Die Ostsee und ich
Ich stehe in den Wogen der Ostsee. Das kühle Wasser klatscht an meinen Bauch. Jedes Meer hat seinen eigenen Charakter. Müsste ich die Ostsee beschreiben, dann wäre sie eine reife Dame – vom Leben gezeichnet, rau im Ton, aber mit einem weichen, warmen Herzen.
Die raue See, der Wind und zugleich die Vertrautheit, die sie ausstrahlt – all das zeichnet sie aus.
Bevor ich ins Wasser stieg, plagten mich Sorgen und Ängste: Zukünftiges, Vergangenes, Mögliches. Das meiste, was wir befürchten, tritt nachweislich nie ein – und trotzdem drehen sich meine Gedanken oft im Kreis. An diesem Tag wollte ich damit aufhören. Ich beschloss, ins Wasser zu gehen, obwohl es kalt war. Und ich machte eine Erfahrung, die mich bis heute begleitet:
Das Wasser reinigt mich von meiner Angst. Es befreit mich von meinen Sorgen.
Vielleicht ist das der tiefere Sinn der Taufe: nicht nur ein religiöses Ritual, sondern ein sinnlich spürbares Eintauchen in das, was grösser ist als ich. Ein Sich-Überlassen, ein Vertrauen darauf, dass ich getragen werde – auch dort, wo ich keinen Boden mehr spüre.
Anthropo-dezentriert
Ich stehe im Meer und mein Blick weitet sich bis zum Horizont. Ich schaue nicht mehr nur nach unten und kreise um mich selbst, sondern blicke in die Weite. Das verändert etwas in mir – buchstäblich meinen Horizont. Ich erkenne: Ich bin nicht der Nabel der Welt.
Das Meer erinnert mich daran, dass ich Teil bin – nicht Mittelpunkt.
In der Philosophie nennt man das Anthropo-Dezentrierung: Der Mensch (griech. anthropos) wird aus dem Zentrum genommen (de-zentriert). Das klingt bedrohlich – und ist doch so befreiend. Ich muss nicht alles verstehen, nicht alles kontrollieren, nicht alles halten. Ich darf mich einfügen in etwas Grösseres, das mich trägt.
Der Tropfen und das Ganze
Nach einer Weile im Wasser fühle ich mich nicht mehr wie das Ganze, sondern wie ein kleiner Tropfen im grossen Ganzen. Ich werde eins mit dem Wasser. Grenzen verschwimmen, ohne sich ganz aufzulösen. Ich bin Teil dieser Welt – nicht getrennt, sondern verbunden.
Vielleicht ist Spiritualität nichts anderes, als zu lernen, Tropfen zu sein.
Und plötzlich kommt mir ein Gedanke: Was ist, wenn es mit dem Tod genauso ist? Wenn wir Teil eines grossen Urmeeres werden, das alles mit allem verbindet? Ich erinnere mich an die östlichen Bilder: Der Tropfen kehrt ins Meer zurück. Wir lösen uns auf – und werden Teil des universalen Bewusstseins.
Liebe und Differenz
Aber so ganz zustimmen kann ich da noch nicht. Nicht nur wegen meinem Ego, das sich immer ins Zentrum drängen will, sondern wegen der Liebe. Liebe setzt Differenz voraus, nicht Auflösung. Nur wenn ich ein Ich bleibe und du ein Du, kann es zwischen uns Liebe geben. Das ist der entscheidende Punkt, an dem Martin Buber die Mystik kritisiert: Er befürchtet die Auflösung des Du und damit die Vernichtung jeder Beziehung.
Doch dann entdecke ich ein Zitat des Jesuiten Teilhard de Chardin, das beides zusammenbringt:
In einem zur Ruhe gekommenen Ozean, von dem aber jeder einzelne Tropfen das Bewusstsein haben wird, er selbst zu bleiben, wird das ausserordentliche Abenteuer der Welt beendet sein.
Jeder Tropfen bleibt er selbst, und doch wird er Teil des grossen Ganzen. Das Einzelne und das Ganze gehören zusammen – ungetrennt und unvermischt. In dieser Ruhe verbindet sich beides: Das Gespür für das grosse Ganze, dessen Teil ich bin. Und das Gespür der Beziehungshaftigkeit dieser Welt, die bleibende Differenz voraussetzt.
Während ich im Wasser liege, spüre ich, dass das wahr ist. Es gibt dieses grosse Ganze, das manche Gott nennen – und von dem wir alle ein Teil sind, ohne uns dabei je ganz aufzulösen.
Martin Thoms ist ein Theologe, Autor und Dozent aus Bochum. Er bietet überdies Seelsorge, Coaching und Online-Kurse zu Gott & Glaube an, z. B. ab 13. Januar 2026 «Brennpunkte des Glaubens», ein 10-Wochen-Onlinekurs zu grossen religiössen Streitfragen. Mehr dazu auf seiner Homepage.
Bei RefLab erschien bei ihm eine Beitragsserie zu Alltagsmystik.








3 Gedanken zu „Ein Tropfen im grossen Ganzen“
Ich habe das Ego mit einer Eisscholle verglichen: https://manfredreichelt.wordpress.com/2023/01/23/ich-bin-eine-eisscholle/
Das “große Ganze” ist ja nicht einfach so da. Das große Ganze ist die Verbindung/Verbundenheit der einzelnen Tropfen. Ohne einzelne Tropfen gäbe es das große Ganze nicht und auch nicht, wenn diese nicht verbunden wären.
Mit Wasser, Wellen und dem Meer kann die absolute Wahrheit einfach erklärt werden. Genial!
Oder wie Heraklit meint „Aus allem Eins und aus Einem Alles“ – Wunderbar 😉