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 Lesedauer: 4 Minuten

Am Puls des Heiligen – Martin Thoms

Die Welt mit Minuszeichen

Früher lebte ich in einem Weltbild, in dem das Vorzeichen von allem ein grosses Minus war. In dieser Sichtweise ist Gott oben im Himmel, wir unten auf der Erde. Der Himmel ist göttlich, die Welt gottlos. Das nennt man Dualismus – die Vorstellung, dass die Wirklichkeit in zwei getrennte, undurchlässige Bereiche zerfällt.

Gott da oben – wir hier unten. Zwischen Himmel und Erde ein unüberwindbarer Graben.

Kein Wunder, dass Vertrauen in so einem Bild schwerfällt: in das Leben, in die eigenen Fähigkeiten, ja, in Gott selbst. Dieses Minus zieht sich durch das Leben: Der Himmel zählt, die Erde vergeht. Geist ist göttlich, Körper ist gefährlich. Glauben heisst gehorchen, nicht leben. Und am Ende wundere ich mich, warum die Welt so eng geworden ist.

Der Filter in meinem Kopf

Heute sehe ich die Welt anders. Und deshalb erfahre ich sie auch anders. Meine Denkkategorien sind wie Filter über meinen Sinnen – sie sieben, was ich überhaupt wahrnehme. Wenn ich denke, die Welt sei gottlos, werde ich Gott darin auch nie entdecken.

Wer sucht, der wird finden – aber nur dort, wo er zu suchen bereit ist.

Vielleicht ist es genau das, was Jesus meinte (Matthäus 7,7). Wenn ich Gott immer nur ausserhalb suche, übersehe ich ihn dort, wo er längst gegenwärtig ist – in mir, in anderen, in der Welt.

Gott als Tiefe des Seins

Durch das Gebet der Stille – das einfache Verweilen in der Gegenwart ohne Worte – habe ich gelernt, tiefer zu sehen. Ich erkannte: Gott und Welt sind keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Wirklichkeit.

Der Theologe Paul Tillich hat das in einem Satz auf den Punkt gebracht: «Gott ist die Tiefe des Seins.» Gott ist kein Seiendes, kein Ding, kein Wesen unter anderen, sondern das Sein selbst, an dem alles Seiende teilhat.

Wer um die Tiefe des Seins weiss, der weiss auch um Gott, sagt Tillich.

Und irgendwann habe ich gemerkt: Diese Tiefe zeigt sich nicht nur im Schweigen, sondern auch im Sprechen. Wenn ich mit Menschen über das Leben rede – über ihre Freude, ihre Trauer, ihre Sehnsucht –, dann spüre ich dieselbe Tiefe wieder.

Das erlebe ich auch dann, wenn diese Tiefe nicht explizit «Gott» genannt wird. Das Wort «Gott» kann sogar hinderlich sein, wenn es durch den Klang von Dogma und Macht die konkrete Begegnung verschleiert.

Tillich rät: Wenn dich das Wort «Gott» zu sehr belastet, ersetze es durch «Sein», «Liebe» oder «Quelle». Ich habe es wirklich so erfahren: Wenn ich mit Menschen über die Tiefe des Lebens spreche, begegne ich darin Gott. Dann ist die Vokabel, die wir dafür verwenden, gar nicht mehr so wichtig.

Der Tempel in mir

Im Gebet der Stille entdeckte ich: Gott ist nicht ausserhalb, sondern mir innerlicher als ich mir selbst bin. Ich gehe nach aussen und verliere mich. Ich gehe nach innen und finde mich – und plötzlich ist Gott da.

Auch Paulus hat das schon erkannt. Er fragt: «Wisst ihr denn nicht, dass euer Leib Tempel des Heiligen Geistes ist?» (1 Korinther 6,19) Das klingt altmodisch, aber es meint etwas Radikales:

Wenn der Leib Tempel ist, dann ist das Heilige nichts ausserhalb – es ist mitten in der Welt.

Der Dualismus trennt: Leib ist weltlich, Tempel heilig. Das Profane – wörtlich «vor dem Heiligen» (lat. pro-fanum) – ist das, was draussen bleibt. Doch wenn der Leib selbst der Tempel ist, dann wird der Dualismus überwunden: Die Welt ist nicht gottlos, sie ist durchdrungen von Gott. Paulus fragt an anderer Stelle: «Erkennt ihr euch selbst nicht, dass Jesus Christus in euch ist?» (2 Korinther 13,5). Wer sich selbst in der Tiefe erkennt, so der Gedanke, kann vielleicht seinen göttlichen Grund erahnen. Paulus nannte ihn Christus, Tillich nannte ihn Sein.

Mein neues Heiligtum

Seitdem habe ich ein neues Heiligtum: meinen eigenen Leib. Und das Schöne ist – dieser Ort ist immer da, offen, lebendig, gegenwärtig. Denn dieser Ort bin ich selbst. Ich muss also nie weit laufen – ich bin allezeit da.

Du willst Gott begegnen? Dann geh in dich.

Im Innersten wartet keine Leere, sondern die Quelle des Lebens. Gott ist nicht draussen, sondern innen. Nicht fern, sondern nah. Nicht jenseits der Welt, sondern ihre Tiefe. Ich stehe auf heiligem Boden – überall, wo ich entlanglaufe, weil ich selbst ja das Heiligtum bin.

Martin Thoms ist ein Theologe, Autor und Dozent aus Bochum. Er bietet überdies Seelsorge, Coaching und Online-Kurse zu Gott & Glaube an, z. B. ab 13. Januar 2026 «Brennpunkte des Glaubens», ein 10-Wochen-Onlinekurs zu grossen religiössen Streitfragen. Mehr dazu auf seiner Homepage. 

Bei RefLab erschien bei ihm eine Beitragsserie zu Alltagsmystik.

«Holy Embodied» ist ein RefLab-Podcast, gehostet von Leela Sutter, der zeigt, «dass deine Zehen mehr mit Spiritualität zu tun haben» als du denkst.

Foto von Aiony Haust auf Unsplash

Alle Beiträge zu «Am Puls des Heiligen – Körper und Spiritualität»

2 Gedanken zu „Am Puls des Heiligen – Martin Thoms“

  1. Lieber Martin, danke für Deinen wertvollen Impuls.Ich habe diese Entwicklung meines Sicht- Filters auch erlebt. Gern möchte ich mit dem Spruch von Angelus Silesius (1624-1677!) ergänzen: “Halt an, o Mensch, wo läufst du hin? Der Himmel ist in dir! Suchst du ihn anderswo – du fehlst ihn für und für.”
    Regina

    Antworten
  2. Besten Dank für das wunderbare Weihnachtsgeschenk😉 Nach fünfzig Jahren als Suchender bin seit einigen Jahren mit der Kontemplation auf einem – für mich – guten Weg.
    Alles Gute 🙏

    Antworten

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