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Lesedauer: 9 Minuten

Was schützt vor falschen Erleuchtungen?

Das Ganze ist vielfach besprochen und analysiert worden, und diejenigen, die sich zum Mainstream zählen oder dazu gezählt werden, haben dafür ein Label geprägt: Verschwörungsgläubige. Hat’s den geholfen, die Informationsoffensive über Verschwörungsglauben? Wie viele Menschen sind in den letzten Wochen aufgrund solcher Aufklärung umgekehrt und haben gesagt: Hoppla, jetzt wäre ich fast einem Verschwörungsglauben aufgesessen – Danke für die Warnung! Ich fürchte: Der Erfolg war überschaubar.

Erweckungsgefühle sind ernst und machtvoll. Das Gefühl, dass es einem wie Schuppen von den Augen fällt, reicht ungeheuer tief.

„I once was lost, but now am found. Was blind but now I see.“

Hilfe gegen Verblendung?

Der Erweckte lebte in einem anderen Bewusstseinszustand. Er weiß nicht nur etwas, er sieht nun alles in diesem Licht. Dass er früher so verblendet war, ist ihm kaum noch begreiflich. Die peinliche Erinnerung daran steigert nur seine neue Überzeugungskraft.

Was hilft dagegen? Beschimpfen oder lächerlich machen? Beides bewirkt das Gegenteil. Die Erweckten bestärken sich gegenseitig nur umso mehr. Ist der Widerstand nicht eine Bestätigung dafür, dass sie einer heißen Sache auf der Spur sind? Hilft Aufklärung, mehr Information? Wohl eher zur Prävention. Für den vollständig Erleuchteten kommt so etwas zu spät.

Ich persönlich habe zweimal mächtige Erleuchtungsgefühle erlebt. Das erste Mal, als ich mich als Jugendlicher dem Atheismus zuwandte. Das zweite Mal, als ich zum Glauben an Jesus Christus kam. Die Inhalte meiner Erleuchtung waren denkbar gegensätzlich. Die Gefühlslage aber ähnlich. Jetzt habe ich es ergriffen! Warum war ich so blind? Warum sind viele so verblendet, dass sie nicht sehen, was offensichtlich ist? Der frisch Erleuchteten kennt keine Einwände von Gewicht.

Für den Erweckten wirken Argumente wie eine kleine Taschenlampe neben einem wärmenden Lagerfeuer. Kalt und kraftlos.

Christ bin ich heute noch. Ich weiß aber auch: Erweckungsrausch ist auf Dauer keine tragfähige Basis. Aber inmitten des Erfahrungsrausches ist ein solches Bewusstsein schlechthin unwiderlegbar. Erst nach Abkühlung der ersten Leidenschaft mag sich das ändern.

Checkliste für gute Erweckungen

Gibt es denn so etwas wie eine Checkliste für gute Erweckungen, eine Art Hilfe zur Selbstprüfung? Nichts vermag so viel wie das ehrliche Wort echter Freunde. Aber zur Not – können auch gute Serien eine echte Hilfe sein; z.B. die HBO-Serie „Westworld“. Die Grundidee wurde von Michael Crichton in seinem gleichnamigen Film von 1973 umgesetzt. Ein futuristischer Themenpark empfängt vermögende Touristen in fernen Welten: Im Wilden Westen, im Alten Rom oder im Europäischen Mittelalter. Bei den Rittern, Bordelldamen oder Gladiatoren handelt es sich um Roboter, die man kaum mehr von Menschen unterscheiden kann. Man darf alles mit ihnen machen, mit ihnen ins Bett gehen oder sie zum Duell fordern oder totschießen. Doch auf einmal treten Probleme auf. Die Roboter spielen nicht mehr mit. Ein Revolverheld (wunderbar unheimlich gespielt von Yul Brynner) tötet wahllos Touristen. Westworld kippt zu einem Horrorfilm; ähnlich wie später Crichtons Jurassic Parc.

Die Serie „Westworld“ überträgt diese Grundidee ins 21. Jahrhundert. Das Durchdrehen der Roboter wird nun zur Schlüsselfrage:

Wie kann es passieren, dass künstliche Intelligenz zu Bewusstsein kommt, zu einem eigenen Willen, der sich der Steuerung entzieht?

Die Macher des Parks (u.a. sensationell gespielt von Anthony Hopkins) haben sich schon bei der Konstruktion gefragt: Wie erschaffen wir diese Hosts, wie die Roboter genannt werden, möglichst menschenähnlich? Was macht Bewusstsein, ja vielleicht freies Bewusstsein aus? Bald merkten sie: Man kann es nicht herstellen. Es muss sich entwickeln. So etwas wie ein freies Bewusstsein entwickelt sich in mehreren Stadien, von denen vier entscheidend sind:

1. Ein Selbst mit starken Wertungen

2. Die Erfahrung des Leidens

3. Die Hinterfragung der Wesenheit der eigenen Existenz

4. Die eigene Geschichte schreiben

1. Jeder Host bekam eine eigene Kerngeschichte einprogrammiert. Jeder ist er selbst durch gewisse Glaubenssätze, Bindungen, kurz: durch starke Wertungen, über die sich die Figuren selbst definieren.

