Die polyamouröse Szene in den Kirchen im deutschsprachigen Raum hatte bis neulich ein ruhiges Jahr. Es wurde genetzwerkt und Seelsorge für die zunehmende Zahl an hauptamtlichen und hochengagierten Polys in den Kirchen geleistet. Und beim Kirchentag wurde über eine wachsende Gruppe in der Kirche informiert, die sich immer noch grösstenteils in der Anonymität verstecken muss.
Doch dann nutzt der Springer-Verlag seine Publikationen, um eine monatealte, längst abgehakte Segnung der Beziehung vierer Männer in Berlin zu skandalisieren. Er lancierte eine Schmutzkampagne gegen die Kirche und insbesondere die segnende Pfarrerin.
Dabei wird unterstellt, die evangelische Kirche würde die Polygamie einführen. Die verantwortliche Pfarrerin wird online mit Hass überzogen. Die Kirchenleitung bemüht sich öffentlich zuerst um rechtliche Klarstellung, bevor ihr erst später einfällt, sich schützend vor ihre Mitarbeiterin zu stellen.
Jetzt zieht die römisch-katholische Kirche mit dem von Papst Leo XIV. gebilligten «Una caro: Elogio della monogamia» nach: Sie nutzt eine verständliche, kirchenrechtliche Stellungnahme zur Polygamie in Afrika für eine ausladende Absage gegen Polyamorie.
Eine lehrmässige Note, die nicht an vernichtenden Worten für Polyamorie spart.
Da die Termini in dieser Debatte gerne durcheinandergeworfen werden, nochmal in aller Kürze: Polygamie bezeichnet die rechtlich institutionalisierte Vielehe, also das gleichzeitige Bestehen mehrerer Ehen einer Person. In der Schweiz ist sie rechtlich unzulässig und nach Art. 94, 105 ZGB und Art. 215 StGB strafbar. In Deutschland ist die Rechtslage vergleichbar.
Polyamorie dagegen meint mehrere einverständliche Liebesbeziehungen ohne Ehequalität. Sie ist in beiden Rechtsordnungen weder verboten noch als eigener Status anerkannt.
Bibelhermeneutik nach Gusto
Der Vatikan nimmt Anlauf bei der Polygamie. Er zeigt sich an einigen Stellen für manche überraschend offen: So wird die eheliche Sexualität als Geschenk Gottes gefeiert und ihre Gültigkeit auch ohne den Zweck der Kindeszeugung betont.
Schon die Einleitung des Schreibens aber macht keinen Hehl daraus, dass die oberste Glaubensbehörde nicht allein die Polygamie im Blick hat. Vielmehr interpretiert sie jede Konstellation von mehr als zwei Menschen als ein zeitgeistiges Phänomen menschlicher Hybris und Entgrenzung.
Methodisch werden Papstworte, Poesie und die Bibel nebeneinandergestellt. Dabei hält letztere als Steinbruch für Zitate her, die man dann als Staffage nutzt, um die bereits feststehende Meinung zu zementieren. So weit, so zeitgemäss.
Dass sich mit so einer eklektischen Bibelhermeneutik so ziemlich alles rechtfertigen lässt, ist evident. Ich werfe gerne an dieser Stelle «Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.» (Mt 18,20) ins Rennen, oder: «Einer mag überwältigt werden, aber zwei können widerstehen, und eine dreifache Schnur reisst nicht leicht entzwei.» (Koh 4,12).
Der Vatikan konstruiert sich so aus einem Büschel von assoziativen Bibelbelegen und kontextlosen Philosophien einen Strohmann, den er verbrennen kann.
Polyamorie – oder das, was der Vatikan meint, darunter verstanden zu haben – macht sich so geradezu als antichristlich aus. Die prominentesten Stellen gehen so weit, nicht-monoamouröse Beziehungen als Verirrung zu beschreiben, bei der andere «als Mittel und nicht als Personen behandelt» würden. Beteiligte würden Opfer «offener oder subtiler Gewalt, Unterdrückung, psychischem Druck, Kontrolle und schliesslich Erstickung».
Gewalt, die von Worten ausgeht
Man kann das Leben von polyamourösen Menschen kaum wirkungsvoller entwerten als mit diesen Worten: Andere als Mittel, nicht als Selbstzweck zu betrachten, unterläuft die geläufige Begründung der Menschenwürde mit Kants kategorischem Imperativ.
