Humor ist für mich eine der elegantesten Methoden, das eigene Ego zu entwaffnen. Er ist wie eine kleine interne Achterbahn, die mich auf eine höhere, freundlichere Perspektive hinaufbefördert, sobald das Leben mir wieder einmal eine Herausforderung schickt.
Humor schafft Distanz, löst Spannung – und manchmal, wenn es gut läuft, auch ein bisschen Erkenntnis. Zudem wirkt er wie eine Medizin, denn Lachen tut gut (lese dazu das süffig zu lesende Buch: «Trotzdem lachen: Eine kurze Philosophie des Humors» von Yves Bossart).
Humor ist eine Eigenschaft, eine Haltung zum Leben, um gelassener mit den Unzulänglichkeiten umzugehen. Satire ist hingegen spöttischer Widerstand, eine spezifische Gattung des Humors.
Bei der Satire werden Zustände angeprangert, nach oben getreten, insbesondere um die eigene Würde beizubehalten.
Die Satire ist ein politischer Akt, der auch in der dunkelsten Zeit für ein bisschen Licht sorgt. Ich empfehle die Dokumentation «Humor unterm Hakenkreuz» weiter, die mir erst kürzlich gezeigt bzw. weiterempfohlen wurde. Im Dritten Reich wurde sehr wohl über den Führer gelacht. Die politischen Witze der Hitlerjahre waren ein Barometer der wahren Volksmeinung. Doch wer es wagte, regimekritische Scherze zu machen, lebte gefährlich.
Ein Dorn im Auge
Im biografischen Bericht «Trotzdem Ja zum Leben sagen» des Psychologen Viktor E. Frankl, der während der Nazizeit verschiedene Konzentrationslager überlebt hat und ein herzzerreissendes Zeugnis hinterlassen hat (siehe weiterführende Literatur am Ende des Beitrags), schreibt er:
«Ist es schon erstaunlich genug für den Aussenstehenden, daß es im Konzentrationslager so etwas wie Natur- oder Kunsterleben gibt, so mag es noch erstaunlicher klingen, wenn ich sage, daß es dort auch Humor gibt. Freilich: wiederum nur in Ansätzen, und wenn, dann natürlich nur für Sekunden oder Minuten. Auch der Humor ist eine Waffe der Seele im Kampf um ihre Selbsterhaltung. Ist es doch bekannt, daß der Humor wie kaum sonst etwas im menschlichen Dasein geeignet ist, Distanz zu schaffen und sich über die Situation zu stellen, wenn auch nur, wie gesagt, für Sekunden.» («Trotzdem Ja zum Leben sagen», S. 71.)
Dass Satire den Mächtigen ein Dorn im Auge sein kann, erleben wir auch in jüngsten Zeiten. «Jimmy Kimmel live», eine der grössten Late-Night-Shows in den USA, wurde zeitweise abgesetzt. In der angeprangerten Sendung sagte Kimmel wörtlich:
«Wir sahen einen Tiefpunkt mit der MAGA-Gang, die versucht, den Jungen, der Charlie Kirk ermordete, nicht als einen von ihnen darzustellen, und alles tut, um das politisch auszunutzen.»
Ausserdem machte sich Kimmel über Trumps (fragliche) Trauerbewältigung lustig. Das war wahrscheinlich zu viel.
Was haben Katzen mit Faschismusbekämpfung zu tun?
Nun, um den Bogen nicht zu überspannen und irgendwie mit einem Katzensprung den Übergang elegant zu schaffen:
Kürzlich ist die deutsche Übersetzung des Büchleins «Von Katzen lernen, den Faschismus zu überstehen» erschienen, geschrieben vom kanadischen Komiker Stewart Reynolds.
Ich habe eine ambivalente Beziehung mit unserem Kater Peppino. Wobei, wieso schreibe ich hier «unserem»? Der wohl faulste Vertreter seiner Art, eine pelzige Aristokratie auf vier Pfoten, die fest davon ausgeht, dass ich in diese Welt gesetzt wurde, um ihm die Tür zu öffnen, nach draussen zu begleiten und Futter zu servieren.
Das Buch von Stewart Reynolds zeigt auf bissige, prägnante und satirische Weise auf, dass Katzen keine harmlosen Schosstiere sind. Sie sind lautlose Strateginnen, Meisterinnen der Tarnung, Virtuosinnen der kontrollierten Überraschung.
Seit Jahrhunderten perfektionieren sie die Kunst des Überlebens – und selten war ihr Können so vorbildhaft wie heute. Denn während der Faschismus wieder schleichend seine Krallen ausfährt, braucht Widerstand mehr Wachheit, Schnelligkeit und die Bereitschaft zum eleganten Gegensprung.
Dieses Buch entfaltet katzeninspirierte, subversive Strategien, die zeigen, wie man Autorität unterläuft, wie man Macht entwaffnet und Starrheit mit Beweglichkeit besiegt. Wir gehen nun auf Katzenpfoten weiter und schnurrend durch zehn Kapitel hindurch (mit Erlaubnis unserer Katze).
1. Bleib wendig und unberechenbar
Faschisten mögen Ordnung, Vorhersehbarkeit und starre Strukturen. Peppino hingegen wechselt seinen Aufenthaltsort im 30-Minuten-Takt: Sofa, Bett, Teppich, Schachtel, Küche, Balkon.
