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 Lesedauer: 8 Minuten

Heilige Texte und Gewalt: abgrenzen oder einordnen?

Nach dem islamistischen Terroranschlag am Christopher Street Day am 25. Juli in Berlin hat mich die Medienflut völlig überschwemmt. Es gab schreckliche Berichte über die Geschehnisse, Hintergrundberichte zum Täter und Diskussionen zu behördenbekannten Gefährdern. Daneben begegneten mir auch viele Inhalte zum politischen und gesellschaftlichen Aufruhr, der durch den Gewaltakt ausgelöst wurde.

Inmitten dieses Sturmes veröffentlichten die grossen muslimischen Verbände in Deutschland zum Geschehenen Stellungnahmen, die mich in eine Gedankenspirale geworfen haben, aus der ich immer noch nicht ganz raus bin.

Das Relativieren als Reflex

Ich schien in diesen Stellungnahmen etwas zu beobachten, das mir selbst aus der eigenen Religion, dem Christentum, bekannt ist: ein Relativieren von problematischen Inhalten der eigenen Tradition bzw. heiligen Schrift gegenüber einer säkularen Gesellschaft, die, was religiöse Themen betrifft, häufig die Sprach- und Verständnisfähigkeit verloren hat.

Die Stellungnahmen halten fest, dass terroristische Handlungen in «fundamentalem Widerspruch zu den Werten des Islams» und «in unvereinbaren Widerspruch zu den Grundwerten unserer Religion» stehen. Dass sie «im Islam keine Rechtfertigung finden» und ein Handeln «gegen die ethischen Grundsätze des Islams» darstellen.

Diese Aussagen stimmen.

Das willkürliche Töten von unschuldigen Einzelpersonen durch einen Einzeltäter findet in keiner autoritativen islamischen Rechtstradition Rechtfertigung.

Extremistisch-islamistische Interpretationen des Islam, die im Aufruf zu Terror und Gewalt münden, machen eine kleine Minderheit der weltweiten muslimischen Gläubigen aus und sind theologisch schlecht reflektiert und begründet.

Und doch bleibt etwas liegen

Dennoch habe ich mich nach der Lektüre gefragt, ob mit solch absoluten Formulierungen weniger extremistische, aber dennoch problematische Einstellungen in Teilen der muslimischen Welt, in den heiligen Schriften des Islam und in relevanten Strängen der muslimischen Rechtstradition ausgeklammert werden. Denn auch wenn diese Haltungen zu Homosexualität keine Rechtfertigung für einen Terroranschlag liefern, hängen sie doch, aufgrund ihrer homophoben Färbung, immer auf die eine oder andere Art mit Gewalt gegenüber homosexuellen Menschen zusammen.

Diese Lücke wird auch darin erkennbar, dass nur in einer Stellungnahme die anvisierte Gruppe mit der Bezeichnung «sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität» klar genannt wird. Bei den anderen wird die direkte Erwähnung kryptisch–euphemistisch umschrieben oder komplett ausgelassen.

Ein Umstand, den der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Cem Özdemir, öffentlich kritisierte.

Warum die Abgrenzung naheliegt

Christliche Kirchen und muslimische Verbände haben ungleiche Voraussetzungen: letztere haben nicht dieselben gewachsenen Strukturen, Ressourcen und Einfluss zur Verfügung. Dazu kommt noch, dass wenn eine Kirche in der Öffentlichkeit ihre Tradition kritisiert, das als interne Debatte wahrgenommen wird, bei Muslimi:innen dagegen als Kritik gegen den Islam insgesamt. Mir ist bewusst, dass diese Umstände zwangsläufig den Kommunikationsstil prägen und auch die Bereitschaft, Kritisches öffentlich zu besprechen.

Zudem ist die Zeit unmittelbar nach einem solchen Anschlag für den muslimischen Bevölkerungsteil schwierig. Weil extremistische Taten immer wieder zu pauschalen Verurteilungen von muslimischen Gläubigen in der Gesellschaft führen, folgt für viele erst einmal die begründete Angst, diese Konsequenzen im eigenen Alltag zu erleben. Dass die Abgrenzung von den terroristischen Motiven des Täters in diesen Stellungnahmen so viel Platz einnimmt, leuchtet mir deshalb genauso ein wie der Aufruf zur Zurückhaltung vor Pauschalverurteilungen, die darin aufzufinden ist.

