Im Juni 2023 erhielt ich aus heiterem Himmel eine Diagnose, die mich von einem Tag auf den anderen aus meinem gewohnten Leben riss: akute Leukämie. Wäre ich ein paar Tage später ins Spital gegangen, wäre ich jetzt ziemlich sicher schon lange tot. So aber konnten die Ärztinnen und Ärzte gerade noch rechtzeitig die rettende Therapie einleiten.
Heute, drei Jahre später, bin ich symptomfrei. Von Heilung spreche ich lieber noch nicht, denn ein Rückfall ist immer noch möglich.
In akuter Lebensgefahr zu sein, war eine neue Erfahrung für mich. Ich war darauf nicht vorbereitet. Was mich an meiner eigenen Reaktion selbst überraschte: Ich hatte keine Angst.
Im Gegenteil, ich fand in mir eine Zuversicht vor, die sagte: Es wird gut.
Nicht, was hilflose Angehörige am Krankenbett häufig sagen: ein beschwichtigendes „Wird schon gutgehen“ oder „Das wird wieder!“ Ich war keineswegs sicher, wieder gesund zu werden, im Gegenteil. Mir war klar: Dies waren möglicherweise die letzten Tage meines Lebens. Ich sah dem Tod ins Auge.
Vor der letzten Grenze
Die tiefe Bedeutung eines solchen Satzes kann vermutlich niemand wirklich erfassen. Ich selbst war dazu sicher nicht in der Lage. Doch ich versuchte mich darauf einzustellen, so gut und so ehrlich ich konnte. Auch dann schwand meine Zuversicht nicht.
Im Rückblick begann ich zu begreifen: Zuversicht in einer solchen Lage ist nicht gleichbedeutend mit der Überzeugung, dass die Gefahr vorübergeht und alles wieder wird wie vorher.
Zuversicht bedeutet: Ganz gleich, was kommt, ich gehe davon aus, dass es gut sein wird.
Wie konnte ich angesichts des drohenden Sterbens davon ausgehen, dass es gut wird? Ich begann mich zu fragen, was Sterben bedeutet. Für mich war das keine neue Frage, hatte ich doch als Pfarrer über viele Jahre lang Sterbende begleitet und Verstorbene bestattet. Ich hatte Hinterbliebene zu trösten versucht und mich immer wieder mit der Frage auseinandersetzen müssen: Wie kann angesichts des Todes Zuversicht bestehen?
Trägt das Vertrauen?
Diesmal war ich selbst betroffen. Was ich anderen gesagt hatte, musste sich für mich bewähren. Und ich machte eine Erfahrung, die nicht unbedingt selbstverständlich ist: nämlich, dass meine Zuversicht tragfähig war. Mir wurde bewusst: Ich gehe davon aus, dass das Sterben nicht ein einziges großes Nein zum Leben ist, nicht das schwarze Loch, das Nichts, in dem ich spurlos verschwinde.
Ich gehe davon aus, dass ich, wenn ich sterbe, wieder eingehe in das große Ganze, aus dem ich gekommen bin.
Geburt und Tod sind die Tore in dieses irdische Leben hinein und aus ihm heraus. Was jenseits dieser Tore liegt, kann ich nicht beschreiben, aber ich bin überzeugt davon, dass es etwas Gutes ist. Ich nenne es das Große Ganze, ich könnte es auch eine alles umfassende Liebe nennen. Die traditionelle religiöse Sprache benutzt das Wort Gott.
Also, traditionell christlich-religiös gesprochen: Ich fand in mir das Vertrauen vor, dass ich aus Gott komme und zu Gott gehe. Deswegen kann ich nicht verlorengehen, denn Gott gibt niemanden verloren.
Let’s talk about God
Wenn ich das Wort Gott benutze, meine ich damit eine Wirklichkeit, die tiefer und weiter ist als alles, was wir erfahren und erkennen können. Eine Kraft oder einen Willen, der es gut meint, der das Gute in der Welt lockt, aber nicht herbeizwingt. Alles in dieser Welt ist aufgehoben in dieser Kraft und diesem Willen.
Und gleichzeitig ist diese Liebeskraft mehr als alles.
Ich weiß natürlich, dass das eigentlich gar keinen Sinn ergibt: Mehr als alles kann es nicht geben. Doch wie sollen wir von einer Wirklichkeit, die Raum und Zeit umfasst, übersteigt und in sich birgt, anders reden als in Widersprüchen und Paradoxien?
Doch, es gibt noch einen Weg, das zu tun – es gibt eine Weise, die unaussprechliche Wirklichkeit zu benennen:
Wir können in Bildern sprechen.
Solange wir uns darüber im Klaren sind, dass unser Reden von Gott immer nur ein Reden über unsere Bilder von Gott ist, ist das auch ganz in Ordnung.
Bild und Wirklichkeit
Die Bilder, die ich derzeit bevorzuge, habe ich schon genannt: tiefste Wirklichkeit, Kraft, Wille, Liebe – und dazu: Geheimnis. Wenn jemand Gott als Vater oder Mutter bezeichnet und damit seine oder ihre Beziehung zu dieser tiefsten Wirklichkeit ausdrückt, ist das auch in Ordnung. Selbst das Bild vom Alten auf der Wolke kann für manche tatsächlich hilfreich sein – als Bild.
Es gibt dieses Zen-Gleichnis, das sagt: Der Finger, der auf den Mond zeigt, ist nicht der Mond selbst. Dieses Gleichnis passt auch auf unser Reden von Gott.
Erst wenn ich anfange, mein Bild von Gott mit der Wirklichkeit Gottes selbst zu verwechseln, wenn ich mein Gottesbild als das einzig Wahre hinstelle und anfange, andere zu bekämpfen, die andere Bilder von Gott haben, wird es gefährlich.
Für mich in meiner Krankheit war es entscheidend, dass ich mich aufgehoben wissen durfte. Wie das genau aussieht, und was genau mit mir geschehen wird, wenn ich eines Tages dann tatsächlich sterbe, das ist mir zweitrangig. Ich kann es mit meinem Verstand, der an Raum und Zeit gefesselt ist, nicht begreifen. Ich kann es aber in meinem Herzen erahnen, denn das kann durch Raum und Zeit fliegen, und darüber hinaus.
Auch wenn der Kopf nicht immer mitkommt, weiß das Herz, wo es zu Hause ist.
Diese Gewissheit, die manchmal auch nur eine Ahnung ist, hat mich getragen. Und sie wird mich hoffentlich auch über die letzte Schwelle tragen, wenn es dann einmal so weit ist.
Tilmann Haberer ist ein Theologe, Autor und Lebensberater aus München. In seinem neuen Buch: «Die Kraft des Trotzdem – Wie man weitermacht, auch wenn’s schwierig wird» schreibt er darüber, wie inmitten von Krisen, Zweifeln und Herausforderungen echte Zuversicht wachsen kann. Diese Blogserie nimmt wertvolle Einsichten aus dem Buch auf.
Wir im RefLab haben schon viel zu den passenden Themen «Vertrauen» produziert. Hier zwei passende Blogbeiräge von Anna Näf:





