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Lesedauer: 7 Minuten

Wo ist eigentlich der Geist hin?

Da war doch was

Pfingsten. Da war doch was mit dem Geist, oder?

Über die Himmelfahrt haben wir ja letzte Woche schon gesprochen. Andreas Loos hat die Tatsache gewürdigt, dass Jesus Christus (im Gegensatz zu vielen Führungsfiguren, Platzhirschen und Leithammeln unserer Gegenwart) den Absprung noch rechtzeitig geschafft und eine aussichtsreiche Nachfolgeregelung gefunden hat. Es sei sogar gut, dass er jetzt gehe, damit der Heilige Geist übernehmen und seine Nachfolger begleiten könne, soll der Auferstandene gesagt haben.

An Pfingsten kam sie dann tatsächlich, die göttliche Geistkraft. Und sie legte einen denkwürdigen Auftritt hin.

Die Jesusbewegung fand nach dem Bericht der Apostelgeschichte an diesem Tag ihren eigentlichen Anfang. Tausende von Menschen wurden erfasst von der christlichen Botschaft der Auferstehung und des Lebens. Und alles wurde angestoßen, motiviert, begleitet vom Geist Gottes.

Grund genug, auch heute noch daran zu denken. Und diesem Ereignis einen Feiertag zu widmen.

Natürlich könnte man auch nachfragen: Wo ist er denn heute hin, dieser Geist? Wo ist sie geblieben, diese transformative Geistkraft?

Begeisterte Evangelikale

Manche werden antworten:

Der Geist, der ist zu den Evangelikalen gegangen. Das sieht man doch, die sind so begeistert.

Und das hat ja auch was. Religionsgeschichtlich ist der Evangelikalismus zweifellos die bemerkenswerteste hochreligiöse Bewegung der Neuzeit. Er geht aus den großen Erweckungen des 18. und 19. Jahrhunderts in England und in den USA hervor und erfasst bald sämtliche Kontinente. Menschen berichten von radikalen Bekehrungserfahrungen, die Kriminalitätsraten und der Anteil von Suchtkranken in Erweckungsgebieten sinkt dramatisch, zahllose soziale und missionarische Initiativen werden gestartet, der Eifer für den Glauben zieht weite Kreise.

Vor allem die Pfingstbewegung und die daran anschließenden charismatischen Aufbrüche ziehen Millionen von Menschen von Korea bis Afrika, von Südamerika bis Indien in ihren Bann. Aktuelle Schätzungen rechnen mit ca. 1 Milliarde Evangelikalen weltweit. Dass da also etwas ganz Außerordentliches passiert ist, lässt sich schwer bestreiten.

In den meisten evangelikalen Denominationen sind die wilden Jahre allerdings längst vorbei. Es geht inzwischen gesittet, gesetzt, unaufgeregt, um nicht zu sagen: langweilig zu und her. Nur bei den Pfingstlern und Charismatikern ist auch heute noch richtig was los. Da wird noch getanzt und geklatscht, gelacht und geschrien, hyperventiliert und exorziert.

Sicher:

Begeisterung kann auch in die Irre gehen. Sie ist sehr missbrauchsanfällig und ideologiegefährdet. Menschen können sich für alles Mögliche und Unmögliche begeistern. Und sie können sich in ihrem religiösen Enthusiasmus zu ziemlich abgeschotteten Gemeinschaften ausbilden, die in einer sorgsam konstruierten geistlichen Welt leben, ihre eigene fromme Sprache pflegen und zahlreiche erklärungsbedürftige Regeln aufstellen.

Viele «Außenstehende» kucken darauf dann doch eher… naja: entgeistert.

Geistreiche Reformierte

Andere werden den Geist darum wohl eher in reformierten Gefilden vermuten.

Bei den Reformierten, da wird scharf nachgedacht und gediegen kommuniziert. Die sind noch geistreich.

Das hat auch lange Tradition. Schon die Reformation selbst ist mit dem Handwerk des Buchdruckes eng verwoben – reformatorische Gedanken haben über Populärschriften und Flugblätter das breite Volk erreicht –, und sie gilt geistesgeschichtlich als Wegbereiterin der Aufklärung. Die Reformatoren riefen das Volk zurück zum Wort Gottes und machten die christlichen Gottesdienste zu Vorlesungshallen und Weiterbildungsveranstaltungen. Sogar die Kirchenbänke wurden in zwei Spalten nach dem Vorbild Gutenberg‘scher Druckseiten angeordnet…

Die reformatorische Erwartung, dass der Geist Gottes kein Feind des menschlichen Geistes ist, sondern diesen in Gebrauch nimmt und schärft, hat sich bis heute gehalten. Genauso wie die Bereitschaft, den christlichen Glauben mit gesellschaftlichen Phänomenen, mit Kultur, Kunst und Politik ins Gespräch zu bringen. Wer intellektuell angeregt und geistig stimuliert werden möchte, ist bis heute in manchem reformierten Gottesdienst richtig.