Niemand weiss, warum. Er vermutlich auch nicht. Und genau darin liegt seine Stärke: Wer sich selbst nicht berechnen kann, verwirrt erst recht den Gegner.
2. Verzichte nie auf Nickerchen
Während autoritäre Systeme von hektischer Betriebsamkeit leben, liegt Peppino ausgestreckt wie ein von Gott selbst gegossenes Denkmal der Langeweile.
In seinem Leben gibt es zwei Phasen:
- vor dem Nickerchen,
- nach dem Nickerchen.
Und beide enden in Hunger.
3. Schmeiss Dinge runter – aber mit Bedeutung
Katzen fegen keine Objekte vom Tisch, weil sie gelangweilt sind. Sie tun es, um ihre Umwelt daran zu erinnern, dass Kontrolle eine Illusion ist. Eine Tasse, eine Vase, ein Schlüsselbund – und zack, das System wankt.
Peppino ist in diesem Bereich atypisch. Am liebsten berührt er mit Pfoten und Hintern nur Bett und Sofa.
4. Weigere dich, ein Halsband zu tragen
Ein Halsband wäre für Peppino ungefähr so akzeptabel wie eine Steuererklärung für einen Dreijährigen. Es symbolisiert: Ordnung, Kontrolle, Verantwortung. Drei Dinge, die für ihn lediglich Gerüchte sind.
5. Meistere die Kunst des Verschwindens
Katzen tauchen ab, wenn man sie braucht. Peppino verschwindet, wenn der Staubsauger brummt oder wenn ich ihm erklären möchte, dass Trockenfutter anbeten keine Religion ist. Er ist in diesen Momenten nicht fort – er ist eine pelzig-revolutionäre Idee geworden.
6. Fordere mit Nachdruck dein Futter ein
Peppino kennt Hunger nicht als Zustand, sondern als Weltanschauung. Er trägt sie mit der Vehemenz einer politischen Bewegung vor: jede Stunde, auf die Minute.
Warum warten, wenn man schreien kann? Warum freundlich fragen, wenn man Forderungen stellen kann?
7. Nutze deine Niedlichkeit strategisch
Die Mächtigen haben keine Chance gegen grosse Augen und ein leicht geneigtes Köpfchen. Katzen wissen das.
Peppino sowieso. Er hat schon ZOOM-Calls, Telefonate und kritische Denkprozesse sabotiert – allein durch die Entscheidung, beispielsweise auf meinem Bauch Platz zu nehmen und mich mit einer Mischung aus Überheblichkeit und Unschuld anzuschauen.
8. Mach dir fremde Räume zu eigen
Autoritäre Systeme lieben Inszenierung. Peppino liebt Kartons. Oder leere Koffer. Er setzt sich einfach hin und sagt: «Ab jetzt gehört das mir.» Und erstaunlicherweise – gehorcht man.
9. Halte deine Krallen scharf
Faschismus mag Harmonie, Katzen mögen Krallen. Peppino benötigt seine selten – aber das Wissen, dass er sie hat, gibt ihm die elegante Arroganz eines Tieres, das grundsätzlich im Vorteil ist.
Eine Erinnerung: Milde ist eine Entscheidung, kein Mangel an Möglichkeiten.
10. Vergiss nicht, dass du der Boss bist
Katzen stellen nie die Frage nach Selbstwert oder Berechtigung. Sie sind einfach. Und sie erwarten, dass der Rest der Welt das auch so sieht. Peppino betrachtet mich jeden Morgen, als wäre ich der Diener in seinem Lebensprojekt.
Fazit
Was Katzen können, ist im Kern ein Lehrstück in Würde, Widerstand, Flexibilität und Selbstbehauptung:
Sie erinnern uns daran, dass Freiheit oft im Kleinen beginnt: im eigenen Körper, im eigenen Raum, in der eigenen Haltung.
Dass ich all das von Peppino lernen soll, macht die Sache nur ironischer: Er lernt nichts von dem, was wir Menschen uns mühsam antrainieren müssen – er ist es einfach. Vielleicht ist das seine grösste Stärke.
Politisch bedeutet das für mich:
Faschisten aller Welt! Ihr könnt die Calibri-Schrift streichen, den Ostflügel des Weissen Hauses niederreissen, Boote attackieren, Menschen vertreiben, euch bereichern, Menschenrechte mit Füssen treten, verbal zuschlagen, diskriminieren und diffamieren; ihr könnt Bücher verbieten, Akten schwärzen, Stimmen zum Schweigen bringen, Pressefreiheit einschränken, Kulturen entwerten, Minderheiten bedrohen und Angst säen – doch unsere Ideale und Überzeugungen bleiben stark und unverändert. Wir schärfen unsere Krallen und beugen uns nicht!
Und vielleicht genau deshalb hat der Faschismus gegen Katzen – und ihre Menschen – am Ende wirklich keine Chance.
Illustration vom Künstler Pascal Tautschnig.
Weiterführende Literatur:
- «Von Katzen lernen, den Faschismus zu überstehen», Stewart Reynolds.
- «Trotzdem Ja zum Leben sagen», Viktor E. Frankl
- «Trotzdem lachen: Eine kurze Philosophie des Humors», Yves Bossart.








1 Gedanke zu „Mit Krallen gegen den Faschismus“
War schön zu lesen. Ich hoffe nun auf eine überwältigende Mehrheit siegreicher antifaschistischer (Katzen)Menschen. 🙂