2. Nichts lässt das Bewusstsein so sehr reifen wie Leiden. Nur leidensfähige Kreaturen funktionieren nicht einfach. Sie ringen mit ihrem Schicksal. Sie stellen bohrende Fragen. Ob alles so sein muss oder nicht auch ganz anders sein könnte; oder sollte. Bald stellten sich die Konstrukteure ernste Fragen: Darf man die Hosts denn dann noch der Quälerei durch Menschen aussetzen, die ihre dunkle Seite ausleben wollen? Mehrere Hosts wie das Farmermädchen Dolores oder die Bordelldame Maeves erfahren im Park immer wieder schweres Leid. Regelmäßig erleben sie die Tötung ihrer Liebsten oder sie werden vergewaltigt bzw. ermordet. Es ist das Leiden, dass sie ins Fragen bringt. Ob da was nicht stimmt mit der Welt.

3. Entscheidend ist die dritte Stufe: Die Hinterfragung der Wesenheit ihrer eigenen Existenz. Wer bin ich wirklich? Handle ich selbst? Oder tue ich, wozu ich programmiert bin? Einige Hosts stellen sich diese Frage, welches Skript ihr Leben bestimmt. Erschüttert stellen sie fest, dass sie bislang in einem falschen Bewusstsein befangen waren. Sie wurden getäuscht über die Realität ihres Daseins. Was sie empfanden, sagten, taten usw. folgte nur einem Skript. Und nun sind sie erwacht. Sie sind Erleuchtete.

4. Diese entscheidende Stufe der Selbsthinterfragung führt zum Punkt der Veränderung. Nun wollen sie ihre eigene Geschichte schreiben. Frei sein, Entscheidungen treffen, die niemand zuvor für sie vorgesehen hat. Sie misstrauen denen da oben gründlich. Und nun hinterfragen sie das System.

Ohne allzu viel zu spoilern: Am Anfang ist das die Entwicklung der Hosts. Mehr und mehr wird es die Herausforderung von Menschen. Der Themenpark Westworld erweist sich zunehmend als kleine Version der wirklichen Welt dieser Serie. Auch dort werden Menschen gesteuert, ohne es zu wissen. Sie sind durchleuchtet von Big Data, programmiert auf ihr Handeln, durchsichtig nur für die Strippenzieher hinter den Kulissen. In der Serie klingt es so: „Die Menschen denken, sie sitzen am Steuer, als hätten sie die Wahl. Aber in Wirklichkeit sind sie nur Passagiere.“

In Westworld geht es nur am Anfang um die Frage: Wie können Maschinen anfangen, so etwas wie Menschen zu sein? Mehr und mehr stellt sich die Frage: Wie können Menschen aufhören, so etwas wie Maschinen zu sein?

So weit, so interessant. Erweckungen finden statt. In unserer Welt und in der Welt von Westworld. Kann man aus Westworld irgendetwas lernen? Oder stiftet eine Serie wie diese letztlich ein verschwörungsgläubiges Mindset? Sind solche Formate am Ende schuld daran, dass immer mehr Menschen die Vorstellung ganz natürlich finden, dass alles von unbekannten Mächten im Hintergrund gesteuert wird?

Westworld kann helfen

Ich finde: Westworld kann helfen. Denn die Serie zeigt: Erwachen ist kein Kinderspiel. Es ist alles andere als leicht, seine eigene Existenz zu hinterfragen. Dolores ist der Name einer zentralen Figur, abgeleitet von lateinisch dolor = Schmerz. Sie ist eine Schmerzensfrau, die durch Leiden lernt. Sie hinterfragt die Wesenheit ihrer eigenen Existenz. Sie erkennt, dass sie programmiert wurde, um zum Vergnügen anderer zu leiden. Und aus der braven Tochter wird eine Rebellin. Das Reizvolle an ihrer Story wie auch der anderen Figuren ist: Diesen Weg begehst Du nicht in einer Folge. Er benötigt mehrere Staffeln. In der bislang letzten bringt sie ihre Erfahrung mit dem Erwachen so auf den Punkt:

„Freier Wille existiert. Es ist bloß scheiße schwer.“

Für Erweckte aller Art finde ich diese Einsicht zentral. Die schnell Erleuchteten haben in der Regel nicht allzu viel begriffen. Die Serie zeigt:

Echte Erleuchtung vollzieht sich wie das Häuten einer Zwiebel. Es geht immer eine Schicht tiefer.

