Wälder brennen, Gletscher schmelzen, Arten verschwinden lautlos für immer. Meere voller Plastik. Massentierhaltung. Der Raubbau an der Erde ist Alltag. Hat die Bibel – genauer: der sogenannte Herrschaftsauftrag aus Genesis 1 – den Menschen nicht geradezu ermutigt, sich die Erde «untertan» zu machen?
Das Rätsel des «Bildes Gottes»
Was macht den Menschen eigentlich zum Bild Gottes? Diese Frage hat Theolog:innen über Jahrhunderte beschäftigt. Manche sahen im Verstand den entscheidenden Unterschied. Andere in der Sprache, im aufrechten Gang oder in der Fähigkeit, mit Gott in Beziehung zu treten. Heute wird der Begriff oft anders verstanden.
Der Mensch ist nicht Bild Gottes, weil er etwas hat. Sondern weil ihm eine Aufgabe anvertraut ist.
«Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels … und über die ganze Erde.» (Gen 1,26)
Ich stelle mir das manchmal so vor: Der Mensch ist der Hausmeister im grossen Weltenhaus – verantwortlich für das gemeinsame Zuhause aller Geschöpfe.
Herrschen – aber wie?
Doch dann stehen da diese Worte: «herrschen» und «untertan machen». Und sie klingen problematisch.
Die hebräischen Begriffe «radah» (herrschen) und «kabasch» (untertan machen) sind tatsächlich vieldeutig. Sie können gerechte Königsherrschaft beschreiben, aber auch gewaltsame Unterwerfung.
Die Bibel romantisiert die Natur nicht.
Für Menschen der Antike war die Welt kein idyllischer Garten. Sie war voller Gefahren: Schlangen, Skorpione, Löwen, Dürre, Hunger.
Felder mussten mühsam urbar gemacht werden. Wasser herbeigeschafft. Ernten gegen Katastrophen verteidigt.
«Herrschen» bedeutete damals oft schlicht: überleben. Der Mensch rang der Wildnis ein Stück Lebensraum ab.
Eine radikale Verschiebung
Heute hat sich dieses Verhältnis dramatisch verändert. Nicht mehr der Mensch ist von der Natur bedroht, sondern die Natur vom Menschen.
Die Meere sind vermüllt. Tierarten verschwinden. Ökosysteme kollabieren.
Und tatsächlich entstand diese industrielle Ausbeutung in jenem Kulturraum, der lange vom Christentum geprägt war.
Seit den 1960er-Jahren wird deshalb immer wieder eine unbequeme Frage gestellt: Hat die christliche Theologie ungewollt zur ökologischen Krise beigetragen?
Ein schreiendes Tier hat kein Gefühl
Ein entscheidender Punkt könnte das Gottesbild gewesen sein. Über lange Zeit wurde Gott stark von der Welt getrennt gedacht: Gott oben im Himmel – die Welt unten auf der Erde. Diese Trennung hatte Folgen.
Wenn Gott ausserhalb der Welt gedacht wird, verliert die Schöpfung ihre Heiligkeit.
Wo Gott nur noch im Himmel wohnt, wird die Erde leicht zum Rohstofflager.
Die Natur erscheint dann nicht mehr als lebendiger Zusammenhang, sondern als Objekt, als Ressource.
Der Philosoph René Descartes ging so weit, Tiere als blosse Maschinen zu betrachten. Ein schreiendes Tier – so seine Vorstellung – sei nicht mehr als eine Orgel, die ertönt, wenn man eine Taste drückt.
Wir werden wie der Gott, den wir denken
Vielleicht liegt hier eine tiefere Dynamik. Der Mensch wird tatsächlich zum Ebenbild des Gottes, den er sich vorstellt.
Wenn Gott als entrückter Herrscher gedacht wird, verhält sich auch der Mensch wie ein Herrscher: distanziert, kontrollierend, dominierend.
Das Gottesbild prägt das Menschenbild – und damit auch die Ethik.
Wenn wir lernen, Gott wieder in der Welt zu sehen – nicht getrennt von ihr, sondern gegenwärtig in ihr –, verändert sich vielleicht auch unser Verhältnis zur Erde.
Dann ist die Schöpfung nicht mehr Besitz. Auch nicht nur Um-Welt. Sie ist Mit-welt.
Kein göttlicher Kolonialismus
Vielleicht wurde der Herrschaftsauftrag aus Genesis 1 lange missverstanden. «Macht euch die Erde untertan» wurde oft wie ein Besitzanspruch gelesen – fast wie eine göttliche Lizenz zur Ausbeutung.
Doch im Kontext der Gottesbildlichkeit bedeutet er etwas anderes. Der Mensch soll Gottes Präsenz in der Welt spiegeln.
Und wenn Gott der Schöpfer ist, der seine Schöpfung liebt, erhält und trägt, dann kann menschliche Herrschaft nur eines bedeuten:
Verantwortung statt Besitz. Fürsorge statt Ausbeutung.
Das Bild Gottes ist kein Titel der Überlegenheit. Es ist eine Einladung, die Welt so zu behandeln, wie Gott sie behandelt.
Martin Thoms ist ein Theologe, Autor und Dozent aus Bochum. In seinem neuen Buch «Urgeschichte – Spiegel der Menschheit» schreibt er über die ersten Kapitel der Bibel. Dieser Blogbeitrag ist an das Buch thematisch angelehnt. Überdies bietet Martin Coaching und Online-Kurse zu Gott & Glaube an, z. B. ab 28. April 2026 zur Urgeschichte und Themen dieser Blogserie. Mehr dazu auf seiner Homepage.





