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 Lesedauer: 5 Minuten

Navigationshilfen für die Gegenwart (3): Mit dem Widerstand gehen

Die asiatischen Kampfkünste unterscheiden sich wesentlich von den europäischen. Vergleicht man etwa den Boxkampf mit dem Judo, fällt es sofort auf: Beim Boxen wird Kraft gegen Kraft gesetzt. Der eine prügelt auf den anderen ein, der andere hält kraftvoll dagegen und schlägt zurück.

Im Judo dagegen versucht der Angegriffene nicht, die Attacke mit der eigenen Stärke abzuwehren.

Vielmehr nutzt er die Kraft des Angreifers. Er versucht sie umzuleiten, so dass der Gegner ins Leere läuft.

Übt der Angreifer Druck aus, gibt der Verteidiger nach. Er verstärkt somit den Impuls des Angreifers, bis dieser durch seine eigene Kraft aus dem Gleichgewicht gerät. Und versucht der Angreifer seinen Gegner irgendwohin zu ziehen, lenkt der Angegriffene seine Kraft selbst genau in die Richtung, die der Gegner verfolgt, und besiegt ihn so mit dessen eigener Stärke.

Nicht auf die größere Kraft kommt es an, sondern auf das richtige Timing und darauf, den Gegner intelligent in seine eigenen Fallen laufen zu lassen.

Den Widerstand nicht brechen, sondern unterlaufen und sich das Widrige zu Eigen machen – das ist eine großartige Weise, mit den Schwierigkeiten des Lebens umzugehen. Ich habe das einmal buchstäblich am eigenen Leib erlebt. Und obwohl sich diese Episode vor mehr als dreißig Jahren abgespielt hat, habe ich sie bis heute nicht vergessen.

Eine Fähre in Irland

Es war auf der Rückfahrt von den Aran Islands, einer Inselgruppe im Atlantik, zwei Dutzend Kilometer westlich der irischen Küste. Die Hinfahrt war grauenvoll gewesen. Die See war stürmisch und aufgewühlt, das winzige Fährboot rollte und schwankte nach allen Richtungen, und obwohl ich mich in der engen Kabine krampfhaft bemühte, entspannt zu bleiben (über diesen Widerspruch muss ich selbst lachen!), wurde mir binnen kürzester Zeit speiübel.

Mit weichen Knien trat ich nach drei Stunden auf der Insel Inishmore die Rückfahrt an. Frische Luft würde helfen, dachte ich mir, und blieb diesmal an Deck. Kaum hatte die Fähre abgelegt, ging es schon los. Der Bug hob sich mehrere Meter und krachte gleich darauf tief hinab. Ich hielt mich an der Reling fest und versuchte ruhig zu atmen.

Der Boden unter mir hob sich wieder, und ganz unvermutet schwebte ich für Sekundenbruchteile schwerelos in der Luft, als das Boot unter mir ins Wellental stürzte. Es war wie in der Achterbahn. Und plötzlich kam mir die rettende Idee. Achterbahn – das war es. Auf dem Jahrmarkt würde ich Geld dafür zahlen, eine solche Erfahrung zu machen.

Im selben Moment beschloss ich, das wilde Auf und Ab zu genießen.

Zumindest versuchen wollte ich es.

Ich ließ den Widerstand los, und statt mich krampfhaft gegen die Bewegungen des Bootes zu stemmen, nahm ich sie auf, als könnte ich sie mit meinen Muskeln noch verstärken – wie bei einer Schiffschaukel, immer höher hinauf, immer heftiger hinab. Aus der Qual, gegen die ich mich wehrte, war auf einmal die Lust geworden, mich wild herumschleudern zu lassen.

Ich wurde pitschnass bis zu den Oberschenkeln, der Wind zerrte an mir, die Finger, mit denen ich mich an der Reling festhielt, wurden klamm – aber das gehörte alles dazu.

Das Allerbeste: Mir war kein bisschen übel.

Eine Predigt, die mir das Leben hielt

Und ich hatte etwas dazugelernt. Eine Lektion darin, was geschehen kann, wenn ich mich nicht gegen widrige Umstände auflehne, die ich ohnehin nicht ändern kann. Wenn ich sie stattdessen annehme – und nicht nur annehme, sondern mir zu Eigen mache.

Sturm und Wellen konnte ich nicht bremsen, aber ich konnte mich auf die Umstände einlassen und annehmen, was mir das Leben bot.

Für mich war dieses Erlebnis darüber hinaus fast etwas wie eine Predigt. Eine Predigt, die mir das Leben hielt über das bekannte Gebet, das die Anonymen Alkoholiker und alle anderen 12-Schritte-Gruppen am Ende ihrer Meetings sprechen:

«Gott, gib mir den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann, die Gelassenheit, die Dinge anzunehmen, die ich nicht ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.»

Mut, Gelassenheit, Weisheit

Vor allem der letzte Satz hat es in sich: zu unterscheiden zwischen mutigem Widerstehen und gelassenem Annehmen – zwischen Widerstand und Ergebung, wie es bei Dietrich Bonhoeffer heißt.

Denn das muss ich noch hinzufügen: Es geht mir hier nicht um Fatalismus, nicht um widerstandslose Ergebung in jegliches Schicksal. Wie im ersten Absatz angesprochen, geht es um Kampf.

Manchmal ist es nicht möglich, nicht erlaubt oder nicht anständig, die Umstände einfach hinzunehmen

vor allem dann, wenn andere Menschen unter ihnen leiden. Und erst recht, wenn ich etwas gegen dieses Leiden tun kann.

Aber in anderen Fällen, in denen es aussichtslos ist, weil ich einfach mit all meinen Mitteln nichts bewirken kann (weil ich, zum Beispiel, in einen Sturm geraten bin), dann ist das möglichst gelassene Annehmen das Mittel der Wahl. Dann kommt es darauf an, den sinnlosen Widerstand gegen das, was ist, aufzugeben, und sich voller Zuversicht dem Leben hinzugeben.

Tilmann Haberer ist ein Theologe, Autor und Lebensberater aus München. In seinem neuen Buch: «Die Kraft des Trotzdem – Wie man weitermacht, auch wenn’s schwierig wird» schreibt er darüber, wie inmitten von Krisen, Zweifeln und Herausforderungen echte Zuversicht wachsen kann. Diese Blogserie nimmt wertvolle Einsichten aus dem Buch auf.

Wir im RefLab haben schon zum passenden Thema «Widerstand» produziert:

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