Ein Paradox namens Mechthild
Mechthild von Magdeburg ist ein Paradox. Wir wissen so gut wie nichts über diese Mystikerin; nicht einmal, ob sie wirklich etwas mit Magdeburg zu tun hatte.
Gleichzeitig kennen wir ihre intimsten Empfindungen. Sie schrieb:
«O du schmelzender Gott in der Einung mit deinem Lieb!
O du ruhender Gott an meinen Brüsten!»
Oder auch:
«Eia, selige Schau! Eia, inniger Gruss! Eia, süsse Umarmung!
Herr, Dein Wunder hat mich verwundet! Deine Gnade hat mich erdrückt!»
Das fliessende Licht
Mit von heissem Begehren getränkten Worten und einer radikalen Offenheit sprengte Mechthild von Magdeburg den Rahmen des mystischen Schrifttums des 13. Jahrhunderts – und vielleicht auch den Rahmen des Fühlens.
«Das fliessende Licht der Gottheit» ist der Titel der vor über 700 Jahren entstandenen Sammlung ihrer Visionen und Briefe. Noch heute klingen Mechthilds Sätze gewagt und unverblümt.
Würde die Mystikerin in unserer Zeit leben, wäre sie vermutlich eine spirituelle Bloggerin, gefeiert für den authentischen Mechthild-Sound.
Die Spiritualität der Mystikerinnen erfährt gegenwärtig ein Revival. Romanautor:innen entdecken Gestalten wie Mechthild von Magdeburg oder auch Teresa von Ávila. Und sogar die Popmusik bezieht sich auf Mystik (LUX von Rosalía).
Ein Name wie eine Häkelgardine
Wie konnten Frauen im Mittelalter so schreiben wie Mechthild? Wie konnten sie ihre freimütigen Schilderungen und Briefe öffentlich machen? Welche Lebensrealität steckte dahinter? Und stimmen unsere Bilder mittelalterlicher Frauen und Frömmigkeit überhaupt?
Die evangelische Theologin und Autorin Julia Koll begibt sich in «Das Buch Mechthild» auf eine spannende Spurensuche. Der Roman erschien kürzlich im angesehenen und trendsetzenden Berliner Literatur- und Theorieverlag Matthes & Seitz.
«Das Buch Mechthild» beginnt dort, wo Biografien üblicherweise scheitern: beim Nichtwissen.
Nichtwissen als Möglichkeitsraum
Koll macht die Lücken in Mechthilds Biografie zu literarischen Möglichkeitsräumen. Sie nimmt die Lesenden gleichzeitig mit auf Recherche-Reisen: in Regionalzügen durch Mitteldeutschland, an Orte, wo Mechthild gewesen sein könnte; in Bibliotheken voller Sekundärliteratur; zu der Frage, weshalb einen Mechthild packt und nicht mehr loslässt.
Weil ihr Name «wie eine Häkelgardine» klingt?
Weil sie eine Extremistin der Liebe war?
Weil sie – bis heute – in keine Schublade passt?
Obwohl sie in einem Atemzug mit anderen gottverliebten Frauen genannt wird – Birgitta von Schweden, Katharina von Siena, Teresa von Avila, Hildegard von Bingen –, brachte es Mechthild in der katholischen Kirche weder zur Heiligen noch zur Seligen.
Julia Koll legt offen, wo sie tastet, wo sie rekonstruiert, wo sie erfindet.
Das Resultat ist weniger historische Rekonstruktion als eine Archäologie der Intensität.
Keine Heilige
Wie lebte Mechthild ihre Liebe? Wen liebte sie ausser Gott?
Mechthild bekannte, dass sie eine umfassende Verwandlung ihres Herzens anstrebte, «damit es Gott auf jede Weise liebt».
Lebte sie nicht-exklusive Formen von Liebe? Haben wir es mit Spielarten des Christentums zu tun, die den Leib nicht disziplinierten, sondern freisetzten? Die die Erotik nicht verdächtigten, sondern als Erfahrungsraum des Göttlichen ernst nahmen?
Belegte Praktiken wie das Sich-in-Seile-Schnüren liessen sich dann nicht nur als Selbstkasteiung verstehen, sondern als Versuche, leibliche Intensität zugunsten einer Annäherung an Gott zu steigern.
Die Mediävistin Caroline Walker Bynum deutet Mechthilds Mystik genau in diese Richtung: nicht Sublimierung, sondern Intensivierung.
Oder anders gesagt: Nicht nur Theorie, sondern auch Praxis.
Ein Roman, der tastet
Julia Koll lässt Mechthild auferstehen – und dekonstruiert sie zugleich. Das macht die Lektüre spannend, allerdings auch herausfordernd.
Der Roman nimmt sich Zeit, wägt ab. Er entwickelt nicht die Sogkraft greller Plots, aber wirkt subtil und nachhaltig.