Verbände repräsentieren als Vertreter der Muslim:innen deren Anliegen.

D. h., sie müssen versuchen, was islamfeindliche und antimuslimische Reaktionen angeht, präventiv und lindernd zu wirken.

Die Frage nach der anderen Verantwortung

Gleichzeitig fragte ich mich aber auch: Haben diese Verbände als kompetente, repräsentative Gremien nicht auch die Verantwortung gegenüber einer grösstenteils nicht-religiösen Gesellschaft, diesen Gewaltakt, der im Namen der eigenen Religion verübt wurde, mit theologischer Expertise und Fingerspitzengefühl einzuordnen? Und gehört dazu nicht auch eine Auseinandersetzung mit den Texten und Überlieferungen der eigenen Tradition, die häufig als Begründung für Gewalt oder Homophobie verwendet werden?

Diese Gedanken mündeten in eine Frage, die weit über das konkrete Beispiel hinausgeht und das Christentum und andere Religionen genauso betrifft wie den Islam:

«Wie können Verantwortliche von grossen Religionsgemeinschaften gegenüber einer zunehmend säkularen Gesellschaft angemessen mit den schwierigen Aspekten ihrer Tradition und heiligen Schriften umgehen?»

Vor der eigenen Haustür

Diese Frage stellte ich mir beim Lesen der Stellungnahmen, weil ich als christlicher Theologe bei meiner Tradition Ähnliches erlebe.

SRF hat 2023 in einer Dokumentation über die Privatschule «Domino Servite» im st. gallischen Kaltbrunn darüber berichtet, wie Kinder über Jahre systematisch körperlicher Gewalt ausgesetzt wurden. Die Privatschule wird getragen von einer evangelikalen Gemeinschaft.

Die Züchtigung sah man dort nicht als Übergriff, vielmehr wurde sie mit Versen aus dem Sprüchebuch biblisch begründet, die das Schlagen als Ausdruck elterlicher Liebe lesen. So z. B. «Wer seine Rute schont, hasst seinen Sohn» (Spr 13,24).

Was in den Reaktionen aus dem freikirchlichen Umfeld folgte, kam mir bekannt vor. Es gab Entsetzen über das Geschehene, die Versicherung, dass solches Handeln dem Evangelium widerspreche, den Hinweis, diese Gemeinschaft sei ohnehin ein Sonderfall am Rand, und Kritik an der Berichterstattung.

Was ich kaum fand, war eine öffentlich nachvollziehbare Auseinandersetzung mit der Frage, die sich unmittelbar aufdrängt: Wie geht man mit Texten um, die über Jahrhunderte genau so gelesen wurden, und vor allem:

was genau macht die eine Lesart christlich und die andere nicht?

Wenn Beschwichtigen zu glatt wird

Aus dem gleichen Grund spüre ich in mir einen inneren Widerstand, wenn ein:e Theolog:in behauptet, das Christentum habe nichts mit Homophobie zu tun.

Häufig werden solche Aussagen mit einem religionsskeptischen, religionsfernen Publikum im Hinterkopf gemacht, also einer Gruppe, die heutzutage einen grossen Teil der Bevölkerung ausmacht.

Man will als progressive Person der Skepsis und den Vorurteilen beschwichtigend zuvorkommen.

Dabei geht aber ein wichtiger Schritt in der Übersetzungsarbeit, die wir als Theolog:innen leisten müssen, vergessen. Denn viele Menschen haben mindestens bruchstückartig von den brutalen biblischen Aussagen zu gleichgeschlechtlicher Sexualität gehört. Genauso brodelt die Geschichte (und teilweise auch Gegenwart) homophober Haltungen in Kirchen im kollektiven Unterbewusstsein der Gesellschaft.

Für viele Personen, die wenig oder keinen Bezug zu Religion haben, wirkt es vor diesem Hintergrund vorerst unaufrichtig, wenn sie solch absolute Aussagen hören.

