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 Lesedauer: 6 Minuten

Die Kommerzialisierung des Erwachens

Die Aula der Universität in Lissabon ist bis auf wenige Plätze gefüllt. Im Publikum sitzen Menschen allen Alters, da sind Kinder, dort ältere Personen am Gehstock. Sie kommen aus allen Gegenden der Welt, Indien, USA, Russland, ganz Europa ist vertreten. 1200 Menschen sind es insgesamt – und ich mittendrin.

Wir alle sind hier, um eine Woche lang mit Mooji in der Stille zu sitzen. Mooji ist einer der bekanntesten nondualen Lehrer der Gegenwart mit einer Gefolgschaft von hunderttausenden von Menschen. Ähnlich wie etwa Eckhart Tolle, dessen Bücher von Millionen gelesen werden*.

Genannt wird der akribisch organisierte Event «awakening intensive», also «Erwachen intensiv».

Ich hatte Mooji bisher als schono interessant auf dem Radar, mehr aber nicht. Als ich aber die Ausschreibung für dieses Retreat in Lissabon gesehen hatte, wusste ich: Ich will da hin.

Kraft der Stille versus Spiri-Zirkus

Und so sitze ich also in einer Masse von Menschen, die sich alle für dieses Aufwachen oder Erwachen interessieren. So spannend, Stille und Erwachen als so Mega-Event zu erleben. Ist mir sehr fremd, meine eigene Community ist eher klein und fein.

Die Kraft von Menschen, die zusammen in der Stille sitzen und sich ganz auf diese einlassen, ist enorm.

Das erlebe ich in Retreats immer wieder. Ich sah, wie auch in Lissabon einige tatsächlich echte Öffnungserlebnisse hatten.

Gleichzeitig bin ich dem ganzen «Awakening»-Zirkus gegenüber auch sehr skeptisch.

Es gibt in der Spiri-Bubble eine Tendenz, jedes bitzli Entspannung als «Erwachen» zu bezeichnen. Ich erinnere mich an eine ehemalige Kollegin, die in einem Yin-Yoga-Kurs war und dort etwas mehr Raum in sich, etwas mehr Ruhe gefunden hat – und sich dann als «erleuchtet» bezeichnete.

Es gibt unendlich viele Angebote, die mir Erwachen verkaufen wollen. Sei es über Atemübungen und Eisbaden oder über Pflanzenmedizin und Schwitzhütte.

Vielen dieser Trendangebote gemeinsam ist: Es braucht immer «etwas», eben, das Schwitzen, die Pflanze, die Atemübung. Ein Zufügen von öppisem. All diese Dinge sind nicht schlecht. Sie können dir durchaus gewisse Einsichten geben, dich freier machen.

Doch für das eigentliche Erwachen braucht es nichts, literally, nichts. Bloss die Bereitschaft, dich für einen Moment auf dieses nackte Sein einzulassen. Lange genug darin zu baden, darin zu schwimmen.

Nicht mehr bloss Jesus oder Buddha

Denn so oft in diesen Trend-Bubbles ziehen wir uns bloss ein weiteres Kostüm, eine weitere Identität an. «Ich bin die, die Ayuahuasca-Zeremonien macht.» – «Ich bin der, der in der Schwitzhütte Einsichten gewinnt.» – «Ich bin die, die übers Atmen und im kalten Wasser sitzen Visionen habe.» Blablabla.

Darum geht’s ja beim Eigentlichen genau nicht – deine Kostüme oder Identitäten werden dir ausgezogen.

Ein echtes Erwachen ist ein Tod vor dem physischen Tod und nimmt dir einmal alles – gibt dir aber zigfach retour.

Einfach so ganz anders, als du das vielleicht gedacht hättest. Habe ich zum Beispiel vor wenigen Jahren noch angenommen, dass es total wahr oder authentisch ist für mich, dreimal die Woche Yoga zu praktizieren, hat sich das inzwischen geändert.