Aber natürlich kann sich auch das Geistreiche verselbständigen. Ganze Bücher sind geschrieben worden über den teilweise abgehobenen Tonfall kirchlicher Würdenträger:innen und das pseudointellektuelle Geschwurbel derer, die vor lauter Abwägen der Argumente und dialektischem Einkreisen von Sachverhalten keine klaren Statements mehr wagen und irgendwie über die Köpfe und v.a. die Herzen hinwegkommunizieren.

Soziologische Studien machen dann auch schmerzhaft deutlich, dass nicht nur die Evangelikalen in ihren Bubbles und Echokammern feststecken, sondern dass auch evangelisch-reformierte Kirchen landauf landab nicht über die Grenzen zweier oder dreier (Sinus-)Milieus hinauskommen. Wenn Teilhaber anderer Lebenswelten davon überhaupt etwas mitkriegen, macht es auf sie einen eigenartig bürgerlich-harmlosen, fast schon… hm, kleingeistigen Eindruck.

Feingeistige Katholiken

Aber die Katholiken: Da wird der Geist doch wohl zu finden sein! Die sind nämlich auffallend feingeistig.

Ganz anders als die Reformierten mit ihren kahlen, weitgehend schmucklosen Kirchen und ihren wortlastigen, zerebralen Gottesdiensten werden bei den Katholiken noch alle Sinne angesprochen. Da gibt es noch was zu sehen und zu riechen, zu hören und anzufassen. Da steigt der Duft des Weihrauches in die Nase, man lässt die Oblate auf der Zunge zergehen und vernimmt den liturgischen Gesang des Priesters, kann opulente Malereien und filigrane Stuckaturen bestaunen und beim Friedensgruß (außerhalb von Pandemiezeiten) die warme Hand des Sitznachbars fühlen.

Damit können auch jene noch etwas mit anfangen, denen die reformierten Gottesdienste zu kopflastig oder blutleer und die Evangelikalen zu dränglerisch oder zeitgeistig sind. Jene, die eben ein Gespür für das Feine und Schöne haben. Für die Zwischentöne, für die Ästhetik und Haptik des Glaubens, gewissermaßen.

Es versteht sich freilich von selbst, dass auch dieses Setup keine Geistpräsenz garantieren kann. Nicht nur zahlreiche Negativschlagzeilen haben die Zuversicht erschüttert, dass es bei den Katholiken besonders geisterfüllt zu und her geht. Es wird auch deutlich, dass der markante Traditionsabbruch unter den jüngeren Generationen dieser altehrwürdigen Institution arg zusetzt. Bedeutungsschwangere Rituale und Liturgieelemente haben für viele den Verständniszusammenhang verloren, der ihnen erst Gewicht verleiht.

Auch die katholische Kirche wird von breiten Teilen der (post)modernen Bevölkerung höchstens noch wahrgenommen, wenn ein Skandal die Öffentlichkeit aufschreckt (auch wenn es die natürlich auch in den anderen Konfessionen gibt).

Sie blicken auf diese (und andere) Kirchen mit leerem Blick, sozusagen… geistesabwesend.

Die Menschenliebhaberin

Wo ist er also nun geblieben, der Geist, der an Pfingsten ausgegossen wurde? Dass er (oder vielleicht besser: sie) sich in den Gottesdiensten und Lebensvollzügen aller Konfessionen immer wieder bewegt und regt, das will ich von Herzen glauben. Und doch ist die Gegenwart der Geistkraft keineswegs selbstverständlich. Jede Kirche bleibt immer auch von der Geistvergessenheit bedroht, und jede:r Gläubige zeigt sich zuweilen «geistlos».

Die neutestamentliche Pfingstgeschichte gibt uns einen gerne überlesenen Hinweis, wohin sich der Geist Gottes aufmacht und wo wir ihn vermuten, suchen und finden können. Das eigentliche Pfingstwunder wird nämlich als ein Sprachwunder beschrieben.

Der Geist erfüllt die anwesenden Nachfolger:innen Jesu, und die Jerusalembesucher aus aller Herren (und Herrinnen) Länder vernehmen sie in ihrer eigenen Sprache: «Wie kommt es, dass jeder von uns sie in seiner Muttersprache reden hört», fragen sie fassungslos (vgl. Apostelgeschichte 2,6-12).

Der Geist Gottes ist eine Sprachkünstlerin. Und eine Menschenliebhaberin.

