Positiv über die Zukunft zu denken scheint vielen Menschen heute geradezu unmöglich. Eine Art Endzeitstimmung hat sich breit gemacht. Und es kommt ja tatsächlich vieles an ein Ende. Traditionelle Modelle von Arbeit werden durch KI bedroht. Die einst so stolzen europäischen Autobauer – allen voran die deutschen – verlieren Anteile am Weltmarkt und werden abgehängt.
Ganze Wirtschaftszweige brechen weg, ganz zu schweigen von den Klimaängsten.
Unter US-Präsident Donald Trump wird zudem die sogenannte wertebasierte Weltordnung geschwächt, wenn nicht gar abgeschafft; jene Ordnung, die die USA nach dem Zweiten Weltkrieg maßgeblich mit aufgebaut haben. Manche gehen so weit, den Westen als solchen totzusagen.
Getrübte Wahrnehmung
Es scheint also tatsächlich vieles zu Ende zu gehen und wir haben keine Bilder von dem, was danach kommt.
Die Geschichte zeigt jedoch, dass gerade in solchen Krisenzeiten meistens etwas Neues geboren wird.
Und oft kommt die Lösung von einer Seite, von der niemand sie erwartet hatte.
Ende des 19. Jahrhunderts befürchteten ernst zu nehmende Politiker:innen, die Städte würden demnächst im Pferdemist ersticken, denn der stetig steigende Verkehr brachte immer mehr Pferde in die Städte. Dass um das Jahr 1890 herum sogar berechnet wurde, die Straßen Londons würden in 50 Jahren von einer drei Meter dicken Schicht aus Pferdemist begraben sein, ist eine Legende – aber sie zeigt die damalige Stimmung.
Lösungen und Probleme
Dann kam das Automobil und brachte die Lösung. Zunächst. Denn nur allzu rasch wurde es selbst zum Problem. So geht es mit Innovationen: Sie können Probleme lösen, doch dann führt die Lösung neue Probleme herbei. Was wiederum zu neuen Lösungen führt, und so weiter. Aber was die Lösung sein wird, muss sich erst noch herausstellen. Oft handelt es sich bei solchen Lösungen um völlig unvorhersehbare Prozesse und Ergebnisse.
Der US-Aktivist, Entrepreneur und Autor Stewart Brand sagt es so: «This present moment used to be the unimaginable future», auf Deutsch:
Die Gegenwart, in der wir leben, war einmal die unvorstellbare Zukunft.
Ich erinnere mich, wie ich vor einigen Jahren wieder mal eine Folge der ersten deutschen Sci-Fi-Serie Raumpatrouille Orion aus den 1960er-Jahren angeschaut habe. Ich konnte mich kaum halten vor Lachen. Denn als ein besonders schwieriges Problem auftaucht, sagt der Armierungsoffizier: „
«Ich gehe mal an unseren Computer.» Er durchquert die ganze Kommandobrücke, tritt vor einen Bildschirm mit maximal zwanzig Zentimeter Diagonale und tippt etwas ein.
Ein heutiges Schulkind dürfte wahrscheinlich gar nicht mehr verstehen, was der Mann da tut. Kein Touchscreen, kein Mobilteil, keine Sprachsteuerung – alles Dinge, die uns heute selbstverständlich sind, an die im Jahr 1966 aber noch niemand denken konnte.
Geht nicht? Gibt’s nicht!
Ein anderes Beispiel für einen gigantischen Entwicklungsschritt: Seit Jahren wird als ein Argument gegen die Elektromobilität eingewendet, sie sei auf knappe und umweltschädliche Rohstoffe wie Lithium angewiesen. Doch wer sagt, dass Batterien nur mit Lithium funktionieren können? Vielleicht kann man ja einfach Speisesalz verwenden.