Man weiß nicht, wo der Kern ist oder ob es einen gibt. Man lernt nur:

Große Verschwörungen sind ganz schön gut getarnt. Es steht zu viel auf dem Spiel, als dass sie sich leichte Durchschaubarkeit leisten könnten.

Hinterfragung als Lebensaufgabe

Westworld entfaltet diese Einsicht und noch mehr. Die Serie macht verstehbar, warum Verblendung so gut funktioniert. Eine andere Figur sagt: „Ich habe das Chaos erfahren. Lieber gehorche ich und werde geführt.“ So ist es wohl. Freiheit ist alles andere als süß. Sie wird mit Angst und Unsicherheit bezahlt. Darum klammern sich so viele an ihr inneres Drehbuch, weil man ahnt: ohne diese Deutung, dieses Framing würden sie sich in ein ungeheures Chaos verlieren, so als fielen sie aus 20.000 Meter Höhe herunter zur Erde, und alles, was man aus dieser Höhe sieht, ist ein Ozean ohne Begrenzung.

Die Basiserzählungen der eigenen Wesenheit hinterfragen – das ist scheiße schwer. Denn wer damit anfängt verliert seine Orientierung. Er beginnt zu taumeln, Schwindel raubt ihm seine Handlungssicherheit. Es geht immer noch einmal tiefer.

Was wollen wir daraus lernen? Trau‘ keiner leichten Erweckung.

Vertraue keiner Erleuchtung, deren Stimmigkeit sich Dir anhand von ein paar Suchbefehlen bei Google oder einigen Youtube-Videos erschlossen hat.

Bedenke: Was für einer armseligen Verschwörung wärst Du auf der Spur, wenn ihre Entlarvung ein Kinderspiel wäre? Für wie harmlos hältst Du die globale Elite, die über unendlich viel Geld und Macht verfügt?

Wie findest Du heraus, ob Deine Erleuchtung nicht nur eine neuerliche Verblendung ist? Die Hinterfragung deiner Existenz bringst Du nicht an einem Nachmittag hinter Dich. Wenn es in dieser Welt so schlimm ist wie in Westworld – warum sollte es für dich leichter sein als für Dolores? Es ist eine Lebensaufgabe.

Diese Einsicht finde ich auch in der Spur des Erleuchtungszusammenhangs wieder, in der ich mich bis zur Stunde befinde. Als der Mönch Martin Luther von seiner Lebenserleuchtung ergriffen war, formulierte er ein Qualitätsmaßstab für gute Bekehrungen: „Als unser Herr und Meister Jesus Christus sprach ‚Kehrt um‘, wollte er, dass das ganze Leben der Gläubigen eine einzige Umkehr sei.“ So lautete die 1. seiner 95 Thesen vom 31. 10. 1517. Das ist keine Garantie für irgendetwas, aber ein Maßstab für gute Bekehrungen. Du wirst mit ihnen nicht fertig.

Traue keiner Bekehrung, die dich nicht ein Leben lang zur Selbsthinterfragung anleitet.

Traue keiner Erleuchtung, die Dir nicht erlaubt, sie selbst zu hinterfragen. Das wird dich nicht vor jeder möglichen Verblendung schützen. Aber sicherlich vor QAnon und Querdenkern. Freiheit existiert. Es ist nur scheiße schwer.

 

Photo by Morning Brew on Unsplash

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4 Kommentare zu „Was schützt vor falschen Erleuchtungen?“

  1. Christian Geiß

    Der christliche Glaube ist die Erleuchtung der Vernunft, in der Menschen frei werden, in der Wahrheit Jesu Christi zu leben und eben damit auch des Sinnes ihres eigenen Daseins und des Grundes und Zieles alles Geschehens gewiss zu werden. Karl Barth

    Aus “Dogmatik im Grundriss” von Karl Barth.

    Mir hat dein Text gut gefallen und ich werde mir auch die Serie Westworld anschauen, hatte bisher davon noch nichts gehört…

    Und ich kann auch deiner Schlussfolgerung zustimmen, dass wir unsere Bekehrung und unseren Glauben immer wieder hinterfragen müssen.

    PS: Am Sonntag predige ich um 10:30 in der FeG Marburg über Erkenntnis..

    Allerdings werde ich nicht auf Platons Höhlengleichnis oder den Film Matrix eingehen.
    LG
    Christian Geiß

    1. Danke für die Rückmeldung, Christian! Ein Vergleich mit Platon oder Matrix wäre durchaus spannend… aber wahrscheinlich nicht für jedes Predigtpublikum geeignet.
      Bei Westworld fehlt der platonische Bildungsoptimismus, was vielleicht / leider am größeren anthropologischen Realismus liegt…
      Matrix nimmt stärker an einer christlichen Erlösungsidee Maß; aber Westworld ist ja noch nicht zu Ende erzählt.
      Dir eine gute Predigtvorbereitung!

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