Die Autorin deutet an, dass es die singuläre Mechthild-Figur, mit der man sich als Leser:in schnell anfreundet, womöglich gar nicht gegeben hat. Wir könnten es auch mit einem Lese- und Schreibkreis Gleichgesinnter zu tun haben, mit kollektiver Autorschaft. Getragen von der Kultur der mittelalterlichen Minne und inspiriert vom biblischen «Hohelied der Liebe».
Es war damals nicht unüblich, Schriften aus unterschiedlichen Quellen einer Figur zuzuschreiben.
Ein Netzwerk der Mystik
Die sinnliche Liebesmetaphorik à la Mechthild von Magdeburg stand keineswegs singulär da. Die flämische Mystikerin Hadewijch und später Marguerite Porete – für ihre radikale Liebeslehre 1310 verbrannt – kleideten ihre Gotteserfahrung ebenfalls in die Sprache der Minne.
Meister Eckhart kannte die Schriften Poretes, Johannes Tauler korrespondierte mit dem Mechthildianer Heinrich von Nördlingen.
Mystik zu Mechthilds Zeiten war kein religiöses Randphänomen, sondern eine Praxis des kollektiven Erlebens und Fortschreibens – mit herausragenden und selbständigen Frauenfiguren.
Mystik als Widerstand
Mechthild von Magdeburg, so ist überliefert, war erst ein adliges Burgfräulein, dann Begine. Diese soziale Verortung ist für das Verständnis des Mechthild-Phänomens wahrscheinlich entscheidend. Beginen hiessen im Mittelalter Mitglieder religiöser Gemeinschaften, die ihre Spiritualität nicht in Abgeschiedenheit, sondern inmitten der Welt lebten.
Beginen bewohnten eine Grenzzone.
Sie lebten gemeinschaftlich, aber ohne Gelübde; fromm, aber nicht klösterlich; dem kirchlichen Zugriff nah, aber nicht ausgeliefert. Sie schufen einen Raum, der weder völlig weltlich noch völlig sakral war – ein spirituelles Niemandsland, das sie mit Selbstbewusstsein und wirtschaftlicher Kompetenz füllten.
Für die Kirche war das irritierend. Für viele Frauen befreiend.
Ihre späten Jahre verbrachte Mechthild, gemäss der Überlieferung, im Kloster Helfta. So lässt sie sich auch dem Umfeld der mystischen Frauen von Helfta zurechnen: Mechthild von Hackeborn und Gertrud die Grosse.
Dass sich Mechthilds Texte erhalten haben, verdanken wir aber den Basler Gottesfreunden, die im 14. Jahrhundert zwei Handschriften anfertigten. Sie befinden sich heute in der Stiftsbibliothek Einsiedeln in der Schweiz. (Hier kann man den Codex 277 online einsehen.)
Verlust von Räumen
Ab der Mitte des 13. Jahrhunderts geraten besonders die Beginen unter Druck – kirchlich, ökonomisch, politisch. Mit der Reformation verschärft sich diese Entwicklung: In vielen Städten, auch im Zürich Zwinglis, werden Beginenhäuser vollständig aufgelöst.
Frauen, die alternative Lebensformen suchten, verlieren damit ihre Räume, ihre Autonomie, ihre gelebten Entwürfe.
Die Mechthilds wurden weniger, der mystische Freigeist verflog.
Vor diesem Hintergrund erhalten die Mechthild von Magdeburg zugeschriebenen Zeilen ein Moment der Dringlichkeit. Es ist keine Mystik ätherischer Innerlichkeit, weltabgewandt und brav, oder astronomisch ferne Transzendenz. Es handelt sich vielmehr um Belege von Eigensinn oder sogar einer Gegenkultur: leiblich, affektiv, intellektuell.
Es geht nicht um die Verehrung eines fernen Gottes, sondern um eine existentielle Hinwendung.
Gott wird zum Brennpunkt des Begehrens, zur Kraft, die ein Leben aus vorgegebenen Bahnen löst.
Ein neues Genre
Julia Koll, die seit 2024 die Evangelische Akademie Loccum als Direktorin leitet, eröffnet mit ihrem erstaunlichen Roman neue Perspektiven auf alte Mystik: experimentell, kenntnisreich und getragen von einer Liebe zu gross Liebenden.
Womöglich könnte «Das Buch Mechthild» sogar der Beginn eines zeitgenössischen Mechthild-Genres sein?
Zu Teresa von Ávila hat sich in Spanien tatsächlich ein gegenwärtiges Genre gebildet, mit Romanen, die teilweise aufeinander Bezug nehmen – das mystische Schreiben geht weiter.
Julia Koll: «Das Buch Mechthild», Berlin: Matthes & Seitz 2025.
Mystik im RefLab:
«Was ist eigentlich Mystik? – 8 Kennzeichen» von Evelyne Baumberger.
Zu leibbezogener Mystik gibt es aktuell eine Serie von Blogbeiträgen von Martin Thoms
Und der RefLab-Podcast «Holy Embodied» von Leela Sutter verrät, was Glaube mit deinen Zehen zu tun hat.
Titelbild: Mechthild-Denkmal in Magdeburg, Werk der Künstlerin Susan Turcot, Quelle: Wikimedia