Ausgerechnet von der römisch-katholischen Kirche als Täter offener und subtiler Gewalt gebrandmarkt zu werden, wäre lächerlich, würde es nicht das Leben von Christ:innen gefährden.
Der Vatikan besitzt dabei noch die Chuzpe, das Papier ausgerechnet in den Kontext des Internationalen Tags zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen zu setzen und einen Bogen von Polyamorie zu Gewalt gegen Frauen zu schlagen.
Dabei ist die Studienlage erdrückend: Der gefährlichste Ort für Frauen ist immer noch das eigene Zuhause und die meisten Femizide werden von (Ehe-)Partnern oder Ex-Partnern verübt.
Polyamouröse Femizide gibt es nicht.
Auch nach ausführlicher Recherche konnte ich keine einzige der über 500 (!) Tötungen oder versuchten Tötungen in Deutschland im letzten Jahr mit einer polyamourösen Beziehung in Beziehung setzen. Auch aus der Schweiz und aus Österreich ist kein einziger Fall bekannt.
Eine ausführliche, aktuelle Studie der Universität Tübingen zeigt, dass Femizide fast immer in heterosexuellen Paar(!)beziehungen stattfinden und das Motiv in aller Regel mit dem Exklusivitätsanspruch des Mannes einhergeht.
Zielscheibe und Projektionsfläche
In den anonymen Gruppen von polyamourösen Menschen in der Kirche gehen in diesen Tagen Angst, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung um. Nachdem man die Polys in der Kirche lange ignorierte, werden sie jetzt zur Zielscheibe und zur Projektionsfläche.
Denn polyamouröse Familien ziehen Kinder in dieser Welt gross – und das unter verächtlichen Blicken. Viele polyamouröse Menschen geben Karrieren auf, weil eine Beziehung schon ein Leben füllt, mehrere aber ein Leben ausfüllen – und ja, auch manchmal überfüllen.
Gesehen wird nicht die emotionale und praktische Care-Arbeit, die Hingabe füreinander, der Wille, für seine Liebsten zu kämpfen und aufzukommen, die Polybeziehungen bedeuten. Sie sind der lebende Gegenbeweis der Behauptung, Liebe ereigne sich nur in exklusiven Zweierbeziehungen.
Imaginiert werden stattdessen lieber pornografische Orgien und unverbindliche Triebtäter:innen.
Dabei wird auch hier wieder ohne grosse Differenzierungen gearbeitet: Nicht jede polyamouröse Vereinigung ist sexuell. Nicht jedes Polykül, wie man das mehrteilige Beziehungsgeflecht unter polyamourösen Menschen meist nennt, ist promiskuitiv, also vom häufigen Wechsel sexueller Partner:innen geprägt: Es gilt eben nicht «Anything goes». Sondern: Alles sollte offen und transparent verhandelt werden.
Dabei ist Polyamorie nicht per se besser oder schlechter. Denn auch sie wird von Menschen gelebt, die Fehler machen, sich und anderen nicht gerecht werden usw. Doch wer polyamourös lebt, weiss um diese Untiefen.
Viele Menschen in Polybeziehungen holen sich deswegen Unterstützung von Beziehungsberater:innen und haben regelmässige Beziehungsgespräche zu zweit und in der Gruppe. Anders ist ein derart komplexes Beziehungssystem auch schwer über Jahre und Jahrzehnte aufrechtzuerhalten. Denn das ist es, was auch die meisten polyamourösen Menschen, die ich kenne, anstreben: verbindliche, dauerhafte Liebesbeziehungen.
Glaube ohne Nächstenliebe
Auch die Theologie wäre an dieser Stelle angefragt. Mit wenigen lobenswerten Ausnahmen wird das Thema immer noch mit der Kneifzange angerührt und vornehmlich rechtskonservativen Christ:innen überlassen.
Dabei haben Theolog:innen wie Marcella Althaus-Reid bereits wichtige Vorarbeiten geleistet und auf theologische Widersprüche im mononormativen Eheverständnis hingewiesen.
Trotz der vielbeschworenen Empathie und des vermeintlichen Interesses, die die Kirchen gerne wie eine Monstranz vor sich hertragen, habe ich nicht das Gefühl, dass man auch nur eine Meile mit polyamourösen Menschen geht – geschweige denn die zweite, die Jesus ihr verordnet. Sondern dass man sie lieber mit ausreichend Abstand und in Abwesenheit verurteilt.