Was wie ein futuristisches Märchen klingt, ist handfeste Wirklichkeit. Der chinesische Hersteller CATL baut seit Ende vergangenen Jahres Natrium-Ionen-Batterien in Serie, sie sollen jetzt schon in Autos eingebaut werden. Natrium ist ein Bestandteil von gewöhnlichem Speisesalz und damit praktisch unbegrenzt verfügbar. Technisch stehen die Na-Ionen-Batterien herkömmlichen Lithium-Ionen-Akkus kaum nach, sie sollen schon dieses Jahr serienmäßig in Autos eingebaut werden.
Was vor wenigen Jahren noch wie ferne Zukunftsmusik klang, ist heute industrielle Realität.
Und das ist nur ein Beispiel von vielen. Gehen wir nur 20 Jahre zurück: Wer hätte sich 2006, ein Jahr vor der Einführung des ersten Smartphones, träumen lassen, wie wir heute leben, arbeiten und kommunizieren?
Das Smartphone ist für die meisten Menschen täglicher, unentbehrlicher Begleiter: Fahrkarte, Lexikon, Tageszeitung, Geldbörse, Kommunikationsmittel und vieles mehr. Vor nur zwanzig Jahren unvorstellbar, heute selbstverständlich und nicht mehr wegzudenken.
Ähnlich war es, als ChatGPT auf den Markt kam. Und das ist noch nicht einmal vier Jahre her, es war November 2022. Alle waren verblüfft über das, was das Modell «konnte». Mittlerweile arbeiten sehr viele Menschen damit und können sich ein Leben ohne KI teils kaum noch vorstellen.
Moderne, Postmoderne, Metamoderne
Eine Philosophie, die davon ausgeht, dass das Neue hinter dem Horizont keine Katastrophe sein muss, sondern neue Möglichkeiten birgt, ist der Entwurf der Metamoderne. Das ist ein neuer Zeitgeist, der gerade im Entstehen ist. Er lässt sich beobachten und wird bereits beschrieben.
Typischerweise zeigen sich solche Verschiebungen im allgemeinen Bewusstsein zuerst in der Kunst, bevor sie ins breitere Bewusstsein dringen. Bei der Metamoderne zum Beispiel im Bild „GOOD PEOPLE“ von David Thorpe, das mit der Spannung von Parodie und Nostalgie spielt.
Auch die Renaissance hat sich zuerst in der Kunst bemerkbar gemacht, bevor sie zur umfassenden Weltanschauung wurde.
Der Kulturphilosoph Jean Gebser hat diese Epochensprünge in seinem Hauptwerk Ursprung und Gegenwart untersucht. Er beschreibt fünf Entwicklungsstufen des menschlichen Bewusstseins. Wenn eine Bewusstseinsstufe erschöpft ist, wenn sie also von der Lösung selbst zum Problem geworden ist, bildet sich eine neue heraus und löst die alte allmählich ab.
Im Mittelalter drehte sich die Sonne um die Erde, der Kaiser herrschte und der Papst in Rom bestimmte, was die Menschen zu glauben und zu denken hatten. Dann benutzten Galilei und Kopernikus das neu erfundene Teleskop und stellten – gemeinsam mit vielen anderen, die ebenfalls Beobachtung und Experiment an die Stelle von Dogmen setzten – die Welt auf den Kopf. Die Moderne war geboren.
Etwa ab den 1960er-Jahren wurde immer deutlicher, dass die Moderne auch riesige Probleme mit sich bringt:
Umweltschäden, Ausbeutung von Menschen und Natur, Massenvernichtungswaffen, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Aus Kritik am naiven Fortschrittsglauben der Moderne entstand die Postmoderne, eine Haltung, die nicht mehr von unverrückbaren Fakten ausgeht, sondern davon, dass die Dinge nur aus ihrem Kontext Bedeutung gewinnen. Dementsprechend denkt die Postmoderne ganzheitlich und in Zusammenhängen. Sie ist kritisch, ironisch und hinterfragt alles.
Etwa seit dem Beginn des neuen Jahrtausends lässt sich eine neue Entwicklung beobachten: die Metamoderne.
