Was, wenn das Paradies ein Zustand ist, der entsteht, wenn wir einander ganz und gar – mit Haut und Haaren – lieben?
Die Abwertung des Körpers
In der christlichen Tradition wurde die Liebe oft zweigeteilt: Eros – das begehrende, leibliche Verlangen. Agape – die selbstlose, geistige Hingabe. Der eine Teil galt als gefährlich. Der andere als heilig.
Was zusammengehört, wurde gegeneinander ausgespielt. Der Körper wurde zur Verdachtszone. Sexualität zur Schwäche. Begehren zur Bedrohung.
In extremen Formen führte das zu asketischen Exzessen, zu Selbstverleugnung, zu einer Spiritualität, die sich vor der eigenen Leiblichkeit fürchtete.
Heute erlebt man in manchen christlichen Milieus eine Renaissance der «Purity Culture»: Keuschheitsringe, Reinheitsgelübde, die moralische Überwachung jugendlicher Körper.
Dabei frage ich mich: Wie fremd ist das eigentlich der Bibel?
Körper als Tempel
Die ersten Kapitel der Bibel erzählen von einem Gott, der den Menschen aus Erde formt und ihm seinen Atem einhaucht. Kein Dualismus. Kein Gegensatz von Leib und Seele.
Der Körper ist nicht das Problem – er ist Tempel.
Wenn Gott selbst den Menschen aus Staub und Lebenshauch gestaltet, dann ist Leiblichkeit keine Störung, sondern Schöpfung – und die körperliche Leidenschaft Teil der guten Schöpfung Gottes.
Ein erotisches Buch in der Bibel
Mitten in der Bibel ist ein Buch, das alle prüden Fantasien sprengt: das Hohelied. Hier begehren zwei Menschen einander ohne moralischen Maulkorb.
«Seine Frucht ist meinem Gaumen süß.» (Hohelied 2,3)
Intuitiv sollte jeder verstehen, was mit seiner Frucht gemeint ist.
Auch der erotisch begehrende Sänger ist sichtlich angetan:
«Ersteigen will ich die Palme, will nach ihren Rispen greifen.» (Hohelied 7,9)
Der Körper der Frau gleicht einer Palme, ihre Brüste sind wie Rispen.
Intensive Zungenküsse werden in der Sprache altorientalischer Liebeslyrik beschrieben:
«Wabenhonig träufeln deine Lippen. Honig und Milch ist unter deiner Zunge». (Hohelied 4,11)
Doch es bleibt nicht beim Küssen: «Komm, mein Geliebter, lass uns aufs Feld hinausgehen! Wir wollen unter Hennasträuchern die Nacht verbringen. […] Dort will ich dir meine Liebe schenken.» (Hohelied 7,12f)
Das ist keine verklemmte Symbolsprache. Das ist leidenschaftliche Erotik.
Die Bibel kennt keine körperlose Liebe.
Weckt die Liebe nicht!
Immer wieder ruft ein Chor im Hohelied:
«Weckt die Liebe nicht, bevor es ihr selbst gefällt!» (Hohelied 2,7; 3,5; 8,4)
Das ist kein moralischer Imperativ zur Kontrolle. Es ist ein Protest gegen Einmischung.
Lasst die Liebe ihren eigenen Rhythmus finden.
Eltern, Priester, Moralhüter – haltet euch heraus!
Liebe lässt sich nicht normieren wie ein Bauplan. Sie ist kein Verwaltungsakt. Kein Vertrag ersetzt das lebendige Ja zweier Menschen.
Paradies ist Gegenwart
Im Zentrum des Hoheliedes steht der Garten. Ein Duft von Granatapfel, Myrrhe, Zimt. Ein Lustgarten. Das ist keine nostalgische Erinnerung an Eden. Es ist Gegenwart.
Wo zwei Menschen sich gegenseitig schenken, öffnet sich der Garten.
Das Paradies liegt nicht hinter uns und nicht nur vor uns. Es geschieht, wenn Körper nicht beschämt, sondern geehrt werden. Wenn Begehren nicht kontrolliert, sondern verantwortet wird.
Vielleicht ist die Rückkehr ins Paradies kein moralischer Kraftakt, sondern ein Kuss.
Martin Thoms ist ein Theologe, Autor und Dozent aus Bochum. In seinem neuen Buch «Urgeschichte – Spiegel der Menschheit» schreibt er über die ersten Kapitel der Bibel. Dieser Blogbeitrag ist an das Buch thematisch angelehnt. Überdies bietet Martin Coaching und Online-Kurse zu Gott & Glaube an, z. B. ab 28. April 2026 zur Urgeschichte und Themen dieser Blogserie. Mehr dazu auf seiner Homepage.
Foto von Andrea Graziano Gervasoni auf Unsplash; Musée du Louvre, Paris, France