Und der Gewinn? Hat die Kirche wenigstens etwas davon, polyamouröses Zusammenleben abzuwerten? Ich wage es zu bezweifeln. Wer tritt in die Kirche ein, weil die Kirche endlich mal klare Kante gegen einvernehmliche Liebesbeziehungen zeigt?
Chance für einen Richtungswechsel
Man ist gerade noch dabei, sich für jahrzehntelange Diskriminierung und Stimmungsmache gegen Homosexuelle zu entschuldigen – dafür, dass man ihre Liebe nicht ernst genommen und ihre Leben mit schlechter Exegese verdammt hat –, da hat man schon die nächste queere Gruppe im Visier.
Polyamorie wäre dabei ein Sujet, bei dem Kirchen zeigen könnten, dass sie von ihrer queerfeindlichen Vergangenheit gelernt haben und segensvolle Antworten auf die Lebenswelt ihrer Zeit vorhalten.
Kirchen können nicht immer beschwören, zeitgemäss sein zu wollen, und sich dann hinter einem Familienbild des 19. Jh. verbarrikadieren.
Der Diskurs kann, positiv gewendet, also auch eine Chance bedeuten: Wollen Kirchen endlich alle Menschen in ihren Lebens- und Liebesweisen begleiten, wie sie gerne beanspruchen, oder fallen sie hinter ihrem eigenen Anspruch zurück? Ich lasse mich gerne positiv überraschen!
Für die Belange polyamouröser Menschen im deutschsprachigen Raum setzt sich der Verein NepoMuK ein.
«Karte & Gebiet» meets «Liebesäpfel»: Sexpositivity und christliche Ethik (Live-Podcast vom RefLab-Festival)
«Monogamie, ein Auslaufmodell?» Video/Artikel von Evelyne Baumberger




4 Gedanken zu „Polyamorie – wo zwei oder drei…“
Vielen Dank für diesen wichtigen Beitrag. Beim Lesen musste ich sofort an ein historisches Beispiel denken: Karl Barth lebte mit Charlotte von Kirschbaum und seiner Ehefrau Nelly Barth über Jahrzehnte hinweg in einer polyamoren Konstellation. Dennoch – und wenig überraschend – verteidigte Barth in KD III/4, S. 228 das Ideal der Monogamie zwischen Mann und Frau als ausschließliche, gottgewollte Lebensform. Besonders schmerzlich für Charlotte war seine Formulierung von der Ehe als Verbindung „zweier – und nur dieser zwei – Menschen“: Obwohl sie seit 1929 mit Karl und Nelly in Münster, Bonn und Basel im gemeinsamen Haushalt lebte, blieb sie offiziell stets die „Dritte“.
Barth scheiterte letztlich an seiner Angst vor der Reaktion der Kirche, hätte er öffentlich zu dem gestanden, was sich für ihn richtig anfühlte. Seine Mutter brachte das 1933 in einem Brief auf den Punkt: „Was nützt die allerstrengste Theologie, wenn sie im eigenen Haus Schiffbruch erleidet?“
Die Leiden und Verletzungen, die alle drei – Charlotte, Nelly und Karl – durchlebten, werden meist als Beleg dafür gesehen, dass diese Lebensform schädlich war. Dass dieses Zusammenleben vielleicht weniger leidvoll hätte verlaufen können, wenn es nicht kirchlicherseits so massiv verurteilt worden wäre, bleibt in der Theologiegeschichte bis heute weitgehend unerörtert.
Danke für die wichtige Ergänzung. Ich musste beim Schreiben auch an die drei denken.
Auch der wirklich schön differenzierte Abschnitt in der Ethik von Dietz/Faix nimmt Statistiken auf, nach denen Menschen in polyamourösen Beziehungen weniger zufrieden sind als Menschen in monogamen Konstellationen, ohne zu reflektieren, dass das wenig verwundern sollte, wenn man in einer geächteten Beziehungsform lebt; mit all den offenen und systemischen Diskriminierungen, die man dadurch erfährt.
Danke vielmals für die klare Kante gegen ebendiese!
Wer hat den Mut, in der Kirche endlich damit aufzuhören, die Liebe beschränken zu wollen?
Entweder ist Gott Liebe und Liebe Gott oder nicht. Alles andere ist eigentlich Blasphemie!
Ich würd mich grad anbieten für eine Segnungsfeier in der schönsten Kirche am Vierwaldstättersee
Vielen lieben Dank für diesen lieben Kommentar. Und für das tolle Angebot. Vielleicht komme ich darauf zurück.
Ganz herzliche Grüsse