Bewegung ist etwas, was beinah von selbst passiert und könnte dir nicht sagen, wie oft oder wann zum letzten Mal. Meine «Yogi-Identität» ist also gestorben – und an deren Stelle ist eine viel grössere Freiheit in Bezug auf Bewegung getreten.

Doch zurück zum Erwachen der Massen:

Die Demokratisierung darin gefällt mir – es scheint immer je mehr klar zu werden, dass ein Erwachen nicht einigen Wenigen möglich ist, sondern alle gleichsam Zugang haben.

Es hat mehr wache Wesen auf dem Planeten denn je, es ist nicht mehr bloss eine Person pro Jahrhundert, wie das vielleicht zu Zeiten des Buddha oder Jesu der Fall war.

Erwachen kann nicht verkauft werden

Was mich allerdings stört ist die Verkapitalisierung davon.

Ich arbeite mit vielen Menschen, die über das Streben nach Erleuchtung regelrecht ausgebrannt sind.

Menschen, die alles und jedes versucht hatten, bloss um zu merken: Mein Streben bringt irgendwie keine Früchte. Klar, daran hat nicht nur der Kapitalismus Schuld. Und klar, ich bin sehr dafür, dass auch spirituelle Arbeit angemessen bezahlt wird. Schliesslich lebe auch ich genau davon.

Und dennoch: Ich sehe in vielen der angepriesenen Optionen, was auch immer es sein mag, eine Suchbewegung im Aussen. Als wäre Gott oder die Erfahrung der All-Einheit etwas, was ausserhalb von uns liegt. Etwas, was also verkauft werden kann. Etwas, was ich mit meinem Tun hervorbringen kann.

Doch das ist genau die Krux: Erst wenn ich bereit bin, das Tun für einen Moment zu lassen und mich ins Sein fallen lasse – erst dann, erst dort kann ich nachhaltig und wahrhaftig dem Göttlichen begegnen.

Bloss um irgendwann vielleicht zu sehen: Aha, da gibt es gar keine Trennung zwischen mir und dieser ewigen, göttlichen Quelle. Und dort wird es erst so richtig spannend, dort beginnt es erst. Doch um das stinknormale alltägliche Leben aus diesem wachen Da-Sein, darum ging es leider weder in Lissabon, noch sprechen die meisten spirituellen Lehrer*innen darüber. Leider.

Ich war nach dieser Woche mit Mooji auf jeden Fall sehr dankbar, wieder in meine kleine, feine Gemeinschaft zurückzukehren. Wo der Alltag im Zentrum steht und das Erwachen Nebensache ist. Wo die Lehrperson nicht als Superstar inszeniert wird, sondern vielmehr als gleichwertige Person, die bloss über mehr Erfahrung und Einsicht verfügt.

Sehr demokratisch irgendwie, auch das. Mystik ist für mich genau das. Niemand stellt sich über den anderen, niemand kann mehr «Gott» haben oder weniger. Vielleicht ist das dann auch wieder ur-reformiert, nicht?

Wie sind alle Priester*innen, wir haben alle denselben Zugang zum Göttlichen.

 

* Meine Kollegen von «Ausgeglaubt» haben Eckhart Tolles Buch «Jetzt! Die Kraft der Gegenwart» eine Folge gewidmet, die könnt ihr hier hören.

In diesem Text geht es um ein bestimmtes Verständnis des Begriffs „Erwachen“ – eben um das Erkennen, dass das Gefühl des Abgetrennt-Seins von Gott eine Illusion ergo nicht real ist. Dieses Verständnis des Begriffs hat eine lange Tradition zum Beispiel im Buddhismus. Es gibt allerdings auch charismatisch-evangelikale oder auch pfingstliche Verwendungen des Begriffs, dort wird aber häufiger von «Erweckung» gesprochen. Mein Kollege Thorsten Dietz hat hier etwa über Erweckung geschrieben und Manuel Schmid hat dem Pfingstgeist hier einen Artikel gewidmet.

Illustration: Getty Images

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