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Lesedauer: 5 Minuten

Monogamie, ein Auslaufmodell?

«Mir ist das langsam alles zu viel mit ‚trans‘, ‚queer‘, ‚poly‘ und so weiter», hörte ich kürzlich in meinem Bekanntenkreis. Tatsächlich kommen im Moment, auch im Zuge der politischen Debatte um die «Ehe für alle» dieses Jahr, viele Themen rund um sexuelle Identität, Gender und alternative Beziehungsformen (die nicht per se miteinander zu tun haben) auf den Tisch.

Dabei werden Normen und Traditionen hinterfragt. Auch ich fühlte mich davon leicht provoziert, als ich kürzlich das Buch «Radikale Zärtlichkeit» von Şeyda Kurt zu lesen begann: Die junge deutsche Autorin zerpflückt traditionelle Beziehungsmodelle, indem sie ihre Geschichte aufzeigt – und die Einschränkungen, die sie gerade für Frauen und gesellschaftliche Minderheiten bedeuteten. Denn häufig stammen Normen unter den Schlagworten «Ehe», «Liebe» oder «Romantik» aus einem patriarchalen Weltbild und damit zusammenhängenden Beziehungsmodellen. Das äussert sich etwa in Songzeilen wie «You are mine». Man kann heute fast nicht anders, als hellhörig werden – geht es hier um Liebe oder um Besitzanspruch? Oder: Warum ist es so ungewöhnlich, wenn ein Mann bei der Heirat den Nachnamen seiner Frau annimmt?

Und was schwingt mit, wenn bei einer Trauung der Vater die Braut ihrem Mann «übergibt»? (Übrigens ein Hollywoodritual, keine alte Tradition!)

Liegt in manchem von dem, was wir «romantisch» finden, nicht eigentlich Dominanz, Abhängigkeit oder sogar versteckte Gewalt? In den letzten Jahren gab es dazu einige Debatten, etwa um den Song «079», bei dem die Suche eines Mannes nach einer flüchtigen Bekanntschaft mit Stalking in Verbindung gebracht wurde. Oder um eine Netflix-Serie, in der ein Mann eine Frau kidnappt, gefangen hält und vergewaltigt, bis sie sich in ihn «verliebt».

Doch ist es nicht gut, wird das hinterfragt und suchen wir heute nach Liebesbeziehungen, bei denen die Partner:innen gleichberechtigt und frei sind, und die fair und ohne Erpressung, Macht oder Dominanz auskommen? Je nach eigener Position ist diese Auflösung von Normen eine Befreiung und ein heilsamer Tabubruch – oder aber der schmerzhafte Abschied von ungerechtfertigten Privilegien.

Als der Ehemann auch der «Besitzer» war

Manche argumentieren in Fragen um die Ehe mit der Bibel. Der Bund Gottes mit den Menschen wird als Paradigma für die Ehe gesehen, so etwa in der Auslegung des Hohelieds. Innerbiblisch kommt dieser Vergleich schon bei Hosea vor, wo das kultisch «untreue» Volk mit einer untreuen Ehefrau verglichen wird, oder später bei Paulus (Epheser 5), der Ehemänner anweist, sich in der Liebe zu ihrer Frau nach dem Massstab der Liebe Jesu zu den Menschen zu richten.

Doch kann ein solcher Bund, bei dem die Partner:innen nicht auf Augenhöhe sind, wirklich als Vorbild für heutige, gleichberechtigte Beziehungen dienen? So bedeutet das hebräische Wort für «Ehemann» eigentlich «Besitzer» oder «Herr», und das Verb, das wir als «heiraten» deuten, ist «sich nehmen». Also: «Er nahm sich XY zur Frau.» (Oder auch X und Y, denn viele Männer im AT hatten mehrere Frauen und Nebenfrauen – was auch immer das heisst.)

Ehen waren eine Art Handel, es gab Brautpreis und Mitgift, es ging um Familien-, Stammes- oder Staatspolitik. Ein Ehevertrag bedeutete aber für die Frau auch existenzielle Sicherheit, denn sie war in der damaligen Gesellschaft schwächer gestellt.

Die Stimme von Frauen dazu kommt nur an wenigen Stellen zum Vorschein. Etwa im Hohelied, wo es heisst: «Ich gehöre meinem Geliebten, und mein Geliebter gehört mir» Obwohl auch hier die Semantik von Besitz verwendet wird, wird hier deutlich, dass Liebe sich verschenkt – und nicht genommen wird. Dass die sexuellen Handlungen, die angedeutet werden, auf Konsens beruhen.