Sie dringt durch zu Menschen aus weit entfernten Gebieten, zu Angehörigen vergessener Milieus und entlegener Subkulturen. Ja, es scheint sie unwiderstehlich gerade zu jenen Menschen zu ziehen, die von der christlichen Kirche noch nie gehört haben oder längst nichts mehr mit ihr zu tun haben möchten.

Und mehr noch: Sie ist bei ihnen längst anwesend. Als Paulus später in die griechische Stadt Athen kommt, erzählt er ihnen ausdrücklich von dem Gott, der ihnen immer schon nahe war und mit ihnen in Kontakt zu treten versucht (Apostelgeschichte 17,27-28).

Könnte es sein, dass der Schlüssel zu einer neuen Geistesgegenwart der Kirche nicht in der Verinnerlichung, in der Einkehr und im Rückzug, sondern vielmehr «da draussen» auf uns wartet? Könnte es sein, dass Pfingsten dort eintritt, wo wir die Präsenz des Geistes in der Begegnung mit Menschen suchen und finden, die nicht zum Stammpublikum der Kirche gehören, sondern an denen wir bisher vorbeigedacht und -gelebt haben?

 

Photo by Marek Piwnicki on Unsplash.

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4 Kommentare zu „Wo ist eigentlich der Geist hin?“

  1. Manfred Reichelt

    Den Beitrag finde ich recht gut, doch muss ich der Schlussfolgerung vehement widersprechen. Was wir alle dringend nötig haben IST eine Verinnerlichung! Denn ehe wir anderen Menschen wirklich helfen und in “ihrer Sprache” reden können, muss uns erst einmal geholfen sein, indem wir uns im Prozess der Transformierung (in alter Sprache “Heiligung” genannt) befinden und das geht nicht, in dem wir oberflächlich etwas zur Kenntnis nehmen oder intellektuell darüber nachdenken.
    Die Geistlosigkeit unserer Zeit und Frömmigkeit, die Verirrungen sind alle der mangelnden Aneignung der Wahrheit geschuldet.
    Ein Kriterium unserer Geistlosigkeit ist unser mangelndes Wissen über uns selbst. Wir kennen uns selbst nicht einmal und wollen andere/anderes kennen…
    Ohne Selbsterkenntnis gibt es keine Gotteserkenntnis und ohne diese kein Heil:
    https://manfredreichelt.wordpress.com/2017/02/17/jeder-christ-ein-psychologe/

    1. Manuel Schmid

      Vielen Dank Manfred für die Kritik – ich habe diesen Einwand erwartet und auch erhofft. Natürlich habe ich mit meinem Beitrag den Bogen bewusst ein wenig überspannt bzw. einen einseitigen Punkt gemacht, um ein bisschen aufzurütteln. Sicher hat auch die Einkehr ihren Wert und ihre Bedeutung. Ich glaube aber nicht, dass man den Prozess der «Heiligung» auf den spirituellen Rückzug und die Kontemplation beschränken kann, um dann – «geheiligt» – «in die Welt» zu gehen. «Heiligung» ist ein Prozess, der auf das Gegenüber von Menschen angewiesen ist und gerade von der Interaktion und Inkarnation mitten in der Welt lebt.

  2. Mir ist beim Pfingsttextlesen bzw. -hören (dieses Jahr bewusst in einer Fremdsprache) sehr bewusst geworden, dass es sich bei der Gründung der Kirche um ein Sprachwunder handelt. Was, wenn der Geist deshalb in den Kirchen nicht mehr so spürbar ist, weil sie verlernt haben, neue Sprachen zu gebrauchen, weil sie immer nur ihre gewohnten frommen Formulierungen und Bilder verwenden, ohne sich zu fragen, ob andere Menschen sie überhaupt verstehen? Ob sie für andere Menschen relevant sind?
    Beim Hören dachte ich: Offenbar war Kirche ursprünglich als ein Ort gedacht, an dem alle Menschen, egal welcher Kultur und Muttersprache, das Evangelium verstehen können. Weil die Kirche es in ihrer jeweiligen Sprache und Kultur ausdrückt. Und nicht, weil sie sagt: Wir haben dieses Angebot für euch in diesen Formulierungen und Vorstellungen und mit diesen vier goldenen Regeln der Missionierung und wenn ihr es nicht annehmt, seid ihr “draußen” (oder sogar “verloren”).

    1. Manuel Schmid

      Danke Katharina für diese engagierte Rückmeldung – ja, genau in diese Richtung wollte ich mit meinem Beitrag zeigen. Ich finde es bemerkenswert, dass das Pfingstwunder als ein Ereignis beschrieben wird, das Sprachgrenzen, Milieugrenzen, Subkulturgrenzen übersteigt und mit enormerer Kraft zu den Menschen hin drängt…

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