Sie geht davon aus, dass beide an ihr Ende gekommen sind: die Moderne mit ihrer Wissenschaftsgläubigkeit, Rationalität und Fortschrittsgewissheit ebenso wie die Postmoderne mit ihrer radikalen Skepsis, ironischen Distanz und Auflösung verbindlicher Werte.
Beide sind von der Lösung zum Problem geworden, weil sie die Fragen unserer Zeit nicht mehr beantworten können: Die Moderne neigt zur Hybris, die Postmoderne zur Lähmung.
Oszillation und Paradox
Was jetzt im Entstehen ist, ist eine Haltung, die das Beste aus beiden Welten nicht einfach kombiniert, sondern in einer schöpferischen Spannung aushält: die Metamoderne. Sie bewahrt die rationale Methode der Moderne, ohne deren Naivität zu wiederholen. Sie nimmt die postmoderne Kritik ernst, ohne in Standpunktlosigkeit zu versinken.
An die Stelle des modernen Entweder-oder und des postmodernen anything goes setzt die Metamoderne das Sowohl-als auch oder das Je-nachdem. Scheinbar gegensätzliche Haltungen werden nicht harmonisiert, sondern als Paradox verstanden. Das heißt: Beide können wahr sein, je nach Zeit, Umständen und Weltverständnis.
Erkennen und Handeln oszillieren zwischen diesen scheinbaren Gegensätzen und lassen so die Stärken beider Seiten aufscheinen.
Der deutsche Philosoph Maik Hosang und der Neurobiologe Gerald Hüther haben 2024 ein Buch herausgegeben mit dem Titel «Die Metamoderne. Neue Wege zur Entpolarisierung und Befriedung der Gesellschaft». Darin beschreiben sie und ihre Koautoren die neue Haltung als ein Dazwischen, ein Danach und ein Darüber-hinaus (drei der Bedeutungen der griechischen Vorsilbe meta): Sie oszilliert zwischen den Positionen, liegt zeitlich nach der Postmoderne und geht in vielem über das Bisherige hinaus.
Das neue Denken ersetzt das vorherige, moderne und postmoderne nicht einfach, sondern bringt beide miteinander ins Spiel, geht gleichzeitig weiter und greift vermeintlich Überholtes auf, wenn es dienlich ist. So sucht die Metamoderne wieder nach Werten, die auf die Erhaltung von Leben, die Herstellung von Gerechtigkeit und die Verringerung von Ungleichheit zielen.
Nicht zuletzt bringt sie eine neue Offenheit für Spiritualität mit sich.
Das ist noch einmal die dritte der oben genannten Bedeutungen von meta: darüber hinaus, in diesem Zusammenhang über das platt Vorfindliche. Transzendenz wird wieder denkbar und glaubhaft. Manche halten sie für unverzichtbar.
Und das Wichtigste, die «Navigationshilfe» schlechthin: Metamodernes Denken überwindet die Vorstellung, dass alles nur immer schlimmer wird. Es öffnet für die Möglichkeit radikal neuer, überraschender Lösungen. Denn die Metamoderne könnte selbst eine solche sein.
Tilmann Haberer ist ein Theologe, Autor und Lebensberater aus München. In seinem neuen Buch: «Die Kraft des Trotzdem – Wie man weitermacht, auch wenn’s schwierig wird» schreibt er darüber, wie inmitten von Krisen, Zweifeln und Herausforderungen echte Zuversicht wachsen kann. Diese Blogserie nimmt wertvolle Einsichten aus dem Buch auf.
Wir im RefLab haben schon viel zu den passenden Themen «Moderne» und «Postmoderne» produziert. Hier ein paar ausgewählte Leckerbissen:
- Episode des Podcasts „Ausgeglaubt“ mit Manuel Schmid und Stefan Jütte: [Special] Warum können wir uns auf die Wahrheit nicht einigen? | RefLab
- Episode des Podcasts „Mindmaps“ mit Manuel Schmid und Heinzpeter Hempelmann: Hartmut Rosa: «Situation und Konstellation» – eine Gegenwartsdiagnose und ihre blinden Flecken | RefLab