Beziehungen neu aushandeln

Nicht nur die Bibel sieht in heterosexuellen Beziehungen einen Machtüberschuss des männlichen Partners vor. Der griechische Philosoph Plutarch etwa, der zur gleichen Zeit wie Paulus lebte, gibt in einem Brief einem jungen Paar Ehetipps. Dabei ist für ihn undenkbar, dass beide Partner:innen auf Augenhöhe sind. Sondern die Frau soll sich demütig dem Mann anpassen und nachsichtig sein mit seinen Launen und Fehltritten. «Wenn sie [die Frauen] sich den Männern unterordnen, ernten sie Lob; wollen sie die Herren sein, so erscheinen sie noch unziemlicher als die Männer, die sich beherrschen lassen.» Ähnlich wie Paulus stellt sich Plutarch aber für den dominanten Partner kein Befehlen «wie der Herr dem Vieh» vor, «sondern wie die Seele dem Körper, nämlich mitempfindend und mitwachsend in Zuneigung.»

Die antiken Vorstellungen von Ehe und Beziehung zogen sich bis ins 20. und 21. Jahrhundert. So ist (in der Schweiz) Vergewaltigung in der Ehe erst seit 1992 strafbar und wird erst seit 2004 offiziell geahndet. Gleichzeitig stiegen die Erwartungen an eine Paarbeziehungen ins Unrealistische an: Der Partner, die Partnerin soll Seelenverwandte:r, Liebhaber, beste:r Freund:in, Co-Elternteil, Business Advisor, Sportpartner:in etc. in einem sein.

Worum geht es uns in Beziehungen eigentlich? Es ist gut, dass das immer wieder neu gefragt wird.

Monogamie wird der Standard bleiben, denn faire polyamore Beziehungen erfordern ein Vielfaches an Kommunikation und Klärung von Bedürfnissen und Grenzen. Und dennoch sind die Diskussionen um queere und poly Beziehungen nicht nur gut, um die Akzeptanz von nicht-heteronormativen Beziehungsformen zu fördern. Genau dieses Aushandeln, wie eine Beziehung fair und auf Augenhöhe geführt werden kann, sollte auch in monogamen Beziehungen stattfinden. Zu diesem Schluss kommt auch Şeyda Kurt in ihrem Buch, was mich wieder damit versöhnte und den Abschied von gewissen «romantischen» Vorstellungen mehr als wettmachte.

Was bedeutet uns «Treue»? Was meinen wir, wenn wir einander ein Versprechen geben und heiraten? Wie können wir in Zukunft füreinander sorgen, ohne dass ungute Machtverhältnisse entstehen? Wenn Fragen wie diese thematisiert werden anstatt Normen einfach als gegeben anzunehmen, führt dies zu mehr Gerechtigkeit. Und damit zu echteren, liebevolleren Beziehungen.

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5 Kommentare zu „Monogamie, ein Auslaufmodell?“

  1. Unser Schöpfer, also Gott, hat die Ehe ins Leben berufen. Aus diesem Grund schuf er auch Mann und Frau. Für mich ist die Ehe aus dieser Perspektive klar zwischen Mann und Frau. Die heutige Zeit will uns vieles „schmackhaft“ machen, doch wie heisst es so schön: Ihr seid zwar in der Welt, aber nich von der Welt. Vergleiche aus dem alten AT kann man machen, wir leben jedoch im neuen Bund und da sieht doch einiges „besser“ aus.

  2. Aus meiner Sicht kann ich meinem Partner oder meiner Partnerin erst echt treu sein, wenn mein tiefstes Bedürfnis nach Intimität, Nähe, heiligen Momenten und achtsamer Erotik wirklich gelebt und befriedigt wird.

    Treue beschränkt sich ja nicht auf die Sexualität. Wenn ich zwar sexuell treu bin, jedoch keinerlei Intimität mehr erlebe ist niemandem gedient. Jedoch bin ich überzeugt, dass das Kontingent an Liebe keinerlei Beschränkungen unterliegt, und meine Beziehung nicht darunter zu leiden braucht, wenn diese nicht auf eine Person beschränkt bleibt. Das muss kein Widerspruch zur Treue sein.

    Problematisch wird das aus meiner Sicht erst, wenn das Ganze verheimlicht werden muss!

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