur Hinterfragung der eigenen Prägung. Immerhin gehen auch Menschen, mit denen ich ansonsten viele Einstellungen und Haltungen teile, sehr viel entspannter mit dem Thema Nuklearenergie um. Die Haltung «Neue Atomkraftwerke, so what?» scheint insbesondere bei Posttschernobylisten durchaus verbreitet.

Manipulative Framingstrategie

Was mir bei meinen Recherchen sofort auffiel und mich misstrauisch machte, war eine auffallende Häufung manipulativer Framingversuche. Hartnäckige Bemühungen richten sich vor allem darauf, die Technologie aus dem kontaminierten Strahlenfeld der Problem-, Bedenken- und Ängstebelastung herauszuziehen.

Darüber hinaus aber wird Atomkraft als eine Art technologiegewordene Greta Thunberg gefeiert: Als Retterin des Weltklimas.

Die durch Tschernobyl und Fukushima mit einem akuten PR-Problem behaftete Atomfraktion setzt eine extreme Behauptung in die Welt («Atomkraft ist nachhaltig») und in den Köpfen setzt sich nach einer Weile fest: Sie ist wahrscheinlich nicht nachhaltig, aber doch nicht so gefährlich. Es geht also um eine Diskursverschiebung nach dem sogenannten Overton-Modell, wo ein «Fenster» oder «Frame» des Sagbaren und Glaubhaften verschoben wird.

Von Lakoff, Wehling und anderen wissen wir, wie gezielt sich sogenannte Thinktanks und Lobbyorganisationen als Framingproduzenten betätigen. Einrichtungen wie die europäische Plattform ENS-YGN, das Netzwerk der «Nuclear Young Generation in Europe», arbeiten seit geraumer Zeit auf einen Schwenk der Öffentlichkeit hin zu einer atomfreundlichen Einstellung. Nur durch mehr Wirtschaftswachstum und mit Hilfe der Atomtechnologie, heisst es, könne die Klimakrise wirksam bekämpft werden. Das ENS-YGN gibt hierfür die Devise aus: «Go Green, Go Nuclear».

In Einrichtungen wie dem amerikanische Breakthrough Institute in San Francisco, einem Thinktank, der als Quasi-Lobbyorganisation seine  Finanzierung nicht angemessen offenlegt, werden progressiv und positiv wirkende Kampagnen wie «Environmental Progress» erarbeitet. Auch der durch Karl Marx und dann von künstlerischen und intellektuellen Avantgarden gern benutzte Manifestbegriff wurde appropriiert: 2015 wurde mit dem smart klingenden «Ecomodernist Manifesto» die ideologische Grundlage für die neue Pro-Atomkraftbewegung gelegt.

Während mit der Fokussierung auf die «Grüne Atomkraft» gezielt Kernthemen des grünen und alternativen politischen Lagers, also der vehementesten Kernkraftgegner, angesprochen werden, werden Gegenargumente, nur zehn Jahre nach Fukushima!, als Ausdruck «irrationaler Ängste» abgetan.

Wie nun steht es um die Argumente? Das stärkste Argument für die Kernkraft scheint das ökologische Kernanliegen der Gegenwart und Zukunft zu betreffen: den Klimawandel. Die anvisierte Reduktion der CO₂-Emissionen zur Einhaltung der gesteckten Klimaziele sei, glaubt man der Pro-Atomseite, ohne einen «Mix» mit Atomenergie «nicht realistisch». Schon heute würde durch die in zirka 30 Ländern gewonnene Kernenergie die Kohlendioxidemission um etwa zwei Gigatonnen jährlich reduziert, rechnet beispielsweise Petros Papadopoulos vor, Dozent an der Schweizer Nukleartechnikerschule. Nicht berücksichtigt wird, dass beim Uranabbau das äusserst klimaschädliche Treibhausgas Methan freigesetzt wird.

Terrorziele in der Nachbarschaft

Ein anderes Argument betrifft technische Weiterentwicklungen: «Mini AKWs» klingen irgendwie putzig und weniger gefährlich. Sie sollen, neben herkömmlichen Atomkraftwerken, die Energieversorgung flexibel und dezentral ergänzen, wenn die Sonne mal nicht scheint oder kein Wind weht.

Aber erstens lässt sich eine eingeleitete Kernfusion nicht zwischendurch stoppen, auch Mini Meiler laufen durchgehend. Zudem sind natürlich auch sie gefährlich. Man bräuchte Hunderte, Tausende, und sie müssten rund um die Uhr bewacht werden. Haben wir die Terrorgefahr schon wieder vergessen?

Und wenn das Atomprogramm Irans zur Verbreitung atomarer Waffen dienen kann, dann fragt man sich, was sich in Zwerg-AKWs nicht alles produzieren liesse und von wem.

Kosten für den Bau von AKWs und selbst noch für ihren Rückbau werden auf die Allgemeinheit umgewälzt. Auch Green Nuclear zielt auf Staatsubventionierung. Die von Liberalen kritisierte Verflechtung von Staaten, Wirtschaft und Militär ist hier besonders eng.

Sehr nachhaltig!

Schliesslich, und das bleibt für mich das entscheidende Argument, machen selbst Mini-Meiler nuklearen Mist. Die Problematik der Endlagerung hoch radioaktiv strahlender Substanzen ist nach Jahrzehnten intensiver Forschung immer noch ungelöst.

In diesem – und nur in diesem Sinne – ist die Einstufung der Atomkraft durch die EU-Kommission als «nachhaltig» stimmig. Noch 30 000 Generationen werden mit nuklearen Hinterlassenschaften zu kämpfen haben, die in den vergangenen Jahrzehnten überwiegend in Industrienationen angefallenen sind.

Das Fatale an der Framing-Strategie ist, dass sich Frames kognitiv einprägen, selbst dann noch, wenn sie kritisch wiederholt werden. Deswegen ist es besser, Gegenframes zu setzen, z.B. «Giftgrüne Atomkraft».

Foto von Recognize Productions von Pexels

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2 Kommentare zu „Giftgrüne Atomkraft“

  1. Nun, man kann es schon irrationale Ängste nennen, weil im Ahrtal diesen Sommer etwa hundert mal mehr Menschen gestorben sind als durch Fukushima.

    Und das Ahrtal, das war nicht Atomkraft, das war Kohle.
    Kohle die wir verbrennen, weil uns alle angst vor Tsunamis in Bayern machen wollen.

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