Wir müssen Denkprozesse offenlegen

Ich denke nicht, dass Aussagen wie «das Christentum und die Ablehnung von Homosexualität sind unvereinbar» deshalb falsch sind. Ihnen gehen aber zwei wichtige Vorannahmen bzw. Prozesse voraus, die für das Verständnis kirchenferner Menschen mit brüchigem Hintergrundwissen und potenziellen Vorurteilen unbedingt explizit gemacht werden müssen:

Erstens: Eine solche Aussage basiert auf einer spezifischen Hermeneutik, also einer bestimmten Auslegungsweise der besagten Stelle.

Diese ist nie voraussetzungslos, sondern geht immer schon von Grundüberzeugungen aus, die nicht alle teilen.

Zweitens: Eine solche Aussage entsteht aus intensiver Auseinandersetzung und theologischer Arbeit mit dem Text, welche jene schlüssig begründet.

Sind diese beiden Punkte zuerst einmal offengelegt, kann man sich auf eine angemessene Art mit Bedenken zu schrecklichen Versen wie z. B. Levitikus 20,13 auseinandersetzen:

«Und wenn ein Mann bei einem Mann liegt, wie man bei einer Frau liegt, dann haben beide einen Greuel verübt. Sie müssen getötet werden, ihr Blut ist auf ihnen.»

Eine angemessene Art wäre dabei eine, die nicht leugnet, dass dieser Vers so unmenschlich und mit seiner Aufforderung zur Gewalt dasteht, wie er dasteht, und damit Teil des Erbes der eigenen Religion ist. Die aber zugleich unmissverständlich klarmacht, dass der Vers eingeordnet und gedeutet und seine gewaltlegitimierende Auslegung verworfen werden muss, weil eine solche keine christliche Aussage sein kann.

Rede und Antwort stehen

Diese Arbeit muss immer wieder gemacht werden, weil diese Verse, unsere Geschichte und diese Überzeugungen nicht einfach so verschwinden.

Es ist die Aufgabe aller Traditionen, einer säkularen Gesellschaft Rede und Antwort zu stehen, die mit gewaltvollen und abwertenden Auswüchsen von Religion konfrontiert und davon vielleicht auch erschöpft ist.

Bestenfalls verhindern wir damit eine grossflächige Mitverurteilung von religiösen Menschen, die nicht diese Haltung haben, und helfen gleichzeitig, solche Haltungen innerhalb unserer eigenen Gemeinschaften zu bekämpfen.

Bekämpfen heisst in diesem Fall, genau diesen Prozess immer wieder durchzumachen und homophoben oder sogar Gewalt legitimierenden Deutungen mit solchen zu widersprechen, die von der Gerechtigkeit, Liebe und lebensfördernden Natur Gottes sprechen.

Der Mut zur Ehrlichkeit

Mir scheint es unerlässlich, dass die Religionen, die an der heutzutage grösstenteils säkularen Gesellschaft teilhaben und sie mitgestalten wollen, Übersetzungsarbeit leisten müssen. Dass die theologisch kompetenten Dachverbände nicht nur begründen, dass diskriminierende Haltungen und Handlungen im Widerspruch zu den eigenen Werten stehen, sondern wie man trotz Texten mit problematischer Wirkungsgeschichte zu diesem Schluss kommt.

Dabei müssen diese Verbände und auch die Gläubigen den Mut und die Ehrlichkeit haben, nicht totzuschweigen, was da ist – ohne den schlimmsten Deutungen Platz zu geben.

Wir müssen mit diesen Themen, Schriften und Traditionen ringen und dürfen dies nicht hinter verschlossenen Türen tun.

Solche Prozesse öffentlich auszutragen, ist kein Gesichtsverlust, sondern höchstens das Ablegen einer Maske der vorgegaukelten Souveränität. Religionen sind aber nicht souverän, sondern suchend und ringend auf dem Weg zu dem, der tatsächlich souverän ist. Wir sind Menschen. Dieses Menschsein zu zeigen, ist kein Eingeständnis von Schwäche (etwas, was es aber auch sein dürfte!), sondern das Ehrlichste, was wir einer säkularen Gesellschaft anbieten können.

Titelbild: «Holy Bible, Quran and Torah in low light», iStock.com/D-Keine, Bild-ID 2200999643

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